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Die ersten Wochen meines Türkeiaufenthaltes waren für mich zunächst wie ein Ausflug in eine fremde und manchmal auch exotische Welt…Es ist schwer, alle Eindrücke und Erlebnisse in Worte zu fassen…
Wie fühlte ich mich die ersten Tage? Probier es selbst aus und stell dir vor...
…du hättest eine Million Verwandte, die du zudem auch noch täglich besuchen gehst. Stell dir vor, dich würde alle paar Minuten jemand fragen, ob du „hangri“ bist und dich mit diversen Köstlichkeiten voll stopfen. Stell dir vor, dass jede beliebige „Teyze“ (ältere türkische Frau, eigentlich Tante) dich umarmt, abknutscht und dich „çok tatlı“ (sehr süß) nennt.
...du würdest immer mit einem voll gestopften Bus zum Bazar und Supermarkt fahren müssen, um dir dann mit 20 kg schweren Plastiktüten die Finger wund zu scheuern. Stell dir vor, um dich herum würde alle paar Sekunden ein Handy losdudeln und sein Besitzer diverse unverständliche Sätze hineinbrüllen.
...du müsstest zu dem auch noch in eine Schule gehen. Stell dir vor, in dieser Schule würden 900 Schüler gleichzeitig auf dich einreden und deine Freunde sein wollen. Stell dir vor, der Unterricht wäre teilweise viel schwieriger als in Deutschland und du dürftest in Mathe noch nicht einmal einen Taschenrechner benutzen. Stell dir vor, in dieser Schule dürftest du auch noch jeden Montag und Freitag strammstehen und im Angesicht des Vaters der Türken, Mustafa Kemal Atatürk, die Nationalhymne singen.
...du würdest nie wissen, wohin du eigentlich gerade unterwegs bist.
...du hättest niemals, wirklich niemals, einen Plan davon, was du jetzt gleich oder morgen oder geschweige denn übermorgen machen wirst.
...niemand könnte auch nur mehr als “Hof a ju” oder “Iisch heise Ayşe“ in einer der dir bekannten Sprachen sagen und würde deshalb permanent in einem unverständlichen Gebrabbel namens Türkisch auf dich einreden.
Wenn Du jetzt all diese Dinge vor deinem inneren Auge siehst, dann kann ich nur sagen: „Türkiye’ye hoş geldiniz!“ – Herzlich willkommen in der Türkei!
Wenn ich heute an die ersten Wochen meines Türkeiaufenthaltes zurückdenke, muss ich angesichts meines anfänglichen Kulturschocks lachen. Die ersten Eindrücke, die ersten Wochen sind zunächst einfach überwältigend und die entsprechenden Schilderungen klingen für Außenstehende total abschreckend. Aber all die ursprünglich neuen und ungewohnten Umstände des türkischen Alltags sind nach inzwischen vier Monaten hier vollkommen normal und meiner Meinung nach sehr reizvoll. Ich liebe mein verrücktes türkisches Leben! Aber versuchen wir mal, halbwegs von vorne anzufangen…
Ich heiße Jenny, bin 16 Jahre alt, komme aus der Nähe von Bonn und wohne seit Anfang September bei Familie Şimşek in Ereğli am schwarzen Meer in der Türkei! Meine Gastfamilie (oder zumindest der enge Kern, also die Leute, die wirklich permanent bei uns im Haus wohnen...) besteht aus meinem „Baba“ (Vater) Enes, meiner „Anne“ (Mutter) Sevil, meinem „Abi“ (älterer Bruder) Şahin (21) und meiner „Kardeşim“ (Schwester) Tuğba (sie ist nur einen Tag älter als ich). Wie kann man sie am besten beschreiben? Sie sind gleichzeitig eine typische und untypische türkische Familie, zur gleichen Zeit modern und traditionell und auf jeden Fall habe ich schrecklich viel Glück gehabt, sie als AFS Familie bekommen zu haben.
