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UNGARN: Verliebter Botschafter auf Reisen (FSJ)

Die meisten Menschen haben von Ungarn zuerst einmal überhaupt keine Ahnung. Sie  kriegen gerade noch zusammen, HUN_timo_peter_statuedass es sich um ein Land irgendwo östlich von Deutschland handelt, dass es vielleicht einmal Teil der Soviet Union war oder kennen Siófok am Balaton vom letzten Billig-Partyurlaub. So ungefähr ging es mir auch, als ich mich dazu entschloss mein Freiwilliges Soziales Jahr beim AFS in Ungarn abzuleisten. Viele fragten mich, ob es so eine kluge Entscheidung sei in ein so kleines europäisches Land zu gehen, in dem eine der schwierigsten Sprachen Europas von nur knapp 10 Millionen Menschen gesprochen wird. Lohnt sich das denn? Was hast du denn davon? Wie willst du das anstellen? Doch all diese Fragen konnten mich nicht wirklich verunsichern. Ich verließ mich einfach auf mein Bauchgefühl und wartete auf das, was sich im kleinen Ungarn so verbarg. Und ich sollte nicht enttäuscht werden.

Organisation, dass „A“ und „O“ ?
Dass die Ungarn etwas anders ticken als wir organisationswütigen Deutschen, konnte ich schon vor meiner Abreise im August feststellen. Mit jeglichen Informationen über genaue Aufgaben im Büro, Unterbringung und Ablauf meines Aufenthaltes hielt sich mein zukünftiger Arbeitgeber sehr zurück. Schließlich erfuhr ich dann wenigstens mein Abflugdatum und bekam meine Tickets zugeschickt. Also packte ich meine Koffer,  stieg einfach mal ins Flugzeug und ließ mich überraschen. „Alles wird gut“, sagte ich mir nur. Wie sich herausstellte, hatten sich meine Gastgeber doch ein paar Gedanken um mich gemacht. Ich wurde zusammen mit den vielen internationalen Austauschschülern am Flughafen in Budapest in Empfang genommen und im Arrival Camp schon einmal mit meinem Gastland, der neuen Sprache und den vielen neuen Gesichtern, mit denen ich ab jetzt sehr viel Zeit verbringen sollte, vertraut gemacht.  Am Frühstücksbuffet machte ich hier auch eine erste Bekanntschaft mit der berühmt berüchtigten ungarischen „starken“ Paprika, die ich mir genüsslich auf mein Brötchen legte, um nur kurz danach vor Schärfe in Tränen auszubrechen, was mir durch schallendes Gelächter der ungarischen Freiwilligen quittiert wurde. Danach stand ich der ungarischen Küche mit ein wenig mehr Respekt gegenüber.

„Es war Liebe auf den ersten Blick“
Neben ungarischen kulinarischen Besonderheiten gab es in den ersten Wochen und Monaten in meinem neuen Heimatland natürlich noch einiges mehr zu entdecken. In den ersten Tagen lernte ich auch meine große ungarische Liebe kennen: Die wunderschöne Metropole an der Donau mit dem Namen Budapest. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich hatte mir zwar schon vorher sagen lassen, dass Budapest eine schöne Stadt sei, doch mit ihren Brücken, dem imposanten Schloss, dem Parlament, der Zitadelle und der Basilika brachte Budapest mich immer wieder zum Staunen. Besonders in lauen Sommernächten zog die beleuchtete Stadt mich in ihren Bann. Ich hätte nie gedacht, dass ich so romantisch veranlagt sein kann.

„20-jähriger, unkomplizierter  Deutscher sucht nette, ungarische Gastfamilie“
HUN_timo_peter_mdchenDoch es gab auch Dinge, die meine anfängliche Euphorie etwas bremsten: Bei meiner Unterbringung gab es zunächst Probleme. AFS hatte es doch sehr schwer eine Gastfamilie im Raum Budapest für mich zu finden. Wer will schon einen 20-jährigen Jungen aufnehmen, wenn auch eine hübsche 16-jährige Schülerin zur Auswahl steht? So hangelte ich mich zu Anfang von „Welcome Family“ zu „Couch Surfing“-Unterkunft und wieder zurück zur Welcome Family, bis sich nach knapp 2 Monaten endlich durch Zufall auch die passende Gastfamilie für mich gefunden hatte. Und das Warten auf diese Familie lohnte sich. Meine fünf Gastgeschwister sorgten dafür, dass sich  meine kläglichen Ungarischkenntnisse aus der Sprachschule, die ich für drei Wochen vormittags besuchen durfte, dramatisch verbesserten. Hatte ich anfangs im Büro, mit der Welcome Family und den Freiwilligen nur Englisch gesprochen, begann ich nach wenigen Wochen bei meiner Gastfamilie langsam Ungarisch zu sprechen. Zugegebenermaßen machte ich natürlich sehr viele Fehler. So gelang es mir einmal im vollbesetzten Zug laut zu sagen, dass ich doch sehr schwul sei. Eigentlich war mir aber nur sehr warm! So schnell kann man mal danebenliegen. Doch ich ließ mich durch solche „Sprachbarrieren“ nicht entmutigen und machte zum Erstaunen meiner Kolleginnen schnelle Fortschritte. Sie bemerkten doch nur langsam, dass ich mittlerweile immer mehr von ihren teils brisanten Gesprächen während der Mittagspause verstand.

