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JAPAN: Das schönste Jahr in meinem Leben (FSJ)

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Geschrieben von: Fritz, Japan 2007/08   
Willkommen im östlichsten der westlichen und im westlichsten der östlichen Länder!
Mein Bericht ereilt Euch zum Jahreswechsel aus der Mega-Metropole Tokio, die wie (fast) ganz Japan an Überbevölkerung erstickt. Aber zum Glück liebe ich Menschenmassen und schaffe es, fast schon japanisch, im Zug die Menschen um mich herum zu ignorieren, auch wenn diese manchmal so eng an mich gedrängt stehen, dass es nicht mehr möglich ist eine Seite des Taschenbuches umzublättern, welches ich mir für die mittlerweile einstündige Fahrt zum Megabahnhof Shinjuku mit seinen über 1 Mio. Passanten täglich, gekauft habe. Um aber meinem Leben als FSJler in Tokio gerechter zu werden und nicht nur die Reiseführer zu zitieren, die einem zwar das Unvorstellbare berichten, aber nicht reell machen können, bis man es selber gesehen, gehört oder gespürt hat, probiere ich die 3 Welten in denen ich mich zur Zeit befinde, etwas genauer zu beschreiben indem ich sie unter anderem komplett voneinander trenne. Das funktioniert in Japan sehr gut und ist auch eine übliche Lebensweise. Man setzt eine „Maske“ auf, und wechselt diese gegen eine weitere, wenn man eine andere Welt betritt.

Bestes Beispiel sind hierfür die Buddhistischen und Schintoistischen Priester der Tempel und Schreine des Landes. Sie lehren Buddhismus und unterrichten Schüler in den alten Schriften, verwalten jedoch auch das Land in und um den Tempel, was sie äußerst reich macht. Wenn sie abends vom Tempel in ihr Haus zurückkehren, dann sind sie ganz normale Familienväter, mit einer Frau und mehreren Kindern. Sie haben einen Führerschein, verbringen den Abend mit Freunden in der Karaoke Box, rauchen und trinken. Am nächsten Morgen sind sie dann aber wieder Priester, welche Ruhe und Besinnlichkeit predigen.

Die erste und wohl wichtigste Welt „Die Firma“

Dank meiner neuen Gastfamilie muss ich mir morgens nicht mehr das Frühstück selber machen, sondern meine Gastmutter bereitet mir mein Frühstück und meine Lunch Box, die ich später gegen 12.30 Uhr mit meinen Kollegen im Office zusammen einnehme, vor. Nach dem Frühstück steige ich also auf mein Fahrrad und der Tag kann beginnen. Durch das sehr praktische Bike & Ride System fahre ich nur 12 Min. zu meiner S-Bahn-Station und von dort ca. 1 Std. Richtung Innenstadt. Dort wechsle ich noch einmal den Zug für eine weitere Station und nach einem kleinem Fußmarsch von 5 Min. bin ich auch schon (meist) überpünktlich um fünf vor 9 Uhr in meinem Büro angekommen.Dank der PASMO Karte, die mir von AFS gekauft wurde, ist dieser tägliche Arbeitsweg für mich absolut kostenlos. Denn die wahnwitzigen Ticketpreise in Tokio hätten sonst mein Budget leicht um ca. 1000 € (eine 6- Monatskarte für ca. 480€) gekürzt. Auch bekam ich gleich bei Arbeitsantritt ein „Taschengeld“ von ca. 120€ im Monat, für das ich (wegen den genannten Tokioter Preisen) auch überaus dankbar bin. Während der ersten Wochen fand eigentlich so gut wie keine Einarbeitung in „echte“ Arbeit statt. Stattdessen wurden mir Arbeiten wie Schreddern, Kopieren oder Umschläge befüllen, bestempeln und mit Leim(!!!) zukleben (der Sicherheit wegen) aufgetragen.

