China - Ein Land mit rund 1,3 Milliarden Einwohnern , das sich in allen kulturellen Bereichen speziell in der Denkweise und den Umgangsformen der Menschen von den europäischen bzw. westlichen Ländern gänzlich abhebt und unterscheidet; ein Land, das widersprüchlicher, facettenreicher und ethnisch-kulturell vielfältiger nicht sein könnte; ein Land (speziell Shanghai), in dem absolute Armut, Verelendung und Schmutz direkt neben Bauwerken der Superlative und Moderne des 21. Jahrhunderts zu finden sind, ein Land das zum Entdecken, Eintauchen und Essen verschiedenster Abartigkeiten und Delikatessen einlädt- davon will ich euch einen kleinen Eindruck von meinen Erfahrungen vermitteln.
Da AFS das CSP (Community Service Program) in China/ Shanghai erst 2006 ins Programm aufgenommen haben, waren wir (Mareike Beck, Markus Goeke und Christian Weltecke) die Pioniere und dementsprechend auch nicht so optimal darauf vorbereitet, was uns nun erwarten würde, obwohl ich bereits einen kleinen, oberflächlichen Eindruck aus meinem dreiwöchigen schulischen Austausch in Chengdu in 2004 bekommen hatte.
Die Ankunft war problemlos und stressfrei, wir wurden direkt am Flughafen von der sympathischen Chinesisch-Amerikanerin Julie Zhang, der Koordinatorin von AFS- Germany in Shanghai, freundlich empfangen. Dann sind wir ins AFS- Büro gefahren, leider nicht mit dem Maglev (Transrapid-Bahn), und was einem direkt ins Auge springt und auffällt sind die unglaublich großen, breiten für Fahrradfahrer extraspurigen Straßen, vergleichbar vielleicht mit den in den USA, und der Verkehr, in dem alles mit der Hupe geregelt wird, egal ob jemand sauer auf einen anderen Verkehrsteilnehmer ist, es brenzlig und eng wird oder der inoffizielle Volkssport: „Wer – kann – mehr – Hupen – und – sich – am – meisten - Platz – verschaffen?“ gespielt wird, Hupen, Klingeln, Läuten, Bimmeln, Tuten oder sonstiges Erschallen gehört einfach zum wesentlichen Bestandteil des chinesischen Verkehrs, der hektisch wirkt und auch nicht gefährlich ist. Die Zahl der Verkehrstoten beläuft sich glaube ich auf 100.000 im Jahr und ist nicht nur absolut, sondern auch relativ gesehen die höchste in der Welt. Also sollte man lieber einmal mehr nach links und rechts einen Blick werfen, bevor man die Straße überquert oder am Besten in Gruppen wechseln.
Angekommen im AFS Büro, im 15. Stock im Zentrum Shanghais, mit einem guten Ausblick über die architektonische und voll gebaute Wunderwelt Shanghais, die sich aber erst dann so richtig am Bund oder im Ocean Pearl Tower vor einem ausbreitet, lernen wir die Verantwortlichen und Freiwilligen von AFS in Shanghai sowie unsere „First Friends“ und „Mentoren“ kennen. Jedem Teilnehmer werden zwei First Friends in deinem Alter, vornehmlich Frauen oder Mädchen, weil den Jungs Freiwilligenarbeit wohl zu blöde und uncool erscheint und einem Mentor, der etwas älter ist und entweder deine Landessprache oder Englisch flüssig beherrscht und somit deinen Ansprechpartner für wichtige und komplizierte Dinge, wie Probleme in/mit der Gastfamilie oder im Projekt darstellt. Die First Friends sind wie der Name schon sagt deine ersten von AFS zugeteilten Freunde im fremden Land, die dir bei den kleineren Dingen, wie Handy-Karte oder Weg zum Projekt helfen sollen. Außerdem kannst du auch mit ihnen über alle Teeny-Probleme quatschen und dich ihnen natürlich sofort anvertrauen wenn’s mal drückt im Schuhe. Nächster wichtiger Ansprechpartner, ich weiß die Liste ist ewig, ist natürlich Julie Zhang, die aber erst angerufen werden soll, wenn du im Gefängnis sitzt, Krankenhaus bist oder dich bereits wieder auf dem Weg nach Good-Old-Germany befindest oder dies vorhast, nein Spaß beiseite, Leute die dir helfen können, gibt es en masse. Da wären die Gasteltern, deine Mitstreiter/innen, wie bereits erwähnten First Friends und natürlich auch alle Second Friends, dein Ansprechpartner im Projekt, weitere Freiwillige bei AFS, dein/e Mentor/in, Julie Zhang und Kollegin bzw. Stellvertreterin. Der erste Tag ging dann mit einem Abendessen mit den First Friends und Julie Zhang in einem bunten, vollen und lauten Einkaufszentrum zu Ende.
