Schüleraustausch für ein halbes oder ganzes Jahr bei Bedarf mit Stipendium

SÜDAFRIKA: Mit einem Stipendium in den Schüleraustausch

RSA_LisaMariaHerrmannSawubona, liebe Leser,
Mein Name ist Lisa Maria (17), und ich bin eine der deutschen AFS-Auslandsschülerinnen in Südafrika. Bis jetzt war jeder meiner Tage hier aufregender und spannender als irgendwas Vergleichbares! Ich bin Sanofi-Aventis so unglaublich dankbar, dass sie mir das mit dem Stipendium hier ermöglichen und mir die Chance geben, diese besonderen Erfahrungen zu machen!

Auch auf meine Familie bin ich sehr, sehr stolz, denn auf diese Unterstützung hätte ich nicht verzichten können. Es war ein langer Weg der Vorbereitung mit Vorbereitungstreffen, Infos über das Land sammeln und ein langes Warten auf den eigentlichen Abschied. Aber im Endeffekt kann ich nur sagen: Das Warten hat sich gelohnt!

Für mich war es selbst nach der Zusage für das Stipendium von Sanofi-Aventis, und nach der Aufnahme von AFS alles so unreal, so unwirklich und vor allem so weit entfernt.

Und dann findet man sich auf einmal im Flugzeug wieder. Am 28. Februar 2009 ging es von Berlin via Frankfurt/Main mit einem Nachtflug nach Johannesburg für ein Jahr bis Januar 2010. Die Verabschiedung lange hinter sich und schon auf dem Weg in die neue Heimat. Erst da habe ich angefangen zu realisieren, dass ich ja jetzt wirklich für ein ganzes Jahr weggehe und auch nicht mehr so einfach zurück kann.

In diesen Momenten war ich so überwältigt, weil mir bewusst wurde, was für einen großen Schritt ich für mich selbst und für meine eigene Zukunft gemacht habe! Ich denke, jeder setzt sich andere Ziele für sein Austauschjahr, und jeder hat andere Erwartungen, was auf einen zukommen wird.
Ich für meinen Teil habe versucht alle meine Erwartungen aufs Minimum zu reduzieren und mir nicht allzu viel zu erhoffen. Es hat bis jetzt prima funktioniert.

Alles, was auf mich zukam, hat mich nur positiv überrascht und überwältigt. Ein bisschen
Kulturschock war, wie erwartet, auch dabei. Die ersten drei Monate habe ich bei einer Zulu-Familie in Daveyton Benoni verbracht. Daveyton ist ein ziemlich großes, modernes Township in der Nähe von Johannesburg. Ich habe zusammen mit meiner Gastmama Beatrice (58) und meinem Gastpapa Samuel (61) in einem niedlichen Haus, mit einem schönen kleinem Garten gewohnt. In der Zulu-Kultur ist es üblich, dass man eine große Familie hat, die meist nah beieinander wohnt. Deswegen war das Haus immer voll, mit Leuten die irgendwie verwandt mit mir als Gastkind der Familie sind.

Die Begrüßung für mich war sehr herzlich und beeindruckend! Ich weiß nicht, wie viele
Leute meine Gastmama eingeladen hatte, aber es waren bestimmt über 50. Ein riesiges Essen nur für mich. Es war eine große Herausforderung, mir die ganzen afrikanischen Namen zu merken, da sie so anders und kompliziert klingen: z.B.: Mbho, Nonhlanhla, Hlanganiswa, Mbali, Zodwa. Mein Glück war, dass sie mir die englische Übersetzung (Lucky, Pretty, Brenda, Kenneth) ihrer Namen genannt haben, bis ich mir die richtigen Namen merken und auch aussprechen konnte.

Es war lustig, als einzige europäische Schülerin im Township zu leben, weil ich bestimmt 100-mal am Tag angesprochen wurde: wer ich bin, wo ich herkomme, wie ich heiße, warum ich hier bin und ob ich mich nicht verlaufen hätte. Die Polizei hat mich viermal angehalten und mich gefragt, ob sie mich nicht nach Hause fahren sollen.