Selbstständigkeit ist dabei absolutes Verbot. Schritt für Schritt musste ich mich an das Befüllen der leeren Briefumschläge herantasten. Erst wenn der erste Schritt beendet war, konnte man mir den nächsten mitteilen. Und das ist meist bei jeder Arbeit so. Etwas anderes habe ich aber auch nicht erwartet, denn die Unselbstständigkeit wird einem hier schon in der Schule antrainiert und „Mutter Staat“ überwacht jeden deiner Schritte, damit man nicht aus der Reihe fällt oder etwas eigenständiges (und damit sehr gefährliches) unternimmt. Ein beliebtes japanisches Sprichwort, was gerne zur Verbildlichung dieser weiteren Lebensart genommen wird lautet:
„Ein Nagel der heraussteht muss eingeschlagen werden.“

Und so habe ich mir gedacht, nützt es wohl (noch) nichts, sich in irgendeiner Form um selbstständige Office-Arbeiten zu bemühen. Jedoch bleibt mir immer noch die Möglichkeit, freie Projekte zu gestalten, wie zum Beispiel einen Vortrag über die VBs in Deutschland zu halten, die doch bei weitem anders aufgebaut sind. (über Sending VBs in Japan möchte ich mich hier nicht äußern. Außer, dass die Campleiter Anzüge tragen müssen und das gesamte Programm vom Büro aus nach unten diktiert wird. Jede einzelne Minute des Programms wird dabei von der Ost Japan Sending Beauftragten aus dem Büro doppelt gecheckt und Familien wie Teilnehmer werden während des gesamten Camps mit Vorträgen (teilweise über 2Std.) und Rezitieren der AFS Regeln beschallt.)
Auch mein Angebot, Deutsch an zukünftige Austauschschüler die in deutschsprachige Länder gehen, zu unterrichten, wurde aufgenommen. Wie gesagt aufgenommen. Es dauerte weiterer 3½ Monate, ehe ein erstes Feedback zu diesem Thema von der National Sending Beauftragten kam. Ein kleiner Ablaufplan wurde innerhalb 1 Std. erstellt und voraussichtlicher Start ist nun Anfang Februar. Ich bin gespannt…

Aufgaben, die nicht sein müssten, aber durch mich, da ich gerade da bin, getan werden können, wie das Neugestalten eines 12 Jahre alten Übungsbuchs zum Japanischem Schriftensystem, gehört auch zu meiner „freien“ Arbeit. Wofür ich aber dankbarer bin, als für das stundenlange Stempeln und Kopieren. Die Gesamtstimmung im Office und somit auch die Arbeitsatmosphäre sind aber überaus gut. Die Leute sind sehr nett und ich verstehe mich mit allen. Aber zu meinem Bedauern meist nur auf Englisch.

Japanisch lerne ich im Büro mit einer japanisch Lehrerin einmal alle 2 Wochen ca. 2-3 Std.. Dass das nicht ausreichend ist für eine Sprache, für die man im Gegensatz zum Spanischen oder Französischem gut das 5-fache an Zeit braucht, um sie zu erlernen, ist klar. Aber ich freue mich, dass die nette Freiwillige sich trotzdem für mich Zeit nimmt und mir wenigstens etwas beibringt.
AFS-Arbeitszeiten sind von 9 bis 17 Uhr, aber die Japaner nehmen es ja mit der Arbeitszeit nicht so genau. Da wird einfach gearbeitet, bis die Arbeit erledigt ist. Auch wenn es bedeutet, dass es bis 20-21 gehen kann. Auch am Samstag oder am Sonntag zu arbeiten ist keine Seltenheit. Doch einen Tag in der Woche muss frei sein, so will es das Gesetz. Sonst hätten die Firmen bestimmt schon die 7-Tage Arbeitswoche eingeläutet. Durch dieses wunderbare System der kompletten Ausschöpfung der Ressource Mensch gibt es in der japanischen Sprache sogar schon ein eigenes Wort für „Tod durch Überarbeitung“.

Um Kontakt zu Gleichaltrigen zu bekommen, warte ich normalerweise bis nach 17 Uhr. Dann gibt es einige Freiwillige von den Universitäten in Tokyo, die dann Arbeiten für Camps etc. vorbereiten. Oft werde ich eingeladen, bei den Camps dabei zu sein. „Um zu helfen und einen Einblick in die AFS Japan Camps zu bekommen“ (Selbständigkeit ist aber natürlich auch hierbei tabu und durch meine schwachen Sprachkenntnisse bleibt mir oftmals die Zuschauerrolle vorbehalten). Nimmt man die 1 Std. Mittagspause heraus, so arbeite ich 35 Std. die Woche. Wenn man aber die Infoabende im Office und Workshops für die Camps hinzufügt, bei denen ich freiwillig dabei bin, um Kontakt mit den Studenten zu bekommen, so bin ich jeden vierten bis fünften Tag von 9-20 Uhr im Büro und „arbeite“ rund 40 Std. (Camps an den Wochenenden von Freitag bis Sonntag wie in Deutschland, von denen ich schon 4 besucht habe, ausgenommen).

