Schüleraustausch für ein halbes oder ganzes Jahr bei Bedarf mit Stipendium

VENEZUELA: Ein wirklich tolles Land

Wenn ich in diesem Moment an mein Austauschjahr zurückdenke, erinnere ich mich noch genau an die aufregenden Monate vor meinem Hinflug nach Venezuela. Ich war so gespannt und nervös und konnte schon Monate davor nachts vor Aufregung kaum schlafen. Auf dem Vorbereitungscamp von AFS war ich wohl eine der aufgeregtesten, was man sicherlich an meinen tausenden löchernden Fragen über mein Gastland – Venezuela – erkannte.Der Flug verging sehr schnell, da es mit ca. 30 anderen Austauschschülern, die dasselbe fühlen wie man selbst, wohl nicht so schnell langweilig wird. Ich weiß noch genau, wie ich den Boden küsste, als wir das erste Mal in Caracas (die Hauptstadt Venezuelas) ankamen. Als wir aus dem Flughafen traten und ich die ganzen wartenden Morenos (=dunkelhäutige Menschen), mit ihren Schildern in den Händen sah, konnte ich mir gar nicht vorstellen, ein Jahr unter diesen Menschen zu leben.

Nach zwei wunderschönen Tagen in Caracas in den Bergen mit allen Austauschschülern (=Ankunftscamp von AFS) ging es mit zwei kleinen Bussen, die von insgesamt 60 ungeduldigen Austauschschülern aus aller Welt gefüllt waren nochmals zum Flughafen. Da Venezuela dreimal so groß ist wie Deutschland (und dabei nur 27 Mio. Einwohner hat), mussten viele von uns (darunter auch ich) noch einmal von Caracas aus in ihre Stadt fliegen, wo sie dann ihre Gastfamilie erwarten würde. Auf dem Weg jedoch, ging einer der Busse kaputt, und durch die dadurch aufkommende Wartezeit, verpasste ausgerechnet meine Gruppe um eine knappe halbe Stunde ihren Flug.

Als wir dann nach zwei Tagen Wartezeit am Busbahnhof in San Cristóbal ankamen, war die Nervosität und Vorfreude riesig! Natürlich war ich die letzte, die von ihrer Gastfamilie abgeholt wurde, was mich schon die schlimmsten Befürchtungen denken ließ, wie: Die wollen mich nicht. Ich bin denen gar nicht wichtig.

Diese Befürchtungen bestätigten sich jedoch überhaupt nicht. Eine strahlende, kleine, schicke und moderne Frau kam lachend auf mich zu und beide wussten wir gar nicht, was wir machen sollten, außer zu lachen. Im Laufe des Tages lernte ich auch den Rest meiner Gastfamilie kennen, wozu meine drei älteren Brüder und meine Oma gehörten.

Meine neue Heimatstadt San Cristóbal, liegt in den Anden, ca. 2 Stunden von der kolumbianischen Grenze entfernt. San Cristóbal ist für Austauschschüler eine der sichersten Städte Venezuelas. Das Klima in San Cristóbal ist meiner Meinung nach das beste Klima aller Städte Venezuelas: Es ist warm, aber nicht zu heiß, da wegen der Berge immer ein recht frisches Lüftchen wehte.

Eine Sache, die für immer in meinem Herzen bleiben wird, ist die Lateinamerikanische Musik. Regueton, Merengue, Salsa, Bachata – All das sollte meiner Meinung nach in Deutschland eingeführt werden, weil man dazu einfach viel besser tanzen kann, was viele Deutsche jedoch nicht wissen, weil sie es noch nie gehört haben (so wie ich vor dem Austauschjahr).

