Hola liebe Leser, mein Name ist Muhammad, ich bin 17 Jahre alt. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, aber meine Eltern stammen aus Indonesien und aus Saudi-Arabien. Aus meinem Leben kannte ich also viele Länder und Kulturen, aber ein Kontinent hat mir gefehlt: Südamerika! Dieser Kontinent hat mich sehr interessiert und deshalb bin ich jetzt in PARAGUAY, im Herzen Südamerikas. Seit fünf Monaten bin ich jetzt hier und fühle mich sehr wohl. Es ist beinah so, als ob ich schon mein ganzes Leben in Paraguay bin - es kommt mir alles so vertraut vor.
Zu meinem ersten Tag in Paraguay: Am Flughafen angekommen, wurden wir von AFS-Mitarbeitern abgeholt. Es war ein bewölkter und sehr kalter Tag in Asuncion. Das hatte ich mir gar nicht so vorgestellt. Ich dachte, tropische Hitze würde mich erwarten. Ich war sehr müde von der Reise und hatte mich schon aufs Schlafen gefreut, aber AFS hatte für uns Austauschschüler Meetings vorbereitet und somit sah ich mein Bett erst viel später! Am folgenden Tag hat mich meine Gastfamilie abgeholt. Ich hatte keinerlei Informationen über sie, weil AFS mir nur einen Tag vor der Abreise gesagt hatte, dass ich bei einer anderen Gastfamilie als geplant leben würde.
Ich lebe in San Lorenzo, einem Vorort der Hauptstadt Asuncion. In dem Haus von meiner Gastmutter leben noch meine Gastschwester (16), mein Gastbruder (12) und eine Hausfrau. Meine Mutter arbeitet im Kindergarten und an der Universität. Ich gehe mit meinen Gastgeschwistern gemeinsam auf eine Schule, die Nihon Gakko. Es ist eine Schule mit japanischer Kultur. Sie ist sehr klein: Es gibt nicht viele Klassenräume, aber dafür eine große Aula, die "open air" ist. Jeden Tag gibt es eine obligatorische Zeremonie, die auf Spanisch, Guarani (einer indigenen Sprache) und auf Japanisch geführt wird. In der Zeremonie begrüßen die Lehrer die Schüler in allen drei Sprachen. Die Nationalhymnen aus Paraguay, Japan und die Schulnationalhymne werden gesungen, die Schlagzeilen des Tages vorgelesen und auf einer Bühne wird vorgesungen, vorgetanzt usw. Danach gehen alle Schüler in ihre Klassenzimmer.
Nach der Schule treffe ich mich oft mit meinen Freunden, um das berühmte Getränk Paraguays zu trinken: „Terere" heißt es und wird hier überall getrunken. Der Terere besteht aus Matetee mit Zusätzen anderer Kräuter, zum Beispiel Minze. Die Zubereitung ähnelt der von Matetee, mit dem einzigen Unterschied, dass zum Aufgießen des Tees statt heißem Wasser kaltes Wasser (oft Eiswasser) verwendet wird. Insbesondere in Hitzeperioden wird es getrunken, sehr gerne in einer Runde mit Freunden, in der das Trinkgefäß herumgereicht wird. Wie beim Matetee wird ein spezielles Gefäß (in Paraguay Guampa genannt) mit dem Kraut etwa zur Hälfte gefüllt, das Kraut etwas befeuchtet und festgedrückt und dann mit Wasser übergossen. Getrunken wird es mit der Bombilla, einem metallenen Trinkrohr, das am unteren Ende eine Art Sieb hat, damit man keine Blattstücke mittrinkt. In Paraguay gibt es viele Varianten des Essens: La Sopa (Maisbrot), Chipa (Polentanockerl), Chipa guazu (Käse-Mais Auflauf), Mbeju (ein Kuchen), Chipa so'o (Polentanockerl mit Fleisch), Bori bori (Suppe mit Maisklößchen), Asado(gegrilltes Fleisch), Mandioka (Maniok), Empanada (gefüllte Teigtasche), Mburukuja (Maracuja), Dulce de Leche (Milchkaramel)" und weitere Gerichte, die ich noch nicht kenne, aber kennen lernen möchte. Viele Dinge werden in einem speziellen Kohleofen gebacken, dem "Tatakua". Zu fast jeder Mahlzeit gibt es als Beilage Maniok oder Cracker. Außerdem wird sehr viel Fleisch konsumiert, fast jedes Gericht wird mit damit zubereitet.