Jetzt einmal etwas genauer: Als erstes muss ich sagen, dass sich das Klischee von den Millionen von Verwandten auf jeden Fall bestätigt hat. Die Familie ist in der Türkei das Wichtigste überhaupt und deshalb verbringt meine Anne zum Beispiel auch liebend gern zehn Stunden am Stück in der Küche, um ihren Lieben einen Tisch voller türkischer Köstlichkeiten zu zaubern (ja, ich habe zirka drei Kilo zugenommen). Des Weiteren fahren wir zum Verwandtenbesuch durch die gesamte Türkei und ich habe so schon mehr von diesem Land gesehen, als die meisten meiner Klassenkameraden, die schon 16 Jahre hier leben.
Religion spielt für meine Familie (für meine Schwester allerdings weniger) auch eine wichtige Rolle. Mein Baba verrichtet fünfmal täglich das „Namaz“ (islamisches Gebet), meine Anne trägt ein Kopftuch. Aufgrund des Reinlichkeitsgebotes hat sie eine starke Abneigung gegen selbst kleinste Anzeichen von Schmutz – etwa bei Socken. Und natürlich wird im Hause Şimşek grundsätzlich kein Alkohol getrunken.
Meine Gastfamilie ist außerdem sehr lebendig. Es ist immer was los. Entweder wir haben Besuch, oder wir diskutieren einfach lautstark über Gott und die Welt, Politik und die großen und kleinen Probleme im Alltag (weshalb sie glauben, ich würde die nächste deutsche Bundeskanzlerin werden. Ich?!? Politiker!?!)
Meine Gastfamilie ist wirklich wie eine zweite Familie für mich, und ganz besonders Tuğba ist gleichzeitig meine Schwester und meine beste Freundin hier und die Zeit nach der Schule und die Wochenenden verbringen wir immer gemeinsam.
Apropos Schule: Ich gehe hier auf ein Anadolu Lisesi (vergleichbar mit einem guten Gymnasium) mit ungefähr 900 Schülern der Klassen 9 bis 12. Türkische Schüler lernen extrem viel (nach der Schule und auch an den Wochenenden gehen sie noch auf Nachhilfeschulen), um sich auf das immens wichtige ÖSS (türkisches Abitur) vorzubereiten. Deshalb sehe ich meine Freunde (von denen es ja eine ganze Menge gibt...) außerhalb der Schule eigentlich nie. Aber das ist nicht so tragisch, weil ich ja meine Schwester habe und wir eigentlich jeden Abend mit der Familie etwas unternehmen. Ansonsten gibt es zur Schule zu sagen, dass die Naturwissenschaften und Mathe zirka dreimal so schwer und so schnell sind wie bei uns, dafür aber die elfte Klasse in Englisch auf dem Niveau unser Sechsten ist. Die Deutschstunden will ich gar nicht erst erwähnen... Aber ich habe mich an den Unterricht gewöhnt und schreibe auch die meisten Klausuren inzwischen mit.
Dass ich mich in der Schule so gut eingewöhnt habe, die türkische Kultur so schnell verstehen und leben konnte und einfach rund um zufrieden und glücklich mit meinem Leben hier bin, liegt vor allem an einer Sache: Ich habe Türkisch gelernt. Die Sprache ist der Schlüssel zu allem, zur Kultur, zu den Menschen und zu diesem Land selbst und ich bin schrecklich froh darüber, mich inzwischen fließend unterhalten zu können. Türkisch ist in keinster Weise mit einer der mir bekannten anderen Sprachen zu vergleichen. Der Satzbau ist genau umgekehrt und es gibt zur Bestimmung von Person, Ort oder Zeit bloß Endungen und nicht eigene Wörter wie im Deutschen. Ein deutscher Satz mit fünf Wörtern kann so im Türkischen gerade einmal zwei Worte lang sein...Am Anfang sehr ungewohnt.
