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Fast ein Vierteljahr bin ich nun schon wieder in Deutschland und noch immer kommt es mir teilweise so vor, als sei es erst vorgestern gewesen, dass ich im Flieger nach Frankfurt saß und höllische Angst hatte, was mich dort erwarten würde.
Einerseits war alles viel leichter als gedacht, andererseits aber auch wieder nicht.
So oder so, mein Auslandsjahr in Lettland war das bisher schönste meines Lebens und ich würde es auf keinen Fall missen wollen. Deshalb möchte ich zuallererst einmal meinem Stipendiengeber, der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ danken, die mir diese wunderschöne Erfahrung ermöglicht hat. Ich hoffe, dass noch viele weitere Generationen von Austauschschülern diese Möglichkeit bekommen und nutzen können.
‚Das schönste Jahr meines Lebens’, wenn man das den Leuten erzählt, kommt verständlicherweise sofort die Frage „Ja, warum denn?“ Das ist dann immer sehr schwer zu beantworten. „Liebe kann man nicht erklären!“ wäre zwar durchaus nicht gelogen, aber damit würde man es sich vielleicht etwas zu leicht machen.
Ich denke, bei mir war ausschlaggebend, dass einfach so ziemlich alles passte: Die Familie nett und aufgeschlossen, gute Freunde aus verschiedenen Bereichen und nicht zuletzt einfach das Gefühl der großen AFS-Familie, das bei den vielen gemeinsamen Camps und auch privaten Treffen gestärkt wurde! All diese Faktoren trugen dazu bei, mein Auslandsjahr unvergesslich zu machen und wenn ich an mich zurückdenke, wie ich vorher war, so sehe ich, wie stark ich mich in dieser ja doch recht kurzen Zeit entwickelt habe, und das ausschließlich zum Positiven.
Natürlich hatte auch ich schwerere Zeiten, auch wenn ich, glaub ich, von echten Krisen weitestgehend verschont geblieben bin. Was mir teilweise schwer fiel, war, wirklich konsequent Russisch zu reden, um es zu verbessern. Das Problem war die Kluft zwischen meinen Sprachkenntnissen und dem was ich meinen Freunden alles mitteilen wollte. Da war die Versuchung doch manchmal groß, es in 10 Sekunden auf Englisch zu sagen, anstatt ewig für das Russische zu brauchen.
Ein purer Glücksfall war es da, als ich im März Vova, einen Jungen aus der Stufe über mir kennen lernte, der mich dazu zwang Russisch zu reden, da er einfach supernett war, aber leider so gut wie gar kein Englisch sprach! Ihm verdanke ich die Tatsache, mich rühmen zu können, Russisch tatsächlich frei sprechen zu können, beziehungsweise, einmal konnte, Ende Juni. Es gehört für mich zu den bittersten Erfahrungen seit ich wieder hier bin, meine mühsam erlernten Sprachkenntnisse teilweise wieder zu vergessen, auch wenn ich fast täglich Kontakt mit Freunden und Familie habe.
Vieles, was mein Auslandsjahr so sehr besonders macht, ist erst in der zweiten Hälfte passiert, wahrscheinlich, weil ich mich dann schon gut eingewöhnt hatte und dadurch sozusagen meinen Horizont erweitern konnte. Dazu gehörte vor allem, dass ich die (lettischsprachige) Familie meiner Kontaktperson näher kennen lernte, dort auch Ostern und Mittsommer verbrachte. Sie zeigten mir eine Menge von der Landschaft und Kultur in Latgale, dem Südosten des Landes, wo ich gewohnt habe und der sich durch große Einflüsse anderer Völker teilweise doch vom Rest Lettlands abhebt.
So wie der erste Monat in Lettland, so war auch der letzte wieder recht prägend für mich, wenn auch traurig durch die Abschiedsstimmung allerorten. Sehr gefallen hat mir die von AFS organisierte einwöchige Reise nach Russland. Da ich ja durch meine russische Gastfamilie schon vorher mit Elementen der russischen Kultur und vor allen Dingen der Sprache in Berührung gekommen war, stellte dies eine gelungene Ergänzung dar und der Spaß kam auch nicht zu kurz.
