Schwarzkollmerin Sarah Stötzner hilft derzeit Erdbebenopfern in Haiti |
| Geschrieben von: Lausitzer Rundschau | |||
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Sarah Stötzner aus Schwarzkollm leistet seit Herbst innerhalb des „Weltwärts-Programmes“ des „American Field Service“ einen Freiwilligendienst in einem Reha-Zentrum für behinderte Kinder in der Dominikanischen Republik. Nach dem Erdbeben am 12. Januar in Haiti, bei dem mehr als 220 000 Menschen starben, kam die 20-Jährige über eine lateinamerikanische Hilfsorganisation zur Aufbauarbeit in das Nachbarland. Heute startet sie zu einem neuen Einsatz. Nachfolgend schildert die junge Frau ihre Erlebnisse 12. Januar 2010 in Santiago, der zweitgrößten Stadt der Dominikanischen Republik und meinem neuen Zuhause: Vor einer Sekunde war noch alles so, wie gewohnt: Ich stehe in der Küche im Haus meiner dominikanischen Gastfamilie und koche Kaffee. Doch plötzlich beginnt sich der Boden unter mir zu bewegen. Das Geschirr in der Spüle klirrt, die Gardinen und unsere Lampe im Esszimmer schwingen hin und her. In dem Moment begriff ich noch nicht, wie viel Elend, Schmerz und Tod dieses Erdbeben nicht einmal 100 Kilometer weiter verursacht hat. Doch als ich die ersten Bilder der Katastrophe im Fernsehen sah, stellte sich gar nicht mehr die Frage, „ob“, sondern nur noch „wie“ ich helfen kann. Die lateinamerikanische Organisation „Un Techo para mi país“ (Ein Dach für mein Land), die 1997 von Studenten in Chile gegründet wurde und mittlerweile in 15 Ländern aktiv ist, hatte ich bereits im Oktober bei Arbeiten in einem der vielen Elendsviertel der dominikanischen Hauptstadt Santo Domingo über einen dominikanischen Freund kennen gelernt. Die Vision dieser Organisation ist ein Lateinamerika ohne Armut und Not. Dafür kämpfen gemeinsam Jugendliche aus 15 Ländern, fahren in Armenviertel bzw. Krisengebiete und verbessern die Lebensqualität der Menschen mit dem Bau eines Holzhauses, einer Notunterkunft. Nachrichtenbilder im Kopf Angst? Nein, Angst hatte ich nicht. Da war ich mir sicher, als mir diese Frage oft von Familie, Freunden und Arbeitskollegen gestellt wurde. Aber sicher war ich mir nicht, was mich im ärmsten Land der westlichen Hemisphäre erwarten würde und so packte ich meinen Rucksack mit den Bildern aus den Nachrichten im Kopf. Gran Goave/ Haiti hieß das Ziel von fast 150 freiwilligen Helfern aus der Dominikanischen Republik, Chile, Nicaragua, El Salvador, Mexiko, Peru und Uruguay die nachts um 3 Uhr vom Büro des Roten Kreuz in Santo Domingo starteten. Unter ihnen waren meine vier Freunde und ich, wir alle Teilnehmer des Weltwärts-Programms in der Dominikanischen Republik. Die Müdigkeit ließ mich das mulmige Gefühl in meinem Bauch vorerst vergessen, doch holte es mich wieder ein, als wir in Dajabón nach drei Stunden Wartezeit die Grenze zu Haiti überquerten. An der Grenze warteten unzählige Container verschiedener Länder und Hilfsorganisationen auf ihre Abfertigung. Nachdem wir die Grenze passiert hatten, wurde mir das, was ich bis dahin schwer glauben konnte, sehr schnell klar: Zwischen den zwei Inselnachbarn Haiti und der Dominikanische Republik liegen Welten, denn auf einmal wechselten wir von einem armen Land in ein unbegreifbar armes Land. Kaum Luft zum Atmen Wir waren zwei Stunden unterwegs, als wir die ersten Vororte der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince erreichten, wo wir unsere Busse wechseln sollten. Die Eindrücke, die ich bekam, kann ich kaum in Worte fassen: Wir kamen an Straßenzügen vorbei, in denen 19 von 20 Häuser nur noch aus Trümmerhaufen bestanden. Schmutz und Müllberge ließen kaum Luft zum Atmen. Mit Tüchern bedeckten wir Mund und Nase, saßen hinter den Scheiben unseres Busses und konnten das, was draußen passierte nicht fassen: An einigen Häusern wurden Trümmer geschleppt, an vielen hatten jedoch die Aufräumarbeiten noch gar nicht begonnen. Mir schien es, als würden die Menschen eine Maske tragen, denn die meisten Gesichter blieben unbewegt, als sie uns sahen. Überraschend fand ich jedoch, dass, wenn sie Reaktionen zeigten, diese meist sehr positiv waren: Kinder jubelten uns zu, Frauen und Männer lachten, zeigten uns ihre Daumen. Die Haitianer versuchen verzweifelt, so schnell wie es geht, wieder ins normale Leben zu finden. Der Zuckerrohrverkäufer stand wie auch vor dem Erdbeben an seiner Straßenecke und