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MALAYSIA: Plötzlich grinste mich ein drei Meter langer Hai an

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Geschrieben von: Iris, Malaysia 2008/09   

Im Januar 2008 trat ich meine abenteuerliche Reise ins unbekannte Südostasien endlich an. Fast ein ganzes Jahr später kehrte ich in meine Heimat Deutschland zurück.
Natürlich fragen mich jetzt Freunde, Nachbarn und meine Familie, was ich denn in Malaysia so alles erlebt habe und „wie es da drüben so ist“. Das ist aber gar nicht so leicht zu beantworten. Ich weiß nie, wo ich meine vielen kleinen Geschichten beginnen soll und wo sie eigentlich enden. Oftmals wollen die meisten Leute eh nur ein oder zwei Sätze hören. Am liebsten irgendetwas Schockierendes, dann sind sie vollkommen zufrieden. Das finde ich sehr seltsam, aber vielleicht wollen viele nur sichergehen, dass es in Deutschland immer noch am schönsten ist und man beruhigt sein „Bilderbuch-Leben“ fortsetzen kann.
Ich berichte jedoch lieber Positives von meinem Austauschjahr in Malaysia, im Großen und Ganzen war es ja auch eine super Zeit, obwohl es auch einige nicht allzu glückliche Phasen gab.

Mir kommen gleich ein paar Dinge in den Sinn, die mir besonders Freude bereitet haben:
Zum Beispiel, dass meine zwei kleinen Gastnichten schon von weitem immer ganz laut „Mak Cik Ariiiiishaaaa!!“ brüllten, sobald sie mich erblickten. Oder, dass ich in der Schule ganz oft vom Essen meiner Mitschüler probieren durfte, damit ich so viele Gerichte wie nur möglich kennen lerne. Oder, dass meine Gastfamilie manchmal extra für mich ein paar Kokosnüsse übrig ließ, die sie mir zum Schlürfen gaben, anstatt sie zum Kochen zu verwenden. Viele solcher kleineren Dinge haben mich zum Schmunzeln gebracht, und in diesen Momenten fühlte ich mich wirklich glücklich.

Die absoluten Highlights meines AFS-Jahres waren aber die AFS-Camps. Endlich gab es Menschen, mit denen man über kleinere und größere Probleme reden konnte, die nicht nur geduldig zuhörten, sondern dich auch verstanden und mit dir gemeinsam nach Lösungen suchten. Meistens waren das andere Austauschschueler, manchmal auch ein AFS-Betreuer, mit dem man ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut hatte.

An bestimmte Ereignisse muss ich zurzeit ganz oft denken: Ich war schnorcheln, auf einmal grinste mich ein knapp drei Meter großer Hai an! Ich konnte meine Angst vor tiefem Wasser und meine Panik vor Meeresbewohnern jeglicher Art durch eben dieses Erlebnis überwinden.
Kopftuchtragen ist nicht schlimm und Frauen werden im islamischen Glauben auch nicht unterdrückt. Denn eigentlich haben sie die Hosen an, lassen in der Öffentlichkeit jedoch ihren Mann den Starken spielen. Das hätte ich letztes Jahr noch bestritten.
Glauben ist etwas schönes, Glauben teilen ist wunderbar, egal, ob christlich, buddhistisch, hinduistisch, muslimisch, etc. Nur vergleichen, also nach Vor- und Nachteilen zwischen den Religionen suchen, sollte man nicht, oder nur ganz leise. Religion, Politik, Umweltprobleme und das malaiische Schulsystem sind absolute Tabuthemen.
Affen als Haustiere sind praktisch und exotisch, aber artgerecht ist die Haltung nicht.
Wasserbüffel schlachten geht ganz schnell und ist halb so wild. Hühnerfüße in der Suppe ertrage ich gar nicht, genauso wenig wie Rinderhirn im Kühlschrank.