Ein weiterer jedoch etwas enttäuschender Moment war die Weihnachtszeit für mich. Weihnachten ist nicht so wie in Deutschland der wichtigste Moment des Jahres. In Venezuela bereitet man den ganzen Dezember lang eigentlich nicht so viel vor (außer einen riesigen kitschigen künstlichen Weihnachtsbaum mit viel geschmackloser Dekoration zu schmücken). An Heiligabend geht man nach einem kurzen Abendessen, bei dem es auch nicht so wichtig ist, ob alle Familienmitglieder dabei sind, in die Kirche. Nach dem Kirchengang werden die Geschenke geöffnet, und dann kommt der schönste Teil: es wird gefeiert. Und zwar nicht mit der Familie, sondern mit Freunden. Ich persönlich habe den Heiligabend mit meinen besten Freunden in aller Ruhe verbracht. Viele Venezolaner gehen am 24. aber auch in die Disko, andere machen eine große Familienfeier zu Hause. Das kommt immer ganz auf die Familie an.

In der typischen venezolanischen Familie gelten die Eltern als striktes Familienoberhaupt. Die Kinder (auch die Jugendlichen) müssen für alles was sie tun um Erlaubnis fragen. Das hört sich sehr hart an, aber für meine Freunde war das völlig normal. Wenn ich zwei Tage hintereinander etwas mit einer meiner Freundinnen was unternommen habe, und wir uns am dritten Tag uns auch nocheinmal treffen wollten, so meinte sie ohne vorher die Eltern gefragt zu haben, das es besser wäre wenn wir uns nicht treffen würden, weil das ja nicht gehen würde, drei Tage hintereinander aus dem Haus zu gehen. Diese Einstellung war und ist auch immer noch für mich sehr unverständlich. Mit der Zeit habe ich mich jedoch daran gewöhnt, es zu akzeptieren.

In fast allen unserer Gastfamilien war das jedoch anders. Wir Austauschschüler hatten sehr viele Freiheiten. Natürlich gab es Regeln wie bei mir zum Beispiel die „Du-musst-am-Wochenende-um-halb-drei-zu-Hause-sein-Regel“. Regeln aber gehören zu einem Familiendasein dazu.

Kommen wir zum Schulsystem. Nach meiner Ankunft in Venezuela hatte ich noch 3 Wochen Ferien bevor die Schule begann. Das Schwerste war es jedoch, erst einmal eine Schule zu finden. Ihr müsst wissen, dass es in den meisten großen Städten in Venezuela sehr viele kleine Schulen gibt. Fast alle Schulen haben nicht mehr als 500 Schüler. Obwohl es in San Cristóbal wirklich sehr viele Schulen gibt, gibt es für viele Kinder trotzdem Probleme, einen Schulplatz zu bekommen.

Es gibt zwei Arten von Schulen, zum einen die privaten “Colegios” und zum anderen die öffentlichen “Liceos”. 80 % Aller Schulen in San Cristóbal sind Colegios. Da die Armutsrate in San Cristóbal ziemlich niedrig ist, werden Liceos, die für Kinder von Familien mit nur wenig Geld bestimmt sind, auch fast ausschließlich von Kindern besucht, deren Familien es sich nicht leisten können, ihr Kind auf eine private Schule zu schicken. Nachdem ich nach langer Suche endlich eine Schule, natürlich ein “Colegio”, gefunden hatte, war ich sehr aufgeregt den Schulalltag zu beginnen.

Wie alle Austauschschüler wurde ich für das Quinto Año, das Abschlussjahr, eingetragen. An meinem ersten Schultag war ich wirklich sehr aufgeregt, da ich kaum Spanisch gesprochen habe und mich in der für mich so ungewohnten Schuluniform nicht gerade wohl gefühlt habe. Alle meine Ängste waren aber umsonst, denn gleich am ersten Tag in der Schule fiel mir die Offenheit und das Interesse aller Mitschüler sehr positiv auf.

Was ich jedoch nicht wusste war, dass ich das einzige Mädchen in meiner Klasse war. Da die Schule wirklich sehr klein war, war ich außerdem das älteste Mädchen auf der ganzen Schule und habe mich auch so gefühlt. Nach drei Monaten hielt ich es nicht mehr unter den Jungs aus und wechselte auf ein anderes Colegio, auf dem es mir unter 58 Mitschülern in meiner Klasse sehr viel besser erging.

