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INDIEN: Bericht über mein weltwärts-Jahr mit AFS

Geschrieben von: Cornelius, Indien 2008/09   

Ich habe einen Freiwilligendienst mit weltwärts in Indien, in der Stadt Kundapur absolviert, das mir als Anderer Dienst im Ausland angerechnet wurde.

Bevor ich nach Indien gekommen bin, hatte ich keine genauen Vorstellungen von Land und Leute. Ich hatte mich vor allem auf Grund des Projektes für das Land entschieden. Aber das Land und die Leute haben viel dazu beigetragen, dass ich ein beeindruckendes Jahr hatte. Die indische Kultur ist vollkommen anders als alles, was ich vorher erlebt hatte.

Anfangs viel es mir nicht leicht mich in die indische Kultur zu integrieren. Als Weißer ist man immer ein Außenseiter. Ich habe eine Zeit gebraucht bis ich gemerkt habe, dass ich mich nie ganz integrieren würde. Das war auch ein Grund, warum meine Beziehungen zu den Indern in meiner Stadt nie so intensiv waren, wie ich das gewünscht hätte. Die Kulturen sind sehr  unterschiedlich und die Gesellschaft in Kundapur ist auch noch sehr konservativ. Mädchen und Jungs sind strikt getrennt, dürfen fast nicht miteinander verkehren. Die Jungs in meinem Alter sind deshalb oft noch sehr pubertär. Es ist schwer eine gemeinsame Basis zu finden. Mit Mädchen hatte ich fast gar keinen Kontakt, da man als Junge- gerade als Weißer- den Ruf des Mädchens zerstört, wenn andere sie in deiner Gesellschaft sehen. Daran musste ich mich gewöhnen und es akzeptieren.

Beeindruckt hat mich die Gastfreundschaft der Inder. Ich wurde oft zum Tee eingeladen und wurde dann gefragt, was ich so mache und woher ich komme. Besonders gerne wollten alle immer wissen, wie es in Deutschland ist. Es wird einem also ermöglicht bis zu einem gewissen Grad die Leute und die Kultur kennen zu lernen. Vor allem Anfangs schwer zu akzeptieren, war das Kastensystem, das zwar offiziell verboten ist, aber auf dem Land noch sehr präsent ist. Eine Kaste ist wie eine Gemeinschaft in einer Hierarchie, in der die Leute leben. Sie heiraten und verkehren nur untereinander. Man wird in eine Kaste, mit allen seinen Regeln, Pflichten, Verboten, reingeboren.

Während meines Jahres habe ich in Indien nie jemanden getroffen, der länger in dem Land war und alles toll oder schlecht fand. Es ist ein Land mit so vielen Gegensätzen, dass man sehr lange braucht, um es zu verstehen.

Einsatzbereich: Eine Schule für geistig und körperlich behinderte Kinder

Gearbeitet habe ich in einer Schule für geistig und körperlich behinderte Kinder am Rand der Stadt Kundapur. Die Schule, Chaitanya Special School, ist eine private Schule, da sie keine Unterstützung vom Staat erhält. Drei Lehrerinnen, zwei Helferinnen und der Fahrer sind angestellt. Die etwa 30 Kinder und Jugendliche sind zwischen 5 und 32 Jahren. Einige sind gehörlos, andere körperlich und geistig behindert. Ich bin jeden morgen um 9 Uhr mit dem öffentlichen Bus aus einem Vorort nach Kundapur gefahren. Der Tag wurde immer mit einem gemeinsamen Gebet begonnen. Hinterher haben die Lehrerinnen mit den Kindern Yoga gemacht, während ich mit den Kindern, die an dem Yoga nicht teilnehmen konnten, Physiotherapie und einfache Übungen gemacht habe. Nach dem Yoga, haben wir die Kinder in drei Gruppen aufgeteilt. Später habe ich auch selber mal eine Klasse übernommen. Wenn ich nur wenige Kinder hatte, habe ich Farben, Tiere, Geräusche, Zahlen, Gefühle, Alphabet etc. beigebracht. Dabei habe ich zum Beispiel einem Kind ein farbiges Objekt in die Hand gegeben und die Farbe in der Regionalsprache Kannada gesagt. Man muss kreativ sein, da man mit den Sachen, die vorhanden sind, arbeiten muss. Wir haben jeden Mittag gemeinsam mit den Kindern gegessen. Während des Essens mussten wir den Kindern helfen, die nicht alleine essen konnten. Gegessen haben wir zusammen auf dem Boden eines der drei Klassenzimmer. Nach dem Essen haben wir den Kindern geholfen, sich die Zähne zu putzen und zur Toilette zu gehen. Von 13Uhr bis 14Uhr gab es eine Ruhepause, in der ich mit den Kindern Spiele wie Memory, Kicker, Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt habe. Nach der Ruhepause sollten die Kinder handwerkliche Tätigkeiten lernen. Die Idee war, dass sie etwas lernen mit dem sie später mal, wenn sie die Schule verlassen, ein bisschen Geld verdienen können. Wir haben gestrickt, Teppiche aus Stofffetzen gemacht, geflochten, Blumen aus Stoff gebastelt, gemalt...Die schwerer behinderten Kinder konnten an manchen handwerklichen Tätigkeiten nicht teilnehmen. Ich konnte die Zeit dann oft nutzen mit ihnen mal raus zu gehen, im Sandkasten zu spielen, zu spazieren. Der Nachmittag ist die Zeit, in der man  auch selber neue Aktivitäten einführen kann. Die letzte halbe Stunde durfte ich dann mit den Kindern Spiele spielen. Die Spiele mussten einfach sein, um alle Kinder teilnehmen zu lassen: den Ball in einer Runde möglichst schnell weitergeben, Sprungtuch, Reise nach Jerusalem...Um 16Uhr wurden sie wieder mit dem Schulbus wieder nach Hause gefahren. Jeden Tag war ich also etwa sieben Stunden in der Schule. Das Wochenende war meistens frei, obwohl wir manche Ausflüge gemacht haben oder Feste am Wochenende gefeiert haben.

