Meine ersten Eindrücke von Thailand waren oft eine Bestätigung dessen, was ich gehört und gelesen hatte. Trotzdem unterscheidet sich Thailand kulturell so stark von Deutschland und anderen westlichen Kulturen, dass ich in den ersten Monaten öfters Überraschungen erlebt habe. Bei meinem ersten Abendessen fragte mich die Lehrerin, die mir die Gastfamilie gesucht hat, ob ich Lust hätte gleich am nächsten Tag mit auf einen Field Trip ihres „English for Tourism“ Kurses zu kommen.
Ziel waren die berühmten Tempel in Bangkoks Altstadt. Natürlich bin ich mitgekommen, den Jetlag konnte ich auch später noch bekämpfen. Am Wochenende, zwei Tage später, ging es dann die Verwandtschaft besuchen, in Uthai Thani, einer sehr ländlichen Provinz etwa 2,5 Stunden nördlich von Bangkok. Mein Gastonkel ist Reisbauer, und so wurde ich in den ersten Tagen hier mit so vielen Eindrücken überschwemmt, dass ich vieles gleich wieder vergaß. Als ich zum Beispiel einige der großen Tempel wieder besucht habe, konnte ich mich an vieles schon nicht mehr erinnern.
Zu Beginn waren für mich viele Dinge neu und fremd, gerade weil ich durch Reisen oder Austausch vorher nur westliche Länder gesehen hatte. Thailand ist ein Land der Gegensätze: Zwischen den Studenten und Managern in Bangkok und den Reisbauern des Nordostens; zwischen günstigem aber gutem Essen von der Garküche an der Straße und dem Nobelrestaurant in Bangkok. Doch das ist für mich inzwischen normal geworden. Genauso wie vieles andere. Zum Beispiel, dass ich mit meinen 190 cm größer bin als fast alle Thais und ständig darauf angesprochen werde.
Für die kulturellen „Überraschungen“, habe ich einige Beispiele. Die Gesellschaft in Thailand ist stark von Hierarchie geprägt, Ältere bekommen Respekt von Jüngeren, Lehrer von ihren Schülern und der König und seine Familie von allen, außer von den Mönchen, den der König selber noch Respekt bezeugt. Nach der sozialen Stellung bestimmt sich auch die Art des traditionellen Grußes, dem Wai. Dafür legt man die Handflächen zusammen, führt sie vors Gesicht und verneigt sich leicht. Je höher die angesprochene Person, desto höher die Handflächen und desto tiefer die Verneigung. Die gleiche Geste kann man auch benutzen, um sich zu bedanken. Aus Gründen der Hierarchie sollten sozial tiefer Gestellte sich nicht bewusst höher befinden als jemand höheres. Geht man zum Beispiel an sitzenden Personen vorbei, beugt man sich etwas, um sich nicht höher zu stellen. Ganz deutlich wurde mir das, als ich einmal aus dem Bus ausgestiegen bin. Normalerweise muss ich dann über eine Fußgängerbrücke gehen, die sowohl über die Eisenbahngleise neben der Straße als auch auf die andere Straßenseite führt. An diesem Tag war die Straße in die andere Richtung jedoch gerade gesperrt, weil ein Mitglied der Königsfamilie dort entlang fuhr. Deswegen hielt mich ein Polizist davon ab, auf die Brücke zu gehen, auch wenn ich gar nicht in Richtung der gesperrten Seite wollte. Wäre jemand auf der Brücke gewesen, wäre er eventuell höher gewesen, als das Mitglied der Königsfamilie.
Hauptarbeitsplatz ist die Donmuangchaturachinda School, eine normale Bangkoker Sekundarschule. Bis Ende Januar ist mein Gastvater dort noch Lehrer für Economics, danach wechselt er an eine andere Schule weil er zum Deputy Director befördert worden ist. Zu Beginn gab es in der Schule recht wenig zu tun, da die Schüler Mitte September ihre Final Exams des ersten Halbjahres hatten. So habe ich zwei Wochen lang einige Lehrer in den Unterricht begleitet und ihnen dann beim Korrigieren der Ankreuztests geholfen. Dieses Beobachten der Lehrer im Unterricht war auch bereits meine Einarbeitung in der Schule. Im Oktober waren Ferien und am 1. November habe ich angefangen zu Unterrichten.