Aber ich hatte das Glück, von Anfang an zum Türkisch sprechen gezwungen zu sein und konnte deshalb meinen 50 Wörtern Startvokabular täglich mehr und mehr Ausdrücke und Grammatik hinzufügen. Ich war selbst überrascht, wie gut das funktioniert hat. Seit ungefähr zwei Monaten habe ich keine Probleme mehr damit, mich verständlich zu machen und rede hier ausschließlich Türkisch. Die neue Sprache ist allerdings schlecht für mein Französisch, von dem rein gar nichts geblieben ist. Nach meiner Rückkehr in einem halben Jahr werde ich wohl gezwungen sein, alles noch einmal zu lernen. Auch, weil im Türkischen eine Menge französische Wörter existieren, die man allerdings so schreibt wie man sie spricht. So wird aus “Coiffeur” zum Beispiel “Kuaför”. Aber trotzdem liebe ich diese Sprache voller poetischer Ausdrücke, die die Seele dieses Landes so gut in Worte fassen können.
Wie viel besser klingt doch ein “Kolay gelsin” (Möge es, also die Arbeit, leicht fallen) beim Betreten eines Geschäftes als unser schnödes “Guten Tag”. Oder auch nach dem Essen: Während der Deutsche nur so etwas wie “war lecker” in die Runde wirft, sagt der Türke ein “Ellerine sağlık”(Gesundheit deinen Händen) und bekommt dafür ein “Afiyet Olsun” (Wohl bekomme es) vom Koch oder der Köchin zurück.
Und auch Allah hat die türkische Sprache stark geprägt. “Maşallah”(Ausdruck der Bewunderung, etwa über ein niedliches Baby) “İnşallah”(“So Gott will” in der Bedeutung von hoffentlich) oder einfach “Allah Allah” (Ausdruck der Verärgerung oder des Unverständnisses) hört man minütlich, wenn Türken sich unterhalten.
Und da im Türkischen einzelne Wörter meistens mehrere Bedeutungen haben und Türken Ironie und Sarkasmus über alles lieben, kann es passieren, dass man verstanden hat und eigentlich nichts verstanden hat...Türkischer Humor ist auf jeden Fall eine sehr interessante Sache, denn Türken machen Witze über alles und jeden und am liebsten über sich selbst.
Die Sprache ist, wie gesagt, der Schlüssel zu allem und ich führe mit ihrer Hilfe begeistert Diskussionen über alle möglichen Themen. Immer wieder kommt es dabei an den gleichen Stellen zu kulturellem Unverständnis.
“Ha, ha Jesus soll Allahs Sohn sein?”, “Hast du echt Schweinefleisch gegessen? Das ist doch schmutzig, fettig und stinkt!!!” oder auch “Ich Deutscher. Eins, swei direi, Heil Hitler” bekomme ich immer wieder zu hören. Ich habe es inzwischen aufgegeben, zu erklären zu versuchen, dass das Christentum nicht komplett bescheuert ist, mühe mich noch immer damit ab, Türken klar zu machen, dass eine einfache Erkältung oder Pubertätspickel NICHT vom Schweinefleisch kommen, aber bin dank viel Übung inzwischen recht gut darin, mit einfachen Beispielen die Bedeutung von Adolf Hitler für Deutsche zu erklären.
“Stell dir vor, ich würde sagen “Ich liebe die PKK”. Wie würdest du reagieren? Und ich kann dir jetzt sagen, dass jeder Deutsche genau so reagiert, wenn du ihm sagst “Ich liebe Hitler”.” Die Sache selbst ähnelt sich natürlich in keiner Weise, aber so kann ich es einigermaßen türkischem Vorstellungsvermögen anpassen und habe inzwischen eine Menge Leute aufgeklärt, die mir immer total erstaunt versichern, dass sie das wirklich nicht wussten und nur Spaß gemacht haben, jetzt aber verstanden haben, dass man in Deutschland über Hitler keine Witze macht. Und es trifft mich immer wieder, auch wenn ich weiß, dass solche “Witze” aus der bloßen Unwissenheit stammen. Aber dass Hitler für Deutsche eindeutig NICHT das gleiche ist wie Atatürk für Türken, haben die meisten wahrscheinlich inzwischen begriffen.
