Schüleraustausch für ein halbes oder ganzes Jahr bei Bedarf mit Stipendium
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ARGENTINIEN: Nicht ein Jahr - MEIN Jahr

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Geschrieben von: Fabienne, Argentinien 2006/07   

Montagmorgen.
Ein Wecker schrillt. Ich suche meine Sachen zusammen und mache mich mit Ordner, Schreibzeug und Bechern auf den Weg durch die Morgendämmerung eines kühlen Herbstes. In Gedanken bin ich bereits bei dem neuen Stundenplan und gehe langsam noch einmal die gestern eingeprägten Buchseiten durch.
Ein Morgen wie jeder andere. Schulalltag, wie er mir bereits seit über zehn Jahren vertraut ist. Doch etwas ist anders..

Es ist nicht die Greizer Straße, durch die mich meine Schritte führen, kein “Guten Morgen”, das ich anderen Schülern zurufe und auch nicht das mir so altvertraute Friedrich Schiller – Gymnasium in Zeulenroda, in dem ich heute meinen Montagvormittag über Heftern und Büchern verbringen werde. In solchen, bereits zur Gewohnheit gewordenen Alltagssituationen muss ich oft innehalten und es mir selbst noch einmal sagen:

Ich bin in Argentinien. Genauer in Jujuy, der nördlichsten Provinz an der Grenze zu Bolivien, wo die Hauptstadt San Salvador überhaupt die einzige “Stadt” ist, wo riesige Bergkulissen das Horizontbild bestimmen und die Nachkommen der Indianer noch immer in kleinen Hütten wohnen, die einzigen Unterbrechungen des kilometerweiten Niemandslandes. Argentinisch sind die, von Palmen gesäumten Straßen, auf denen ich meinen Weg durch den verrückten Verkehr suche. Spanisch die Sprache, mit deren Worten wir uns begrüßen. Nicht Jeans, Shirt und Jacke habe ich mir früh zusammen gesucht, sondern die vorgeschriebene Schuluniform mit kurzem, grauen Faltenrock, weißer Bluse, Krawatte und Kniestrümpfen. Am Eingang zum Schulgelände werden wir alle kontrolliert: die Strümpfe müssen perfekt sitzen, Haare fest zusammen gebunden sein, aller Schmuck entfernt und die Rocklänge misst der Pförtner mit dem Maßband nach. Schließlich warten wir eben nicht vor der Tür des Backsteinhauses in der Schopperstraße, sondern vor der katholischen Privathochschule “Colegio del Salvador”. In der ersten Unterrichtsstunde beginnen wir mit einer Versammlung aller Oberstufenschüler zum Gottesdienst mit Bibellesung und Gebet. Jeden Morgen hissen zwei auserwählte Schüler des letzten Jahrgangs die argentinische Fahne, begleitet von Hymne und Schwur.

Da lassen sich so einige Unterschiede zu einem deutschen Schultag feststellen, wie auch in meinen Unterrichtsfächern Philosophie oder Logik. Doch die tägliche Gewohnheit lässt auch einen Austauschschüler oft vergessen, dass er sich gerade am anderen Ende der Welt befindet.
Denn auch wenn sich der Alltag noch so sehr von dem in Deutschland unterscheidet, ist es doch Alltag, den ich jeden Tag in Argentinien lebe. Alltag, der genauso Hausarbeit, Schulstress, Langeweile oder Probleme kennt.

Der Gedanke an ein Austauschjahr in einem weit entfernten Land hatte mich schon lange Zeit fasziniert und den Weg durch Stipendienanträge, Auswahlverfahren und Anmeldeformulare verfolgte ich gerne. Immer mit dem Gedanken an das Abenteuer meines Lebens, an eine fremde Sprache und Kultur, an das “beste Jahr meines Lebens”, wie es so oft in all den überzeugenden Werbebroschüren der unterschiedlichen Austauschorganisationen gerühmt wird.

Buchseiten wären sicherlich nicht ausreichend, um all das zu beschreiben, was ich seit letztem August hier in Jujuy gelernt und erfahren habe. Das ist ein Prozess, der oft viel Geduld braucht, nicht nur in der ersten Zeit beim Erlernen einer neuen Sprache, sondern auch für das Akzeptieren vieler Dinge: die unbekannte Kultur, bestimmte Verhaltens- und Gesellschaftsregeln, aber vor allem die eigene Person. Denn so viel ich auch kennen gelernt habe in all den Ausflügen und Reisen durch die Weite des argentinischen Nordens; das Überwältigenste war doch immer, was ich an mir selbst neu entdecken durfte.