Ich habe keinen normalen Stundenplan, sondern bekomme jede Woche einen neuen, sodass ich im Schuljahr jede der 63 Klassen ca. zwei Mal sehe. Das hat Vor- und Nachteile. Zum einen kann ich keine Klasse wirklich kennen lernen, geschweige denn einen Lehrplan für ein ganzes Halbjahr durchziehen. Zum anderen unterrichte ich aber auf allen Ebenen der Schule und kann versuchen, auf die stark unterschiedlichen Fähigkeiten selbst innerhalb eines Jahrgangs einzugehen. Pro Woche unterrichte ich an vier Tagen durchschnittlich zwölf bis 14 Stunden, also etwa drei bis vier jeden Tag. Diese Stunden bekomme ich von der Stundenplan-Koordinatorin der Schule zugewiesen, zusammen mit dem Namen des Englischlehrers, der sie normalerweise halten würde. Manchmal lassen mich die Lehrer dann ganz alleine unterrichten, manchmal schauen sie zu und helfen wichtiges zu übersetzen, manchmal möchten sie lieber ihren eigenen Lehrplan durchziehen, dann helfe ich ihnen dabei oder mache auch das alleine. Typisch für Thailand ist auch in der Schule vieles spontan, doch daran habe ich mich gewöhnt und schaffe es inzwischen schon einigermaßen gut, noch schnell eine Vertretungsstunde mit sinnvollem Inhalt zu füllen. Angepasst habe ich mich auch an andere Dinge: Dass es keine Pausen gibt und man manchmal 15 Minuten auf seine Schüler warten muss. Dass Türen und Fenster wegen der Hitze ständig offen sind und man dadurch auch den Unterricht im Nebenraum verfolgen kann, wenn der Lehrer mit Mikrofon unterrichtet.
Eine Schule in Thailand besteht aber längst nicht nur aus Unterricht. Das wird beim Personal besonders deutlich. Es gibt bei uns vier Deputy Directors: einen für Finanzen, einen für Disziplin und Pünktlichkeit, eine für Aktivitäten und Sauberkeit/Verschönerung und schließlich auch einen für Unterricht. So werden ständig Feste gefeiert, wie am Sports Day oder zum neuen Jahr. Auch jeder Feiertag wird am Tag davor oder danach in der Schule gefeiert. Dass dafür dann mal die erste Stunde ausfällt gehört eben dazu. Für mich bedeutet das, dass ich mich nicht nur als Lehrer in der Schule beteiligen kann, sondern auch bei den vielen Aktivitäten. So habe ich am Sports Day in der Lehrermannschaft Fußball gespielt und konnte leider ihre Erwartungen an mich als Deutschen nicht erfüllen. Wir haben aber trotzdem gewonnen. An Loy Krathong, dem Lichterfest, habe ich zusammen mit Schülern in traditioneller Tracht auf der Bühne ein englisches Lied gesungen. Zur Weihnachtsfeier war ich zusammen mit den anderen ausländischen Lehrern Weihnachtsmann.
Neben der Schule ist mein Arbeitsplatz jeden Mittwoch im AFS-Büro. Dort bin ich im Hosting Department und damit für die Gastschüler in Thailand zuständig. Meine Aufgaben teile ich mir mit Jan, dem anderen FSJler in Thailand. Wir kontaktieren alle Austauschschüler einmal im Monat, um zu sehen, wie es ihnen geht und ob sie irgendwelche Probleme haben. Außerdem lesen wir neue Bewerbungen und fassen sie zusammen, wonach dann entschieden wird, ob wir für den Schüler eine Platzierungsgarantie geben. Dazu schreiben wir einen unregelmäßigen Newsletter für die Gastschüler, immer dann wenn gerade Zeit ist, und erledigen auch sonst einen Teil der Kommunikation zwischen Büro und Schülern. Wir schreiben Emails und rufen an, falls Schüler als Betreuer auf einem Englischcamp gesucht werden, wenn ein „independent travel“ genehmigt wurde und so weiter. Daneben haben wir noch die üblichen Praktikantenaufgaben: Kopieren, Faxen, Tackern, Eintüten,… Außer der Büroarbeit fahren wir auch auf Camps der Austauschschüler. Davon hat jedoch erst eins stattgefunden, das fünftägige Midstay der SH-Schüler, zu dem ich gefahren bin. Zusätzlich gibt es ab und zu Schüler, die vom Flughafen oder Busbahnhof abgeholt und zum AFS-Büro gebracht werden müssen oder umgekehrt. Diese Aufgabe wird meistens aber von anderen AFS-Hauptamtlichen erledigt, eher selten von uns FSJlern, was daran liegt, dass sie im Büro verteilt werden und wir nur einmal in der Woche dort sind.
Im Umgang mit den Schülern hilft mir, dass ich selbst einmal Austauschschüler war, wenn auch in einem anderen Land. Bei Problemen merkt man häufig, dass sie durch Missverständnisse oder Kulturunterschiede ausgelöst wurden. In so einem Fall hilft es den Schülern oft, mit jemandem darüber zu reden, der kein Thai ist.