Ich habe dann stolz meine Schuluniform gezeigt und sie auf das Schulsymbol von meiner Townshipschule verwiesen "Dinoto technical secondary school“. Meine Schule war die beste Schule in meiner Region, mit den besten Abschlüssen und sehr motivierten Schülern. Der Unterricht war auf Englisch und die Fächer waren naturwissenschaftlich orientiert. Ich habe Englisch, Zulu, Mathematik, Biologie, Physik, Chemie, Civil technologie (Architektur), Life Orientation und Sport als Fächer gewählt und war überrascht, wie anspruchsvoll der Unterricht war! Wir waren ca. 980 Schüler und 45 Lehrer an der Schule. Die Klassen waren extrem groß, bis zu 50 Schüler in einer Klasse! Das war definitiv neu für mich. In Deutschland sind wir max. 16 Schüler in einer Klasse bzw. in einem Kurs. Aber ich hab meine große Klasse geliebt, 11c!!!
Ach ja, der erste Schultag! Gefürchtet von jedem neuen Schüler: Vortrag halten vor der ganzen Schule. Ich habe normalerweise keine Angst, vor Leuten zu reden, weil ich es sehr gerne mache. Aber auf einem Podium vor 1.000 Leuten zu sprechen ist ein klein bisschen anders! Aber ich habe es gemeistert und habe mich sehr schnell in der Schule integriert.

Generell habe ich mich schnell an das Leben im Township gewöhnt. Vor allem an das leckere Essen jeden Tag. Denn wenn man in einer Zulu-Familie lebt, wird jeden Mittag und Abend frisch gekocht. Es gibt so tolle Sachen, die ich vermissen werde. Beispielsweise ist da „Goutha“: Das ist ein ausgehöhltes halbes Toastbrot, das zuerst mit einer leckeren Soße bestrichen und danach mit Salat, Käse, Mortadella, Pommes, einer Boulette und noch mal mit Käse belegt wird. Es hört sich wahrscheinlich nicht so verlockend an, aber wenn man es das erste Mal probiert hat, wird man süchtig! Dann gibt es noch "vetkoek's", eine Art Quarkbällchen, die man, je nachdem, ob man sie süß oder herb mag, mit Fleisch oder Sirup füllt.

In meiner Freizeit im Township habe ich zusätzlich zur Schule Kunstunterricht genommen und bin jeden Sonntag in die Kirche gegangen. Meine Gasteltern waren leider nicht so mobil, weswegen ich mir selber eine Kirche gesucht habe, um auf jeden Fall den südafrikanischen Gospel und den Gemeinschaftssinn mit zu erleben! Ich fand es toll und habe mich jedes Mal auf Sonntag gefreut. Um ehrlich zu sein, ich gehe in Deutschland nicht oft in die Kirche und hätte nicht gedacht, dass ich es mögen würde. In Südafrika ist Christentum eine ziemlich große Sache, und es ist egal, welche Kultur, ob schwarz oder weiß, der Großteil ist christlich. Es muss jeder für sich selber entscheiden, inwiefern er eine Religion akzeptiert oder annimmt, aber als Auslandsschüler sollte man auf jeden Fall offen für alles sein! Ich habe mir vor meinem Austauschjahr gesagt, ich werde alles ausprobieren.

Den emotionalsten Brauch, den ich in der Zulukultur miterleben durfte, war eine traditionelle Beerdigung, die sich über 12 Tage hingezogen hat. Es war der Bruder meiner Gastmama, der verstorben war, also ein enges Familienmitglied. Innerhalb des folgenden Wochenendes reiste die komplette Familie an, um der Mutter des Verstorbenen bei den Vorbereitungen zu helfen. Es wurde das ganze Wochenende Totenwache gehalten, die mit einer Kerze symbolisiert wurde, die das ganze Wochenende am Brennen gehalten wurde. Um den Verstorbenen zu ehren, wurde eine ganze Ziege geopfert. Früher war es eine ganze Kuh, deren Fleisch gegessen wurde und deren Fell dazu benutzt wurde, den Toten darin einzuwickeln und zu begraben. Heute ist eine Kuh zu groß, und man nimmt deswegen eine Ziege oder ein Schaf. Das Fell der Ziege wird trotzdem noch symbolisch auf den Sarg gelegt und mit begraben. Die folgende Zeremonie dauert 10 Tage, um der toten Seele den Weg zu den Vorfahren zu ermöglichen und ihn dort willkommen zu heißen. Diese Erfahrung hat mich sehr berührt und war nur eine von vielen im Township. Ich bin froh, dort bei meiner Zulufamilie so lange gelebt zu haben und hätte es gerne fortgeführt, aber leider wurde meine Gastmama krank, und es wurden Teile ihrer medizinischen Versorgung gestrichen.

