Schüleraustausch für ein halbes oder ganzes Jahr bei Bedarf mit Stipendium

PORTUGAL: Die Süßigkeiten sind himmlisch, aber verboten süß

Ich kann es kaum glauben, aber ich lebe nun schon vier Monate hier in Lissabon, Portugal. Und ich habe mich wirklich in dieses Leben verliebt. Es ist zwar anders, als ich es mir vorgestellt habe, doch ich habe eine wundervolle Gastfamilie, bin auf einer netten Schule mit einer tollen Klasse und habe das Meer quasi nebenan.

Viele Leute haben mich vorher gefragt, warum ich denn nicht in die USA, Asien oder Südamerika gehen würde. Portugal sei doch fast nebenan und die Kultur gar nicht so anders als in Deutschland. Außerdem habe ich von vielen Seiten gehört, es sei doch ein Jahr reinster Urlaub. Gut, wenn man an Portugal denkt, verbindet man es automatisch mit Sonne, Sommer, Strand, blauem Meer und Palmen – eben mit Urlaub. Diese Sachen gibt es hier auch alle. Doch ein Jahr Urlaub ist es auf keinen Fall. Ich habe hier ein normales Leben, das heißt, ich gehe jeden Tag zur Schule, habe Freunde sowie Hobbys und lebe in einer Familie mit all den Pflichten, die man als ein Familienmitglied hat. Dazu versuche ich, mich mit einer neuen Sprache und anderen Kultur zurechtzufinden. Es ist also auf keinen Fall ein Jahr Urlaub. Der Kulturunterschied ist zwar nicht so riesig, wie in Asien oder Südamerika. Doch wie all die anderen, habe ich so gut wie alles in Deutschland gelassen, womit ich vertraut war, und mich kopfüber in ein neues Abenteuer gestürzt, ohne vorher zu wissen, wo und mit wem ich für ein Jahr zusammenwohnen werde.

Meine Gastfamilie besteht aus vier Personen: Meiner Gastmutter Alexandra, meinem Gastvater José Maria, meinem Gastbruder António Maria (18) und meiner Gastschwester Rita (14), mit welcher ich mir ein Zimmer teile. Ich komme mit dieser Familie wirklich super aus, doch es ist natürlich nicht wie in meiner Familie zuhause. Für mich ziemlich ungewohnt ist, dass ich meine Gasteltern siezen muss. Zwar ist es natürlich ein Zeichen von Respekt, doch ich bin der Meinung, dass es einen gewissen Abstand zwischen uns schafft. Aber meine Gasteltern haben mir am Anfang erklärt, dass es  Tradition in der Familie wäre, dass die Kinder die Eltern siezen. Von daher denke ich, dass ich mich einfach nur daran gewöhnen muss. Außerdem lernt man hier einige Dinge aus der Heimat viel mehr zu schätzen! Ob es nun Freunde, Familie oder irgendwelche Alltäglichkeiten sind, die zuhause zur Selbstverständlichkeit gehören und die man hier vermisst.

Dass hier in Portugal viel mehr Wert auf “Familie” gelegt wird als in Deutschland, merke ich daran, dass jeden Sonntag die Omas kommen. Anfangs mochte ich diese Sonntage nicht so wirklich, da es mir immer vorkam, als ob alles ein bisschen steifer und förmlicher zuginge. Doch inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Außerdem sind die Omas sehr herzlich und nett. Auch Weihnachten haben wir alle zusammen verbracht und das portugiesische Weihnachtsfest hat mir sehr gut gefallen. Vor allem die Süßigkeiten ...aber in die habe ich mich so oder so schon von Anfang an verliebt. Zuerst haben wir lecker gegessen, danach ein bisschen Fern gesehen (selbst zu Weihnachten wird der Fernseher nicht ausgeschaltet) und um Mitternacht sind wir in die Messe gegangen. Anschließend ging es wieder nach Hause zu dem (Plastik-)Weihnachtsbaum samt Geschenken. Nach der Bescherung gab es wieder etwas zu essen, allerdings nur Süßigkeiten und Tee. Da meine Eltern ein großes Paket mit Weihnachtsspezialitäten wie Lebkuchen, Marzipanstollen, Dominosteinen, Printen und speziell für meine Gastmutter Tee geschickt hatten, war der Tisch später zur Hälfte mit portugiesischen und deutschen Süßigkeiten beladen. Dazu haben wir ostfriesischen Tee getrunken. Am Ende war eine meiner Gastomas der Meinung, dass der deutsche Weihnachtskuchen (Marzipanstollen) doch viel besser als der Portugiesische sei! Ich glaube Weihnachten war einer der härtesten Zeitpunkte in diesem Auslandsjahr, da es ein Fest der Familie ist. Zwar hat man hier die Gastfamilie, doch es ist komisch ohne die richtige Familie. Aus diesem Grund hatte ich dann auch ein bisschen Heimweh.