Mit meiner Gastfamilie bin ich sehr glücklich und freue mich, bei ihnen leben zu dürfen. Ganz zu Beginn gab es ab und zu Missverständnisse, durch die ich etwas enttäuscht war, doch inzwischen möchte ich meine Familie für keine andere eintauschen. Diese Missverständnisse kamen deswegen auf, weil ich die thailändische Kultur einfach noch nicht kannte und mir vieles fremd erschien. Überhaupt keine Probleme hatte ich damit, als Einzelkind plötzlich einen fast gleichaltrigen Bruder zu haben und mit ihm ein Zimmer zu teilen. Wir verstehen uns sehr gut und ab und zu unternehmen wir etwas Freunden aus seinem Jahrgang, der 12. Klasse. Mein Gastvater ist, wie gesagt noch, Lehrer an meiner Schule und meine Gastmutter arbeitet in einer Firma nahe der Innenstadt. Neu für mich war auch unser kleines Haus, normale Größe für Bangkoker Verhältnisse. Wir haben nur ein großes kombiniertes Koch-, Ess- und Wohnzimmer im Erdgeschoss und zwei Schlafzimmer und einen Abstellraum im ersten Stock. Weil wir nur eine Dusche haben, stehen meine Gasteltern mir zuliebe wochentags etwas eher auf. Wir verlassen zurzeit noch alle zusammen im Auto das Haus, setzen meine Mutter an der großen Bushaltestelle in der Nähe der Schule ab, und fahren dann zur Schule. Wenn ich zu AFS gehe, stehe ich etwas später auf, etwa 7 Uhr statt 6:30. Dann gehe ich alleine aus dem Haus und nehme einen Songthaeo bis zu einer großen Straße. Ein Songthaeo (Thai für „zwei Reihen“) ist ein Pickup mit Dach und zwei Sitzreihen auf der Ladefläche. Ein beliebtes Transportmittel in Thailand, das mit bis zu 30 Personen gefüllt werden kann, wobei man sich dann gut festhalten sollte, falls man stehen muss. Von dort aus noch zwei verschiedene Busse und ich bin am Büro. Da der eine Bus nicht sehr häufig fährt und auch der Verkehr immer Überraschungen bereithält, kann meine Fahrt zwischen 45 Minuten und 1,5 Stunden dauern. Zurück zu unserem Haus. Wie in Thailand üblich, zieht man sich vor der Tür die Schuhe aus und läuft im Haus nur barfuss oder mit besonderen Hausschuhen. Dementsprechend ist es normalerweise sehr sauber, da kein Dreck von draußen hineingetragen wird. Vor dem Haus haben wir einen großen Jackfruit-Baum und ein paar größere Gefäße mit Fischen. Im Haus gibt es nur die üblichen unfreiwilligen Haustiere: kleine Geckos und Ameisen. Lässt man irgendwo etwas Süßes herumliegen, und seien es lose eingepackte Bonbons, haben es nach kurzer Zeit die Ameisen entdeckt und beanspruchen ihren Anteil. Da hilft nur der Kühlschrank oder Tupperboxen.
Erlebt habe ich mit meiner Gastfamilie schon eine ganze Menge: Wir haben zusammen die Verwandten besucht und deren Reisfelder begutachtet. Wir haben Lieder für den König an seinem 80. Geburtstag gesungen, zusammen mit vielen Nachbarn aus unserer Straße. Gleich zu Anfang haben sie mich mit gelben Königs-Poloshirts eingedeckt, damit ich in der Schule auch einen guten Eindruck mache. Zurzeit tragen wir auf Bitte der Regierung für 15 Tage schwarz und weiß, weil die Schwester des Königs am 2. Januar gestorben ist. Sie haben mir zu Anfang das komplizierte Bangkoker Bussystem erklärt und mittlerweile kenne ich fast mehr Linien als sie. Wir haben uns ein großes Feuerwerk zu Ehren des Königs angeguckt und uns danach im Auto quer durch den Verkehr in Bangkok gequält. Mein Gastbruder und ich sind zusammen beim Einkaufen von Neujahrsgeschenken für unsere Eltern verzweifelt, weil alles entweder zu teuer oder nicht gut genug war.
