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RUSSLAND: Viele Unterschiede zu Deutschland

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Geschrieben von: Svenja, Russland 2008/09   

Dies ist mein zweiter Stipendienbericht über mein Auslandsjahr in Russland. Ich lebte zehn Monate mit meinen Gasteltern Vitalij und Ljudmila, meiner Gastschwester Alisa,15, und meinem Gastbruder Artjom,9, in Sankt-Petersburg. Dieses Schuljahr war eine lange Zeit voller neuer Eindrücke und Erfahrungen und ist so unmöglich in nur zwei Berichten zusammenzufassen. Deswegen habe ich mich entschlossen, nur näher auf bestimmte Dinge einzugehen, die mich besonders beeindruckt oder geprägt haben.

Zehn Monate scheinen am Anfang noch unglaublich lange. Die Zeit bis zum Ende des Auslandsjahres lag für mich am Anfang in so weiter Zukunft, dass ich eigentlich nie daran gedacht habe, dass sie überhaupt irgendwann kommt. Und auf einmal verstand ich, dass mir nur noch einen Monat in Russland blieb, dann waren es plötzlich nur noch zwei Wochen und irgendwie ging alles viel zu schnell vorbei. Jetzt, wenn ich auf die vergangenen Monate zurückblicken kann, scheint es mir so, als seien sie wie im Flug vergangen. Nun bin ich schon seit über zwei Wochen wieder in Deutschland und habe so langsam meinen zweiten kleinen „Kulturschock“ hinter mir. Nachdem ich mich so gut in Russland eingelebt hatte, gab es in Deutschland tatsächlich einige Sachen, die mir merkwürdig oder ungewohnt erschienen. Sachen, die vor zehn Monaten für mich noch selbstverständlich waren. In der ersten Zeit in Deutschland war mir alles eigentlich noch bekannt, aber doch irgendwie neu. Kleinigkeiten hatten sich verändert, die Verwandte oder Freunde schon lange vergessen hatten, mir aber sofort auffielen. Ein neues Haus an der Straße, ein gefällter Baum, eine neue Haarfarbe. Die Mentalität und Gewohnheiten der Deutschen unterscheiden sich stärker als ich dachte von der russischen Mentalität, was mir aber erst auffiel, als ich wieder nach Deutschland kam.
Auf der einen Seite waren die ersten Tage in Deutschland für mich sehr interessant, auf der anderen Seite aber auch ziemlich anstrengend.

Eine Frage, der sich wahrscheinlich alle Austauschschüler oft stellen mussten, war sicher, warum wir uns ausgerechnet Russland als Gastland ausgesucht haben. Eigentlich ist die Antwort doch selbstverständlich: Obwohl in Deutschland viele Russen leben, wissen wir eigentlich kaum etwas über Russland. In den Medien zeigt man es uns meistens von seiner negativen Seite, viele Menschen haben Vorurteile gegenüber dem Land und seinen Menschen: Russland hat eine korrupte Politik, seine Bewohner trinken Wodka schon zum Frühstück und sind, wenn nicht kriminell, zumindest unfreundlich und gefühlskalt. Natürlich braucht man kein ganzes Jahr in Russland, um festzustellen, dass diese Vorurteile nicht der Wahrheit entsprechen. Russland schien mir weitaus interessanter, als zum Beispiel Amerika, oder ein europäisches Land, weil deren Kulturen der Deutschlands ähneln. Ich finde, dass Russland alleine schon aufgrund seiner reichen Kultur interessant ist. Meiner Meinung nach genügt es schon, Tschaikowskij oder Puschkin zu kennen, damit der Wille geweckt wird, Russland näher kennen zu lernen.  Ich wollte unbedingt mehr über Russland erfahren, denn seit ich vor 3 Jahren anfing, russisch in der Schule zu lernen, schien mir die Sprache die schönste, die ich kannte, und das ist auch bis jetzt so geblieben. Es hat mir einfach unglaublich viel Spaß gemacht, Russisch zu lernen und zu sprechen, auch wenn es schwerer war, als ich mir vorgestellt hatte.

Aber das Ziel eines Austauschjahres ist ja nicht nur das Kennenlernen eines bestimmten Landes, einer Kultur oder einer neuen Sprache, sondern, auch unabhängig vom Gastland, neue Erfahrungen zu sammeln. Jeder Austauschschüler lebt ein Jahr in einer völlig anderen Umgebung, lernt die unterschiedlichsten Menschen kennen und findet eine Gastfamilie. Dabei wird man geprägt, ganz egal ob in Amerika, Europa oder eben Russland. Jeder Austauschschüler wird selbstständiger, offener und toleranter. Auf der anderen Seite gibt es Erfahrungen und Veränderungen, die wir wahrscheinlich gerade aufgrund von bestimmten Menschen oder der Mentalität unseres Gastlandes durchmachen.