In Paraguay habe ich viele neue Freundschaften geschlossen. Natürlich mit Menschen aus Paraguay, aber auch aus Argentinien, Brasilien, Bolivien, den USA, Belgien, Frankreich usw. Ich verstehe mich mit allen sehr gut. So lernt man die verschiedensten Kulturen aus den anderen Ländern kennen. Oft trifft man sich in größeren Gruppen, nur selten zu zweit oder zu dritt. Dann geht man gemeinsam ins Kino, Einkaufszentrum, ins Schwimmbad usw. Die Jugendlichen hier nutzen ihr Handy sehr viel. Selbst während man mit ihnen spricht, halten sie es in den Händen. Insgesamt sind sie sehr freundlich, fröhlich und wollen immer ihren Spaß haben. Außerdem schämen sie sich nicht. Die Jungs z. B. pfeifen bei jedem hübschen Mädchen und schreien "mi amor" (meine süße). Ich finde das sehr respektlos gegenüber den Frauen, aber das ist nun mal Teil ihrer Kultur.
Paraguay ist ein sehr schönes, grünes Land mit vielen Bäumen. Die Mehrzahl der Menschen lebt in Häusern und nicht in Wohnungen, wie in Deutschland. Die Leute sind gelassen und mit dem zufrieden, was sie haben. Stress oder Hektik gibt es hier nicht. Fast immer sind die Menschen fröhlich, gastfreundlich und sie begrüßen einen, egal, ob man sie kennt oder nicht. An jeder Ecke wird Fußball und Volleyball gespielt.
Der Verkehr in Paraguay ist gefährlich, vor allem die Busse, weil man in ihnen überfallen werden kann. Mir ist das einmal passiert. Ein Dieb hat in meine Tasche gegriffen und mein Handy geklaut. Aber das passiert nun mal nicht jedem und ist daher kein Grund, nicht nach Paraguay zu gehen. Es ist eben ein halbes Abenteuer, mit dem Bus zu fahren. Meine Mutter fährt stattdessen viel mit ihrem Auto, weil das sicherer ist. Fast alle Paraguayer sprechen Spanisch und Guarani. Guarani ist eine indigene Sprache und wird immer noch gesprochen. Dafür sprechen viele kein Englisch, was es für mich anfangs schwer war, denn ich konnte fast kein Wort Spanisch und musste mich mit Händen und Füßen verständigen. Aber nach drei Monaten konnte ich mich schon sehr gut auf Spanisch unterhalten, obwohl es immer noch vorkommt, dass mich ein paar Freunde wegen meiner Aussprache auslachen.
Eines meiner Highlights bislang war, dass ich zwei Fußballspiele der Nationalmannschaft gesehen habe. Die Atmosphäre war atemberaubend. Und beide Spiele haben sie gewonnen. Außerdem habe ich gelernt wie man Folklore tanzt, einer der Nationaltänze Paraguays.
Weihnachten war sehr ungewöhnlich für mich. Da ich Moslem bin und Weihnachten nicht feiere, war es für mich das erste Mal. Außerdem war es sehr heiß zu dieser Zeit, und man hatte nicht das Gefühl, dass es Weinachten ist. Den 24. Dezember habe sehr nett mit meiner Familie gefeiert. Wir haben schön zusammen gegessen und uns um 24 Uhr beglückwünscht. Die Bescherung war dann am nächsten Tag. Silvester habe ich bis 24 Uhr mit meiner Familie zu Hause gefeiert. Wie an Weihnachten haben wir gemeinsam gegessen (gegrilltes Fleisch, „Asado“). Nach Mitternacht bin ich dann mit Freunden und meiner Schwester feiern gegangen.
Insgesamt bin ich sehr froh mit meiner Familie: Sie sind sehr nett zu mir und ich bekomme all das, was ich zum leben brauche. Sie haben mir viel von ihrer Kultur gezeigt und wollen mir noch mehr vorstellen. Zum Beispiel wollen wir in den Chaco gehen, wo die Einheimischen leben. Bei meiner Wohnumgebung bin ich geteilter Meinung, weil ich sehr weit vom Zentrum entfernt wohne. Ich muss mir immer eine Stunde Zeit nehmen, um ins Zentrum von Asuncion zu gelangen. Außerdem habe ich sehr viel Zeit, um über viele Dinge nachzudenken - wie wichtig eine Familie und Freunde sind und das nicht immer alles im Leben leicht ist. Hier in Paraguay gibt es sehr viel Armut und das mit anzusehen ist schon hart für mich. In Deutschland hat man so viel Luxus - hier hat noch nicht einmal jeder hat ein Dach über dem Kopf oder ausreichend Essen. Und obwohl dieser Unterschied zwischen Armut und Reichtum so drastisch ist, gewöhnt man sich an ihn, weil er hier zum Alltag gehört.
Paraguay ist ein sehr schönes Land mit viel Kultur und Gelassenheit. Te amo a Paraguay!
Muhammad, Paraguay 2008/09
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