Gastfamilie für den Schüleraustausch werden

Ekaterina aus RUSSLAND: Dieses Jahr war oft schön, manchmal schwierig, lustig und selten langweilig

Mein Abschlußbericht für meinen Aufenthalt in Gera/Deutschland

Nun geht meine Zeit in Deutschland zu Ende, schneller als ich gedacht habe. Wenn ich zurück schaue, sehe ich eine große Menge Erlebnisse, sowohl schöne als auch einige negative – aber das war am meisten nur meine Schuld.
Und jetzt fällt mir nicht gleich ein, wo ich meine Erzählung anfangen muss, von welchem Erlebnis oder welcher Erinnerung ich aus gehe.
Jetzt, wenn ich das schreibe, habe ich schon Ferien. Wir hatten den letzten Schultag am 24. Juni. Vorher habe ich niemals gedacht, dass ich meine Klasse in Zukunft vermissen werde, weil es nach den Worten des Lehrers so chaotisch und undiszipliniert ist. Es war ein Klassenbestand von nur zehn Schülern (ich die 11.), die lauter waren als zwanzig, aber trotzdem sehr nett. In der Schule habe ich nicht nur mit meiner Klasse Kontakt gehabt, sondern auch mit Parallel-klassen und sogar mit einer achten Klasse, wo ich Ende Februar eine Russisch-Stunde durchgeführt habe. Diese lief sehr gut, obwohl wir nur die ersten
10 Minuten Russisch gesprochen haben und danach Deutsch.
Auf diese Weise habe ich Leute kennen gelernt, mit denen ich mich bis zum Ende des Schuljahres gut unterhalten habe.
Eigentlich muss ich sagen, das Schulleben hat mir in dem Sinne geholfen, dass ich verstanden habe, wie wenig ich weiß und wie viel ich noch lernen muss.    Um etwas Neues zu lernen, habe ich schon in dieser Zeit irgendwelche Schritte unternommen. Gleich an meinen ersten Schultagen habe ich mich in der Bibliothek registrieren lassen und bis zum letzten Tage habe ich Bücher in Deutsch und Englisch gelesen. Ich glaube, dass Lesen eine gute Weise ist, Fremdsprachen zu lernen.
Was finde ich sehr schön in der deutschen Schule. Hier gibt es Fächer, die haben wir zu Hause leider nicht, zum Beispiel Ethik und Astronomie. Für diese Bereiche interessiere ich mich sehr und hatte hier eine Möglichkeit, diese Fächer ein bisschen tiefer zu erkennen.
In diesem Schuljahr  habe ich Dinge gemacht, an die ich früher gar nicht denken konnte. Ich habe z.B. vor der ganzen Klasse gesungen und das war gar nicht so schlecht, aber früher konnte ich mir so etwas gar nicht vorstellen.
Die Geschichte mit meinem Schulpraktikum gehört auch dazu. Im Februar mussten wir für zwei Wochen ein Schulpraktikum in irgendwelchen Betrieben selbst auswählen. Ich habe mich gleich für eine Buchhandlung entschieden und war mir sicher, dass ich auch dabei bleibe. Aber fast im letzten Moment habe ich ein Prospekt über die Tanzschule Schulz gesehen. Eigentlich tanze ich gerne und interessiere mich dafür. Also habe ich eine spontane Entscheidung getroffen, Tanzschule statt Buchladen. Und das habe ich richtig gemacht. Während dieses Praktikums musste ich zu Beginn Prospekte und Plakate in der Stadt verteilen,
in Geschäften, Kaffees, Gaststätten u.s.w. anbieten. Und wenn man so etwas macht, muss man natürlich zu unbekannten Leuten gehen, etwas anbieten, reden  und vielleicht auch „Nein danke“ anhören. Davor hatte ich riesige Angst. Bei mir ging das immer sehr schwer – ein Gespräch mit unbekannten Leuten zu führen. Aber nachdem ich einige Geschäfte und Gaststätten aufgesucht hatte, habe ich erkannt, dass es gar nicht so furchtbar ist.
Am letzten Tag von meinem Praktikum habe ich auch am ersten Tanzunterricht
einer Anfänger-Gruppe teilgenommen, die Paartanzen erlernen wollten. So habe auch ich mit Paartanzen angefangen und den Tanzunterricht bis zum Anfang der Sommerferien besucht. Ich habe mir vorgenommen, zu Hause auch eine Tanz-  schule zu besuchen.

Früher hatte ich keine Ahnung wie man Nudeln kocht. Aber hier habe ich mich entschieden, Kochen zu lernen. Meine Gasteltern haben mich dabei unterstützt  und dafür bin ich sehr dankbar. Sie haben alle Zutaten besorgt, Rezepte angeboten und manchmal beim Zubereiten geholfen. Am meisten ging alles relativ gut und das Essen war sogar essbar.
Christine und Rudolf haben eine freundliche und gemütliche Atmosphäre aufge- baut, sie waren sehr nett und offen zu mir, unwahrscheinlich tolerant und hatten bestimmt viel Geduld – ich weiß schon, dass ich nicht ein „leichtes Kind“ bin.
Allgemein kann ich sagen, dass ich großes Glück mit meiner Familie gehabt habe. Ich finde, dass eine gute Beziehung zwischen Gastfamilie und Austauschschüler sehr wichtig ist, denn wenn etwas schief läuft in der Familie, läuft alles andere auch schief. Bei mir ist es mindestens so.

