Am 4. Juli 2007 verließ ich Deutschland in Richtung Bolivien. Nach einem kurzen Aufenthalt in Santa Cruz, der mit vorbereitenden Worten von Seiten AFS Bolivien schnell verging flog ich zusammen mit einer weiteren „CSP´lerin“ nach Sucre. Von dort ging es per Taxi drei Stunden lang durch die bolivianische Nacht, stetig Höhe gewinnend in Richtung Potosí, dem Ziel meiner Reise. Potosí Auf 4000 Metern gelegen ist Potosí mit 130.000 Einwohnern die höchste Großstadt der Welt. Umgeben von kargen, ockerfarbenen Bergen, gebaut zu Füßen des mächtigen „Cerro Rico“ (Reicher Berg) lebte und wuchs die Stadt lange Zeit durch die Ausbeutung der unermesslichen Silbervorkommen des „Cerro“, wie die Einwohner ihn liebevoll und gleichzeitig ehrerbietig nennen. Obwohl der Abbau von Mineralien weitergeht und knapp 20.000 Menschen Beschäftigung bietet ist der einstige Reichtum im Zuge schwankender Abnahmepreise auf den Weltrohstoffmärkten lange vergangen und hat zu einer ausgeprägten strukturellen Armut der Stadt geführt, die durch die ständige Influx von Landflüchtigen noch verstärkt wird. So ist denn das äußere Erscheinungsbild Potosís auch in großen Teilen durch die Armenviertel mit ihren eilig errichteten Lehmbauten gekennzeichnet, die sich in konzentrischen Kreisen um das historische Stadtzentrum ziehen. Dieser 450 Jahre alte Stadtkern aber ist von äußerst ansprechender Natur. Geprägt durch verwinkelte, enge, steile Straßen gesäumt von bunt gestrichenen, leicht schiefen Häusern, überragt von kolonialen Kirchen mit Verzierungen im Stil des Mestizen-Barock, immer wieder durchbrochen von Plätzen voller Leben und Aktivität und herrlichen Ausblicken in das tiefe Blau des Himmels und die Weite der Berge ist Potosí ein Ort, an dem man an jeder Ecke die lange und wechselvolle Geschichte dieses Ortes zu atmen vermeint und gleichzeitig mit Eindrücken aus dem Jetzt überschwemmt wird. Nach einigen Tagen der Höhenanpassung und des Kennenlernens meiner äußerst sympathisch wirkenden Gastfamilie begann ich die Arbeit in CONTEXTO. Arbeit CONTEXTO ist eine von luxemburgischen Geldgebern finanzierte Organisation, die sich in La Paz und Potosí für nachhaltige Entwicklung in den ärmsten Gebieten dieser Städte einsetzt. Dazu wurden an verschiedenen Standorten Betreuungszentren eingerichtet. Ziel dieser Zentren ist es, einerseits Kinder vor oder nach der Schule (in Bolivien gehen die Kinder, die staatliche Schulen besuchen entweder morgens oder nachmittags zur Schule) in ihren Hausaufgaben zu unterstützen und ihnen ein Mittagessen zu servieren. Darüber hinaus wird spielerisch Wissen über Themengebiete wie „Kinderrechte“, „Gesunde Ernährung“, „Umweltschutz“ etc. vermittelt und regelmäßig werden Ausflüge oder Sportveranstaltungen organisiert. Andrerseits erlernen die Mütter der Kinder die Anfertigung von Kleidungsstücken, deren Verkauf einen Beitrag zum Familieneinkommen leisten kann und erhalten Informationen über Hygiene, die Behandlung einfacher Krankheiten und lernen - wenn nötig - Lesen und Schreiben. Meine Tätigkeit bestand nun darin, die spürbar überforderte Betreuerin der Kinder in allen anfallenden Aufgaben zu unterstützen und somit ein generelles Funktionieren der Einrichtung zu ermöglichen. So begann ich also meine Arbeit mit 40 sehr lebhaften Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren, die mich umringten und in einer mir zu jenem Zeitpunkt noch kaum verständlichen Sprache auf mich einredeten. Nach wenigen Wochen hatte ich die Grundelemente des Spanischen allerdings soweit gemeistert, dass ich mit einer gewissen