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Beschauliche Natur statt Millionenstadt

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Geschrieben von: Fränkische Nachrichten   
Ein Jahr in Deutschland: Wassa "Jamie" Watanakun aus Bangkok ist als Austauschschülerin in Brunntal

Tauberbischofsheim/Brunntal. Rund 9000 Kilometer von der Heimat entfernt, von der thailändischen Hauptstadt Bangkok ins beschauliche Brunntal: Für die 16-jährige Wassa Watanakun, die aber überall nur Jamie gerufen wird, ist das kein Problem. Die Jugendliche hat seit September als Austauschschülerin bei Marion und Ulrich Dluzak eine zweite Heimat gefunden. Und fühlte sich von der ersten Minute an wohl.

Jamie und Vanessa, die achtjährige Tochter der Dluzaks, genießen die Freizeit. "Auch wenn ich am Anfang nichts verstanden habe, was Vanessa erzählt hat." Schließlich sprach Jamie englisch, die Achtjährige aber nicht. Mittlerweile hat die junge Thailänderin viel deutsch gelernt und sich mit der Familie, den beiden Hunden und dem Kater schnell angefreundet. "Die beiden sind wie Geschwister", freut sich auch Marion Dluzak, dass die Austauschschülerin so unkompliziert und sympathisch ist.

Klavierspielen, Computerspielen, eine Runde Monopoly oder auch die Spaziergänge rund um das 127-Seelen-Dorf genießen die beiden Mädchen zusammen. Und wenn Vanessa mal bei den Hausaufgaben nicht weiter weiß, hilft Jamie ihrer "kleinen Schwester".

2009 haben die Dluzaks von der Organisation AFS erfahren, die interessierten Schülerinnen und Schülern aus aller Welt die Möglichkeit bietet, über mehrere Monate ins Ausland zu gehen, um die sprachlichen Fähigkeiten zu verbessern. Die Idee reizte sie. Einem Mädchen wollten sie für ein Jahr ein neues Zuhause und neue Erfahrungen bieten.

Die Chemie zwischen der jungen Thailänderin und der deutschen Familie passt. "Jamie war uns schon nach den ersten Fotos sympathisch", erzählt Marion Dluzak über die "goldrichtige Entscheidung" für das neue Familienmitglied. Und Jamie nennt Marion und Ulrich Dluzak liebevoll "Mama" und "Papa".

Bis Mitte Juli ist Jamie nun in Brunntal, was für das Mädchen aus der Millionenstadt schon eine Umstellung war. "Hier ist alles ruhig, es gibt keinen Lärm", strahlt sie zufrieden. Jamie ist immer aktiv: Radfahren, ausgiebiges Schlittenfahren und jede Menge Tiere in der direkten Nachbarschaft sind für sie eine große Bereicherung. "Und so viel Schnee." Den kannte sie aus ihrer Heimat überhaupt nicht.

Und noch etwas anderes ist für Jamie neu: Die Busfahrt in die Schule. Zuhause in Thailand werde sie immer von ihrem Vater gebracht. Hier müsse sie jeden Morgen gegen 6 Uhr aufstehen, um den Bus nach Tauberbischofsheim zu nehmen, wo sie die zehnte Klasse des Matthias-Grünewald-Gymnasiums besucht.

"Jamie ist sehr offen und hat schnell Anschluss an die Klasse und viele Freundinnen gefunden", betont Sarah Kunze, die stellvertretende Klassenlehrerin. Die Englischlehrerin betreut Jamie während ihrer Schulzeit in Tauberbischofsheim als Mentor und Ansprechpartnerin bei Fragen und Problemen. Zwar könne die 16-Jährige nicht dem kompletten Unterrichtsstoff, etwa bei deutscher Literaturgeschichte folgen, aber sie bringe sich gut ein und komme vor allem mit den Naturwissenschaften gut zurecht. Sarah Kunze findet den Austausch für alle Seiten eine große Bereicherung.

Selbst das Berufspraktikum im November, das Jamie im Kindergarten in Wenkheim absolviert hat, habe die 16-Jährige toll gemeistert. "Dadurch ist mein Deutsch noch besser geworden", flachst das Mädchen. Und sie hat ihren Mitschülern, mit denen sie auch viel unternimmt, von ihrer Heimat erzählt.

"Meine Schule in Bangkok ist viel größer." Rund 4500 Kinder werden dort unterrichtet, je Klasse gibt es 48 Schüler. "Der Lehrer unterrichtet mit einem Mikrofon, wie bei der Univorlesung, damit ihn alle verstehen, und er kennt nicht jeden Schüler mit Namen", ergänzt Jamie. Schuluniform, große Gebäude und eine größere Mensa mit mehreren Gerichten zur Auswahl gehören auch dazu. "In Deutschland ist die Schule einfacher", ist sie überzeugt.

Heimweh quält die 16-Jährige kaum. "Ich schreibe viele Mails an meine Familie und meine Freunde und einmal in der Woche telefonieren wir." Der Versuch der Gastfamilie, das Mädchen mit einem Besuch in einem thailändischen Restaurant zu verwöhnen, scheiterte. Das Essen sei eher für deutsche Gaumen und für Jamie nicht scharf genug gewesen, lacht Marion Dluzak.

"Deutschland ist sehr schön. Und ich wollte eine neue Sprache kennenlernen und viele neue Erfahrungen machen", erzählt die Schülerin von ihren Beweggründen für den einjährigen Austausch. Mittlerweile hat sie schon sehr viel von Deutschland gesehen. Ob Würzburg, Stuttgart oder München, Dresden, Nürnberg oder die Weihnachtsmärkte im Erzgebirge: Jamie findet die Ausflüge toll. "Und ich habe viel Weihnachtsschmuck eingekauft", strahlt sie. Besonders die echten Weihnachtsbäume faszinierten sie. Schließlich kannte die Buddhistin von zu Hause nur künstliche Bäume. Auch auf den Besuch in Wismar sowie zu einer Freundin in Hamburg freut sie sich riesig. Langweilig wird es der 16-Jährigen und ihrer Gastfamilie nicht. In den nächsten fünf Monaten will sie noch viel entdecken und lernen.

von Diana Seufert





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