Besonders schön aber fand ich das Mittsommerfest (Jāni) in meiner letzten Woche in Lettland. Es war einfach faszinierend zu sehen, wie auch junge Leute mit alten Traditionen, Liedern, Tänzen feiern und dabei selbst Teil des Ganzen zu sein. So etwas fehlt in Deutschland einfach.
Es war generell in Lettland sehr schön für mich, dass ich bei allen Gelegenheiten nicht nur Zuschauer war, sondern mit einbezogen wurde und dabei nie das Gefühl hatte zu stören. Letten sind einfach ein selbstbewusstes und dabei weltoffenes Volk zugleich und das macht, denke ich, diesen besonderen Zauber auch aus!
Was mich ebenfalls fasziniert ist der doch recht einfache Lebensstil, der mit einer unheimlich großen Lebensfreude verbunden wird. Größtenteils sind Tradition, „traditionelle Werte“ und Lebensqualität, unabhängig von materiellem Standard, noch viel wichtiger als zum Beispiel in Deutschland, auch sind die Letten viel naturverbundener, was sich beispielsweise in den vielen Ferienhäuschen zeigt, wo man wirklich einmal richtig ausspannen kann, fernab jeglicher „Zivilisation“.
Die schwersten Tage waren sicherlich die beiden letzten. Sich von einer liebgewonnen Stadt, liebgewonnenen Menschen auf eine unbestimmte Zeit zu verabschieden und ins Unbekannte zu gehen, stellte für mich eine schier unmöglich scheinende Aufgabe dar. Aber Freunde und Familie, alle machten sie mir Mut, luden mich für jederzeit ein, versprachen, mich über alle Vorgänge in Daugavpils zu informieren und ich denke das hat mir sehr geholfen.
Abschließend bleibt zu sagen, dass all diese Erfahrungen mich sicherlich ein Leben lang begleiten werden und ich in Lettland wirklich einen Platz zum Leben gefunden habe. Natürlich hat auch Lettland große, vor allem wirtschaftliche Probleme, aber ich glaube, dass die Mentalität der Umgebung eine viel größere Rolle für ein erfülltes Leben spielt als materieller Standard. Wenn auch nicht in meiner unmittelbaren Umgebung in Deutschland, so habe ich doch eine Menge Leute, die mich in dieser Leidenschaft verstehen und unterstützen und das ist ein großer Reichtum für mich! Außerdem kann man sich nach abgeschlossenem Auslandsjahr wohl getrost als Weltenbürger bezeichnen, da man nicht nur viel über sein Gastland, sondern auch über die Heimatländer der anderen Austauschschüler erfährt und sie verstehen lernt.
Ich wünsche allen Austauschschülern, die zukünftig nach Osteuropa kommen, dass sie sich einfach auf das Leben dort einlassen können, auch wenn es ihnen anfangs arm erscheinen mag, denn hinter einer heruntergekommenen Fassade verbirgt sich oftmals ein wunderschöner Garten! ;-)
In diesem Sinne: "Liels paldies un uz redzesanos!" =)
Sophia, Lettland 2007/08 Stipendiatin der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“
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Das Land ist leider von sehr viel Hass und Schwierigkeiten gekennzeichnet, die teilweise aus der schweren Vergangenheit Lettlands resultieren.
Ich moechte mein Jahr dort nicht misse, auch wenn viele Letten sehr verschlossen sind.
Allerdings geben manche mehr als sie es eigentlich koennten, denn gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise stehen viele vor dem Ruin. Diese Grosszuegigkeit ist beeindruckend und ich habe viel gelernt.
Wer sich weiter informieren moechte darf mir auch gerne eine e- mail schicken, ich werde bestimmt antworten.
fogellaura fogellaura@aol.com