Schüleraustausch für ein halbes oder ganzes Jahr bei Bedarf mit Stipendium

JAPAN: Wenn ich keinen Fotoapparat dabei hätte - ich würde nicht mehr aufhören zu erzählen...

Als ich am 19. März am Flughafen zum ersten Mal auf Tokyo blicken konnte, kam mir alles so unwirklich und groß vor. Natürlich, Tokyo ist eine Großstadt und noch dazu war ich am Flughafen, doch trotzdem, ich kam mir etwas verloren vor. Erst recht, als ich zum ersten Mal die Wohnung meiner Gastfamilie betrat. Ich verstand nahezu nichts von dem, was meine Gastmutter, mein Gastvater und die Tochter zu mir sagten und die Umgebung war das krasse Gegenteil zu meinem Wohnort in Deutschland. Aber meine Gastfamilie war sehr nett und hat mir über diese Angst hinweggeholfen. Von der Größe der Stadt bekam ich aber nicht mehr viel mit, da meine Gastmutter es für zu gefährlich hielt, mich alleine vor die Tür zu lassen und niemand Zeit hatte mich zu begleiten. Daher war ich sehr froh, als ich nach etwa 1,5 Wochen meine Gastschule besichtigen sollte und dafür mit Bus und Bahn durch die Stadt fahren musste.

Das Schulgebäude und das gesamte Schulgelände kamen mir zunächst mehr als doppelt so groß vor, wie das meiner deutschen Schule, doch der Schuldirektor so-wie sämtliche Lehrer waren sehr freundlich. Mir wurde meine Schuluniform gegeben und die Schule gezeigt.

Vor meinem ersten Schultag war ich sehr nervös, da ich nicht wusste, wie die anderen Schüler auf mich reagieren würden. Meine Klassenlehrerin beruhigte mich dann erst einmal. In der Klasse angelangt kam es jedoch zu einer Reaktion, mit der ich nicht gerechnet hatte: Die Mädchen haben aufgekreischt und “kawaiiiii” (süß) gekreischt, die Jungs fingen an, zu tuscheln und alle starrten mich an, als wäre ich ein seltenes Tier oder etwas Derartiges. So viele blonde Ausländer mit blauen Augen scheinen nicht an den japanischen Schulen zu sein... Nachdem ich mich vorgestellt hatte, wurde ich gleich von den Mädchen mit Fragen überhäuft, die ich jedoch nicht verstand. Die Jungs trauten sich erst später zu fragen, als die Mädchen den Raum verlassen hatten.

Im Allgemeinen sind Japaner sehr aufgeschlossene, freundliche Menschen. Mittlerweile musste ich jedoch leider wegen familiärer Probleme die Gastfamilie wechseln, da ich mich in der großen Vorstadt einfach nicht einleben konnte. Meine neue Gastfamilie lebt in einer kleineren Stadt, in einem traditionellen, japanischen Haus. Es ist eine eher ländliche Umgebung ohne Hektik wie in der Stadt und ich kann nun auch mit dem Fahrrad zur Schule fahren.

Einen richtigen Unterschied zwischen Familienmitgliedern und Freunden/Nachbarn gibt es nicht, ebenso herrscht zwischen Lehrern und Schülern eher eine Freundschaft. In den Pausen wird zusammen herumgealbert und gelacht, in den Stunden natürlich gelernt, aber es ist immer lustig! Ich bin noch nie so gerne zur Schule gegangen, erst recht nicht, wenn sie von morgens um 9.00 Uhr bis nachmittags um 16.25 Uhr geht. Nach der Schule haben die meisten Schüler noch Bukatsu (Klubs/AGs). Die meisten Jungs aus meiner Klasse sind zum Beispiel im Soccerklub, die Mädchen in Theater und Brassband. Ich selbst bin in Ikebana, Badminton und Kendo. An erster Stelle der Klubs steht natürlich der Baseball-klub. Dieser ist einer der Klubs, die am härtesten trainieren und gerade dieser Klub (ebenso wie die Brassband) repräsentieren die Schule an erster Stelle.