Den nächsten Tag haben wir unsere Gastfamilie kennen gelernt und erlebten unsere erste Nacht in unserem neuen Zuhause. Ich hatte wahnsinniges Glück mit meiner Gastfamilie, da ich eine relativ westlich eingestellte und dementsprechend lockere Gastmutter hatte, die sich um einen gekümmert hat, aber dennoch einem Freiheiten, insbesondere im Weggehen, ließ. Aber auch meine kleine Gastschwester habe ich gemocht, obwohl sie nicht viel Zeit für einen hatte, da sie dauernd etwas für die Schule machen musste und somit so gut wie keine Freizeit hatte. Das Ähnliche kann ich über meinen Gastvater sagen, der auch sehr sympathisch war jedoch als Restaurantmanager so gut wie nie Zuhause war und sogar eine eigene Wohnung in der Nähe des Restaurants besaß. Wenn man dann ins Leben einer typischen chinesischen Familie eintaucht, merkt man gleich wie viel die Menschen arbeiten müssen und wie wenig Freizeit sie doch haben, um einerseits der enormen Konkurrenz in der Gesellschaft standzuhalten aber natürlich auch andererseits um genug zu verdienen, um nicht zu verarmen und /oder seinen Luxus halten zu können. Bei dem Arbeitspensum der Chinesen und den wenigen Ferien, die sie besitzen, würde jeder Arbeitnehmer hierzulande auf die Barrikaden gehen. Es gibt Nachtmärkte, auf denen man Schnäppchen finden kann, an fast jeder Ecke einen 24 – Stunden - Lebensmittelladen und andere Händler, die bis spät in die Nacht an ihren Ständen sitzen und dort auch teilweise direkt schlafen.
Shanghai at night ist wahnsinnig spannend, bunt und die Clubs, Bars und Karaoke-Bars sind stylisch, szenig, und man trifft nette Leute aus aller Welt, mit denen man dann von Club zu Club zieht oder auch einfach eine nette Konversation betreibt. Die Preise von Getränken sind teilweise leider wie hierzulande, was vielleicht daran liegen mag, dass viele reiche ausländische Geschäftsleute hier wohnen oder auch allgemein an der internationalen starken Wirtschaftskraft Shanghais. Jedoch findet man, wenn man sich eins der zahllosen englischen Stadtmagazine anguckt, auch Locations mit angemessenen Preisen oder sogar richtige günstige Bars, wie das verrauchte C’s, das alle Arten von Alkoholika für 1-2 Euro anbietet. Am besten geht man gleich auf smartshanghai.com, da findet man alles, was so gerade in Shanghai abgeht.
In den ersten zwei Wochen hatten wir einen Chinesisch-Crash-Kurs, der wirklich sehr schnell voranschritt und für mich, der davor noch nicht chinesisch gelernt hatte, enorm viel Stoff auf einmal darstellte, sodass mein Kopf schon rauchte am Ende eines Kurses. Daher empfehle ich jetzt gleich schon, fangt an chinesisch im Voraus zu lernen, weil ansonsten erschlägt das einen, so eine völlig neue und andersartige Sprache innerhalb von zwei Wochen im Schnelldurchgang vermittelt zu bekommen. Außerdem ist Chinesisch unerlässlich, da es mit den Englisch-Kenntnissen der Chinesen nicht weit her ist und ein gewisses Grundwissen in den Bereichen Essen, Handeln und einfachem Smalltalk empfehlenswert ist. Mein Chinesisch war und ist persönlich nicht so entwickelt, weil ich einerseits schnell ins Englische gewechselt habe, da auch meine chinesische Freundin gut englisch sprechen konnte und man einfach viel Kontakt zu Australiern, Amerikanern oder Engländern hatte und andererseits nicht plane mein Chinesisch weiter auszubauen und etwas in diese Richtung zu studieren. Daher muss ich sagen kann ich sprachlich gesehen nicht soviel von China erzählen, weil ich auch mein Interesse mehr auf die Kultur und Geschichte gerichtet hatte. Jedoch reichte mein Chinesisch wie man sieht zum Überleben aus.
