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KOLUMBIEN: Miteinander- und Voneinander-Lernen (weltwärts)

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Geschrieben von: Marco, Kolumbien 2008/09   

Im Laufe des Jahres machte ich mir sehr viele Gedanken über die kolumbianische Kultur und verglich sie häufig mit meiner eigenen. Das führte häufig dazu, dass ich mich über die kolumbianische Kultur aufregte, weil eben sehr häufig Dinge nicht so funktionierten, wie ich es bislang – in Deutschland – gewohnt war. Der Anpassungsprozess war für mich sehr schwierig. Ich war sehr oft mit Unpünktlichkeit, fehlender Organisation und Versprechen, die nicht gehalten wurden, konfrontiert und erwischte mich häufig dabei, die Wut über diese Erfahrungen an meinen kolumbianischen Mitmenschen auszulassen. Ich sagte immer, dass man mit meiner Zeit spiele, lernte aber mit der Zeit, dass das in Kolumbien einfach häufig (leider) dazu gehört.

COL_weltwrts_KaczmarekMein Arbeitgeber, die 'Fundación Vida Nueva' (Stiftung Neues Leben), engagiert sich zugunsten der Obdachlosen in Girardot mit dem Ziel, die Obdachlosen von der Straße zu holen und ihnen durch verschiedene Mikroprojekte die Möglichkeit zu bieten, langfristig wieder würdige Mitglieder der Gesellschaft zu werden. In einem sozial sehr angespannten Stadtviertel, dominiert von ärmlichen Behausungen, Arbeitslosigkeit, wenig Perspektiven für die dort lebende Bevölkerung und dementsprechend hohem Konfliktpotenzial, verwaltet die Fundación seit dem Jahr 2002 ein Obdachlosenheim. Hier können die Obdachlosen für umgerechnet 60 Cent täglich ihren Grundbedürfnissen wie Körperwäsche und Wäsche waschen nachgehen und erhalten zwei Mahlzeiten sowie einen Schlafplatz. Von abends 17 Uhr bis morgens 8 Uhr werden die Obdachlosen vor Ort betreut. Im letzten Jahr begannen die Mitglieder der Fundación, die unter dem Vorsitz des Bischofs der Diözese Girardot einen komplett ehrenamtlichen Personenkreis darstellt, mit der Umsetzung einiger Ideen zur langfristigen sinnvollen Beschäftigung der Obdachlosen, damit jene tagsüber nicht in den Straße betteln und somit das Stadtbild Girardots beeinträchtigt wird

Meine entwicklungspolitische Aufgabe bestand in der Umsetzung eines Pflanzgarten-Projektes, welches in erster Linie eine geregelte Beschäftigung der Obdachlosen sowie die Weiterbildung, Ernährungs- und Einkommenssicherung der gesamten Gemeinschaft des o.g. Stadtviertels zum Ziel hat. Dazu hatte die Fundación unentgeltlich ein Gelände gepachtet, das sich in der Nähe des Obdachlosenheimes befindet. Als ich dieses Gelände sah, schlug ich die Hände über dem Kopf zusammen. Es handelte sich um ein angeblich seit 25 Jahren nicht genutztes früheres Fabrikgelände, dominiert von meterhohen Schutt- und Plastikmüllbergen, zugewachsen von dichter Vegetation. Die Voraussetzungen für die Umsetzung des Projektes an diesem Standort waren äußerst ungünstig, doch aufgrund fehlender Kooperation von Seiten des Bürgermeisters konnte meinem Wunsch nach einem anderen Standort nicht entsprochen werden. In den folgenden Monaten musste das Gelände aufgeräumt sowie fruchtbarer Boden und Wasser organisiert werden. So knüpfte ich in Begleitung einer mir an die Seite gestellten Kolumbianerin im ersten Halbjahr zahlreiche Kontakte zu Verwaltung und Unternehmen, um für das Projekt sowie dessen Ziele zu werben und mithilfe der Kontakte die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Projektumsetzung zu verbessern. Dies gestaltete sich häufig als schwierig, weil entweder abgesprochene Termine bzw. vereinbarte Treffen von anderer Seite nicht wahrgenommen wurden und sich viele Dinge somit über Wochen hinzogen oder die Öffentlichkeit aufgeklärt bzw. überzeugt werden musste, dass es sich bei den Obdachlosen nicht um "Abfall" oder "wegwerfbare Personen" handelt.

