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Und schon wieder da! Und es ist wirklich alles schon wieder vorbei ? JA , lautet die Antwort. Für mich tut sich nur immer wieder die Frage auf, für wen es zu Ende ist. Ob für alle anderen, die ein Jahr gewartet haben bis ich wieder komme, oder tatsächlich für mich, derjenige, für den nun ,,schon‘‘ wieder ein neuer Lebensabschnitt beginnt.
Wenn ich so darüber nachdenke, dann ist es für mich nicht vorbei. Es fängt gerade erst an! Ein ganzes Jahr ist es nun schon her, dass ich mich in eine neue Welt begeben habe. Die neue Welt, MEINE Welt.
22. August 2008:
Liebes Tagebuch, ich bin mir zwar gar nicht so sicher wie man in so ein Tagebuch schreibt, aber ich werde mir Mühe geben. Heute ist (bzw. war) mein erster Tag in Lettland. Es war ein komischer Tag. Der Abschied heute Morgen war schwer, aber durch die Vorfreude endlich nach Lettland zu fliegen, ging es. Eine Umarmung und ein letzter Kuss auf die Wange, und schon ging es los. Keine drei Kurven und zweihundert Meter weiter, sprangen wir durch die Luft und riefen ,,Jetzt geht’s los‘‘. Im Flugzeug sprangen dann auch schon die Fragen durch den Kopf: Wie ist meine Gastfamilie? Wie ist mein Gastbruder? Was sind die Russen für ein Volk? Wie sind Letten so? Find ich überhaupt Freunde dort? Gefällt es mir generell? Wie sehr vermisse ich Deutschland? Fragen, wo ich weiß dass ich sie in den nächsten Monaten beantwortet bekomme.
Heute habe ich von Lettland zwar noch nicht sehr viel gesehen, aber dafür schon Leute aus acht verschiedenen Ländern kennen gelernt. Es war sehr aufregend sich in Englisch zu unterhalten und die ersten Kennenlernspiele und Aufgaben überhaupt zu verstehen. Apropos aufregend! Das kommt ja erst noch alles. Denn übermorgen geht es in die Gastfamilie und dann schon am Montag in die Schule. Auf all diese Sachen bin ich sehr gespannt und berichte dir wieder so schnell wie möglich mehr! Bis bald.
24.August 2008:
Wir haben zwar schon sehr spät (2 Uhr nachts) aber ich schreibe dir trotzdem noch von meinen Erlebnissen des heutigen Tages. Nachdem unser AFS-Camp zu Ende ging, ging für mich der Weg zur Gastfamilie erst richtig los. Die Stadt Daugavpils liegt zwar nicht nur außerhalb, sondern ganz weit weg. Vier Stunden dauerte die Fahrt ans andere Ende des Landes. Davon fuhren wir 3,5 über eine Landstraße, hier auch Hauptverkehrsnetz genannt. Ich schätze all 3 bis 4 Kilometer kam mal rechts und mal links ein Haus und unsere fünfminütige Toilettenpause verbrachten wir auf einem stillgelegten Parkplatz mit einem ausgeraubtem Kiosk.
Nach wirklich vier Stunden Spannung im Bus war es dann soweit. In Daugavpils angekommen hielt der Bus in einer dunklen Nebenstraße. Es regnete und ich sah in der Dunkelheit nicht mal mehr wo plötzlich mein Koffer verschwand. Dann packte mich jemand am Arm und sagte ,,Lets go‘‘. Total verdutzt spazierte ich ca. 200 Meter hinter den zwei Personen vor mir her. Dann bekam ich einen Schlüssel in die Hand gedrückt und sah sogar von wem. „Ich schätze das ist Edward , mein Gastbruder“, dachte ich mir und nahm ihn dankend entgegen. Plötzlich kam auch die andere Person zu mir und attackierte mich mit russischen Sätzen. Alles verging wie ein Film im Vorspulen. Denn in der nächsten Sekunde stand meine Gastmutter vor mir in der Tür und knutschte mich von oben bis unten ab.
Das Willkommens-Essen lief total lustig ab, denn nun musste ich mich wirklich nur mit Händen und Füßen verständlich machen. Schwierig wurde es bei der Situation mit dem Essen. Ich habe auf meiner Vorbereitung schon gehört, dass man Russen nie essen abschlagen darf wenn sie es extra wegen einem zubereitet haben, also aß ich noch so lange, bis ich bis zur Oberkante gesättigt war. Danach gab es noch eine grobe Wohnungsbesichtigung, und auf ins Bett. Nun liege ich hier auf meinem ,,Schlafsessel‘‘ und schreibe die Ereignisse vor mich hin. Es war auf jeden Fall ein sehr spannender und aufregender Tag. Ich freu mich sehr auf morgen, denn da steht schon die erste Stadtbesichtigung an.