Schwierigkeiten bereitet mir zurzeit noch die Sprache. Japaner reden unter sich sehr schnell, was es für Ausländer, die die Sprache noch nicht beherrschen, recht schwer macht, das Gesagte akustisch zu verstehen. Meine Freundinnen sprechen jedoch langsam mit mir und ich verstehe dann schon das Meiste.
Das Lesen fällt mir auch noch schwer, da das meiste in Kanji geschrieben steht und ich diese Schrift im Vergleich zu meinen Klassenkameraden erst noch lernen muss. Aber es wird langsam besser! Neu für mich ist aber nicht nur die Sprache und die Schrift, sondern auch einige japanische Gewohnheiten, wie zum Beispiel das Wechseln der Schuhe, wenn man die Toilette betritt oder die Tatsache, dass sowohl die Leserichtung als auch sämtliche Türschlösser und der Straßenverkehr andersherum laufen. Doch daran habe ich mich recht schnell gewöhnt. Nur daran, dass zwar alle Japaner Schwarzbrot kennen, man dieses aber nirgendwo kaufen kann und daran, dass Mädchen und Jungen nicht so viel miteinander zu tun haben, konnte ich mich noch nicht gewöhnen bzw. habe den Grund dafür noch nicht ganz verstanden.

Auch das Klima in meiner Region ist neu für mich, es grenzt schon stark an tropisches Klima. Im Moment haben wir hier Regenzeit, es ist täglich zwischen 29 und 35 Grad warm, schwül und regnet natürlich sehr oft.

Mein Verhalten im Vergleich zu dem in Deutschland hat sich deutlich verändert, weil ich mich hier in der Schule und bei meinen Freunden nicht verstellen muss, um akzeptiert zu werden. Ich muss nicht immer darüber nachdenken, welches Verhalten jetzt IN und welches OUT ist. Dies macht alles viel leichter und es macht Spaß, mit meinen Freunden/innen zu lernen und zu reden, sofern Letzteres sprachlich schon möglich ist.

Die Hobbies und Interessen der japanischen Jugendlichen kann ich nur soweit beurteilen, wie ich es in der Schule mitbekomme, da es zum Treffen nach der Schule oder nach dem Bukatsu meistens zeitlich nicht reicht. Meine Mitschüler legen (wie alle japanischen Schüler) sehr viel Wert auf den Klub und ihre Leistung, trainieren hart und verbringen viel Zeit mit dem Klub und deren Mit-gliedern. Zurzeit sind aber die Olympischen Spiele ein großes Gesprächsthema.

Wenn ich keinen Fotoapparat dabei hätte - ich würde nicht mehr aufhören zu erzählen. Hier ist es einfach großartig, ich möchte gar nicht mehr nach Deutschland zurück! Die Umgebung, die Leute, die Kultur, es ist einfach herrlich! Das alles wird mir nicht nur lange, sondern für immer in Erinnerung bleiben. Es wird sicher nicht das Letzte Mal sein, dass ich in diesem herrli-chen Land bin und ich bin so froh, dass ich hierher kommen konnte!!

Als ich nach Japan kam, dachte ich, ich könnte mich nicht dazu überwinden in ein öffentliches Bad (Onsen) zu gehen, aber mittlerweile liebe ich es. Ich habe es einfach probiert, es konnte ja eigentlich nichts Schlimmes passieren.

Daher möchte ich zukünftigen AFSern, egal, ob sie nach Japan oder in ein anderes Land gehen, mitgeben: Seid offen für Neues und probiert einfach etwas aus, sagt nicht gleich “das mag/kann ich nicht”, es lohnt sich durchaus! Und wenn ihr etwas nicht versteht, fragt einfach bei euren Freunden/innen und eurer Gastfamilie nach. Sie werden sich freuen wenn sie euch helfen können, wenn ihr euch an sie wendet und nach Hilfe fragt!