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"Man meldet sich nicht im Unterricht"

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Fernostbesuch: Eliteschülerin Aika Tanabe wohnt für knapp ein Jahr in Roßdorf und besucht ein Darmstädter Gymnasium

Mit Besteck zu essen und die Zeitung von links nach rechts zu lesen, ist noch immer ungewöhnlich für sie, aber Aika Tanabe (17) gefällt das Leben in Deutschland. Noch bis Juli, insgesamt ein knappes Jahr, wohnt die Tokioterin bei Familie Kaffenberger in Roßdorf.

Die Organisation AFS, spezialisiert auf Auslandsschulbesuche, hatte Aika eigentlich an eine Familie in Heppenheim vermittelt. Das funktionierte aber nicht. Japan-Fan Sina Kaffenberger (16), ebenfalls bei AFS, erfuhr davon und schlug ihren Eltern spontan vor, das Mädchen aufzunehmen. Die waren rasch einverstanden.

Sina hält auf Japan große Stücke: es war ihr erster Wunsch für einen Auslandsaufenthalt und sie war überglücklich, als es 2008 tatsächlich für elf Monate nach Fernost ging. Sie landete in Utsunomiya - ,,noch kleiner als Roßdorf". Land, Kultur und Sprache haben Sina beeindruckt, das Schulsystem verwirrte sie eher. ,,Bei uns meldet man sich nicht im Unterricht", erklärt Aika, die schon viel Deutsch versteht und auch ein wenig spricht.

Sina hatte ihrerseits in Japan nicht nur japanisch gelernt, sondern auch den sonstigen Unterricht in der Schule verfolgt. ,,Der Englischlehrer war ganz perplex, als ich ihm einfach das Ohr ablaberte." Normalerweise gibt es in Japan nämlich reinen Frontalunterricht, ähnlich wie in Vorlesungen.

Jetzt geht Sina gemeinsam mit Aika in eine zehnte Klasse des Darmstädter Ludwig-Georg-Gymnasiums. Aika, die in Tokio eine Eliteschule besucht, muss alle zwei, drei Monate einen Brief mit Eindrücken aus Deutschland schreiben, die im dortigen Newsletter erscheinen. Die Japanerin war auch schon in Kanada, Australien und England - um ihr Englisch zu verbessern.

Die Japanerin Aika liest viele Bücher - und Manga-Comics. ,,Die sind auch der Grund, weshalb meine Sina unbedingt mal nach Japan wollte", erzählt ihre Mutter, Inge Kaffenberger. Was die beiden Mädchen außerdem eint, ist die Liebe zur Musik. Die junge Japanerin bringt ihre Stimme nicht nur an der Schule, sondern auch im Roßdörfer Chor ,,Young Voices" ein. Und sie begleitet ihre Gastschwester zu den Treffen der evangelischen Jugendgruppe. Aus Sicherheitsgründen darf sie nicht alleine reisen, aber an organisierten Fahrten nach Speyer und Berlin nimmt sie teil. Mit der Schule sahen sie den ,,Datterich" im Staatstheater, mit dem Jugendorchester ging es nach Bochum zum Musical ,,Starlight Express" und im Mai fährt die Familie Kaffenberger nach Innsbruck zum World Music Festival. Sina und ihre Mutter spielen dort mit tausenden Gleichgesinnten Akkordeon vor großer Kulisse.

Die Umstellung von der Metropole Tokio mit gut acht Millionen Einwohnern in der Stadt und 30 Millionen in der Region aufs beschauliche Roßdorf fiel Aika nicht allzu schwer. Sie schätzt die Ruhe hier.

In Tokio fährt sie im Winter mit der U-Bahn zur Schule, ,,sonst mit dem Rad". Eine Schneelandschaft, wie sie in den letzten Wochen den Landkreis prägte, kennt sie von daheim nicht. Aber es ist nicht ihr erster Schnee. Immer wieder mal macht Familie Tanabe Skiurlaub in Nagano - Austragungsstätte der Olympischen Winterspiele 1998.

Die zurückliegenden Feiertage waren ein besonderes Erlebnis für Aika, doch das Drumherum ist ihr nicht unbekannt. Es gibt zwar nur wenige Christen in Japan, aber Weihnachten feiert Familie Tanabe ,,seit ich ein kleines Kind war". ,,In Japan wurden vor allem der Kitsch und das Geschenke schenken übernommen", ergänzt Sina. 2010 ist nun, den chinesischen Tierkreiszeichen zufolge, das Jahr des Tigers. Zu Neujahr verschicken Japaner bis zu 100 oder mehr ,,Kanji"-Glückskarten. Millionen besuchen Shinto-Tempel, um Glück und Segen zu erbitten. Zumindest in Sinas Gastfamilie wurde nur um Mitternacht angestoßen, und dann ging es gleich ins Bett, erzählt ihre Mutter. Silvester 2009 haben sie und ihr Mann mit Aika, Sina und gemeinsamen Schulfreunden daheim gefeiert. Es gab Raclette und Feuerwerk. ,,So hautnah waren Kracher neu für sie", sagt Inge Kaffenberger.
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