Die Freiwilligenarbeit ist sehr wichtig für die Schule. Bei so vielen Kindern mit ihren unterschiedlichen Behinderungen, ist es schwer für die drei Lehrerinnen sich um alle zu kümmern. Auch kann der Freiwillige Arbeiten, Aktivitäten machen, die die Lehrerinnen nicht machen würden.

Meine Gastfamilie

Während meiner Zeit in Indien habe ich einmal die Gastfamilie gewechselt. Meine zweite Familie bestand aus meiner 62 Jahre alten Gastmutter, dem jüngsten Sohn, 31, der Frau des ältesten Sohnes, 28, mit einem sechs Jahre alten Kind, einer Bediensteten und meistens zwei Freiwilligen. Das Haus hatte vier Zimmer und eine Küche. Es lag fünf Kilometer außerhalb von Kundapur in einem Palmenwald. Ich habe in dem Zimmer meiner Gastmutter geschlafen, abgetrennt durch eine halbe Wand. Das Zimmer selber war nicht sehr groß, aber mit allem, was man braucht: Bett, Tisch, Bank für seine Kleidung. Nach meiner ersten Gastfamilie ist mir das Einleben in meine zweite Gastfamilie leicht gefallen. Man gewöhnt sich daran, dass man nicht sehr viel Privatsphäre hat. Die Bräuche und Traditionen lernt man schnell. Meine Gastfamilie hat sich sehr liebevoll um mich gekümmert. Gegessen habe ich alleine oder mit dem anderen Freiwilligen. Es ist ihr Brauch erst den Gast zu bedienen und hinterher selber zu essen. In meiner Gastfamilie habe ich immer gefrühstückt und Abend gegessen. Zu Mittag habe ich etwas vom Frühstück in die Schule mitgenommen. Die Basis für alles Essen ist Reis.

Am Anfang gab es Sachen, die für mich nicht leicht waren zu akzeptieren. Meine Gastfamilie hat eine Bedienstete, die mit 15 Jahren als Waisenkind aufgenommen wurde. Sie unterhält den Haushalt: wäscht, hilft beim kochen, putzt, melkt die Kuh...Sie hat als Bedienstete auch nicht die gleichen Rechte wie der Rest der Familie. Sie isst und schläft auf dem Boden, stellt dem Freiwilligen das Essen hin...Es ist schwer das zu akzeptieren und man muss erst begreifen, dass es für sie besser ist in der Familie zu arbeiten, schlafen, essen als in ihrem Dorf als Waisekind zu leben. Es gibt viele solcher Beispiele, die am Anfang neu waren. Die Inder sind z.B. nicht sehr emotional und zeigen einem ihre Gefühle nicht offen. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran und achtet auf kleinere Sachen, die einem ihre Gefühle zeigen. An die indirekte Art der Kommunikation muss man sich gewöhnen.

Der Abschied von meiner Gastfamilie ist mir nach einem Jahr schwer gefallen. Man gewöhnt sich nach so langer Zeit auf engstem Raum aneinander.

Entsendeorganisation

Meine Entsendeorganisation war AFS. Die Organisation, die für mich im Gastland zuständig war, ist eine indische Partnerorganisation: FSL India. Es war nicht leicht herauszufinden wer für was zuständig ist. Im Großen und Ganzen hatte ich bis auf die Seminare sehr wenig mit meiner Organisation zu tun. Ich hätte mir eine bessere Betreuung vor Ort gewünscht. Dadurch, dass ich aber keine großen Probleme während meines Jahres hatte, war ich auch nie auf AFS angewiesen.

In Indien habe ich an einem Vorbereitungsseminar, einem Zwischenseminar und einem Endseminar teilgenommen. Die drei Seminare wurden von FSL India und der AFS Betreuerin Steffi organisiert. Alle drei Seminare waren sehr gut und haben mir geholfen mich in die Kultur einzugewöhnen, Zwischenbilanzen zu ziehen und mein Jahr zu verarbeiten.