In der zweiten Woche fing unser Projekt an. Meins war in der Jiangsu Lu und nennt sich New Vision Foundation for the Disabled People oder auch Soho-Ku. Diese ist eine karitative Einrichtung (non-profit organization), die von Behinderten bzw. von einer Frau namens Wang Li gegründet und geleitet wird. Soho- Ku unterstützt die körperlich wie geistig Behinderten ein eigenständiges, selbstverantwortliches Leben zu führen und ihnen hilft dies, mit einerseits Spenden und andererseits mit gezielten Workshops für eine lernbare Handfertigkeit, zu erreichen. Die Organisation ist klein und unabhängig von der Regierung, wer als Freiwilliger sehr engagiert ist und Freude daran entwickelt den Menschen in irgendeiner Art und Weise zu helfen, kann sich selbst gut einbringen, Ideen vorschlagen, eigene Workshops leiten und somit selbstständige und vernünftige Arbeit verrichten. Zu meinen Aufgabenbereichen gehörte die Dokumentierung der Stiftungsaktivitäten, die Aktualisierung und Instandhaltung der englischen Seite von Soho- Ku (www.soho-ku.com) und Mitgestaltung und Leitung von Workshops in Tagesstätten für Behinderte, was mir sehr viel Spaß bereitet hat. Vorwiegend haben wir gebastelt und etwas gesungen, weil alles andere uns ziemlich schwer gefallen wäre und den Teilnehmern auch nicht soviel Freude bereitet hätte, wer aber da andere Ideen besitzt, kann auch das natürlich selbstständig umsetzen und gestalten. Dieses Projekt sollte man wählen bzw. sich dafür bewerben, wenn man sich vorstellen kann im sozialpädagogischen Bereich zu arbeiten und Freude daran hat, Behinderten etwas beizubringen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Außerdem ermöglicht es einem, Einblicke in eine karitative Organisation und ihre Arbeitsweisen zu bekommen, sowie ein hohes selbstständiges Arbeiten und Einbringen eigenen Potenzials und Ideen. Soho-Ku arbeitet außerdem noch mit vielen anderen wohltätigen Einrichtungen und Stiftungen zusammen, so dass immer ein regelmäßiges Kommen und Gehen in dem kleinen Büro in der Jiangsu Lu gibt, in dem man wiederum viele verschiedene Leute aus den unterschiedlichsten Nationen kennen lernt.
Das mit Abstand schönste und spannendste von meinem sechsmonatigen Aufenthalt in China war eine einmonatige Reise mit meiner Direktorin durch die zwei Provinzen Yunnan und Sichuan, die eine Kultur- und Entdeckungsreise war, aber auch den Zwecken der Stiftung diente, da wir mehrere Schulen besuchten und Soho- Ku Spenden in Geld- und materieller Form für die Schulen vergab. Ich hatte ein wahnsinniges Glück, dass ich gerade zu der Zeit, in der Wang Li diese Reise plante, Freiwilliger in ihrer Organisation gewesen bin. Unsere Reise startete in der südwestlich gelegenen Provinz Yunnan mit der Hauptstadt Kunming. Die Provinz befindet sich im sogenannten Goldenen Dreieck, in dem sich die Länder Vietnam, Laos und Birma treffen, und das außerdem als Hauptumschlagplatz von Drogen in dieser Region gezählt wird.