Ein unvergessliches Jahr also in jedem Fall – doch kann man vom “besten Jahr” sprechen? Können wir das überhaupt bei irgendeiner Sache, ohne alle anderen Vergleichsmöglichkeiten  kennen gelernt zu haben? Da doch nichts “perfekt” und mehr noch ein Austauschjahr etwas ganz und gar Persönliches ist, dessen Verlauf und Weg fast vollständig von den eigenen Stärken, Schwächen und Entscheidungen abhängt.
Eines der persönlichsten und erfahrungsreichsten Jahre ist es also auf jeden Fall, mein Jahr in Südamerika.

Mein Jahr in Argentinien.
Als ich klein war, liebte ich es, als Zeitvertreib Computer zu spielen. Das Treffen von Menschen weckt in mir hier manchmal einen seltsamen Vergleich. Mir scheint es, als wuerde ich ihnen kurz begegnen, sie ganz kurz im Vorbeigehen streifen. Doch sie haben schon immer dort gewartet, jeder etwas für mich bereithaltend. ich nehme es und renne weiter durch mein Leben. Dabei weiß ich, dass ich sie wohl nie wieder sehen werde. Doch ich trage etwas Kostbares und Einmaliges von jedem Einzelnen mit mir, das mir hilft, meinen Weg zu finden. Und auch ich habe ihnen etwas hinterlassen.
Was kann ich euch zukünftigen Austauschschülern also noch raten? Genießt jeden Atemzug. (Ein Rat auch für ein Leben in Deutschland oder sonst wo, so simpel, dass wir ihn oft vergessen.) Vieles geht und kommt nie wieder. Vollkommene Momente dauern nur Bruchteile von Sekunden, doch die Erinnerung tragen wir ein Leben lang mit uns.
Argentinien war die einzig mögliche Entscheidung für mich. Trotz alledem: Sie war richtig. Und ich bin stolz darauf, das sagen zu können.

Fabienne, Argentinien 2006/07
Stipendium von der Ida und Richard KaselowskStiftung

Kommentare (8)
  • reiky  - ...
    Hallo ich bin 15 Jahre alt und steh vor einer schweren Entscheidung Ausland ja oder nein ? Wenn ich daran denke was ich alles zurücklassen müsste besonders meine Familie und meine Freunde kommen mir die Tränen ... aber auf der anderen Seit möchte ich noch stärker werden etwas abwechslung haben eine neue Sprache und Kultur kennenlernen ... ich weiß nicht welches der richtige Weg ist ...
  • Dani
    Hallo :)

    ich hab mal eine kurze Frage und zwar wenn man für ein Jahr nach Argentinien geht kommt man dann auf eine deutsche Schule, weil ich habe gehört,dass es in Argentinien 25 gibt oder auf eine "normale" Schule ?

    liebe grüße
  • AFS Interkulturelle Begegnunge  - Schulen in Argentinien
    Liebe Dani,

    wenn du über AFS ein Schuljahr in Argentinien verbringst, gehst du dort auf eine spanischsprachige Schule.
    Wenn du weitere Fragen hast, kannst du dich gerne direkt an AFS wenden. Du erreichst uns per Mail unter: germany@afs.org oder telefonisch unter 040/3992220

    Herzliche Grüße
    Natalie Wulf
    AFS Interkulturelle Begegnungen e.V.
  • Max  - Alter
    Hi,
    ich wollte mal fragen ab wieviel Jahren man ein Austauschjahr nach Argentinien machen darf, hab mich nämlich schon beworben und alles.

    Danke im Voraus ;)
  • AFS Interkulturelle Begegnunge  - Argentinien
    Lieber Max,
    wenn du nach Argentinien möchtest, musst du bei Abreise zwischen 15,0-18,0 Jahre alt sein.

    Herzliche Grüße
    Natalie Wulf
    AFS Interkulturelle Begegnungen e.V.
  • Anonym
    Ich wollt nur mal kurz die Nachricht hinterlassen, dass ich deinen Beitrag super fand. Bin gerade mit afs in Argentinien und muss sagen, dass es mir einfach genau so geht wie du in dem Artikel beschrieben hast.
    Also an euch Leute da draussen, die noch ueberlegen ob sie das Abenteuer wagen sollen: Sagt ja ! :D
  • Kira
    aber wie kann man denn eine spanischsprachige schule besuchen, wenn man selbst die sprache noch nicht kann ?
    hat man da keine probleme ?
    wie lernt man denn dort eine sprache ?
    Das klingt ja alles sehr spannend ... auch wenn es hart klingt, dass die kontrolle wegen den schuluniformen sehr streng sind
  • Jule  - Uniform und Südamerika
    Hi,
    ist ja cool, dass du sehr ähnliche Erfahrungen gemacht hast wie ich. Bei uns wurde jeden Morgen die Länge des Rocks überprüft und die Kniestrümpfe mussten hochgezogen sein.

    VG
    Jule
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