Ein ganzer Tag pro Woche wird übrigens genutzt für das Fach  “Instrucción Premilitar”, indem den Schülern von einem echten Offizier in Uniform und Springerstiefel “Stillgestanden” und “Marsch” beigebracht wird. Dieses Unterrichtsfach wurde von dem sehr unbeliebten Präsidenten Hugo Chávez eingeführt. Zum Niveau der Schule kann ich nur eines sagen: Hier habe ich gelernt, das deutsche Schulsystem (auch wenn es noch lange nicht perfekt ist) zu schätzen.

Das Grundproblem der venezolanischen Schulen liegt darin, dass den Lehrern im Studium keinerlei pädagogische Fähigkeiten oder Lehrmethoden beigebracht werden. Deswegen schaut mehrmals am Tag der Schuldirektor in den Klassenraum, wenn es zu laut wird, weil die Lehrer es nicht hinbekommen die Schüler selbst ruhig zu halten

Bevor ich nach Venezuela gegangen bin, dachte ich mir: Ach, du kommst dann ja in die Nähe von Kolumbien, und San Cristóbal ist ja auch total abgeschieden von den anderen Städten. Naja, wie das wohl wird?! Ich kann nur sagen, dass San Cristóbal das Beste war, was mir passieren konnte. Ein wichtiger Aspekt dabei ist unsere Gruppe, 10 Austauschschüler aus aller Welt (Neuseeland, Thailand, Dänemark, Norwegen, Island und Deutschland). Ich habe mit diesen 10 Menschen wirklich Freunde fürs Leben gefunden, was Besseres hätte mir nicht passieren können. Natürlich hat der Aspekt der „Integration“ unter Venezolanos ein bisschen darunter gelitten, aber das hab ich gerne in Kauf genommen. Ich habe obwohl ich sehr viel mit den anderen Austauschschülern unternommen habe, auch sehr viele venezolanische Freunde gefunden und die venezolanische Kultur auch so ohne Probleme sehr gut kennen gelernt. Mein Spanisch hat darunter auch nicht gelitten, was wohl auch daran lag, dass wir Austauschschüler uns bemüht haben, unter uns auf Spanisch zu reden.

Ein anderer sehr interessanter Aspekt der für San Cristóbal spricht, ist die Nähe zu Kolumbien. Nach meinem Austauschjahr kann ich eigentlich sagen, dass ich ein Austauschjahr in Venezuela und wohl auch ein bisschen in Kolumbien verbracht hab. Durch die Nähe zu Kolumbien wurden die Menschen in San Cristóbal von vielen anderen Venezolanern auch abfällig „Columbianos“ (=Kolumbianer) genannt. Ich kann nur sagen, dass ich unheimlich glücklich bin, dass ich sogar die Chance hatte, nach Kolumbien zu reisen (unter anderem auch in die Hauptstadt, Bogotá) und ein Stück weit die kolumbianische Kultur kennen lernen durfte. Der Abschied war natürlich der traurigste Moment des ganzen Jahres. Man stelle sich vor: 9 Austauschschüler, samt ihrer Gastfamilien und Freunden an einem kleinen Flughafen. Das Schlimme ist, dass man nicht weiß, wann man sich wieder sieht. Es ist ein Abschied auf lange Zeit. Ich habe Jungs noch nie so weinen sehen, wie an diesem Tag.

Der Austausch hat mich geprägt, mir so viele neue Sichtweisen verliehen. Ich habe in diesem Jahr so viel gesehen, so viele schöne Erlebnisse gehabt. Ich habe mich verändert, sehe die Dinge mit ganz anderen Augen. Das Wichtigste an meinem Jahr in Venezuela war jedoch, dass ich nun ein neues zu Hause habe und Freunde fürs Leben auf der ganzen Welt. Ich bin unglaublich glücklich, die Chance gehabt zu haben, ein Jahr lang, völlig anders zu leben und möchte mich an dieser Stelle von ganzem Herzen (und das ist wirklich, wirklich, wirklich ernst gemeint!) bei AFS und der Robert-Bosch-Stiftung bedanken, mir dieses Austauschjahr ermöglicht zu haben.