Dabei arbeiten die „Kleinen“ schon wie die Großen und bereiten über Wochen oder Monate schon das Camp vor. Mit bis zu 3 Workshops vor dem eigentlichem Event, die meist von 18-20 Uhr im Office stattfinden. Es wird strickt geteilt in HEAD, ASSISTENT STUFF HEAD, ASSISTENT STUFF und GROUP LEADER. Dabei ist das Verhältnis Betreuer - Schüler teilweise schon fast bedrückend. Ein Betreuer zu 2-3 Schülern. Der AS bereitet dabei jeweils den nächsten Workshop vor, in dessen Gruppe auch ich mich befinde.

Trotz all den Schwierigkeiten und der differenzierten Auffassung von Arbeit (und wie diese zu bewerkstelligen ist) habe ich doch sehr viel hier gelernt und bin für jeden einzelnen Tag in Tokio dankbar. Einen so tiefen Einblick in eine „echte“ japanische Firma (auch wenn AFS noch sehr locker mit den Regeln umgeht im Gegensatz zu den traditionellen Firmen) hätte ich wohl niemals bekommen und werde diese Erfahrung auch so schnell nicht wieder haben können.
Dafür bin ich AFS Deutschland und Japan sehr dankbar denn mein späterer Lebensweg soll mich wieder nach Asien führen und mit so einem Freiwilligenjahr gerüstet zu sein, ist ein riesiger Vorteil. Schon so früh, einen so tiefen Einblick, in das japanische Leben und die Mentalität zu gewinnen war für mich eigentlich nicht vorstellbar.

Meine Gastfamilie(en)
Die erste Gastfamilie war eine japanische Bilderbuchfamilie. Der Vater ist ein absoluter Workaholic, der von Montag bis Freitag in Nagoya und Osaka arbeitet und nur am Freitagabend zu Hause angetroffen werden kann. Er kam meist gegen 21-22 Uhr heim und nach einem kurzen Abendessen ging er in sein Arbeitszimmer, um dort noch bis 2-3 Uhr Nachts Projekte vorzubereiten. Samstags hat er dann noch in Tokio gearbeitet und Sonntags gab es 1Std. Zeit, um mit der Familie zu essen.

Meine älteste Gastschwester ist Studentin an der Tokio Universität. Leider schweift sie genau wie ihre Mutter zu schnell ins Englische ab und obwohl ich mich bemühe, auf Japanisch zu sprechen, so kommt die Antwort doch meist auf Englisch.                                                                           

Die jüngere Gastschwester, die nur etwas älter ist als ich, war ein Jahr in Deutschland. Sie ist das komplette Gegenteil ihrer Schwester und verbringt viel Freizeit mit ihren Freundinnen. Ich hatte auch ein sehr gutes Verhältnis zu ihr obwohl sie gar kein Deutsch und auch kein Englisch mehr konnte, aber wir haben uns irgendwie doch gut verstanden.

Meine Gastmutter hilft Professoren an der Uni aus und ist berufsbedingt selten zu Hause. Um ihr unter die Arme zu greifen half ich im Haushalt mit, aber das empfand sie wohl als lästig und ordnete einen Gastfamilienwechsel für mich an. Da es kein akutes Problem war, hatte AFS Japan genügend Zeit sich um eine neue Gastfamilie zu kümmern. Das geschah jedoch, zu meiner Überraschung, sehr schnell und ich war froh als die Nachricht kam, dass eine neue Familie gefunden wurde. In den gesamten 4 Monaten habe ich sie dennoch lieb gewonnen. Und deshalb bin ich ihr auch nicht böse und werde weiterhin guten Kontakt zu der Familie halten.

Meine neue Gastfamilie ist etwas familiärer, auch wenn ich sie noch nicht so gut kenne. Sie ist sehr gläubig und erfahren im Hosten und ich habe nun einen Gastbruder in meinem Alter, der zwar auch erst abends gegen 24 Uhr nach Hause kommt, aber mit dem ich mich auf Anhieb gut verstanden habe.