In den Ferien haben wir zusammen schöne Reisen unternommen. Ich habe Weimar, Jena, Dresden, Chemnitz, Greiz, Saalfeld und viele verschiedene  Sehenswürdigkeiten dieser Gegend gesehen. Insbesondere Dresden ist für mich ein ausgezeichnetes Erlebnis gewesen. Ich interessiere mich sehr gerne für Malerei und male auch selbst, also war es für mich reines Glück, drei Stunden in der Dresdner Galerie „Grünes Gewölbe“ zu verbringen.
Hier in Gera habe ich eine gute Möglichkeit zu malen. Meine Gasteltern haben einen wunderschönen, gepflegten Garten mit verschiedenartigen Blumen und Pflanzen. Das war für mich wirklich schön, draußen an dem Tisch zu sitzen und Tulpen malen.
In Sankt Peterburg wohnen wir in der Stadtmitte, in einer Wohnung und haben keinen Garten oder so etwas in dieser Art und für mich war es sehr interessant zu erfahren, wie man die Pflanzen nennt, wie sie gepflegt werden, was für Besonderheiten sie haben u.s.w.
Im Allgemeinen hat die Natur große Unterschiede und auch große Vorteile, wenn ich Gera mit meiner Heimatstadt vergleiche, Manche Leute fragen mich,  ob es nicht seltsam und schwer ist – nach dem Megapolis -, in einer kleinen
Stadt zu leben. Das Leben ist hier total anders und für mich ein bisschen unge-  wohnt, weil ich in einer großen Stadt geboren und aufgewachsen bin, wo jede Minute etwas passiert. Hier ist das Leben ganz anders, mehr ruhig und geordnet.
Aber was für Luft gibt es hier! Man kann es kaum beschreiben. Sie ist rein, süß, frisch und duftet nach Lindenblüten. Die Natur hier in Gera ist reich, sauber und einfach wunderschön. Wir essen auch grünen Salat, Gurken und Beeren aus unserem eigenen Garten.
Obwohl die Luft in Sankt Petersburg nach Auto-Auspuff stinkt, werde ich mich trotzdem freuen, wieder da zu sein. Da warten auf mich meine Familie und meine besten Freunde, die für mich natürlich sehr wichtig sind. Früher konnte  ich mir das nicht vorstellen, ohne sie zwei Tage zu verbringen und jetzt bin ich ein ganzes Jahr weg. Aber nun haben wir das fast überstanden.
Hier hat mir Rudolf geholfen und einen Internetzugang ermöglicht, also konnte ich mit meinen Freunden chatten und auch mit Internet telefonieren. Nur Internet-Umgang hat natürlich bestimmte Nachteile, aber trotzdem ist es eine  gute Möglichkeit Kontakt zu halten.
Im Allgemeinen kann ich sagen, dass diese letzten Monate gar nicht sooo schwer für mich waren – natürlich in erster Linie wegen meiner Familie, die  alles möglich gemacht haben, damit ich mich wohl fühle und positive Erlebnisse bekomme. Jeden Tag komme ich gerne nach Hause, wo Christine mit warmen Essen und herzlicher Umarmung auf mich wartet. Mit Christine habe ich auch einen gegenseitigen Kenntnis-Austausch gehabt – ich habe von ihr neue Rezepte gelernt und sie – von mir. Zum Beispiel ein Rezept für Russischen Osterkuchen mit einer delikaten Creme dazu. Ich habe das alles zum Osterfest selbst zubereitet, denn ich wollte, dass diesen Russischen Osterbrauch meine Familie kennen lernt. Meiner Familie hat das sehr gefallen und sie wollen es im nächsten Jahr jedenfalls selbst machen und das freut mich natürlich.
Bei Christine habe ich auch gelernt, keine Angst vor spontanen Schritten und Entscheidungen zu haben, und von Rudolf – gründlicher und folgerichtiger zu sein. Das muss ich noch lernen, aber der Anfang ist gegeben.
Obwohl ich immer noch gewisse Nachteile und Probleme habe und noch manche Fehler mache, für die ich mich schämen muss, bin ich in diesem Jahr  doch erwachsener geworden. Ich glaube, eine große Rolle hat hier die Notwendigkeit gespielt sein Leben selbst zu gestalten. Bekannte finden, in viele Kollektive hinein kommen, mit einer Menge neuer Leute Kontakt aufbauen  sowie fakultative Tätigkeiten für mich suchen.
Zu Hause habe ich schon das alles – einen gewissen Kreis von Leuten, die ich liebe, einen großen Kreis von Bekannten, Bereiche wo ich beschäftigt bin,  Schul-Kollektive und ich brauche mir keine Mühe zu geben, um mein Leben interessant zu machen – das war es schon. Aber hier musst du alles selbst orga-nisieren und das hängt alles nur von dir ab, ob dein Leben hier interessant oder uninteressant ist. Man muss sich mit neuen Bereichen beschäftigen, zu neuen Leuten kommen und wenn das nicht gelingt, wird sogar der Charakter gestärkt.

Ein ganzes Jahr so weit von zu Hause und der Familie zu verbringen, war doch schwer für mich – ich bin ein Familienkind und dazu verwöhnt, muss man ehrlich sagen.
Aber ich habe hier gelernt, meine Probleme selbst zu lösen oder mindestens zu versuchen, ich bin selbständiger geworden und ich habe Geduld gelernt.
Ich habe eine Menge ganz unterschiedlicher Menschen kennen gelernt, aus   verschiedenen Ländern, für mich ganz neu und jeder war einzigartig und interessant. Ich bin mehr tolerant geworden und habe verstanden, dass das, was für mich vielleicht uninteressant und seltsam ist – kann objektiv  gar nicht schlecht sein und man muss einfach seinen Stadtpunkt wechseln, um das zu sehen.
Dieses Jahr war oft schön, manchmal schwierig, lustig und selten doch langweilig – wie dieser Bericht, der jetzt auch zu Ende geht.

Ekaterina, Russland 2008/09