Doch auch die letztendlich Projektbegünstigten mussten für die Arbeit motiviert und ihnen die Ziele klar gemacht werden. Das heiße tropische Klima im kolumbianischen Tiefland schränkt die einheimische Bevölkerung in ihren Aktivitäten sehr ein - vorsichtig ausgedrückt. Außerdem ließ sich der Großteil der Begünstigten nur schwer für die Aufräumarbeiten im Gelände begeistern und man fragte mich nach Möglichkeiten zur Bezahlung, was zu Projektbeginn jedoch schlichtweg unmöglich war. Ich versuchte die Leute davon zu überzeugen, dass durch Einsatzbereitschaft und Disziplin ein langfristig lukratives Projekt auf die Beine gestellt werden kann. Da meine Projektpartnerin im zweiten Halbjahr anderweitig beschäftigt war, war ich nun der alleinige Projektverantwortliche und mein Aufgabenfeld dementsprechend sehr umfangreich. So betätigte ich mich einen Großteil der Zeit im Gelände, holte Kostenvoranschläge ein und besorgte Materialien, pflegte die entstandenen Kontakte zu Verwaltung und Unternehmen, knüpfte Kontakte zu Agrarfachleuten, begab mich auf Sponsorensuche und suchte Absatzmärkte für landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Gemüse, Obst und Kräuter, die in den folgenden Monaten auf dem Gelände angebaut werden sollen. Die Ernten werden zwar primär der Ernährungssicherung der Anwohner des Stadtviertels sowie des Obdachlosenheims dienen, doch sollen darüber hinaus Märkte für die angebauten Kulturen erschlossen werden, um das Projekt langfristig finanziell unabhängig zu machen bzw. ein Mikro-Unternehmen zu gründen.

In den letzten Wochen arbeitete ich auf dem Gelände mit einem festen Team bestehend aus einem Obdachlosen, fünf zum Teil alleinerziehenden Frauen und deren Kindern sowie einem Agraringenieur zusammen. Im Nachhinein blicke ich zufrieden auf die Anfangsphase des Pflanzgarten-Projektes zurück. Zwar konnten nicht alle Ziele umgesetzt werden, die ich mir zu Beginn meines Aufenthaltes gesetzt hatte, doch konnte ich den Grundstein legen für ein sinnvolles Projekt, welches meinem Erachten nach die Zukunft vieler Menschen positiv beeinflussen wird. Ich arbeitete fast ausschließlich eigenverantwortlich. Bei regelmäßig stattfindenden Treffen der ehrenamtlichen Vereins-Mitglieder informierte ich über die Fortschritte innerhalb des Projektes. Da es kein Vereins-Büro gibt und sich alle Vereins-Mitglieder neben ihrem Hauptberuf während der Freizeit für den Verein engagieren, war mein Arbeitsalltag sehr flexibel. Meine Arbeit war zu einem großen Teil abhängig von der Mitarbeit der Projektbegünstigten. So gab es Tage, an denen ich gemeinsam mit weiteren Personen ganztags im Gelände war und Tage, an denen ich entweder in der Stadt Kontakte pflegte oder ganztags zuhause blieb, um am Computer zu arbeiten. Gelegentlich arbeitete ich auch am Wochenende. Die Entfernung zum Arbeitsplatz bzw. Gelände betrug etwa 15 Minuten Fußweg. In den ersten Monaten war ich mit dem Projekt nicht ausgelastet. Es mangelte an der Mitarbeit von anderen Personen, sodass ich oft demotiviert war. Im Laufe der Zeit nahm die Verantwortung zu und dadurch, dass mich meine kolumbianische Projektpartnerin im zweiten Halbjahr nicht mehr unterstützen konnte, war ich insbesondere in den letzten Wochen mit der Arbeit überfordert.

Das Leben in der Gastfamilie stellte für mich die größte Herausforderung dar, da ich in Deutschland seit mehreren Jahren allein lebte. Bei der Gastfamilie handelte es sich lediglich um eine Gastmutter, mit der ich mich jedoch bis zum Ende nicht identifizieren konnte und die mir auch nicht sehr sympathisch war, eine Tatsache, die auf Gegenseitigkeit beruhte. Da meine Gastmutter berufsbedingt überwiegend außer Haus war und ich schnell mit den Hausangestellten Freundschaft schloss, dachte ich nie ernsthaft an eine neue Gastfamilie. Nachdem meine Gastmutter am Ende des ersten Halbjahres berufsbedingt in ein anderes Land ging, lebte ich allein im Haus und man übertrug meinem Gastonkel, der im Nachbarhaus lebte, die Verantwortung für mich. Auch zu meinem Gastonkel konnte ich keine feste Freundschaft aufbauen, weil auch er stets sehr distanziert wirkte und im Umgang mit den Hausangestellten einen lauten Ton an den Tag legte, ein Umstand, der mich häufig entsetzte. Mit der Tatsache, einen bzw. mehrere Hausangestellte im Haus zu haben, die auch mich bedienen, hatte ich stets Schwierigkeiten. Im Laufe der Zeit lernte ich jedoch die Selbstverständlichkeit dieser Dienstleistung in Kolumbien zu akzeptieren.