Ich bin froh, dass ich in Deutschland regelmäßig zum Zahnarzt gehen kann: In Malaysia sieht man oft das, was von seinen Zähnen übrig bleibt, wenn man sie nicht pflegt.
Kinder sind neben dem Essen ‚Dinge’, die Malaysia im Überfluss anzubieten hat. Sie sind einfach da, wachsen und sind irgendwann groß. Früherziehung, Schwangerschaftsgymnastik oder Kindergärten sind im nördlichsten Staat Malaysias vergeblich zu suchen. Dafür fahren im Dorf schon die Zehnjährigen mit ihrem Roller herum - ohne Helm versteht sich.
In meiner Gastschule wurde im Jahre 2008 die Mülltrennung eingeführt; was für ein Einfall! Viele waren etwas enttäuscht, als sich herausstellte, dass das in Deutschland schon seit Jahrzehnten Gang und Gebe ist und für mich wirklich nichts Neues darstellte.

Typisch asiatische Ansichten, die mir regelrecht jeden Tag aufs Neue ins Gesicht sprangen, sind zum Beispiel: Weiße Haut ist der Schlüssel zur Schönheit. Glaube alles, was dir deine Eltern, Lehrer oder allgemein ältere Personen predigen. Denke, aber denke nicht zu viel, das könnte sonst gefährlich für dich werden. Genauso ist das mit der eigenen Meinung: Solange sie nicht von der Meinung deines Vaters/Lehrers/Trainers abweicht, ist es super, dass du sie hast. Schwimmst du aber gegen den Strom, drehst du am besten ganz schnell wieder um, oder du schwimmst am Ende gar nicht mehr. Der Schulleiter hält auf einmal nichts mehr von Prügelstrafen, der Westen hat sie ja auch abgeschafft. Im gleichen Atemzug wird die nächste Ohrfeige ausgeteilt. Pünktlichkeit schwankt zwischen zwei bis drei Stunden um die ausgemachte Zeit. Die Jugendlichen sind in einer Beziehung, haben also einen festen Freund oder eine Freundin, kommunizieren aber ausschließlich über Handy miteinander. Trifft man sich zufällig in der Schule, wird oft nicht einmal „Hallo“ gesagt. Die große Liebe ist es dann trotzdem, das ist ja klar.  Egal wie arm eine Familie auch sein mag, selbst in einer Ein-Raum-Hütte läuft der Fernseher nonstop. Das Geld mag zwar nicht für wirklich wichtige Dinge (Bildung, Arztbesuche, Kleidung, gesundes Essen, etc) reichen, ein Besuch im angesagten „KFC“-Fastfoodrestaurant ist dagegen selbstverständlich drin.

Ich möchte nicht behaupten, dass die dort lebenden Menschen dümmer wären als wir, was sich vielleicht jetzt so anhören mag. Sie haben nur eine komplett andere Lebenseinstellung. Teilweise war ich über bestimmte Verhaltensweisen oder Einstellungen recht schockiert. Für mich war ihr Verhalten automatisch falsch oder komisch und mein Verhalten war eben richtig. So habe ich es ja auch gelernt, also muss es richtig sein. So ist es aber nicht. Oft war ich diejenige, die falsch lag, und im Grunde keine Ahnung hatte. Ich habe sehr lange gebraucht, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Aber ich lag auch nicht immer falsch. Jeder hatte mal Recht. Die perfekte Sicht der Dinge oder eine perfekte Lösung gibt es nicht.

Zukünftigen Austauschschülern rate ich, erst einmal in dieser anderen, neuen Welt anzukommen. Das heißt, sich am besten freundlich und hilfsbereit zeigen. Erst einmal das Leben dort zu beobachten, um dann auch seinen Platz in dieser Kultur zu finden und einnehmen zu können. Fast jeder urteilt zu schnell, oder vergleicht sofort mit seinem Leben zu Hause. Das habe ich auch gemacht und das ist auch ganz natürlich, da alles, was man bisher kannte, nicht mehr da ist. Die Welt steht Kopf und man versteht erstmal gar nichts mehr.
Als Austauschschüler kämpft man sich durch Höhen und Tiefen, Heimweh ist eigentlich immer mit dabei. Deswegen finde ich es so wichtig, auch Negatives mit Humor zu sehen.

Meine persönlichen Erfahrungen, die vielen einzelnen Bilder, die Stimmen und Gerüche, das alles wird für immer in guter Erinnerung bleiben.

Iris, Malaysia 2008
Stipendiatin Mercator GmbH

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