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Nun lebe ich seit fast einem Monat wieder in Deutschland und es kommt mir wie gestern vor als ich in das Flugzeug nach Chicago stieg. Die Zeit vergeht unglaublich schnell. Der Rest meines Austauschjahres scheint an mir vorbei geflogen zu sein. Es fühlt sich gut an wieder in Deutschland zu sein und Familie und Freunde die man so vermisst hat wieder zu sehen. Ich habe mich schon sehr gut eingelebt, jedoch vermisse ich mein amerikanisches Leben natürlich sehr. Im Februar habe ich meine Gastfamilie gewechselt. Die letzten Monate in meiner ersten Gastfamilie sind nicht sehr positiv gewesen und es gab viele Spannungen und einfach zu viele Differenzen zwischen mir und meiner Gastfamilie. Hinzu kam, dass meine ehemalige Gastschwester eifersüchtig auf mich wa r und mir somit mein Leben erschwert hat. Also beschlossen meine Betreuerin und ich, dass es das Beste wäre es mit einer neuen Familie zu versuchen. So sollte ich vorab erstmal für 2 Wochen zu meiner Betreuerin und ihrer Familie ziehen, damit mit AFS alles geklärt werden konnte. In der Familie von meiner Betreuerin habe ich mich von Anfang an super gefühlt. Da alles so gut geklappt hat und die ganze Familie mir direkt ans Herz gewachsen ist und ich ihnen auch, fragten sie mich und AFS ob ich nicht einfach mit ihnen weiter leben könnte. Es war perfekt. Ich habe mich mit der ganzen Familie sehr gut verstanden. Zu ihr gehören meine Gastschwester Emilee (15) mit der ich mir ein Zimmer geteilt habe, Olivia (15), Isaac (18) und meine Gasteltern Paul und Dennise. Es hat sich so angefühlt als würde ich in die Familie gehören.
Meine zweite amerikanische Familie unterscheidet sich sehr von meiner ersten. Zum Beispiel sind sie sehr gläubig. Wir gingen jeden Sonntag in die Kirche, erst zur Bibelstunde dann zum normalen Gottesdienst. Jeden Mittwochabend hatten wir nochmals Bibelstunde. Auch wenn ich in Deutschland sehr selten zur Kirche gehe, hat es mir sehr viel Spass gemacht. Die Kirche schien viel „lockerer“ und „lebendiger“ zu sein. Ansonsten war das zweite Semester, welches nach den Winterferien begann, sehr aufregend. Die Atmosphäre erschien mir unverkrampfter und lockerer - zumindest unter den Seniors ( 12.Klässler). Dieses Semester war ganz den Seniors gewidmet. Die Zeit verging wie im Flug.
Im April liefen die Vo rbereitungen für die Abschlusszeremonien auf Hochtouren. Eine Gruppe von Juniors war damit beschäftigt den traditionellen Abschlussball zu organisieren: Den Senior Prom, der am 2. Mai stattfand. Im Voraus berichteten mir viele, was es mit dem Prom auf sich hatte. Mädchen fingen schon im Januar mit der Kleidersuche an. Die Farbe des Kleides sollte mit der Hüftschärpe des Tuxedo sowie der Fliege des Begleiters übereinstimmen. Ausserdem sollte man eine angefertigte Blumendekoration passend zum Kleid tragen: eine kleine Blume für die Dame, eine größere für den Herrn. Schon im Februar wurde ich von einem Freund für die Prom Nacht ausgefragt. Je eher man eine Begleitung hatte, desto besser.
Die Graduation in ihrer sozialen Bedeutung ist im weitesten Sinne vergleichbar mit der Konfirmation bei uns. Schon Wochen voraus wurden die Einladungen verschickt, kamen Rückantwortungen, Gratulationen und Geld. Die grosse Zeremonie wurde schon Wochen im Voraus geprobt. Als es endlich so weit war, waren alle total nervös. Die letzten Vorbereitungen für Graduation Partys wurden gemacht, Familien Mitglieder von überall her reisten an und Ende Mai konnte der Graduation Day endlich beginnen. Man kann es sich genau so wie in Filmen vorstellen:
Gegen 13.00 Uhr trafen wir uns, schick gemacht mit einem hübschen Kleid unter dem Talar. Meine Gastfamilie saß mit we iteren Freunden, Verwandten und Bekannten der abgehenden Seniors auf den Tribünen des Saales. Wir schritten langsam von beiden Seiten der Halle in die Stuhlreihen und blieben stehen. Ein Gebet wurde gesprochen, es folgten Reden, Glückwünsche und eine Performance vom Chor, der den Graduation Song sang. Im Anschluss wurden alle Schüler namentlich aufgerufen, und jeder schritt einzeln über die Bühne. Am linken Ende nahm der Schulleiter die Diploma. Zum Schluss die stehende Abschlussklasse präsentiert. Kaum war das letzte Wort des Schulleiters gesprochen, flogen schwarzen Kappen synchron zu einem Freudeschrei von uns Seniors in den Saal. Trotz der fröhlichen Stimmung flossen einige Tränen: für uns war eine Zeit des Zusammenhalts vorbei. Das Erwachsensein sollte beginnen.