Das Essen in Portugal ist wirklich gut, doch es gibt meiner Meinung nach einfach viel zu viel davon. Ich esse jeden Tag zweimal warm (Mittagessen und Abendessen). Es gibt vor jeder Mahlzeit Suppe und der Hauptgang ist oft mit sehr viel Öl und Salz zubereitet. Meine Schwester sagt immer, wenn es Suppe gibt und ich sie für gut befinde, müsse der Rest der Familie nachsalzen…Die Süßigkeiten sind himmlisch, aber verboten süß und oft mit Zimt. Außerdem habe ich es mir angewöhnt, ziemlich viel Café zu trinken. Oft geht man einfach mit all seinen Freunden nach der Schule in ein Café und verbringt den Rest des Nachmittags dort.

Hier in Lisboa lebe ich auf dem ehemaligen Expo-Gelände, also dem wohl neuesten Stadtteil. Dementsprechend modern sind auch die ganzen Gebäude. Anfangs habe ich mich immer gefragt, wo denn der Müll hinkommt, da ich nie eine Müllabfuhr oder Müllcontainer gesehen habe. Gibt es hier auch nicht, denn in den meisten Gebäuden hat jede Etage eine Klappe, in die man den Müll wirft. Dieser wird dann regelmäßig unter dem Gelände per Vakuum abgezogen. Außerdem wohnen hier auf dem Expo-Gelände sehr viele meiner Freunde und ich gehe oft noch nach dem Abendessen ein bisschen raus. Es gibt hier einen kleinen Park, indem wir dann oft einfach noch ein bisschen Zeit verbringen.

Meine Schule ist ein bisschen weiter weg. Eigentlich war es nur als ein Übergangsgebäude gedacht, da eine neue Schule gebaut werden sollte. Aber dieser Zustand hält nun schon seit mindestens 20 Jahren an. Im nächsten oder übernächsten Jahr wird die Schule dann schließlich umziehen. Die Schule ist nicht wie in Deutschland ein einzelnes Gebäude mit mehreren Stockwerken, sondern besteht aus mehreren länglichen Bungalows, in denen sich die Klassen- und Verwaltungsräume befinden. Wenn man aus einem der Räume herausgeht, steht man also nicht in einem Flur, sondern direkt auf dem Schulhof. Im Winter ist es dort wie in den meisten Häusern auch ziemlich kalt. Heizungen sind hier nicht so üblich. Nur in unserem Fernsehzimmer gibt es einen Tisch, unter dem eine Heizung angebracht ist. Dann wird eine große Decke darüber gelegt, man kann seine Beine drunter stellen und hat wunderbar warme Füße. Das ist dann der einzig richtig warme Platz.

