St. Petersburg - mein Fenster zum Osten!
Vier Monate bin ich nun schon hier, im „Fernen Osten“, und mein Traum von der weiten, weiten Ferne - er hat sich erfüllt! Dabei kommt es mir vor, als wäre es gestern gewesen, als ich am Flughafen stand und meine Freunde und meine Familie verabschiedet habe. Nun bin ich hier, vier einmalige Monate, in denen ich Erstaunliches gesehen, Neues erfahren und Vieles dazugelernt habe! Ich will euch hiermit zumindest ein paar meiner vielen Erfahrungen und ein paar für mich ganz besondere Seiten Russlands nahe bringen.
Am Flughafen in Russland angekommen war mein Kopf von der ersten Sekunde an voll mit Eindrücken! Wie schnell alles ging, da stand meine Gastmutter, zu meiner Rechten mein Gastvater, der meinen übergroßen Gepäckhaufen ins Auto zu bugsieren versuchte, die vielen Gebäude - "alles groß und irgendwie platt" - war da wohl mein erster Eindruck, der Weg nach Hause, unsere Wohnung, alles ein riesiges Chaos - besonders in meinem Kopf! War ich dem allem wirklich gewachsen? War mir klar gewesen, auf was ich mich da einlasse? Diese Gedanken trug ich die ersten Wochen mit mir herum, nicht zuletzt, weil das Verhältnis zu meiner Gastfamilie nicht so gut war, wie ich es mir erhofft hatte. So wären meine ersten Monate sicher nicht so schön gewesen und sehr oft von Heimweh und Tränen geplagt, hätten mir da nicht ein paar fantastische Freunde zur Seite gestanden, die mir geholfen haben! So organisierte meine deutschsprachige Freundin, dass ich kurzer Hand in ihre Familie ziehen konnte. Das war eigentlich eine absolute Ausnahme, zwei deutsche Austauschschüler in einer Familie. Doch ich war ab diesem Zeitpunkt ausgesprochen glücklich und hatte nun zwei superliebe Gasteltern, eine nette Oma und Gastschwester, sowie eine zweite, mir immer zur Seite stehende „deutsche Schwester“.
So verstrichen also die ersten drei Monate, in denen ich mich wohl am meisten verändert, vieles dazugelernt und Schönes wie auch nicht so Schönes erlebt habe. Und nun, da ich auch noch den vierten Monat, den „Monat der Depressionen und des Heimwehs“ überlebt habe, geht es mir besser denn je: Mit einer superlieben Gastschwester, mit der man sich auch noch nachts gerne von Bett zu Bett unterhält, einer tollen Gastmutter, die sich so manches Mal bei Problemen mit einem an den Tisch setzt und eine Lösung zu finden hilft, mit mir eifrig über meine Zukunft diskutiert und zugleich ein leckeres Essen zaubert, sowie mit einem klasse Gastvater, mit dem man nicht nur bis 4.00 Uhr morgens ernste, spannende und zugleich lustige Gespräche in der Küche führt (was übrigens absolut russische Tradition ist), sondern auch noch begeistert ganz St. Petersburg entdeckt! Ich habe nun viel seltener Heimweh, habe begonnen ein Leben hier zu führen, habe Hobbies, Freunde und eine Familie, die hinter mir steht! Auch mein Russisch wird besser und ich verstehe nun wirklich viel (wenn mir auch die Grammatik zu schaffen macht). Und natürlich diese wundervolle Stadt mit ihren Prachtbauten, ihrem Antlitz, der Atmosphäre auf dem Newskij-Prospekt, das sind die Teile St. Petersburgs und Russlands, in die ich so vernarrt bin!
