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TSCHECHIEN: Im Land der Biene Maja

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Geschrieben von: Evelyn, Tschechien 2008/09   
Mittlerweile sind schon 5 Monate meines Auslandsjahres vergangen – es ist eine unglaubliche und aufregende Zeit gewesen.
Am 22. August weckte mich früh morgens zum letzten Mal mein Hund und mit gemischten Gefühlen bereitete ich mich auf die Fahrt zum Flughafen mit meinen Eltern vor. Was würde mich in Tschechien erwarten? Diese und viele andere Fragen schossen mir während der Fahrt durch den Kopf. Dann musste ich noch die schwierigste Hürde überwinden – den Abschied von meiner Familie. Dieser war nicht leicht, allerdings waren noch drei weitere Schülerinnen bei mir, die ebenfalls nach Prag flogen. Gemeinsam tauschten wir unsere Tschechischkenntnisse aus und konnten nach einer Stunde Flug bereits Prag unter uns sehen.

Am Flughafen Praha Ružyně angekommen, trafen wir auf die weiteren Austauschschüler aus aller Welt. Wir hatten die Gelegenheit, uns mit den tschechischen Betreuern zu unterhalten, die ersten Fragen zu stellen und, was sehr amüsant war, wir spielten AFS Energizer. Da wir ungefähr 7 Stunden auf den letzten Austauschschüler warten mussten, der verspätet aus Mexiko kam, waren wir alle fix und fertig, als wir nach vier weiteren Stunden im Bus an der Jugendherberge ankamen, in der unser Arrival Camp stattfinden sollte. Leider konnte man in der Nacht nicht viel von der Umgebung erkennen, aber am nächsten Morgen sahen wir, dass die Herberge von einem wunderschönen Wald umgeben war. Die Betreuer waren sehr nett und bereiteten uns auf alle Situationen vor, die in der ersten Zeit passieren konnten. Nach diesen spannenden, aber anstrengenden drei Tagen holten uns die Gastfamilien in Prag ab. Wir waren alle aufgeregt und konnten es kaum erwarten, die Familie zu treffen, mit der man 10 Monate verbringen würde. Meine Gastmutter und Gastschwester wohnen in einem Stadtviertel von Prag, also waren wir schnell dort – in meinem neuen Zuhause. Nach 2 Monaten stellte sich aber heraus, dass die ‚Chemie‘ zwischen uns nicht stimmte und so wechselte ich die Gastfamilie. Nun lebe ich in einem kleinen Dorf mit 250 Einwohnern, ca. 10 km außerhalb von Prag, wo ich zur Schule gehe.

Meine Schule hier unterscheidet sich sehr von der in Deutschland. Sie ist viel älter – das Gymnasium ist 133 Jahre alt – und der Unterricht ist vom Ablauf her anders: Es gibt nur Frontalunterricht. Ausnahmen sind Englisch, Französisch und Deutsch, wo es Gespräche mit Muttersprachlern gibt. Tschechische Schüler müssen sehr viel lernen, weil sie mindestens 2 Tests pro Woche schreiben und sie so besser auf die Universität vorbereitet werden.
Fächer wie Religion oder Philosophie werden nicht unterrichtet und in Sport wird man nach Geschlechtern getrennt. Überrascht hat mich der Musikunterricht – man lernt sowohl Theorie als auch das Singen. Jeder soll mitsingen und es werden anspruchsvolle Stücke eingeübt – kein Wunder, hier wird bei jeder Gelegenheit gesungen: auf Familienfeiern, Klassenfahrten und sogar beim Wandern. Dabei kommen einem die Melodien oft sehr bekannt vor: Man singt z.B. „Blowin‘ in the Wind“ (Ten vítr to ví míle), aber mit tschechischem Text.