25. Juni. 2009:
Liebes Tagebuch, dies wird voraussichtlich der letzte Eintrag meines Austauschjahres. Nun ist es zehn Monate her, dass ich nach Lettland gekommen bin, und es war wundervoll. Alle Momente die mir die letzten Tage durch den Kopf schwirren sind super schön. Zurzeit denke ich lieber zurück an die schöne Zeit die ich hier hatte, und nicht daran dass es nun schon wieder nach Hause geht. Ich kann es ja nicht verhindern dass es nun vorbei ist, aber ich kann verhindern dass alle meine tollen Momente verloren gehen. Darum hab ich ja dich!
Kannst du dich noch daran erinnern als ich das erste Mal abends mit der Luda, meiner Gastmutter, am Küchentisch saß und mit ihr einen Tee getrunken habe. Haha, da hab ich ihr sogar noch versucht irgendwie klar zu machen, dass ich nicht gerne Tee trinke. Nun kann ich mir kaum noch Vorstellen abends ohne Tee ins Bett zu gehen. Den Mitternachts-Snack mit Edward, meinem Gastbruder, und das morgendliche Treffen mit Arnold, meinem Gastvater, im Badezimmer werde ich schon sehr vermissen. Nur durch Luda und ihre russischen Kochkünste habe ich Spaß am kochen gefunden und auch nur durch die Mitternachts-Snacks backe ich abends um 10 Uhr noch einen Kuchen. Wie verrückt die Russen doch sind mit ihren Sommerhäusern. Jedes Wochenende wird dort verbracht. Das hab ich heute noch nicht verstanden, dass sie dort nur zum arbeiten hinfahre. Verrückt!
Genauso wie die Geburtstage. Die sind doch zum gemütlichen zusammen sitzen und entspannen da oder etwa nicht? Nein, es muss alles perfekt sein. Das Essen muss mindestens für 30 Leute reichen und sich fertig machen geht erst, wenn alle sehen, dass ich noch bis zum letzten Drücker versucht habe, alles fertig zu machen. Wie sehr ich die Familie doch vermissen werde! Vor allem sind mir die russischen Kochkünste ans Herz gewachsen. An die üblichen 10 Kilo mehr der durchschnittlichen Austauschschülers bin ich zwar nicht rangekommen, aber das ein oder andere Kilo mehr bring ich schon mit nach Hause. Aber das war ja auch alles kein Problem wieder abzubauen, denn anstatt jeden Tag Sport, geh ich doch lieber weiterhin 2-mal die Woche in die Sauna und alles ist super. Diesen Traum werde ich mir eh irgendwann hier erfüllen: Ein eigenes Sauna-Haus. Am besten sogar mit einem See zusammen. Wobei, muss ich ja gar nicht. Ich weiß doch, dass ich immer herzlich Willkommen bin, bei meiner Gastfamilie vorbeizuschauen und auch wieder dort zu wohnen.
Ich muss mal wieder drauf achten ob Deutsche nett und offen sind. Denn als ich nach Lettland gekommen bin, habe ich mich erst über viele unmotivierte und schlecht gelaunte Menschen gewundert, aber mittlerweile bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob das in Deutschland so anders war und immer alle glücklich sind. Das lag daran, dass ich als Unbekannter in einem völlig neuen Land war. Alles war neu und die Menschen komisch. Was reden die denn da für eine Sprache, und soll ich die jetzt wirklich nach dem Weg fragen? All das klingt jetzt so absurd, war aber wirklich so. Allein das ich nun Russisch tanzen kann und angefangen habe zu singen ist doch ein Wunder. Niemals hätte ich gedacht das ich einmal einen vor den anderen Fuß setzten könnte, und am Ende hab ich doch auf jeder schulischen Veranstaltung getanzt. Das Singen war zwar nicht mein Ding, aber dadurch fiel die russische Aussprache nicht so schwer wie angenommen. Apropos Sprache, ist es nicht fantastisch durch was man alles lernen kann? Ob durch spazieren gehen oder einfach jeden Gegenstand hochhalten und fragen ,,Wie heißt das ?‘‘. Wie der erste Schultag: Ich war so aufgeregt und hatte Angst, was wohl mit mir passieren mag. Okay, der erste Tag war vielleicht nicht so wie erhofft, aber es hatten ja auch alle ein bisschen Angst den ersten Schritt zu machen. Aber am zweiten war ja alles gut, ich musste wirklich nur hingehen und den ersten Schritt machen. Dann kam das Verabreden und die Freunde von alleine.
Nun kommt noch das letzte Abendessen und das Kofferpacken und auf geht es zurück. Welches Auge überwiegt zurzeit? Das lachende oder das weinende? Ich weiß es nicht so genau. Es ist ein so wundervolles Gefühl bald zu Hause zu sein. Aber jetzt ist doch auch hier mein zu Hause und hier weg zu müssen ist echt schwer zu verstehen. Ach, lass uns morgen und übermorgen noch genießen und dann so schnell wieder zu Besuch kommen. Danke für das Jahr!
Florian, Lettland 2008/09 Stipendiat Stiftung EVZ
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