Aber nun zurück zu meiner Schule. Das Gebäude ist zwar nicht das Beste, doch die Menschen hier machen alles wieder gut, denn sie sind alle lieb und nett. Mein erster Schultag war definitiv nicht der beste Tag hier, denn anfangs hat keiner aus meiner Klasse mit mir geredet. Zwar kannte ich schon einige Freunde meines Bruders, doch die sind alle eine Stufe über mir.  Letztendlich bin ich auf ein paar Leute zugegangen und habe sie gefragt, wo die verschiedenen Räume sind und wo sie zu Mittag essen. Meine Englischlehrerin, welche gleichzeitig meine Tutorin und meine Portugiesischlehrerin ist, hat mir später erklärt, dass die Schüler entweder kein Englisch sprechen können oder einfach zu schüchtern sind. Inzwischen weiß ich auch warum  – es wird im Unterricht so gut wie nie gesprochen! Manchmal ist die halbe Unterrichtsstunde auf Portugiesisch, da einzelne Schüler einfach nichts verstehen, wenn die Lehrerin eine Sache auf Englisch erklärt. Mittlerweile verstehe ich den Englischunterricht glücklicherweise auch mehr oder weniger, wenn er auf Portugiesisch ist.
Auch das Problem, dass meine Klassenkameraden nicht mit mir reden, ist verschwunden. Nach den ersten Tagen  hat scheinbar das Interesse an “der Neuen” über die Scheu, Englisch zu reden, gesiegt. Ich denke, dass ich zwar viele Leute an meiner Schule und aus der Nachbarschaft kenne, aber es gibt wohl immer noch viel mehr Leute, die mich kennen. Scheinbar spricht sich so etwas sehr schnell herum. Es verwundert mich jedes Mal, wenn irgendjemand zu seinen Freunden etwas wie “hey, dass ist doch die Austauschschülerin” sagt oder ich von  unbekannten Leuten gegrüßt werde. In meiner Schule und in meiner Nachbarschaft bin ich eben die einzige Austauschschülerin und das fällt  auf.
Inzwischen sind aus einigen Bekanntschaften auch wirkliche Freunde geworden. Außerdem habe ich auch einige Freundschaften mit anderen AFSern geschlossen. Ich glaube, dass diese Verbindungen sogar noch intensiver sind und länger halten. Auch wenn die Nationalität unterschiedlich ist, diese Austauscherfahrung schweißt einfach zusammen, da wir alle in derselben Situation sind. Und noch einen tollen Nebeneffekt haben diese Freundschaften: Man hat Freunde in der ganzen Welt.
Eine ganz andere Sache, an die ich mich erst gewöhnen musste, sind die Gelassenheit und das Spontane! Keiner schaut wirklich auf die Uhr. Man kann hier tatsächlich zu spät zur ersten Unterrichtsstunde kommen (bis zu 15 Minuten, hängt vom Lehrer ab), ohne dass man einen Klassenbucheintrag (“Falta”) bekommt. Selbst die Lehrer kommen meistens zu spät. Es gibt auch keine Buspläne, auf denen die Zeit steht.  Meistens ist nur der Zeitabstand vermerkt, in dem der Bus fährt.
Die Schulorganisation unterscheidet sich hier doch sehr von der Deutschen. Man kann nicht frei zwischen den Fächern wählen, sonder wählt eine Area, in der die Fächer schon vorgegeben sind. Es gibt fünf verschiedene Areas: Naturwissenschaften, Kunst, Wirtschaft, Humanistik und Sprachen. Da man, wenn man z .Bsp. Medizin studieren möchte, die Area Naturwisschenschaften gewählt haben muss, ist man mehr oder weniger dazu gezwungen, sich schon vor der 10. Klasse zu überlegen, in welche berufliche Richtung man gehen möchte. Ich bin in der Area Naturwisschenschaften mit den Fächern Mathe, Englisch, Portugiesisch, Philosophie (was hier leider Pflichtfach in jeder Area ist), Biologie/Geologie, Physik/Chemie und Sport. Außer Englisch und Mathe war der Unterricht  für mich am Anfang sehr langweilig, da ich so gut wie nichts verstanden habe. Mittlerweile wird es immer besser, ich verstehe immer mehr.

In meiner Freizeit unternehme ich viel mit meinen Freunden und gehe zu den Pfadfindern. In Deutschland bin ich auch Pfadfinder, aber hier gehöre ich zu den maritimen Pfadfindern, die segeln gehen. Die Pfadfinder hier unterscheiden sich sehr von denen in Deutschland. Wir haben jeden Samstag “Unterricht” in Uniform mit Fahnenappell (dabei werden die portugiesische Nationalflagge und das Pfadfinderbanner gehisst und die Nationalhymne gesungen). Anschließend geht es immer mit der gesamten Gruppe in die Messe. Die Gebete, wie das “Vater Unser”, sage ich zur Belustigung der anderen immer auf Deutsch.

Ich denke, meine bis jetzt hier verbrachte Zeit, hätte nicht besser sein können. Wenn ich überlege, dass ich in ca. fünf Monaten alles wieder hinter mir lassen muss - meine Freunde, meine Gastfamilie und Portugal -  bin ich doch schon ein bisschen traurig. Aber bis dahin werde ich meine Zeit so gut es geht genießen.