Schüleraustausch für ein halbes oder ganzes Jahr bei Bedarf mit Stipendium
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BRASILIEN: In Deutschland ist mir ständig kalt!

Geschrieben von: Susanne, Brasilien 2008/09   

Als ich mich für einen Schüleraustausch entschied, war mir eins klar: ganz weit weg von Deutschland! Da hat Brasilien mir super gepasst. Lateinamerika war sowieso mein Traumziel. Dann noch das einzige portugiesisch sprechende und größte Land Südamerikas zu erwischen war ein riesen Glück.

Auf Google Earth habe ich Assu, meine Stadt, allerdings vergeblich gesucht. Nur einen großen grünen Fleck habe ich da gesehen. Die 50.000 Einwohnerstadt hat mit den vielen tollen Menschen im Flug mein Herz erobert. Da ich aus einem kleinen Ort in Deutschland komme, fand ich es sehr witzig wie sich immer alle dafür entschuldigt haben, dass die Stadt so klein sei und nur wenig los wäre.
Der Nordosten Brasiliens ist der ärmere Teil des Landes, aber wie mein Gastvater so gerne betont, auch der „brasilianischste“, da er die wenigsten Einflüsse aus den USA und Europa hat. Viele Menschen sind arm, aber trotzdem glücklich, sehr gastfreundlich, humorvoll und kontaktfreudig. Brasilianer sind sehr stolz auf ihr Land. Mindestens einmal in der Woche wird vor dem Unterricht die Nationalhymne gesungen. Als meine Stadt Staatsmeister im Fußball wurde, war die Freude groß und es wurde überall ordentlich gefeiert - und ich mittendrin. Ich freue mich schon auf die WM 2014 in Brasilien, schön wär′s wenn ich auch da dabei sein könnte…

Carnaval ist nicht so wie man ihn aus Rio de Janeiro kennt, sondern ein lustiger Zug voller sich mit Mehl, Honig, Margarine etc. einschmierender Menschen, die das Trio, einen Lkw der außen aus Boxen besteht und die Band durch die Stadt fährt, tanzend und feiernd begleiten.

Tja, jetzt bin ich schon über einen Monat zurück in Deutschland und zerbreche mir immer noch den Kopf darüber wie ich die Frage: „Was ist denn in Brasilien anders als hier?“, beantworten soll. All die typisch brasilianischen Dinge, die hier so fremd sind, sie sind nun ein Teil von mir. Ich kann sie nur schwer auflisten. Ich werde oft gefragt, ob das nicht alles komisch für mich war in Brasilien, aber alles was komisch ist, ist für mich im Moment Deutschland. Und dabei trotzdem irgendwie vertraut. Schließlich habe ich die ersten 17 Jahre meines Lebens hier gelebt.

Meine Mutter bekommt einen Anfall, wenn ich mich zum dritten Mal am Tag ins Bad begebe um zu duschen. Mir ist ständig kalt! Klar, wenn man 32°C gewöhnt ist. Wenn ich hier einkaufen gehe, ärgere ich mich oft darüber wie unfreundlich manche  Verkäufer sind und wie teuer alles ist! Keiner steht urplötzlich vor der Tür und teilt mir mit: „Susanne, wir fahren nach Triunfo, kommst du mit?“ Und im Radio wird nicht mehr ständig angesagt mit wie vielen Metern oder Zentimetern die Barragem (der Staudamm) schon „blutet“ wie es so schön gesagt wird. Während der ca. drei monatigen Regenzeit ist diese Ansage nämlich enorm wichtig, um zu wissen wann die Häuser in Gefahr sind und eventuell geräumt werden müssen. Obwohl der Regen dieses Jahr sehr stark war, mussten wir zum Glück nicht fliehen.

Die Zeit ist so wahnsinnig schnell vergangen und jetzt frage ich mich manchmal, ob ich wirklich ein Jahr weg war. Bewusst wird mir das erst, wenn ich meine Freunde alle Autofahren sehe. Wir sind ja alle erwachsen geworden! Jetzt sitze ich hier am PC und frage mich wie ich all die Gefühle und Erlebisse - die guten wie die schlechten - in Worte fassen soll. Wie ich jemandem erklären kann wie es mir ergangen ist. Und mir wird klar, dass das einfach unmöglich ist! Das alles muss man erlebt haben, um es zu verstehen. So ein Auslandsjahr ist einfach das Beste was man tun kann! Ich habe so unglaublich viel gelernt, allem voran portugiesisch und einen komplett neuen Blickwinkel aufs Leben bekommen.

Jeder macht seine individuellen Erfahrungen. Ich zum Beispiel, habe zweimal die Familie gewechselt, was ich nicht als sehr schlimm empfunden habe. Das können sich die meisten einfach nicht vorstellen. „Das muss ja superschlimm sein, wieder von vorne anfangen zu müssen!“, haben viele gesagt, aber dadurch dass einfach immer jemand von AFS mich unterstützt hat und für mich da war, war es O.k. Es war bereichernd, weil jede Familie von der Religion und Lebensweise her unterschiedlich ist und ich so noch mehr Eindrücke der verschiedenen Lebenssituationen gewonnen habe und gleichzeitig mehr Menschen kennen lernen konnte.

Ich wünsche jedem eine solche Erfahrung, auch wenn die letzte Woche der absolute Horror ist. In Brasilien hieß es nur noch: “Bald bist du weg… wir werden dich so vermissen! Was soll ich den jetzt in der Schule ohne dich machen? Bleib doch einfach hier! Wer braucht denn schon ein Visum?“ Und aus Deutschland kam ständig: „Ich freu mich schon so auf dich! Ich kann′s schon gar nicht mehr abwarten! Und dann machen wir dies und jenes!“ Und ich? Ich war total am Ende und zweigeteilt. Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre ich für ein paar Wochen nach Deutschland geflogen um „Urlaub“ zu machen, meine Familie und Freunde wieder zu sehen und dann nichts wie zurück nach Brasilien. Wirklich zurück in mein altes Leben hier wollte ich nicht. Aber das Schlimmste ist, nicht zu wissen, wann man seine Gastfamilie und Freunde wieder sieht. Doch ich weiß einfach, dass ich sie wieder sehen werde! Einige Freunde haben sogar angefangen Geld zu sparen, um mir beim Flugticket zu helfen!

Ich möchte mich bei AFS, der Robert-Bosch-Stiftung und allen anderen, die mich unterstützt haben, sehr herzlich bedanken. Ohne sie hätte ich diese Erfahrung nie machen können. Und um auch anderen diese Erfahrung zu ermöglichen, möchte ich mich ehrenamtlich bei AFS engagieren, Austauschschüler betreuen und sie in schwierigen Situationen unterstützen, genau wie diese Hilfe auch mir zu Gute kam.

 

Kommentare (3)
  • Clara  - ..
    ich bin gerade Austauschschuelerin in Assu und hier wird noch viel von dir erzaehlt
  • Zaira Michaelsen  - Freiwilligdienst
    Hallo, Ich habe Erfahrungsberichte gelesen und ich wollte gern wissen wie und wo kann man einen Freiwilligendienst in DE machen. Ich bin Brasilianerin aus Porto Alegre. Danke schön!
  • Matar  - Austauschjahr
    Hallo Susanne,
    meine Tochte ist 15 und geht ab Juli für 1 Jahr nach Brasilien (Acu).
    Wie kommt man auf info, Bilder über die Stadt.
    Wie sind die leute dort?
    Wie hoch ist die Kriminalität?
    kann man sich frei bewegenß
    Danke im voraus
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