Weihnachten 12 000 Kilometer von zu Hause |
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Dunkelheit, Stille und Besinnlichkeit, Minustemperaturen und vor allem Schnee: Für Enrico Roberto ist dies kaum vorstellbar. Erst recht nicht im Dezember und kurz vor Weihnachten. Er feiert das Fest normalerweise bei strahlendem Sonnenschein und dabei angenehm milden Temperaturen, schließlich ist bei ihm Sommer. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Seit Mitte Februar wohnt der 17-Jährige bei der Familie Wasser im beschaulichen Ebelsbach anstatt in seiner Heimatstadt São Paulo, der mit über zwölf Millionen Einwohner größten Metropole Brasiliens. Möglich gemacht hat dies "AFS interkulturelle Begegnungen e. V.", die größte und älteste Jugendaustauschorganisation weltweit, deren deutsche Niederlassungen sich in Stuttgart und Hamburg befinden. Nachdem sie vor vier Jahren mit Annia Carolina Guatibonza Tamayo aus Kolumbien schon einmal einen Gast aus Südamerika hatten, erklärten sich Doris Wasser und ihr Mann Martin erneut bereit, einen Jugendlichen bei sich aufzunehmen - als "Willkommensfamilie" zunächst für zirka einen Monat. Doch nachdem sich alle gut verstanden haben, wurde der Aufenthalt von Enrico schon nach einigen Tagen bis zum 10. Januar 2010 verlängert. Ganz nach dem Motto von AFS, "Die Welt nach Hause holen" und es jungen Menschen aus einem anderen Kulturkreis zu ermöglichen, Land und Leute in einem Zeitraum binnen eines Schuljahres kennen zu lernen, war und ist der Brasilianer seither "mittendrin, statt nur dabei". Deshalb erlebt er nun auch die Vorweihnachtszeit und das Geburtsfest Christi zum ersten Mal fast 12 000 Kilometer von zu Hause entfernt. Bis auf den Advent ("Der wird bei uns kaum gefeiert") hat er in den letzten Wochen bereits einige Parallelen, aber auch viele Unterschiede entdeckt. "Unsere Straßen haben normalerweise mehr Licht als in Deutschland", erzählt der 17-Jährige in perfektem Deutsch. "Es gibt aber keinen Weihnachtsmarkt und weniger allgemeine Dekoration." Am meisten gefallen ihm die Märkte sowie die stärkeren Weihnachtstraditionen, denn "bei uns ist Weihnachten leider eher ein kapitalistisches Feiern". Gemeinsames Feiern schön An der Weihnachtszeit findet Enrico das Zusammentreffen der ganzen Familie sowie vor allem das gemeinsame Feiern am schönsten. "Das ist meiner Meinung nach der echte Sinn von Weihnachten heutzutage." Und obwohl in seiner Heimat kein Schnee fällt, ist das Bild für ihn interessanterweise auch mit Weihnachten verknüpft. "Schnee habe ich erst in Deutschland gesehen. Ich liebe ihn", lacht der junge Austauschschüler. Wie genau der Heilige Abend bei den Wassers abläuft, wird Enrico heute erleben. Bei seinen Eltern Jose und Mara sowie seiner kleinen Schwester Lorena in São Paulo kommt derweil die gesamte Familie zusammen. Dann gibt es "das typische Abendessen an Weihnachten": Truthahn. Im Anschluss, beschreibt er den Ablauf, warten dann alle auf Mitternacht. "Genau um 24 Uhr werden die Geschenke, die natürlich alle unter dem Weihnachtsbaum liegen, verteilt." Und zur gleichen Zeit gibt sich zudem der Weihnachtsmann die Ehre und gibt den kleineren Kindern ebenfalls verpackte Spielsachen oder Süßigkeiten. "Die Tradition des Nikolaus ist bei uns nicht bekannt, nur seine Geschichte." Normalerweise übernachten dann die Verwandten und Gäste in demselben Haus, um am 25. Dezember nochmals groß feiern zu können. "An diesem Tag gehen die meisten in die Kirche." Erst abends gehen die Feierlichkeiten zu Ende. Die Dekoration allerdings bleibt noch drei Wochen stehen. "Wie in Deutschland ist dann Weihnachten offiziell vorbei und der Karneval beginnt so richtig." Seitdem er in Deutschland beziehungsweise im Landkreis Haßberge ist, beschäftigt sich Enrico Roberto freilich nicht nur mit Feiern. Er besucht die elfte Klasse des E.T.A. Hoffmann Gymnasiums in Bamberg. Dort absolviert er nicht nur den normalen Unterricht, sondern macht zweimal in der Woche nachmittags freiwillig Überstunden. "Die Schule ist für mich verpflichtend wegen AFS." Außerdem muss er sein brasilianisches Schuljahr in Deutschland ausgleichen. Dabei stand Deutschland zunächst nicht ganz oben auf der Wunschliste. "Meine allererste Wahl war die Schweiz. Aber gleich danach habe ich mich entschlossen, nach Deutschland zu fahren, hauptsächlich wegen der Sprache und der Kultur, für die ich mich immer interessiert habe." Bereut hat er seine Entscheidung nicht. Von vielen Dingen wurde er bereits positiv beeindruckt: von der deutschen Organisation ebenso wie von der Disziplin und nicht zuletzt der Pünktlichkeit. "Besonders schön" findet Enrico das "starke Gemeinschaftsgefühl", welches er in Ebelsbach kennen- und schätzen gelernt hat. Insgesamt hat er in den letzten Monaten eine zweite Welt entdeckt. Zwar gebe es in Brasilien, ein großes Land mit vielen kulturellen Unterschieden zwischen den Bundesländern, und Deutschland auch Gemeinsamkeiten. Die Unterschiede jedoch überwiegen. "Meiner Meinung nach sind die Brasilianer im Allgemeinen wärmer als die Deutschen", so seine Einschätzung. "Ich finde aber auch, dass wir fauler und chaotischer als die Deutschen sind. Und das gefällt mir in meiner Heimat natürlich nicht so gut." Weitere Abweichungen gebe es bei den Traditionen, die in Deutschland "einfach älter und stärker als die brasilianischen" sind, das Wetter ("Bei uns ist es ziemlich wärmer") sowie der Verkehr. Ihn bezeichnet Enrico als "unvergleichbar schlechter, zumindest auf den Straßen". Auch Busse, Züge, U-Bahnen und so weiter sind in der großen Stadt São Paulo "viel voller als hier". So wohl er sich in der anfangs für ihn fremden Welt inzwischen fühlt, vermisst Enrico schon einiges. Am meisten seine Muttersprache, Portugiesisch. "Es ist schwer, sich nicht immer so gut wie gewollt ausdrücken zu können." Auch auf (s)eine richtig große Stadt freut er sich, wenn er in zwei Wochen sein "Zelt" in Ebelsbach abbaut und wieder nach Brasilien zurückfliegt. "Ich finde die kleinen Städte sehr schön, und ich liebe Bamberg und Ebelsbach. Ich glaube aber einfach, dass ich ein Stadt-Mensch bin." Wenn es zu guter Letzt ums Essen geht, stellt er der deutschen Küche ganz klar jedoch die Note 1 aus: "Das deutsche Essen ist wirklich sehr gut." Kein Wunder, dass er sich riesig auf die Weihnachtstage freut, denn das Fest der Liebe wird für ihn mit Sicherheit auch ein Fest des Gaumens. |
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