verkaufte den süßen Saft. Auf dem Markt priesen die Händler ihre Waren und handelten Preise aus. Nichtsdestotrotz bekam ich den Eindruck, dass viele Menschen den Schritt aus dem Schockzustand noch nicht geschafft haben. Haiti lebt nicht, sondern existiert nur. Symbolisch dafür stehen der komplett zerstörte Präsidentenpalast und die Kathedrale, bei deren Passieren ein Raunen und Aufschreie durch die Stille des Busses gingen. Ein Gefühl von großer Leere Ständig präsent auf den Straßen der Millionenstadt waren Panzer und Fahrzeuge der UN mit ihren Blauhelmsoldaten. Das Leid und Elend der Menschen zeigte sich neben der komplett zerstörten Hauptstadt vor allem in den von Hilfsorganisationen eingerichteten Zeltlagern, die sich über riesige Flächen erstreckten. Oft sahen wir auch provisorisch aufgebaute Zelte: Vier aufgestellte Stöcke wurden mit Laken, Handtüchern oder Pappe umspannt, um den Familien ein Stück Privatsphäre und Geborgenheit zu geben, soweit wie es in diesem Chaos möglich ist. Trotzdem hatte ich mir mehr Präsenz von Hilfsorganisationen erwartet, die den Menschen helfen, die Trümmer zu schleppen und die Häuser neu aufzubauen. Plötzlich schien mich meine Motivation zu verlassen, und ich fühlte mich schrecklich leer und traurig. Nachdem wir auf dem Parkplatz eines UN-Stützpunktes umgestiegen waren, schlugen die Busse den Weg nach Südwesten ein in die ca. 70 km entfernte Stadt Gran Goave, die im Erdbeben des 12. Januar zu 90% zerstört wurde, darunter alle öffentlichen Gebäude wie die Schule und das Polizeibüro. 20 Familien, die vorher von der Organisation ausgesucht wurden und vom Erdbeben besonders schlimm betroffen sind, sollten dort auf uns warten. Aber zuerst hieß es, unser Zeltlager direkt am Meer aufzuschlagen und uns für die zwei Tage Häuserbau vorzubereiten. Wir wurden in Quadrillen zu je sechs bis sieben Freiwilligen eingeteilt. In meiner Gruppe befanden sich neben zwei Dominikanern auch drei junge Haitianer, die in der dominikanischen Hauptstadt Santo Domingo studieren. Wohnen in Trümmern Samstagmorgen um 6 begannen die Arbeiten. Alle Häuser wurden direkt neben den alten eingestürzten Häusern der Familien aufgebaut. Normalerweise muss eine Familie neben dem eigenen Schweiß beim Häuserbau auch 130 US-Dollar beisteuern, aber in Katastrophengebieten wie Haiti brauchten sie dies nicht. Unsere Familie hatte seit dem Erdbeben in den Trümmern ihres alten Hauses gewohnt, die eingestürzten Wände mit Planen und Tüchern abgedeckt, um sich vor den tropischen Regengüssen zu schützen. Untypisch südamerikanisch wurde auch gar nicht lange gewartet und sofort mit dem Ausheben der etwa 90 Zentimeter tiefen Löcher für die Grundpfeiler des Hauses begonnen. Dies nahm den gesamten ersten Arbeitstag in Anspruch. Freude über 18 Quadratmeter Besonders angetan hatte es mir der fünfjährige Sohn der Familie, Socrat, der meine Hand bis zum Ende der Konstruktion nicht mehr loslassen wollte. Am zweiten Tag wurde das 18 Quadratmeter große Fertighaus aus Holz zusammengesetzt und das Dach mit Wellblech gedeckt, drei Fenster und die Tür eingesetzt. Nachdem die haitianische Flagge auf dem Hausdach gehisst wurde, schnitten wir gemeinsam mit der Familie das Band zur Einweihung durch. Herzliche Umarmungen wurden ausgetauscht und die Gesichter der Familie strahlten vor Freude über ihr neues Zuhause. 19 weiteren Familien wurde auf gleiche Weise in Gran Goave ein neues Haus geschenkt. Uns Freiwilligen von „Un Techo para mi País“ ist klar, dass dieses Haus nicht die Lösung für alle Probleme der Familie bedeutet. Mehr ist es ein Neuanfang, eine Starthilfe in ein Leben ohne Armut. Von Nachbeben geweckt Weiterhin wird Haiti von zum Teil starken Nachbeben mit bis zu 5 auf der Richterskala erschüttert und lässt die Menschen in ständiger Angst und Unruhe. Auch wir wurden in den Morgenstunden unserer letzten Nacht in Haiti von einem Beben mit der Stärke von etwa 4,5 geweckt. Die Stunde des Wiederaufbaus von Haiti hat geschlagen: Zwei weitere Einsätze sind geplant. Diesmal sollen pro Einsatz 100 neue Familien ein techo (ein Dach) bekommen, denn „la tierra se movió para que miremos a Haití - muéveté!“ (die Erde hat gebebt, damit wir nach Haiti schauen - Beweg dich!). Und ich werde mich wieder am 19. März bewegen und hoffen, Socrat und Monique in ihrem neuen Haus besuchen zu können.
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