Sprache

Da ich in einer Schule für geistig und körperlich behinderte Kinder gearbeitet habe und nur die wenigsten ein paar Worte Englisch sprechen konnten, musste ich die Regionalsprache Kannada lernen. Mit den Lehrerinnen in meiner Schule habe ich so weit es ging Englisch gesprochen. Es hat mir aber sehr geholfen möglichst schnell Kannada zu sprechen, auch um das Vertrauen der Lehrerinnen und der Kinder zu gewinnen. In meiner Gastfamilie habe ich anfangs nur Englisch gesprochen, da alle gut Englisch sprechen können. Nachdem ich aber ein bisschen Kannada gelernt hatte, konnte ich mit meiner Familie auch reden und vor allem verstehen, wenn sie untereinander gesprochen haben. Für die Integration in die Familie und in die Kultur hat es sehr geholfen, die Regionalsprache zu lernen.

Entwicklungszusammenarbeit

Durch mein Jahr habe ich viel über Entwicklungszusammenarbeit gelernt. Vor allem auch die Schwierigkeiten, die Entwicklungszusammenarbeit mit sich bringt. Wie wichtig eine solche Zusammenarbeit ist, kann man daran sehen, wie viel Länder von einander lernen können. Ich habe an meiner Schule mit Lehrerinnen gearbeitet, die ganz andere Erwartungen und Hoffnungen für die Kinder hatten. Durch die Freiwilligen, die an die Schule kamen, haben sich viele Sachen verändert. Es wurden z.B. neue Unterrichtsmethoden eingeführt. Das sind positive Beispiele von Entwicklungszusammenarbeit. Schwieriger wurde es, sobald es um Geld ging. Es kam oft vor, dass sich Leute aus Indien auf Spenden aus dem Ausland verlassen haben. So hat sich meine Schule nicht genug um die Unterstützung durch ihre eigene Regierung gekümmert, sondern sich darauf verlassen, dass sie Geld von der Organisation aus dem Ausland bekommt. Es kann also auch vorkommen, dass Entwicklungszusammenarbeit die Eigenständigkeit nicht genug unterstützt.

Meine Arbeit in Indien wird aber vor allem entwicklungspolitisch wertvoll, wenn ich hier in Deutschland mich engagiere, vielen von meinen Erfahrungen erzähle und andere von Indien begeistere. Dadurch, dass ich Chemie studiere, lerne ich über ein Gebiet, das sich mit wichtigen Zukunftsfragen auseinandersetzt. Ich hoffe, dass ich später mal etwas zur globalen Zusammenarbeit und ihrer Entwicklung beitragen kann. Und auch neben dem Studium bin ich jetzt viel offener globalen Problemen gegenüber und bin auch bereit mich zu engagieren und einzusetzen.

Vielleicht kann ich auch mit AFS den interkulturellen Austausch in Zukunft fördern. Meine Erfahrungen gebe ich dadurch weiter, dass ich vielen von meiner Auslandserfahrung erzähle und sie zu begeistern versuche. Ich habe in diesem Jahr viel dazu gelernt und gebe unbewusst meine Eindrücke durch z. B. neu gebildete Meinungen weiter. Auch werde ich zukünftige Freiwillige auf ihren Auslandsaufenthalt vorbereiten

Nach dem Jahr ist für mich die Welt viel kleiner geworden und ich kann viel eher Probleme aus Asien, aber auch aus anderen Teilen der Welt nachvollziehen. Dadurch bin ich auch eher bereit mich für Probleme einzusetzen. Es ist schwer Verantwortung für eine Welt zu fühlen, die man nicht kennt oder von der man nur einen sehr kleinen Ausschnitt kennt. Auch kann ich positive Erfahrungen aus dem Ausland auf Deutschland übertragen. Unter globalem Lernen verstehe ich auch, dass man Abstand von seiner eigenen Kultur bekommen hat und Probleme, die in seinem Heimatland auftreten, objektiver beurteilen kann. Dadurch positive Erfahrung austauschen kann, von einander Lernen kann, Vermittler zwischen Kulturen sein kann.

 

 

Kommentare (2)
  • Gretzschel Marcel  - ...generelles Feedback...
    Wirklich ein sehr interessanter Bericht, muss ich sagen. Gut geschrieben.
  • Maren  - Wow.
    Ich habe mir gerade deinen bericht durchgelesen. Echt toll das du so lange weg gegangen bist und es durchgezogen hast.. Bin gerade dabei mein abi zu beenden und will im Herbst dieses Jahres auch nach Indien.
    Ich hab ein paar Fragen an dich :)
    Ist das Gefühl des Außenseiters extrem? Ich meine mental spürbar?
    Und.. bekommt man einiges über die Religion mit, also Zeremonien oder so?!

    Warst du auch an Holy in Indien?

    Grüße,
    Maren
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