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Tango, Fleisch und ganz viel Sonne

Malti, Argentinien, 2010/11,

Tango, Fleisch und ganz viel Sonne

Das war es, woran ich diesen Morgen dachte, als ich auf meinem gewohnten Weg zur Schule durch Hamburgs Straßen lief. Beim Gedanken an sehr viel Sonne wurde mir gleich viel wärmer ums Herz, denn die zwei Monate Schnee hatte ich endgültig satt. Schon morgen würde ich das erleben dürfen. Denn es war der Tag, an dem mein Leben einen neuen Weg nehmen sollte: auf in das Abenteuer Argentinien.

Das ist nun zwanzig Wochen her. Seitdem habe ich mehr als nur diese drei Sachen über das Land in Südamerika gelernt. Für mich ist Argentinien (m)eine Heimat geworden. Ein Leben mit Pferdekutschen auf der Straße, Motorrädern, die mit bis zu fünf Personen „bepackt“ sind und lauter freilaufenden Hunden. Ein Leben, das fast schon nicht mehr wegzudenken ist. Mittlerweile hat sich für mich eine Art Alltag eingestellt. Wenn man das so bezeichnen kann. Denn jeden Tag gibt es so viel Neues zu entdecken und zu erleben, dass kein Tag gleich ist. Das ist es, was ich so sehr liebe. Das macht das Leben hier so aufregend.

Mein Leben in meiner neuen Heimat

AFS-Austauschschülerin Malti mit ihren Freunden an einer Schule in Argentinien

Die Unterschiede beginnen schon mit dem Aufstehen. Nicht die gewohnte Jeans und drei Pullover müssen her, sondern ein karierter Faltenrock, das weiße Hemd, blaue Kniestrümpfe und zum Schluss die Krawatte: meine Schuluniform. Sie hat mindestens einen Vorteil: man spart morgens zehn Minuten beim Anziehen. Das tägliche Daumenrausstrecken für den Bus sowie die zehn bis 20 Minuten, die ich dann immer warten muss, sind Routine geworden. Denn wir sind in Argentinien, wo WARTEN zu den obersten Geboten zählt. So kann auch in der Bank die Schlange schon mal bis zu 400 Meter lang sein. Wenn endlich jeder in der Schule angekommen ist, wird die Nationalhymne gesungen und die Flagge gehisst. Das erste Mal habe ich mich ein bisschen fehl am Platz gefühlt, als alle laut losschmetterten. Doch hier gehört es dazu und man gewöhnt sich schnell daran, wie an so Vieles.

Schüler in Argentinien

In der Schule werde ich erst einmal von allen Lehrern, der Direktorin und von meiner ganzen Schule mit Küsschen auf die Backe begrüßt. Dass ich von der Hälfte immer noch nicht den Namen weiß, macht überhaupt nichts. Alle empfangen mich so herzlich und es spielt keine Rolle. Das ist wohl auch das Besondere an Argentinien. Oft wurde mir die Frage gestellt, was ich an diesem Land am Liebsten mag. Die Antwort lautet stets: die Menschen. Noch nie habe ich so offene, warmherzige, interessierte und hilfsbereite Leute getroffen. Ich hoffe, etwas von ihrem Charakter mitnehmen zu können. Oder ist das schon geschehen?

Alles ist jetzt so vertraut

In den ersten Tagen war alles neu. Ich ging durch die Strassen wie eine Ausländerin. Ich fand es komisch, dass alle mich „Tochter“ nannten, die Jungs hinter mir herpfiffen und man mich ständig fragte, wie es mir wohl ginge, ohne jedoch eine Antwort zu erwarten. Aber wenn ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass ich das selbst schon mache. Das Fragen, nicht das Pfeifen natürlich.

Was ich außerdem in diesen fünf Monaten bemerkt habe, ist, dass ich die „Gabe“ bekommen habe, mich schon über die kleinsten Sachen und Fortschritte zu freuen. Als ich zum Beispiel meinen ersten Satz auf Spanisch in der Schule sagen konnte, applaudierte mir die ganze Klasse. Ob es richtig war, weiß ich bis heute nicht. Aber das ist auch egal. Es zählen eben diese kleinen Dinge.

Auch in Sachen Hobbys ist Argentinien spitze. Mich hat schon immer das Beherrschen eines wundervollen Tanzes mit dem Namen Tango interessiert. Und wo kann man das wohl besser lernen als in Argentinien selbst? Überhaupt: Tanzen und Musik sind für jung und alt sehr wichtig. Man läuft durch die Straßen und immer ist Musik da. Woher sie kommt ist nicht immer klar, aber sie ist da. Ob Salsa, Folklore oder Reggeton. Musik begleitet einen immer und überall.

Spanisch war das kleinste Problem

Als ich drei Wochen vor Abflug immer noch kein Wort Spanisch konnte, hat mir so mancher Angst gemacht. Aber als ich in Argentinien ankam, war die Sprache für mich definitiv das kleinste Problem. Klar gab es auch lustige Missverständnisse. Zum Beispiel, wenn jemand zu mir sagte: „Bring mir mal den Fisch“ und ich dann mit Schuhen ankam. Die beiden Wörter „Fisch“ und „Schuh“ sind einfach sehr ähnlich im Spanischen. Natürlich konnte meine Familie vor Lachen kaum noch atmen. Aber das gehört dazu.

Viel schwerer sind die Zeiten, in denen ich alleine bin. In diesen Momenten hat man zu viel Zeit an Deutschland zu denken. Mir hilft es dann immer wieder spontan etwas zu unternehmen. Immerhin sind wir in Argentinien. Also Spontaneität pur! An einem Samstagmorgen, zum Beispiel, verkündete meine Schwester nach dem Frühstück, dass wir heute Schnee sehen würden und uns dafür auf eine dreistündige Autofahrt begeben sollten. Ich war noch im Halbschlaf und keiner hatte eine Idee, wohin es gehen solle. Aber den Schnee haben wir dann doch gesehen.

Gastschülerin Malti mit ihrer Gastfamilie in Argentinien

Zum Schluss noch ein Rat. Das Wichtigste ist: Genießt dieses Jahr und nutzt jede Minute in eurer neuen Heimat! Denn ihr werdet merken, dass die Zeit in diesem Jahr sehr schnell verstreicht.