Zum Nordpol ist's ein Katzensprung |
| Geschrieben von: Reutlinger General-Anzeiger | |||
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REUTLINGEN. Der einzige Baum, den er während seines Aufenthaltes in Kalaalit Nunaat zu sehen kriegt, ist der Weihnachtsbaum. Ansonsten 2 175 600 Quadratkilometer Eisberge, Meer, Schnee, Weite, Hügel, Fels, Buchten, Fjorde. Kalaalit Nunaat? »Land der Menschen« lautet die Übersetzung für den Landesnamen Grönlands, größte Insel der Erde, 710 Kilometer vom Nordpol entfernt. Knapp 57 000 Menschen leben im Jahr 2008 dort, darunter der heute 17-jährige Markus Langenbucher aus Reutlingen. Der Zwölftklässler, der sich am Albert-Einstein-Gymnasium auf das Abitur im nächsten Jahr vorbereitet, schreibt im August 2007 an »American Field Service« (AFS), nach eigenen Angaben eine der größten und ältesten gemeinnützigen Jugendaustauschorganisationen weltweit. Ob er sich Hoffnung auf einen Auslandsaufenthalt machen dürfe . Fünf Länder, in die er gerne reisen würde, muss der Schüler angeben. Sie alle liegen ziemlich weit im Norden. Im Februar 2008 bekommt er die Antwort: Auf Dänemark darf sich der begeisterte Handballer, Basketballer und Standard-Tänzer freuen. Weil aber ein einjähriger Aufenthalt in einer fremden Familie richtig Geld kostet, bewirbt sich Langenbucher bei der Landesbank Baden-Württemberg um eine Studienbeihilfe - und kriegt ein Vollstipendium in Höhe von 5 000 Euro. »Damit musste ich bloß noch meine privaten Auslagen finanzieren.« Nur mit Dänemark wird es nichts. »Ob ich mir auch Grönland vorstellen könne, hat mich die AFS gefragt. Kein Problem, solange dort Handball gespielt wird.« Dass er kein Dänisch spricht und grönländisch schon gar nicht, ist zunächst belanglos. Dann lernt man's eben. Also zieht Langenbucher Anfang August 2008 für ein Jahr zur Familie Villadsen nach Ilulissat in Westgrönland am Ostufer der Disko-Bucht. 4 500 Menschen leben dort in den für Grönland typisch bunten Holzhäusern. »Ilulissat ist die drittgrößte Stadt Grönlands. Also eine Art Metropole«, sagt Langenbucher lächelnd. Familie Villadsen, zu der Sohn Taatsinq (17) und Tochter Bella (15) gehören, nehmen den Schwaben herzlich auf. Und weil Taatsinq für ein Jahr in Dänemark lebt - Grönland ist politisch selbstverwalteter und autonomer Bestandteil dieses Königreichs - kommt Langenbucher bequem im Taatsinqs Zimmer unter. So freundlich die Familie ist, so schwierig gestaltet sich der erste Kontakt zu den neuen Klassenkameraden. »Wir haben uns in Englisch unterhalten. Mit Händen und Füßen« - bis ihn seine Dänischlehrerin dazu verdonnert, ein dänisches Buch zu lesen. »Nach drei Monaten konnte ich die Sprache.« Unterricht hat er von acht Uhr morgens bis etwa 15 Uhr. »Im Sommer ist es 24 Stunden hell, im Winter, wenn das Thermometer schon mal 37 Grad unter Null zeigt, zwei Monate Nacht.« Vier bis fünf Stunden Schlaf braucht Langenbucher im Sommer, im Winter dürfen es dreizehn sein. »Und selbst das war noch zu wenig.« Schnell kriegt er mit, dass Hektik kein grönländischer Wesenszug ist. Das Leben ist auf die Insel fixiert, Zufriedenheit kommt von innen. Langenbucher geht viel spazieren und lässt den Tag auf sich zukommen. Vom Gemeinschaftssinn der Grönländer ist er beeindruckt. »Nachbarn kommen regelmäßig auf einen Kaffee oder nach dem Abendessen, Haustüren schließt keiner ab.« Angesichts grandioser Landschaften entdeckt er sein Faible für die Fotografie. Mehr als 6 000 Aufnahmen entstehen, das Land beeindruckt ihn »massiv«. Gegessen wird viel Fleisch, weil Gemüse nicht so recht gedeihen will. Wal, Rentier, Moschusochse, Vögel und natürlich Robbe, das tägliche Brot der Grönländer, stehen auf der Speisekarte. »Man muss sich auf die Insel und seine Menschen einlassen«, sagt Langenbucher, dem sie zu Hause attestieren, Grönland habe auf ihn abgefärbt. Wenn der Schüler von diesem »Spielplatz der Helden«, wie Michael Köhlmeier Grönland in seinem gleichnamigen Roman genannt hat, redet, tut er dies ohne Pathos, aber mit Leidenschaft. »Die Grönländer sind ein geduldiges Volk. Während wir in Deutschland eher zielorientiert sind, wird dort in den Tag hineingelebt. Man ist zufrieden mit dem, was man hat.« Abschätzig klingt das nicht. Eher nachahmenswert. Im Sommer wird der Reutlinger die Familie Villadsen besuchen. Seine Eltern werden ihn dann begleiten. Die Vorfreude ist dem angehenden Abiturienten anzumerken. (GEA) Von Andreas Dörr
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