„ Der reisende Botschafter von AFS“
Insgesamt ging es bei meiner Arbeit im AFS Büro immer sehr entspannt zu. Meine Kolleginnen empfingen mich herzlich und voller Freude einen Neuen im Team zu haben. Auch die Arbeitszeiten gaben mir Grund zur Freude. Ich arbeitete nun von 10 bis 17 Uhr. Den Weg zum Büro legte ich meistens mit dem Bus oder der Straßenbahn innerhalb von einer halben Stunde zurück. Zu Beginn meiner AFS-Karriere unterstützte ich meine Kollegin vom Hosting, indem ich E-Mails auf Englisch an die Austauschschüler schrieb, Daten in Global Link eingab oder Unterlagen sortierte.  Ab Oktober wechselte ich dann allerdings zum Sending. Hier ging es dann etwas anders zu, denn im Bereich Sending lag meine Hauptaufgabe während meines FSJ’s darin, Präsentationen zum Thema „Interkulturelles Lernen“ an Schulen in ganz Ungarn zu halten. Diese neue Aufgabe forderte mich weit mehr heraus als die Arbeit im Büro. Ich brauchte ein paar Tage um meine Präsentation am Computer zu gestalten und mir ein ansprechendes Programm auszudenken, mit dem ich einen bleiben Eindruck bei Schülern und Lehrern hinterlassen wollte. Von Oktober bis März dauerte meine große Ungarntour, während der ich Schulen in allen wichtigeren Städten Ungarns besuchte. Meine Kollegin nannte mich scherzhaft den „reisenden Botschafter von AFS“. Ich schaffte es mit meinen Lehrstunden auf Englisch und Deutsch sogar in die ein oder andere Zeitung. Ich kam sehr viel herum, was aber auch dazu führte, dass ich relativ wenig Zeit mit meiner Gastfamilie verbringen konnte HUN_timo_peter_gruppe3und auch keinem festen Hobby in Budapest nachgehen konnte. Aber die Präsentationen machten mir sehr viel Spaß und ich bekam durchweg gutes Feedback von Lehrern, Direktoren und auch den Schülern. Ich wurde von Präsentation zu Präsentation sicherer und schaffte es in den letzten Monaten sogar Präsentationen für jüngere Schüler auf Ungarisch zu geben. Bei Reisen in andere Städte wurde ich immer freundlich durch die AFS Freiwilligen der örtlichen Komitees empfangen und betreut. Wir machten Ausflüge, gingen ins Kino und klapperten die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Region ab. Meistens halfen die Freiwilligen mir auch den richtigen Ansprechpartner in den Schulen zu finden und bei der Reiseplanung. Es war nicht immer ganz einfach an Budapests Bahnhöfen den richtigen Zug oder Bus zum Zielort zu finden, doch mit ein wenig Geduld und Vertrauen in die eigenen Sprachkenntnisse konnte ich mir die meisten Informationen, wenn auch manchmal mit Händen und Füßen, erfragen. Entspannter ging es dann zu, wenn ich mit dem AFS-Auto anreisen konnte. Der Verkehr in Budapest läuft zwar etwas anders als bei uns in Deutschland, aber ich kam doch relativ schnell zurecht.

Kulturhauptstadt Budapest
Neben meinen Reisen als „AFS Botschafter“ hatte ich auch noch die Gelegenheit unsere Austauschschüler auf Ausflügen nach Prag und Wien zu begleiten. Letzteren Ausflug hatte ich selbst zusammen mit einer Freiwilligen geplant und organisiert. Diese eigenverantwortliche Arbeit bereitete mir auch sehr viel Spaß. In meiner Freizeit versuchte ich Budapests kulturelles Angebot so gut wie möglich zu nutzen. Besonders gefielen mir das weltberühmte Operettentheater, in dem die Vorstellungen mit englischen oder deutschen Untertiteln laufen, die vielen gemütlichen Cafés und Bars in Budapests Kellern und Innenhöfen und die große Anzahl an Kinos, die viele Filme auch im Original zeigen.

Noch einmal ein FSJ? Jederzeit!
Unterm Strich lässt sich dann noch folgendes über mein FSJ in Ungarn sagen: Es war ein sehr interessantes Jahr, in dem ich viel Neues kennen gelernt habe und Einiges dazu gelernt habe. Ich spreche eine weitere Sprache und habe gelernt mich in einer der schönsten europäischen Großstädte zu Recht zu finden. Ich habe viele interessante Leute getroffen und Freunde in einem fremden Land gefunden. Ich habe keine Berührungsängste mehr Sprachen zu sprechen, die nicht meine Muttersprache sind und habe auch keine Angst mehr Fehler beim Sprechen zu machen.
Natürlich war nicht immer alles perfekt, aber so ist nun einmal das Leben und man lernt Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind, sich mit Problemen auseinanderzusetzen und Wege zu finden diese zu lösen. Ich weiß nun wie es ist jeden Morgen regelmäßig zur Arbeit zu gehen, sich neu in ein Team zu integrieren und mit Kollegen abzustimmen, Verantwortung zu übernehmen und habe nun auch eine Vorstellung, was eigentlich so alles in einem Büro passiert. Stünde ich noch einmal vor der Entscheidung  ein FSJ als Ersatz für meinen Zivildienst anzutreten, wäre ich ohne Zögern wieder dabei.