Mit meiner Betreuung hier bin ich zufrieden. Meine Hauptansprechpartnerin für Probleme ist die Lehrerin meiner Schule, die auch meiner Gastfamilie gesucht hat. Sie ist sehr nett und kümmert sich auch, gefreut habe ich mich zum Beispiel als sie auch in den Herbstferien einmal kurz angerufen hat um zu fragen wie es mir geht. Außerdem sind die Männer in ihrer Familie recht groß gewachsen, ihr Sohn ist fast so groß wie ich. Dadurch konnte ich mir auf die Schnelle vor formellen AFS-Veranstaltungen wie dem Homecoming oder der Jubiläumsgala ein nahezu passendes Jackett von ihrem Mann leihen. Mit Problemen kann ich mich aber auch an andere Lehrer der Schule wenden, zum Beispiel die Leiterin der Englisch-Abteilung oder ihre Vertreterinnen und die Stundenplankoordinatorin. Auch bei AFS kann ich im Hosting mit jedem über fast alles reden. Unser direkter Betreuer war bisher Somnuk, Manager im Hosting, doch er hört jetzt endgültig zum 15. Januar auf, obwohl immer noch kein Nachfolger für ihn gefunden wurde. Ich hoffe, dass Thailand nach seinem Weggang weiter FSJler aufnimmt, denn die Direktorin des Hosting ist noch ein bisschen knauserig.
Als ich in Thailand angekommen bin, hatte ich zwei zehnwöchige Volkshochschulkurse in Thai hinter mir. Auch wenn ich dort nicht sehr viel gelernt habe, waren sie doch sinnvoll, insbesondere um die Aussprache schon einmal von einer Muttersprachlerin gehört zu haben. In meiner Gastfamilie verständige ich mich zurzeit mit einem Mix aus Englisch und Thai. Wenn ich etwas in Thai sagen kann, versuche ich das auch und meine Gasteltern reden meist auch zuerst Thai mit mir und erklären es dann, falls ich es nicht verstehe. Meine Gastmutter spricht allerdings nur sehr wenig Englisch und mein Gastvater hat auch nur Grundlagen, sodass es inzwischen manchmal einfacher ist, in Thai zu reden. Mein Gastbruder möchte gerne sein Englisch aufpolieren, deswegen reden wir mehr Englisch als Thai, doch auch das verschiebt sich langsam. Meine Kollegen im Büro sprechen normalerweise Thai, nur mit Austauschschülern oder uns FSJlern Englisch. Doch seit wir in Thai immer besser werden, versuchen auch sie unseren Sprachkenntnissen auf die Sprünge zu helfen, indem sie Dinge zunächst auf Thai sagen und dann übersetzen. Das finde ich sehr nett, es bedeutet schließlich schon etwas mehr Aufwand.
In den ersten Monaten, nachdem ich mit dem Lernen des Alphabets fertig war, hatte ich ab und an das Gefühl, meine Sprachkenntnisse würden sich sehr langsam nur entwickeln. Inzwischen hat sich das etwas geändert, je mehr ich sprechen kann, desto mehr mache ich es auch und desto schneller lerne ich dazu. Sicherlich hätte ich in dieser Zeit noch etwas mehr lernen können, insbesondere was Vokabeln angeht. Doch inzwischen klappt die Verständigung einigermaßen. Einen Sprachkurs habe ich hier nicht besucht, auch wenn es zu Anfang sicherlich sinnvoll gewesen wäre.
An alle zukünftigen FSJler: Herzlichen Glückwunsch, ihr bekommt eine große Chance mit diesem Programm. In Deutschland hätte ich mit frischem Abitur wohl kaum sofort Englisch an einer normalen Schule unterrichten können, aber hier ist das möglich. Sicherlich wird es, je nach Land in das ihr fahrt, ab und zu Probleme geben oder vielleicht mal langweilig werden. Aber dann passt euch an eure Gastkultur an, übernehmt Verantwortung und bringt euch ein. Genau wie ein Schüleraustausch ist auch das FSJ nicht immer einfach, gerade in einem Land wie Thailand ist ein Kulturschock fast unvermeidlich. Wenn es mal nicht so gut geht, sollte man nicht denken „in Deutschland wäre jetzt alles besser“, sondern lieber „in Deutschland ging es mir auch nicht immer blendend“.
Vielen Dank an AFS (sowohl in Deutschland als auch Thailand) für diese einmalige Chance. Es ist einfach großartig, jeden Tag neu von der thailändischen Kultur überrascht zu werden und ein ganzes Jahr lang Sommer zu haben. Sicherlich kann ein Zivildienst auch spannend sein, aber ich bereue meine Entscheidung für das FSJ auf keinen Fall.
Klaus, Thailand FSJ 2007/08
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ich habe deinen Bericht mit großem Interesse gelesen, da ich nach meiner Schullaufbahn selbst einen Auslandsaufenthalt in Thailand anstrebe. Aufgrund eines Schulprojektes, bei dem ich mich mit Personen in Kontakt setzten soll, die bereits Erfahrungen im Bereich von Hilfsprojekten in Entwicklungsländern gesammelt haben, würde ich mich über eine Antwort sehr freuen!
Meine E-mail Adresse:phil-ivey@hotmail.de
Mfg Florian