Meine Freizeit mit den AFS Volunteers
Freunde zu gewinnen, ist in Japan normalerweise sehr einfach. Dennoch hat man als FSJler Schwierigkeiten, weil Japaner sich gerne in Gruppen bewegen und da ich außer AFS zu keiner anderen Gruppe gehöre, kann ich nur auf die Freiwilligen von den Universitäten aufbauen, die für AFS arbeiten. Aktivitäten wie z.B. Fußball, Tennis oder andere Sportarten werden meist nur in den Schulen oder Universitäten als „Club“ angeboten. Außerschulische Clubs sind meist Profi-Vereine in denen 6 Tage die Woche Training angesagt ist. In den ersten 2 Monaten habe ich auch viele Freiwillige getroffen und mit ihnen Camps oder Infoabende zusammen veranstaltet Jedoch beschränkt sich leider mein Kontakt auf diese AFS Aktivitäten. Denn Japaner lieben es nun mal sich in Gruppen zu vereinen und dann gemeinsam und geschlossen zu agieren. Das ist eigentlich mit einer der größten Unterschiede, die ich im Vergleich zu den deutschen Studenten feststellen kann. Alles in allem kann ich jedoch sagen, dass es viel Spaß macht, mit den japanischen Freiwilligen zu arbeiten und zu feiern. Man kommt sich langsam näher und gerade der Austausch über den AFS Arbeitsstil in Deutschland und Japan bietet genügend Gesprächsstoff. Langsam aber sicher werde ich in die Gemeinschaft integriert.

Was ich jedem zukünftigen FSJler, der nach Japan fahren will, mit auf den Weg geben möchte ist folgendes. Wenn jemand nicht 100% nach Japan als FSJler will und alles dafür tun würde, hier ein Jahr für AFS zu arbeiten, der sollte sich noch einmal wirklich Gedanken darüber machen, ob Japan das richtige Land für ihn sei, falls er nicht die Sprachkenntnisse mitbringt. Weil ich kein Japanisch konnte als ich ankam und jetzt auch nur das „Small Talk“ Level erreicht habe, waren meine Arbeiten monoton und einseitig. Doch dank Eigeninitiative und ein wenig Glück (2007 Beginn des JENESYS Programms) konnte ich ein wenig Individualität in meinen Arbeitsalltag bringen. Möglichst sollte der nächste FSJler in Japan schon die Sprache beherrschen oder aber wirklich viel Geduld und den nötigen Willen zum Erlernen der Sprache mitbringen.

Leider muss ich auch sagen, dass das AFS Office Japan auf meine Einarbeitung nicht sonderlich gut vorbereitet war (wahrscheinlich waren sie noch von meinem sprachkundigeren Vorgänger verwöhnt, der, wie mir berichtet wird, immer sehr viel und fleißig gearbeitet hat). Oftmals saß ich da und hatte nichts zu tun.

Meine optimistische Grundstimmung hat sich auch nach 4 Monaten nicht geändert. Im Gegenteil sie ist gewachsen und hat mich nur noch weiterhin bestärkt, hier studieren zu wollen und mein Japanisch mit Uni-Sprachkursen etc. weiterhin zu verbessern. Da ich versessen auf alles Asiatische (und vor allem Japanische) bin, ist es wieder einmal „das schönste Jahr in meinem Leben“.
Danke auch hier wieder an AFS Deutschland und an Dich Ulrike, ohne die ich niemals diese Erfahrungen hätte machen können. Ohne Eure Arbeit, die Ihr für mich und alle FSJler geleistet habt, könnte ich meinen Traum hier nicht leben.

VIELEN, VIELEN DANK!!!

Liebe Grüße, aus dem immer noch viel zu kaltem Tokio,
Euer Fritz

Fritz, Japan 2007/08

Kommentare (2)
  • Artur  - Schöner Bericht
    Das ist ein guter Bericht, der mir viel Informationen geliefert hat und mich in meinem Vorhaben gestärkt hat auch sowas zu machen.
    Ich hätte aber gerne mehr Informationen bezüglich der anfallenden Kosten damit ich etwas kalkulieren und planen kann.

  • Sophie Rühlich
    Lieber Fritz,

    vielen Dank für deinen Bericht. Jetzt bin ich mir absolut sicher, dass ich alles tun werde, um diesen Traum auch leben zu können!

    Viele Grüße
    Sophie
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