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Genau das richtige Land für mich

Camillo, Polen, 2008/09,

Genau das richtige Land für mich

Jetzt ist es schon über ein Jahr her, dass ich nach Polen abgereist bin, und schon gut drei Monate, dass ich wieder da bin, und ich versuche, mich zurückzuerinnern. Am Anfang, bevor es losging, war ich mir noch sehr unsicher und habe gezweifelt, ob es richtig war, wegzugehen und vor Allem nach Polen zu gehen. Jetzt kann ich aber sagen, dass Polen genau das richtige Land für mich war (auch wenn es im Nachhinein hätte exotischer sein können), und möchte mich beim AFS und bei der Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft bedanken, dass Ihr mir diese Erfahrung ermöglicht habt.

Beide Gastfamilien sehr nett

Das Wichtigste in einem Austauschjahr ist ja wahrscheinlich meistens die Gastfamilie. Ich war zuerst in einer Willkommensfamilie, die sehr interessant und nett war. Nur meine Gastschwester und meine Gastmutter waren zuhause, und der Anfang war für mich dadurch viel einfacher, dass sie Beide englisch sprachen. Meine Gastmutter war Restauratorin und im Wohnzimmer stand ein großer auseinandergebauter barocker Altar, den sie restaurierte und vergoldete. Dazwischen liefen ein Hund und ein Kater herum, die Lieblinge meiner Gastmutter. Die Familie war vor ein paar Jahren aus Krakau aufs Land gezogen und zwar gar nicht typisch polnisch(falls es so etwas überhaupt gibt), aber sehr sympathisch.

In meiner zweiten Gastfamilie war es auch sehr nett, obwohl lang unklar war, wie lange ich dort bleiben konnte. Mit den zwei kleinen Gastgeschwistern freundete ich mich sofort an, und sie werden sich wohl noch lang an mich erinnern. Mit meinem Gastvater verstand ich mich auch sehr gut, wir redeten und diskutierten viel, und er hat mir schon gesagt, dass er mich vermisst. Mit meinem älteren Gastbruder kam ich auch gut aus, wir hatten ein brüderlich-freundschaftliches Verhältnis, das zum Ende hin immer besser wurde, ich denke er war oft froh, wenn er jemanden zum reden hatte. Mit meiner Gastmutter war es etwas schwieriger, aber ich habe mich auch mit ihr gut verstanden.

Neun-Gänge-Menü an Heiligabend

Die Familie war ziemlich traditionell und eher „typisch“ polnisch. Sie gingen jeden Sonntag in die Kirche, und ich ging oft mit, da mich das interessierte, besonders an speziellen Feiertagen war es spannend, zum Beispiel Ostern und Fronleichnam, die katholischen Bräuche zu sehen. Auch andere Traditionen waren interessant, z.B. Heiligabend: Das wichtigste am Heiligabend ist das Essen, traditionell isst man zwölf Gänge, wir hatten neun, und da Heiligabend ein Fastentag ist, alles ohne Fleisch (und das wo die Polen sonst täglich Mengen an Fleisch essen). Das war sehr lecker und ein schönes Erlebnis; es war eine der wenigen ruhigen, gemeinsamen Mahlzeiten. Ich konnte das aber nicht so ganz genießen da ich Heimweh hatte.

Die polnische Hochzeit

Wir wohnten in einem Dorf nah an Krakau, und der Großteil der Verwandtschaft wohnte dort oder im Nachbardorf, sodass ich schnell die ganze nähere Verwandtschaft kennenlernte, da sie sich alle fast jeden Sonntag trafen. Ein besonders schönes Erlebnis mit meiner Familie war im Juli, als wir schon Ferien hatten, eine Hochzeit, auf die sie eingeladen waren und mich mitnahmen. Ich hatte schon viel von polnischen Hochzeiten gehört, und es war sehr schön, auch wenn man wie ich nicht getrunken sondern nur getanzt hat (was sich die Polen gar nicht vorstellen können).

Meine ersten Tage in der Schule

Die Schule war von Anfang an sehr schön, am ersten Tag versammelte sich die ganze Schule in einem Kino, da es in der Schule keinen Raum gab, in den alle hineinpassten. Ich war mit Gwendolin da, der deutschen Austauschschülerin, mit der ich auf diese Schule gehen sollte, und wir fühlten uns ziemlich verloren, als Einzige nicht fein im Anzug und ohne viel zu verstehen (ich hatte vorher etwas Polnischunterricht, sie gar nicht), aber mein Klassenlehrer stellte mich gleich zwei meiner künftigen Klassenkameradinnen vor und ich konnte mich mit ihnen auf englisch unterhalten.

Mit meiner Klasse verstand ich mich sofort gut, am Anfang redete ich mit allen englisch, und befreundete mich deshalb auch zuerst mit denen, die am besten englisch konnten, nach ein paar Wochen, fing ich an, mit vielen polnisch zu reden, und nach ungefähr zwei Monaten war es einfacher, polnisch zu reden. Gegen Ende habe ich mit einigen angefangen, deutsch zu reden, die das üben wollten.Sie nahmen mich sehr nett auf und ich hatte Glück, dass es eine erste Klasse (des Liceums) war, und sie sich untereinander noch nicht alle kannten; Gwendolin war in der zweiten Klasse, wurde überhaupt nicht angenommen und wechselte schließlich die Schule.