Routine an die Arbeit herantreten konnte und zunehmend das Gefühl hatte, mehr Produktives zu tun, als meine Erscheinung aufgeregte Unruhe unter den Kindern hervorrief. Zwischen neun und zwölf Uhr dreißig sowie zwischen zwei und fünf Uhr nachmittags widmete ich mich der „Hausaufgabenhilfe“ wobei es sich dabei eher um ein erneutes Lehren des benötigten Stoffes handelte, da die Mehrzahl der Kinder auf Grund schwieriger familiärer Verhältnisse und einer latenten Unterernährung ausgeprägte Konzentrationsschwierigkeiten hatte. In Verbindung mit der schlechten Qualität des staatlichen bolivianischen Schulsystems und dem oftmals vorhandenen Zwang, die Familie mit eigener Arbeit zu unterstützen ergab sich in der Konsequenz die Situation, dass kaum eines „meiner“ Kinder über das in der Schule geforderte Wissen verfügte. Auf den Punkt gebracht war es ein ständiger, oftmals aussichtslos erscheinender Kampf, den Kindern Kenntnisse und elementare Fähigkeiten zu vermitteln; ein Bereich meiner Arbeit, der von Monotonie und tiefer Anstrengung gekennzeichnet war und dennoch zu den schönsten und prägendsten Erfahrungen gehörte, die ich während meines Jahres in Bolivien gemacht habe: Das Glück zu sehen, wie ein Kind entgegen aller ungünstigen Vorzeichen nach langem Ringen endlich lesen lernt oder versteht warum 2+3 fünf ergibt ist für mich nicht in Worte zu fassen. Ein weniger anstrengender Teil meiner Arbeit war die Beaufsichtigung des Mittagessens, das nach gemeinschaftlichem Händewaschen und Kontrolle der Sauberkeit der äußeren Erscheinung in der Regel recht gesittet ablief. Daraufhin putzten sich die Kinder ihre Zähne und begaben sich in Richtung Schule, während schon die morgendlichen Schulbesucher eintrafen und der Zyklus von Vorne begann. Neben den wochenendlichen Veranstaltungen für die Kinder nahm ich auch regelmäßig an den Sitzungen des Planungsstabes von CONTEXTO-Potosí teil, um einerseits einen genaueren Einblick in die Strategien der Entwicklungshilfe zu erlangen und andrerseits eigene Ideen zur Optimierung der Arbeit einbringen zu können. Darüber hinaus organisierte ich eine Spende von Seiten meiner Familie, Freunde und Verwandten in Deutschland, die mir den Kauf von Büchern, Lernspielen etc. für mehrere Zentren ermöglichte. Nicht zuletzt wegen meiner emotionalen Verbindung zu den Kindern und dem gewachsenen Verständnis für das Wesen praktischer Entwicklungshilfe kann ich somit zusammenfassend sagen, dass meine Arbeit der wichtigste und schönste Teil meines „bolivianischen Jahres“ war. Familie und Freunde Ein weiterer wichtiger Aspekt meines Aufenthaltes war das Zusammenleben mit meiner Gastfamilie. Diese bestand aus den beiden Eltern, zwei Geschwistern, im Alter von 14 und 17 Jahren, der Oma, die mit im Haus wohnte und zwei Hunden. Ab dem ersten Tag fühlte ich mich sehr willkommen und als vollständiges Mitglied in die Familie integriert. Mit zunehmenden Spanischkenntnissen meinerseits kam es auch immer mehr zu dem, was man schlagwortartig „interkultureller Diskurs“ nennt. Ich lernte in diesem Rahmen viel über die faszinierende bolivianische Kultur, diese lebhafte Mischung aus präkolumbianischen und kolonialen Bräuchen und Traditionen. Schwieriger war für mich die Auseinandersetzung mit dem ausgeprägten Katholizismus meiner Gastfamilie, der zwar niemals als Zwang in meine Richtung formuliert wurde, dessen starke Präsenz im Täglichen aber dennoch nicht immer leicht zu akzeptieren war. Trotzdem lebte ich in einer sehr harmonischen Verbindung mit meiner Familie und entwickelte besonders zu meiner