Nach der Graduation Zeremonie blieb mir nur noch ein Monat, bis es hiess Abschied zu nehmen. Der letzte Monat verging unglaublich schnell. Ich machte viel mit Freunden und Familie. Zum Abschied machte ich noch eine Reise mit meiner besten Freundin zu ihrer Familie in Nebraska (der Staat westlich neben Iowa), mit meiner Familie ging es nach St. Louis.Je schneller es mir bewusst wurde, war es auch schon kurz vor meiner Abreise. Mir war bewusst geworden, was ich mit dem Rückflug alles hinter mir lassen würde: Freundinnen und Freunde, die ich vielleicht nie wieder sehen würde, eine High School, deren Spirit mir fehlen würde, ein Land, dass sich wie eine zweite Heimat anfühlt, und letzt endlich meine gesamte Gastfamilie. Der Abschied fiel mir schwer. Die letzten Wochen bestanden aus aneinandergereihten traurigen Abschiedszenen: letztes mal shoppen gehen mit meiner besten Freundin, letztes gemeinsames kochen, letztes Essen gehen, letzter Kinofilm, letztes Frühstück, letzte Umarmung, letzter Blick. Ich war sehr gespannt auf meine Eltern und Schwestern und Freunde. Trotzdem waren die 10 Monate sehr schnell vergangen. Ich hatte viele neue Erfahrungen und Erlebnisse aufgenommen, aber noch nicht verarbeitet. In meinem Kopf hatte sich viel verändert, meine Persönlichkeit hat sich etwas geändert und auch gefestigt. Ich bin viel selbständiger und erwachsener geworden.
Dass meine Eltern- mehr noch als ich- auf das Wiedersehen gespannt waren, konnte ich mir ausmalen. Meine Eltern sahen noch so aus wie vor 10 Monaten. Stürmisches Begrüßen, Küsschen, Freudetränen, reden, nach Hause fahren... Auf den ersten Blick kam mir alles wie Neu vor. Mein Zimmer, die Nachbarshäuser, die Straßen... Das Wiedersehen mit Freunden war Anfangs komisch trotzdem kam es mir so vor als wäre ich nie weg gewesen. Ihr Eindruck: ich spräche so komisch aber ansonsten sei ich ganz die Alte. Es war schwer auf deutsch zu denken und zu reden. Vereinzelt lagen mir englische Begriffe auf der Zunge, die mir in meiner Muttersprache unbekannt waren.
Doch auch wenn das Jahr nicht angerechnet worden wäre, auch wenn ich das High School- Diploma nicht erhalten, wenn ich Florida nicht gesehen hätte: ich habe etwas aus den USA mitgenommen, das wertvoller ist, als das Englisch oder Mathe für die Schule, als das Diploma oder Partys die ich verpasst habe - die Erfahrung einer fremden Gesellschaft als Teil und Mitglied ihrer selbst.
Als Gastschüler lernte ich andere Menschen intensiver verstehen. Der Aufenthalt hat mir einen guten Einblick in amerikanische Alltagsprobleme gegeben, die mir ermöglichen, das gesellschaftliche Umfeld, die Medienkultur und die amerikanische Lebensweise zu verstehen. Die Erfahrung hat meine Einstellung gegenüber anderen Völkern und Kulturen stark beeinflusst. Das Schlagwort „Toleranz“ ist hierbei ein Begriff, dessen Bedeutung mir erst in den Vereinigten Staaten richtig klar geworden ist, sowohl im negativen Sinne, z.B, wenn Leute die Ausgrenzung von Homosexuellen fordern, wie auch im positiven z.B. bei Kontakten zu sehr religiösen Familien. Ich habe mitbekommen warum einzelne Konservative bei manchen US Bürgern so beliebt sind, habe die Assoziationen bei vielen Amerikanern beim Begriff „Freedom“ gespürt und das Wort „School Spirit“ selbst erlebt. Andererseits sah ich auch negative Auswirkungen des American Dream: Street people, Armut, lernte Kriegdsdienst Leute kennen oder besuchte die Region der Amish people. Gerade die Vielschichtigkeit dieses Landes, von dem ich nur sehr wenig gesehen habe, ist beeindruckend.
Nicole Mahler
Stipendiatin Robert Bosch Stiftung
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Ich habe mich vor ein paar Wochen bei AFS beworben. Mein Traum ist es schon seit langem für ein Jahr in die USA zu gehen. Meine Familie hat viele Freunde dort, daher weiß ich schon ein wenig über die Kultur, was mich aber nun sehr neugierig gemacht hat. Ich möchte nicht nur “hören” wie es ist, ich möchte selberdort stehen, zur Highschool gehen, mit Leuten sprechen usw.
Dein Beitrag hat mir sehr, sehr gut gefallen! Ich bin wirklich beeindruckt! Du sprichst mir fast aus der Seele :) Ich hoffe daher sehr einen Platz bei AFS zu bekommen um die Erfahrung selber zu machen. Vielleicht kann ich im nächsten Jahr selber so einen Beitrag schreiben, um von meinen Erfahrungen und vor allem von meinen Eindrücken eines Austausches in den USA berichten zu können :) Ich wünsche es mir wirklich sehr!
MfG Laura Engelmann