Aber was genau ist es, dass Russland so besonders macht? Für mich ist es glasklar: Es ist die Mentalität der Menschen, die Lebensfreude, diese wundervolle, ausdrucksvolle Sprache, russische Kultur und Lebensweise, die meine Liebe zu diesem Land immer wieder neu entfachen lassen! In den letzten vier Monaten habe ich hier beeindruckende Bekanntschaften gemacht und einige sehr enge Freundschaften geknüpft! Für viele ist der Umgang mit der anfänglichen Schüchternheit der Russen nicht sehr einfach, ich habe die Leute hier aber sofort in mein Herz geschlossen und sobald man von sich aus auf sie zugeht, mit ihnen scherzt und lacht, sind sie einem liebe, treue Freunde! So kann es schon mal vorkommen, dass während eines der täglichen Staus einfach mal ein bisschen Konfekt durch die Reihen der Marschrutkas (eine Art „Gemeinschaftstaxi“) gereicht wird. Oder dass sich die Obstfrau an dem kleinen Marktstand am Rande der Straße an dich erinnert und dich jedes Mal auf ein Wort zu ihr einlädt. Oder die Marschrutka-Fahrer, die sich so strahlend über ein „Dankeschön“ und ein „Auf Wiedersehen“ freuen! Selbst die Schule mit ihrer „Wir sind eine Schule - wir haben Tradition - wir halten zusammen - Atmosphäre“ begeistert mich! So erinnere ich mich noch, als auf einmal eine Klassenkameradin von allen Seiten Geschenke bekam! Natürlich, sie hatte Geburtstag! Und es kam mir vor, als hätte die gesamte Stufe an ihren Geburtstag gedacht!
Ich besuche eine Art „Mathematik/Physik Eliteschule“ - wie ich sie nach der Art des Unterrichts gerne nennen möchte, in der mir – völlig Mathe untalentiert - der Anfang unheimlich schwer viel. Dann erfuhr ich allerdings, dass mein Mathelehrer ausgezeichnet Deutsch spricht und mir nun Matheprivatstunden gibt. So viel zu der mir so geliebten russischen Mentalität! Weiterhin bin ich immer ganz verblüfft, wie gut das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern ist und wie viele Freundschaften hier geschlossen werden. Dass man dem Lehrer in der Pause etwas von seiner Schokolade abgibt, ist in Deutschland ja nun wirklich nicht weit verbreitet! Und – was mich noch viel mehr beeindruckt - der Respekt vor dem weiblichen Geschlecht! Hier in Russland werden den Mädchen wahrlich alle Türen geöffnet! Von frischen Blumen, Einladungen und freundlichen Blicken ganz abgesehen.
Des Weiteren hat Russland natürlich noch andere schöne Seiten, zum Beispiel die im Winter einmalig schön beschneite Landschaft, russische Süßigkeiten, wie zum Beispiel russisches Konfekt oder Blini, eine Art Pfannkuchen, an jeder Straßenecke, in kleinen Hüttchen frisch zubereitet, zu kaufen. Doch gibt und gab es auch schon viele Situationen, die mich sehr nachdenklich gemacht haben und aus denen ich gelernt habe, dass wir Deutschen uns eigentlich gar nicht so beklagen, sondern uns eher glücklich schätzen können, in einem Staat mit – für die Verhältnisse hier - sehr guter sozialer Unterstützung zu leben! Ich frage mich immer öfter - gerade jetzt zu Zeiten der besonders hohen Inflationsrate - wie die Menschen hier überleben? Denn die Preise gestalten sich absolut unverhältnismäßig zu dem Einkommen! Beispielsweise kann ein Lehrer gerade einmal seine eigenen Bedürfnisse befriedigen, für eine dreiköpfige Familie würde es schon nicht mehr reichen! Und auch das Kinder- sowie das Rentnergeld sind unglaublich gering, im Monat ungefähr 30 Euro! So frage ich mich immer wieder, wie man diesen Menschen wohl helfen könnte, ob und wann der Staat den Bedürfnissen seiner Bewohner wohl gerecht wird und sehe nun mein Leben in Deutschland mit ganz anderen Augen!
Ich bin sehr dankbar für alle Erfahrungen, die ich hier sammle, und dankbar, nun etwas weiter über den eigenen Tellerrand schauen zu können! Mein Leben hat sich also im Grunde schon tiefgehend verändert! In guten und schlechten Zeiten, Russland ist einfach absolut umwerfend! Wie froh ich bin, dass ich vor 1,5 Jahren die bisher größte Entscheidung meines Lebens getroffen habe, mich auf etwas so Wunderbares und faszinierend Andersartiges einzulassen!
Mit vielen Grüßen St. Peterburg,
Janine, Russland 2008/09 Zeit-Stipendium
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