Gemeinsam mit meiner Klasse habe ich zwei Klassenfahrten und einen Schulausflug gemacht, was uns auch noch einmal näher zusammengebracht hat. Nach der Schule gingen wir manchmal noch zusammen durch die Stadt oder in ein Café, da es offenbar nicht üblich ist, Freunde nachhause einzuladen.

Erfolgreich im Unterricht

Im Unterricht war es am Anfang sehr unterschiedlich, ich habe eigentlich nur in Polnisch (und in Englisch) etwas mitbekommen. Besonders Polnisch hat mir viel Spaß gemacht, am Anfang musste ich mir noch viel übersetzen, aber bald verstand ich immer mehr und konnte mich am Unterricht beteiligen, da mich die Themen interessierten, es ging um Literatur- und Kulturgeschichte und polnische Literatur, chronologisch von der Antike bis zum Barock. Im zweiten Halbjahr kam ich dann schon so gut mit, dass ich die Klassenarbeit mitschreiben konnte (und das zweitbeste Ergebnis in der Klasse hatte). Im zweiten Halbjahr habe ich dann auch in anderen Fächern mehr verstanden und mich mehr einbringen können, vor allem in Physik und Philosophie. Manchmal hätte ich mir aber auch gewünscht, dass die Lehrer mich ernster nähmen und mich mehr wie einen normalen Schüler als wie den deutschen Austauschschüler behandelt hätten, aber es war eigentlich auch gut so, da ich dadurch keinen Stress und mehr Zeit für andere Sachen hatte. Allgemein kann ich sagen, dass mir der Unterricht gefallen hat, auch wenn er sehr frontal war, was ich nicht sinnvoll finde.

Die Sprache

Die Sprache zu lernen ging ziemlich schnell, ich hatte schon in Deutschland etwas Polnischunterricht genommen und hatte deshalb fast alles schon einmal gehört. Am Anfang konnte ich mich noch auf Englisch verständigen, aber schon in der ersten Familie versuchte ich, viel polnisch zu sprechen und meine Gastschwester brachte es mir bei. Nach zwei Wochen hatte ich einen intensiven Sprachkurs, der zwar zum Teil für mich nur Wiederholung war, aber mir viel gebracht hat.

Es gehört für mich zu den wichtigsten Erfahrungen, sich mit Sprache zu beschäftigen, sie zu hinterfragen und dadurch, dass man in einer anderen Sprache denkt, Dinge von einem anderen Standpunkt aus zu sehen. Dies ist auch das wichtigste, was ich anderen Austauschschülern sagen würde: unvoreingenommen und positiv ans Sprachelernen herangehen, dann wird das und alles andere auch viel einfacher.

Viel Zeit in Krakau verbracht

In meiner Feizeit habe ich viel Zeit in Krakau verbracht, damit, durch die Stadt zu schlendern und sie kennenzulernen, in Cafés zu sitzen und in Buchhandlungen und Antiquariaten zu stöbern. Krakau ist eine faszinierende Stadt, mit ihrer Geschichte die überall sichtbar ist, mit den Kirchen, den vielen Studenten, aber auch den Touristen. Zum Anderen ist Krakau aber auch eine kleine Stadt, die ganze Altstadt und alle wichtigen Sachen sind eng zusammen und deshalb ist die Atmosphäre auch eher gemütlich und familiär. Mit unserer Gruppe aus Deutschland, vier Austauschschüler und ein Zivildienstleistender, haben wir auch immer viel gemacht, wir haben uns getroffen, Krakau erkundet, Polnisch gelernt, gekocht und gesungen. Es war gut, mit ihnen Deutsch sprechen zu können, da wir auch alle in einer ähnlichen Situation waren, obwohl wir wahrscheinlich etwas zu viel gemeinsam gemacht haben, weil wir auch erst ziemlich spät untereinander Polnisch gesprochen haben und es schwieriger war, sich einen eigenen Freundeskreis aufzubauen.

Drei AFS Camps

Im ganzen Jahr hatten wir drei AFS-Camps, das erste war ein Late Orientation Camp nach zwei Wochen, direkt vor dem Sprachkurs. Das war sehr schön, für uns war noch alles neu, und wir kannten uns auch untereinander noch nicht gut, sodass es spannend war, sich einfach kennenzulernen und auch von zu Hause zu erzählen. Wir hatten ja auch alle schon unsere ersten Erfahrungen gemacht, konnten von den Familien und den Schulen erzählen und unsere ersten Fragen stellen. Dabei haben wir noch ein schönes Kloster bei meinem Dorf besichtigt. Das zweite Camp Ende März war sehr intensiv, wir haben eine Zwischenbilanz gezogen und uns vorgenommen, was wir noch alles tun wollten. Beim dritten Camp im Juni hatte ich aber noch kaum etwas davon gemacht, und war eher in der Stimmung für eine Zwischenbilanz. Die Zeit ging einfach so schnell vorbei, dass ich zu vielem nicht gekommen bin, was ich mir vorgenommen hatte, aber wahrscheinlich hatte ich mir auch zu viel vorgenommen.

Alles in Allem habe ich aber sehr viel erlebt und viele Erfahrungen gemacht und gelernt, und ich muss es jetzt noch verarbeiten, jetzt kommt es mir nämlich schon so vor, als wäre ich gar nicht weg gewesen, da mich der Alltag hier schon wieder so in Anspruch nimmt.