Ich bin wahrscheinlich gerade durch Russland sehr viel gelassener geworden: Ich habe keine Angst mehr, zu spät zu kommen, ich hetze mich kaum noch, obwohl doch die Deutschen  für  ihre Pünktlichkeit bekannt sind
Ich bin sorgloser geworden, ich mache mir weniger Gedanken über die Zukunft und lasse mich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Daran habe ich mich vielleicht vor allem in der Schule gewöhnt, denn meine Mitschüler und auch Lehrer waren, für meine Verhältnisse zumindest, unerträglich unorganisiert: Auf Arbeiten und Referate wurde sich nie früher als am Vortag vorbereitet, und Kurse oder Klassenfahrten wurden versprochen und gerade am Vortag wieder abgesagt. Auch mit Freunden machten wir oft Treffen aus, die in letzter Minute noch abgesagt oder verschoben wurden. Ich habe mir deswegen angewöhnt, mindestens zwei Mal nachzufragen, ob alles beim Abgemachten bleibt, oder sich etwas verschiebt oder ausfällt. Ich glaube, diese leichte Unzuverlässigkeit bringt Spontanität und Improvisationstalent mit sich, denn so plötzlich manchmal etwas abgesagt wurde, so schnell wurde auch eine Alternative gefunden.

Anfangs schien mir, dass viele Leute ein bisschen rücksichtslos oder auf sich fixiert sind. In Geschäften zum Beispiel findet man selten Hilfe von Angestellten, die auf Nachfragen oft ungeduldig reagieren oder einfach selbst nicht genau wissen, was zu tun ist, wie zum Beispiel bei der Post, als ich versuchte ein Paket nach Deutschland zu schicken. Ich wurde dabei zwischen zwei Schaltern hin- und hergeschickt, weil sich niemand zuständig fühlte. Oft hatte ich das Gefühl, nicht ernst genommen oder alleine gelassen zu werden, auch von Mitschülern, die ich beispielsweise um Hilfe bat. Anfangs und mit schlechten Sprachkenntnissen war das sehr frustrierend, doch mit der Zeit und je besser ich die Leute und das Land kennen lernte, wurde ich geduldiger, sprach Probleme wenn nötig auch zwei- oder dreimal an und löste sie vor allem selber. Im Nachhinein glaube ich, dadurch unglaublich selbstständig und selbstbewusst geworden zu sein und denke, dass all der Frust und die Enttäuschungen doch zu meinem Vorteil waren.
Mit der Zeit wirklich anstrengend, aber meiner Meinung nach beneidenswert, ist die Gastfreundlichkeit Russlands. Während man in Deutschland bei einem unangemeldeten Besuch wohl eher ein Glas Wasser angeboten bekommt, bieten die Russen uns zum Tee eigentlich alles an, was im Kühlschrank noch gefunden wird, zumindest aber Brot oder Gebäck. Anstrengend, weil man auch oft etwas zu aufgezwungen bekommt, obwohl man gar nichts möchte. Ich lebte einmal auf einer Reise nach Südrussland für ein paar Tage in einer Familie, die mir schon zum Frühstück Fleisch und Kartoffeln anbot, was für Russland übrigens gar nicht so ungewöhnlich ist, aber ich konnte eigentlich niemals so viel essen, wie mir auf den Teller getan wurde.
Ich habe hier lange nicht alle Unterschiede zwischen Deutschland und Russland genannt, die mir aufgefallen sind. Ich finde sie im Nachhinein sehr schwer aufzuzählen, man muss eine andere Kultur einfach selbst erleben, denn es gibt viele Kleinigkeiten, die ins Auge fallen. Wenn ich in Sankt Petersburg durch eine belebte Straße gegangen bin, sind mir jedes mal verwunderlich viele Dinge aufgefallen, die in Deutschland anders gewesen wären: Kleine Lädchen und Stände, Kiosks, das Verhalten und die Kleidung der Leute. Man kann nicht alles auf einmal erfassen, eigentlich habe ich mich täglich über etwas gewundert, ich habe neue Feiertage kennen gelernt oder sie anders gefeiert als in Deutschland, in abendlichen Gesprächen mit meiner Gastfamilie Interessantes erfahren, andere Sichtweisen und Einstellungen nachvollzogen. Denn je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr Unterschiede findet man zwischen Deutschland und Russland und deswegen ist dieses Land auch so unglaublich interessant.

Svenja, Russland 2008/09


Kommentare (2)
  • Anna Sonnert  - Autauschjahr
    Liebe Svenja!

    Mein name ist Anna, ich bin 13 Jahre alt und interessiere mich für so ein Austauschjahr in Russland. Ich lerne seit der Vorschule russisch,trotz dessen bin ich nicht besonders gut,fand aber das Land und die Sprache schon immer faszinierend. Ich hatte nachdem ich nach der vierten Klasse aufhörte (aufhören musste)Russisch zu lernen 2 Jahre lang Englisch,lerne aber seit der 7 Klasse wieder Russisch. Ich war z.b. durch ein Schulprojekt das von unserer Schule unterstützt wird (das Projekt hilft/half einem Weißrussländischen Internat das das einziege internat und die einzige Schule im umkreis von (ich weiß nicht wie vielen kilometern ist/war- und sollte geschlossen werden)die Kinder sind/waren meist dort weil ihre Eltern nicht genug Geld haben,eines der Elternteile Drogen süchtig ist oder im Gefängniss ist...). ´Deswegen würde ich mich gerne bei ihnen informieren über Austauschjahre in Russland,ihnen ein paar Fragen stellen... .

    Mit freundlichen Grüßen Anna Sonnert!
  • AFS Interkulturelle Begegnunge  - Fragen bitte per E-Mail oder telefonisch
    Hallo Anna,
    dies ist eine Kommentarfunktion und nicht geeignet, um Fragen zu den Austauschprogrammen zu klären. Wenn du Fragen hast, melde dich gern telefonisch 040 399222-0 oder per E-Mail: germany@afs.org.

    Herzliche Grüße
    Nicole Brechmann
    PR-Abteilung
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