Gastoma ein sehr inniges Verhältnis. Entgegen vorheriger Befürchtungen besaß ich auch alle Freiheit in Bezug auf die Gestaltung meiner Freizeit und konnte beispielsweise abends – bei vorheriger Ankündigung – so lange wegbleiben wie ich wollte. Wie in vielen Ländern der sogenannten „3. Welt“ ist auch in Bolivien die Familie der zentrale Bezugspunkt. Ihre Rolle als (einziger) Rückzugsort vor den Unwegsamkeiten des Lebens führt zu einer engen Beziehung zwischen den Mitgliedern. Mit sehr viel größerer Häufigkeit als dies im deutschen Durchschnitt der Fall sein mag, lädt man sich gegenseitig zum Essen ein, verbringt die Wochenenden zusammen oder frönt der bolivianischen Leidenschaft zu ausgedehnten Feiern. Dank dieses ausgeprägten Soziallebens lernte ich viele Menschen kennen, die mich wiederum anderen vorstellten, sodass ich schnell einen recht großen Bekanntenkreis hatte. Ich empfand dies als sehr positiv, da es (gegenüber dem Schülerprogramm) zu den strukturellen Schwierigkeiten des CSP gehört, außerhalb der Arbeit Freunde zu finden. Doch auch diese fanden sich mit der Zeit und stellten für mich eine weitere Bereicherung meiner „Erfahrung Bolivien“ dar. Reisen Zu den unbestreitbaren Vorteilen Boliviens ist sicherlich die Tatsache zu rechnen, dass Dienstleistungen und ein Großteil der Waren des täglichen Bedarfes nur ca. ein Zehntel des deutschen Preises kosten. So kann man für fünf Euro in einem ordentlichen Hotel übernachten und für einen Euro essen gehen. Meinem Wunsch, die verschiedenen Ecken meines Gastlandes besser kennenzulernen, kam dies sehr entgegen. So nutzte ich jede sich bietende Möglichkeit, um mit AFS’ern aus anderen Städten oder auch alleine das Land zu bereisen. Es war die auf diesen Reisen gesehene Schönheit der Landschaften und Städte, die mich endgültig eine große Zuneigung zu diesem Land entwickeln ließ. Beginnend in der kargen Weite des Altiplano, durchstreift von Lamaherden, begrenzt nur von den steil türmenden, schneebedeckten Fünftausendern der Cordillera Real über die fruchtbaren Valles, die Täler, die den Übergang von der Hochebene in die Tiefebene markieren hin zu den tropischen Regenwäldern des Amazonasbeckens erstreckt sich Bolivien über eine Vielzahl von Vegetationszonen. Dementsprechend verschieden fallen auch die Städte aus. Allen gemeinsam aber ist die Mischung aus kolonialer architektonischer Pracht, der lebhaften Präsenz einer ethnisch heterogenen Gesellschaft aus Indigenen, Mestizen und Europäern und die liebenswürdige Unorganisiertheit, manche mögen von Chaos sprechen, in den Straßen. Neben meinen Ausflügen in Bolivien unternahm ich auch eine zweiwöchige Reise durch Peru und fuhr einen Monat lang durch Argentinien und Uruguay. Abschließende Bemerkung Ich hatte, um es mit wenigen Worten zu sagen, eine außergewöhnlich schöne Zeit in Bolivien. Die Faszination für das Land und seine Menschen hat in keinem Moment nachgelassen sondern nahm ganz im Gegenteil mit der Zeit noch zu. Meine Arbeit gab mir das Gefühl etwas wirklich Sinnvolles zu tun, ein Gefühl, das alle Anstrengungen und Rückschläge überlagert. Zudem lernte ich Spanisch und gewann die Freundschaft von vielen verschiedenen Menschen. Aus den genannten Gründen kann ich jedem empfehlen, sich auch auf das „Abenteuer Bolivien“ einzulassen, mit offenen Augen voranzuschreiten und all jene Dinge zu sehen und Erfahrungen zu machen, die in einem Erfahrungsbericht wie dem vorliegenden aus Platzgründen keine Erwähnung finden können. Julian, CSP Bolivien 2007/2008
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