Yunnan ist eine wahnsinnig schöne und vielfältige Provinz, in der alles blüht und gedeiht, die außerdem von tropisch/ humid über mild/ warm zu windig/ kalt alles an Klimazonen aufzeigen kann. Unsere Tour ging dann nördlich weiter bis wir uns dann irgendwann im tibetischen Kulturkreis befanden, in dem die Menschen wahre Gastfreundschaft und Herzlichkeit neu definieren und zelebrieren. Außerdem sind auch hier wahnsinnig schöne Landschaften zu bestaunen und auf Kamera festzuhalten, was mir zum Glück sehr gut gelungen ist. Wir hielten uns in einem kleineren Dorf, was von Holzverarbeitung lebte, mehrere Tage auf und hatten viel Freude mit den Kindern der Schule und natürlich auch mit den restlichen Drofbewohnern. Da wurde mir klar wenn ich noch mal nach China komme, möchte ich auf jeden fall Tibet noch weiter erkunden, ein Land was sich eigentlich völlig unterscheidet von China und daher auch nicht völlig dazugehört. Es unterscheidet sich in Sprache, Sitten und Essen und besitzt dazu noch eine überaus interessante Bergwelt, die auf Wanderungen und Expeditionen nur so wartet. Eine Wanderung mit Pferden in der Gebirgskette Yading auf einer Höhe von 4500 m durften wir dann auch erleben. Zwei Tage hat die Wanderung gedauert. Übernachtet haben wir auf 4100 m Höhe in einem dünnen Zelt. Ich war in zwei oder drei Decken, einem Schlafsack, eine normale Hose und eine lange Unterhose eingepackt und es war gerade so erträglich. Mit heulendem Wind und glaublicher Kälte sind wir dann auf dieser einsamen und verlassenen Höhe eingeschlafen. Am nächsten Tag ging es dann mit unseren Führerinnen weiter nach oben, leider konnten wir den Gipfel nicht erstürmen, weil dies zu kalt dort zu der Zeit war und meine Direktorin auch noch etwas höhenkrank wurde.
So verließen wir dann das Hochgebirge und reisten weiter in die Provinz Sichuan, die mir vor allem durch das extrem scharfe Essen und der ethnischen Minorität der Yzhu gut in Erinnerung bleiben wird. Die Yzhu Menschen waren auch außerordentlich gastfreundlich und ,als eine der wenigen in China, trinkfest. Einen Abend werde ich auch nie vergessen: Wir kauften einen ganzen Ziegenbock, schlachteten ihn, holten die Innereien heraus und hackten den Kopf ab, kochten ihn und verspeisten ihn mit vollständig mit Kopf und Innereien an der Feuerstelle mit Brot und Bier. Danach haben alle gesungen, angestoßen und bis spät in die Nacht gefeiert. Die Leute waren arm und besaßen keinen Herd, Strom oder heißes Wasser, aber sie waren trotzdem glücklich und haben Fremde aufgenommen, als wenn es ihre Freunde sind.
Nach dieser sehr spannenden Reise, gefiel mir auch das Wochenende in Beijing, was uns diesmal AFS organisiert und bezahlt hat. In Beijing führte uns (Markus, Mareike und Ich) dann an einem sonnigen Tag ein ehemaliger AFSler zu den wichtigsten und schönsten Sehenswürdigkeiten. Beijing ist auch sehr zu empfehlen, da es irgendwie „chinesischer“ und altertümlicher erscheint als in dem hypermodernen und wirtschaftlich sehr entwickelten Shanghai, in dem man das Gefühl hat alle sind durchdrungen von Arbeitssucht, was aber wahrscheinlich auch so der Fall sein wird in Beijing, wo man übrigens auch sehr gut weggehen und etwas erleben kann. Ich könnte noch genauer auf die Essenskultur und den teilweise sehr widersprüchlichen und interessanten Verhaltenskodex der Chinesen eingehen, doch würde das zu ausladend werden. Denn das Essen spielt eine sehr große Rolle in der chinesischen Kultur. Es ist vielfältig, wird zelebriert wie in fast keiner anderen Kultur und als wichtiger sozialer Bestandteil der Gesellschaft und zusammenfügend von Körper und Seele betrachtet. Ich hoffe, ich konnte euch bzw. dir einen kleinen Eindruck von meinem Freiwilligendienst in China vermitteln und danke allen, die mit dem Lesen bis zum Ende durchgehalten haben. ;-)
Christian, China 2007 Projektland: China/ Shanghai Projekt: Soho- Ku; New Vision Foundation for the Disabled People Dauer des Einsatzes: 6 Monate
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