Im Großen und Ganzen fühlte ich mich durch AFS Kolumbien gut betreut. Zu Beginn meines Aufenthaltes wurde ich in der Hauptstadt von AFS-Mitarbeitern und freiwilligen Jugendlichen mit allgemeinen Informationen zum Land sowie zur Sicherheitslage gut auf das mir bevorstehende Jahr vorbereitet. Auch im Laufe des Jahres wurde ich regelmäßig per Email über aktuelle Gefahren im Land wie beispielsweise verübte Terrorakte oder Schweinegrippe informiert. Am Ende des ersten Halbjahres wurde ein zweitägiges Seminar im Rahmen eines Ausflugs organisiert, bei dem es um die bisher gesammelten Erfahrungen ging. Mit der Auswertung der Programmteilnahme vor Ort am Ende meines Aufenthaltes war ich nicht zufrieden. Alle Teilnehmer versammelten sich am Flughafen und inmitten einer lautstarken Atmosphäre sollte jeder zusammenfassend schildern, wie es im jeweiligen Projekt oder in der Gastfamilie lief. Ich hätte mir einen umfangreicheren Austausch mit AFS Kolumbien zu Programmende gewünscht. Die lokale AFS-Betreuung ist auf jeden Fall noch ausbaufähig. Nachdem meine Ansprechpartnerin (eine Frau, die mir seit Beginn meines Aufenthaltes bei Fragen und Problemen zur Seite stand) in eine andere Stadt zog, organisierte das Lokal-Komitee keine weitere Person. Freizeitliche Aktivitäten fanden nicht statt. Es gab Probleme bei der Abrechnung der Versicherungsleistungen. So ließ man mich während meines Aufenthaltes wissen, dass AFS Kolumbien die Arztrechnungen nach Deutschland schickt, doch zu Programmende war ich letztendlich dafür verantwortlich. Ich bin der Auffassung, dass das Lokal-Komitee (in meinem Fall) die Gastfamilien mit einem Großteil der Verantwortung allein lässt.

Hinsichtlich der Sprachkenntnisse hatte ich zu Beginn überwiegend Probleme beim Verstehen der Regionalismen und bei der Aussprache. Aufgrund von fehlenden Englischkenntnissen in der kolumbianischen Provinz sprach ich im Rahmen des Projektes sowie mit den Mitgliedern des AFS-Lokal-Komitees immer Spanisch. Meine Gastmutter sprach gelegentlich Englisch und obwohl sie mich häufig bat, ebenfalls Englisch zu sprechen, zog ich es vor, meine Spanischkenntnisse auszubauen und machte im Laufe des Jahres gute Fortschritte, sodass ich mich zu Programmende gut verständigen konnte. Einen Sprachkurs besuchte ich aufgrund fehlender bzw. eher inkompetenter Lehrer nur unregelmäßig. Ich zog es vor, meinen Mitmenschen im Alltag genau zuzuhören, trotz der Gefahr auf Fehler viel zu sprechen und viel zu lesen. Ich erkannte es als deutlichen Vorteil mit entsprechenden Vorkenntnissen ins Ausland zu gehen und empfinde es aus eigener Erfahrung als unzumutbar, wenn jemand ohne Grundkenntnisse ins Ausland geht. Zu Beginn reagierten meine Mitmenschen häufig irritiert, da ich mir beispielsweise durch fehlende Kenntnisse in der Fachsprache anfangs doch sehr unsicher war und eine erfolgreiche Kommunikation nur eingeschränkt möglich war.

Entwicklungszusammenarbeit beginnt in den Köpfen der Beteiligten. In meinem Fall musste zu aller erst eine Vertrauensbasis zu den Mitarbeitern der Fundación sowie zu den Projektbegünstigten geschaffen werden. So erfuhren die Kolumbianer im Laufe der Zeit vieles über meine Person sowie meine Ziele im Rahmen des Freiwilligendienstes und ich lernte die Menschen und ihre Erwartungen an das Projekt kennen. Das Miteinander war nicht selten von Problemen kultureller Natur geprägt, da an verschiedene Dinge unterschiedlich herangegangen wird. Hier musste häufig vermittelt werden, um beispielsweise Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.

Globales Lernen bedeutet für mich, mich mir bisher unbekannten oder befremdlich erscheinenden Verhaltensweisen oder Ansichten zu öffnen, diese zu versuchen nachzuvollziehen, zu tolerieren und zu akzeptieren. Es ist ein Miteinander- und Voneinander-Lernen sowohl von bislang Unbekanntem, als auch über die eigene Person bzw. den eigenen Kulturkreis. Es ist ein Geben und Nehmen von (gelernten) Erfahrungen. Eine sehr religiöse Frau sprach stets von einer Mission, einer Art Auftrag, den ich in einer fremden Kultur mit anderen Sitten und Gebräuchen leistete. Mein Auftrag war es, gemeinsam mit Einheimischen  zu arbeiten und zu lernen und mein Auftrag wird es zukünftig sein, als Vermittler zwischen zwei Kulturen meine Erfahrungen weiterzugeben. So werde ich in regelmäßigem Kontakt zu meinem Projekt-Nachfolger stehen und versuchen, bei Treffen mit Menschen anderer Herkunft (noch) offener zu sein. Ich verstehe Globales Lernen als Chance. Es ist keine Selbstverständlichkeit.

Marco, Kolumbien 2008/09
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