Da ich den Großteil meiner Zeit in Prag mit Freunden oder anderen Austauschschülern verbringe, entdecke ich jedes Mal neue Schönheiten der Stadt – Kleinigkeiten, die mir anfangs nicht aufgefallen sind. Die kleinen Gässchen, die noch nicht von Touristen belagert worden sind. Oder auch Aussichtspunkte, von denen man ganz Prag erblicken kann.  Manchmal gehen meine Freunde und ich in die Kletterhalle – Klettern scheint ein inoffizieller Nationalsport der Tschechen zu sein – oder wir schwimmen. An regnerischen Tagen suchen wir nach netten Cafés und unterhalten uns über Gott und die Welt.
Die Aufregung, die ich während der ersten Monate verspürte, hat sich mittlerweile gelegt und ich habe meinen eigenen Alltag ‚gefunden‘. In der Schule kann ich mich mehr am Unterricht beteiligen, und es fällt mir leichter, mit Klassenkameraden bzw. Lehrern zu kommunizieren, weil mir die Sprache nicht mehr so fremd vorkommt und ich einen gewissen Wortschatz beherrsche. Sicher, teilweise kommt es noch zu Missverständnissen, aber man kann sie schnell klären und gemeinsam darüber lachen.

Da Musik eins meiner größten Hobbies ist, singe ich nun auch im Schulchor, wo mich alle sehr freundlich aufgenommen haben. Dort fand ich weitere Freunde, mit denen ich mich nachmittags treffe, um gemeinsam ins Kino oder auf ein Konzert zu gehen.

Tschechen achten sehr auf kulturelle Veranstaltungen oder allgemein auf Kultur in ihrer Freizeit. Obwohl sie nicht religiös sind, werden an Weihnachten trotzdem christliche Bräuche gepflegt. Schon Wochen vor Weihnachten werden Plätzchen gebacken, die dann verschlossen bis zum Hl. Abend gelagert werden. Am 24. Dezember wird den ganzen Tag über gefastet – erst am Abend gegen 17 Uhr setzt sich die gesamte Familie an den festlich geschmückten Tisch. Im Hintergrund hört man Weihnachtslieder und die gesamte Atmosphäre macht einen glücklich. Ich hatte über Weihnachten kein Heimweh, weil meine Gastfamilie mich sehr herzlich integriert hat und somit genoss ich diese Zeit mit ihnen. Am 2. Weihnachtstag fuhren wir zur Großmutter, wo sich auch mein Gastonkel mit seiner Familie versammelt hatte. Jeder war sehr neugierig und wollte wissen, wie es mir in Tschechien gefällt, ob es sehr große Unterschiede zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik gibt und ob ich Fortschritte in der Sprache gemacht habe. Sie waren begeistert, als ich versuchte, nur auf tschechisch zu antworten. Allgemein freuen sich die Tschechen, wenn man schon ein einziges tschechisches Wort in den Satz einbringt.

Tschechen sind ein sehr interessantes Volk. Die vielen Jahre unter dem kommunistischen Regime können und wollen sie nicht vergessen und so wird man noch heutzutage damit konfrontiert, zum Beispiel durch zahlreiche Dokumentationen im Fernsehen, Ausstellungen, oder einen Kinofilm über Václav Havel, eine wichtige Figur in der tschechischen Geschichte. Es ist interessant und zugleich unfassbar, was einem die Gasteltern oder Gastgroßeltern über die vergangenen 30 Jahre erzählen. Wer in einem demokratischen Land aufgewachsen ist, für den klingen all die wahren Geschichten unglaublich und man kann sich nur schwer vorstellen, dass man gegen seinen Willen in einem Land gefangen gehalten werden konnte. Für Jugendliche gibt es besondere Seminare, in denen man sich mit dieser Zeit beschäftigt und darüber diskutiert. Auch wir AFS-Schüler haben die Möglichkeit, an solchen Treffen teilzunehmen.

Im Großen und Ganzen bereue ich keinen einzigen Tag, den ich hier in der Tschechischen Republik verbracht habe. Die Natur ist atemberaubend schön und ich habe die Gelegenheit bekommen, neue Dinge auszuprobieren. Ebenso habe ich neue Freundschaften geschlossen und hoffe, dass es Freunde fürs Leben werden, mit denen ich mich immer an Tschechien erinnern kann.
Deshalb möchte ich dem Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds dafür danken, dass er mich dabei unterstützt hat, diese besonderen 10 Monate in der Tschechischen Republik zu verbringen.

Evelyn, Tschechien 2008/2009
Stipendiatin Deutsch-Tschechischer Zukunftsfonds
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