Meine Versorgung in der Familie war damit nicht mehr gegeben. Die Folge war, dass ich Daveyton verlassen musste. Glücklicherweise hatte ich die Gastfamilie einer Freundin in der Nähe von Johannesburg, die mich übergangsweise in ihrem Haus aufgenommen hat, bis AFS eine neue Gastfamilie für mich gefunden hat. Ihr Haus war in einer sehr schönen Gegend in Johannesburg, genannt Northcliff. Wir waren zusammen sechs Leute im Haus: Meine Freundin Caro (deutsche Austauschschülerin), ihre Gasteltern Henry und Liza; ihre Gastbrüder Dylan (19) und Brian (21) und ich. Henry hat sein eigenes Business; Liza ist Lehrerin; Brian arbeitet im Familienbetrieb; Dylan studiert Politik und Wirtschaft und Caro und ich gehen natürlich als AFS-Schülerinnen zur Schule.

Sie haben wirklich viele tolle Sachen mit mir zusammen gemacht. Wir sind z.B. für ein verlängertes Wochenende auf eine "Gamefarm" gefahren, eine Farm, wo man mit Lizenz auf die Jagd gehen oder einfach nur Urlaub machen kann. Die Farm gehört Freunden der Familie, also war es kostenlos für uns. Das Gelände war riesig (120 Hektar Land), und ich war sehr angetan von der Landschaft und der Anblick hat mir wortwörtlich den Atem geraubt. Es war auch viel wärmer als in Johannesburg, wir sind ca. 4 Stunden mit dem Auto Richtung Norden Richtung Krüger National Park gefahren und haben anstatt in den Regen in die Sonne geschaut. Denn im Moment ist Winter bei uns. Tagsüber max. 18-20 Grad Celsius, abends und nachts auch schon mal 2 Grad.

Als wir ankamen, mussten wir unsere Autos unten an den Gästehäusern lassen und dann mit unserem Gepäck in den Jeep umsteigen. Mit einem normalen Auto wäre es nicht möglich gewesen, die felsigen, sandigen Strassen zu befahren oder kleine Flüsse zu durchqueren. Nach ungefähr 20 Min. aufregender Fahrt im offenen Jeep waren wir endlich am Ziel, dem Riverhaus. Vom Haus hatte man einen Blick auf den Fluss und auf einen riesigen Felsvorsprung. Die Felsen waren bestimmt 30 Meter hoch, rotbraun gefärbt und über die Jahrmillionen von Wassermassen rundgeschliffen. Die Felsvorsprünge und Felswände wurden von Barboons (Riesen Affen) bewohnt. Ziemlich Angst einflössend, wenn man von Barboonschreien in der Nacht aufwacht.
Aber so ist das im Busch...viele wilde Tiere! An den Tagen haben wir das Gelände erkundet und die Abende am Feuer verbracht.

Viele Leute fragen mich, ob ich schon viele Tiere gesehen habe und ich kann das bestätigen: Affen, Antilopen, Zebras, Elefanten, Löwen, Skorpione, Riesenechsen, Pinguine und viele farbenprächtige Vögel.... Ich kann gar nicht beschreiben, wie dankbar ich meiner 2. Gastfamilie immer noch bin! Am Ende war ich über einen Monat bei ihnen und hatte eine aufregende und schöne Zeit bei ihnen. Unterdessen kam von AFS die Nachricht, dass für mich für das 2. Halbjahr einen neue Familie in Cape Town gefunden wurde und der Abschied rückte näher.

Und ich hoffe darauf, bald Wale sehen zu können, da ich ja jetzt in Kapstadt angekommen bin. Bei meiner neuen und hoffentlich letzten Gastfamilie. Es ist gerade alles ein bisschen hektisch, weil noch so viel organisiert werden muss. Ich hatte nun schon meinen ersten Probetag in meiner neuen Schule, die glücklicherweise gleichzeitig die Schule von meinen vier Gastschwestern ist. Es hat mir gut gefallen und ich habe mal wieder eine neue Herausforderung angenommen: Afrikaans lernen, denn es ist eine reine Afrikaans Schule! Afrikaans, früher auch Kapholländisch oder Kolonial- Niederländisch genannt, ist eine der elf Amtssprachen in Südafrika.

Ach ja, das Leben in Südafrika wird niemals langweilig, glaubt mir!
Ganz liebe Grüße von der deutschen Südafrikanerin.

P.S.: An alle zukünftigen Auslandsschüler: Dieses Jahr ist mit das Beste was euch passieren wird!