Gerade Atatürk ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, dass manche Aspekte und Gefühle einer anderen Kultur nur verstanden werden können, wenn man wirklich von klein auf durch sie geprägt wurde. So singe ich zwar zweimal wöchentlich die türkische Nationalhymne und sehe die Millionen von Flaggen an jedem Haus, auf jedem Hügel und in jedem Klassenzimmer und höre meine Mitschüler begeistert von Atatürk erzählen. Doch für mich wird er immer nur das Bild an der Wand, die Statue in der Ecke und die Brosche an jedem Lehrerjackett bleiben. Ich bin als Deutsche daran gewöhnt, keinen “Lider” zu haben und sehe deshalb auch einfach keine Notwendigkeit darin, einen Staatsgründer “anzubeten”.
Aufgrund dieser kulturellen Besonderheiten ist es daher auch gut, dass trotz all der Eingewöhnung, Anpassung, der türkischen Familie und all den türkischen Freunden dank des AFS noch ein Stück weit ein anderes Leben in diesem Auslandsjahr in der Türkei existiert. Wir sind hier insgesamt 34 Schüler aus zehn Ländern und durch die Camps und die gemeinsamen Aktionen habe ich wahrhaftig 33 Freunde fürs Leben gefunden. Wir stammen aus vollkommen unterschiedlichen Kulturen, sprechen verschiedenen Sprachen, haben gerade mal drei Tage im ersten und sieben Tage im zweiten Camp zusammen verbracht und sind trotzdem durch das gemeinsame Erlebnis “Türkei” einander so nah, dass ich wirklich sagen kann, ich hätte die Bedeutung der “großen weltweiten AFS Familie” verstanden.
Mit dem Komitee Ankara zusammen habe ich auch Weihnachten gefeiert und eine Menge Spaß gehabt. Und zurück in Ereğli hat mich meine Klasse mit einer kleinen Weihnachtsparty überrascht, Plätzchen gebacken und mir ein großes Geschenk überreicht. So war es insgesamt natürlich nicht mein normales über alles geliebtes Weihnachten, aber doch ein besonderes und durchaus annehmbares.
Bis auf das fehlende Weihnachtsfest ist dieses Land so wunderbar und interessant, dass ich mir vorstellen könnte, mehr Zeit meines Lebens hier zu verbringen. Zum Beispiel als Studentin. Denn als wir zum Opferfest nach Istanbul gefahren sind und ich endlich diesen Traum von einer Stadt sehen konnte, war ich so beeindruckt, dass mein Plan jetzt lautet, dort an der Bosporus Universität zu studieren…
Und jetzt wird es zum Ende meines Erlebnisberichts noch einmal Zeit, sich etwas vorzustellen...
Schließe die Augen und stell dir vor, dein Alltag wäre spontan und viel aufregender als dein normales deutsches Leben. Stell dir vor, du wärst aufgenommen in eine Familie, hättest zu deiner Schwester, deinem großen Bruder und deinen zweiten Eltern auch noch ungefähr 15 Onkel und Tanten, zwei Großväter, eine Großmutter und mehr als 20 Cousinen und Cousins dazu gewonnen. Stell dir vor, dass Essen wäre sowieso einfach mal viel besser. Stell dir vor, du hast eine tolle neue Sprache gelernt und erlebst mit ihrer Hilfe eine vollkommen fremde Kultur hautnah. Stell dir vor, du weißt wirklich, was das Wort “Türke” bedeutet, hast eine wahre Ahnung davon. Stell dir vor, dass du außerdem alle Vorurteile beiseite schieben konntest. Stell dir vor, du befindest dich im gastfreundlichsten Land, dass man sich nur vorstellen kann und stell dir vor, du bist nicht bloß Gast, sondern wahrhaftig Familienmitglied. Stell dir vor, du stehst am Bug einer Fähre, die dich von Kontinent zu Kontinent bringt, im Hintergrund vor dem knallblauen Himmel die Silhouette der größten Stadt Europas, während die Sonne das Wasser des Bosporus zum Glitzern bringt.
Stell dir einfach vor, du bist zu Hause.
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Gaaaanz liebe Grüsse aus Muğla in der Süd-Westtürkei an dich Jenni, an das gesamte geniale AFS-Team und an alle, die darüber nachdenken, in die Türkei zu gehen. Macht es, es lohnt sich!