Schüleraustausch für ein halbes oder ganzes Jahr bei Bedarf mit Stipendium

NORWEGEN:Es war auf jeden Fall eine mehr als richtige Entscheidung, ein Auslandsjahr zu machen

Hallo, ich bin Daniela und schreibe heute den Zwischenbericht meines Austauschjahres.

Wenn ich es mir genau überlege, ist es der perfekte Zeitpunkt für so einen Bericht, denn seit nicht allzu langer Zeit fühle ich mich hier richtig wie zu Hause. Ich bin voll und ganz angekommen, mit Herz, Seele und Körper. Fühle mich als Familienmitglied in meiner Gastfamilie, die zu meiner zweiten Familie geworden ist, als norwegische eingenistete Klassenkameradin in meiner Schule und als freie AFSerin. Insgesamt geht es mir einfach super und ich fühle mich sehr wohl. Es war auf jeden Fall eine mehr als richtige Entscheidung, ein Auslandsjahr zu machen.

Vor fast einem halben Jahr bin ich also hier hergekommen. Nach Norwegen. Einem Land mit Menschen, die etwas patriotischer, selbst-begeisterter und reicher als wir sind. Habe meine Freunde und Familie hinter mir gelassen, Verabschiedungen gehabt, die sich eher anfühlten, als würde ich für immer aus ihrem Leben gehen und war voller Erwartungen und Hoffnungen. Vor allem aber immer noch unsicher, ob ich mich auch wirklich in das richtige Land aufmachte. Die Welt ist so groß und es gibt sehr viele faszinierende Kulturen, in die man gerne auf Abenteuer-Reise gehen möchte. Trotzdem musste man sich für eins entscheiden bzw. es zugewiesen bekommen und das war schwer.

Ehrlich gesagt bekam ich diese Abenteuerlust nach Kulturen erst so richtig, nachdem ich in Oslo gelandet bin und wir ein riesengroßes Arrival-Camp hatten. Alle AFSer, die ihr Austauschjahr hier verbringen auf einem Haufen. Alle Kulturen auf einem Haufen. Die verschiedensten Sprachen um einen herum. Anfangs war natürlich jedes Land in seiner eigenen kleinen Gruppe, doch nach verschiedenen auflockernden Spielen und Gruppenarbeiten vermischten sich größtenteils alle Länder. Wir haben unsere Englischkenntnisse gezeigt, uns über unsere Heimatländer ausgefragt und zusammen Spaß gehabt. Ich war einfach von jedem Land und seinen Eigenarten fasziniert und froh, dass AFS so viele Länder und Kontinente miteinander verbindet.

Besonders dankbar bin ich auch für die AFS-Camps, von denen einige Pflicht und einige freiwillig waren. Ich liebe es, mit all den anderen Austauschschülern meiner Region zusammen zu sein. Wir erleben hier alle etwas ganz Großes und Wichtiges in unserem Leben zusammen und können einander unglaublich viel geben, uns austauschen und Erfahrungen teilen. Vorallem die südamerikanische Kultur hat es mir sehr angetan. Nach jedem Camp stelle ich im Nachhinein fest, dass ich wieder einen weiteren Schritt auf mein südländisches Ich zugemacht habe. Vor allem zwischen all diesen Kulturen lerne ich mich selbst viel besser kennen, werde offener und fange an zu verstehen, wer ich wirklich bin, werde selbstbewusster.

Natürlich passiert das auch in der restlichen Zeit. Jedoch weigert sich viel in mir, wie eine typische Norwegerin zu werden. Es ist hier ziemlich angesagt wie bestimmte Hollywood-Personen auszusehen, und dementsprechend sahen für mich an meinem ersten Schultag alle Mädchen gleich aus. Alle hatten ungefähr die gleiche Frisur, Haarfarbe, Klamotten, Taschen, übertrieben viel Make-up und waren viel hübscher als die Mädchen in Deutschland. Die Jungs wirkten eitel und hatten ebenso die gleichen Klamotten, Mützen und Kopfhörer. Ihr Gerede klang für mich wie ein rhythmisches Gesumme. Als ich nach diesem Tag wieder nach Hause kam, wirkte es für mich so, als würde der Tag meines Rückfluges niemals kommen!
Wenn ich heute daran zurückdenke, muss ich ein bisschen schmunzeln. Mittlerweile bin ich nämlich lange genug mit diesen Menschen in einer Klasse/Schule gewesen und sehe klare Unterschiede zwischen den einzelnen Personen. Außerdem kann ich mich auf Norwegisch mitunterhalten.

Bevor ich hier herkam, haben mir viele aus Erfahrungen berichtet, dass Norweger eher zurückhaltend und schüchtern sind, am Anfang kalt wirken aber tiefgründig sind. Das hat sich mir teilweise bestätigt. Tiefgründigkeit findet man hier ungefähr genauso viel wie in Deutschland. Die Leute brauchen jedoch tatsächlich etwas Zeit, um aufzutauen und dich in ihr Herz zu lassen. Ihre Freundeskreise bestehen meistens aus jahrelangen Freundschaften, denen schon viel zusammen erlebt wurde und man zusammengeschweißt ist. Als Neuling fühlt man sich erst ausgeschlossen und wünscht sich, dass man in einem offenerem und warmen Land wäre.

Es ist hier auch ziemlich angesagt, Partys in seinem großen schönen Zuhause zu feiern, wo alle super-chic (so chic war ich nur auf meinem Schulabschluss) erscheinen und viel Alkohol getrunken wird. Nach ein paar Gläschen werden die Leute dann auch sehr viel offener und werden zu Freunden für einen Abend...
Doch nach einigen Monaten hatte ich es auch geschafft, von meinen Klassenkameradinnen aufgenommen zu werden, ohne eine Barbie zu sein. „Du bist die hübscheste von den Barbies dort“ ist hier doch tatsächlich ein Kompliment...
Da ich hier aber den norwegischen Pfadfindern beigetreten bin, habe ich auch andere Menschen kennengelernt. Leute, die nichts von den „Barbies“ halten und einen schulischen Drama-, Theater-, Fotograf,- oder Kunstweg gewählt haben. Meiner Meinung nach teilt sich die Jugend hier in diese beiden Gruppen.
Es stimmt, dass wenn man einmal mit Norwegern befreundet ist, die Freundschaften tief gehen und lange halten. Dann ist das Vertrauen untereinander sehr wichtig.

Was mir am Anfang in meiner norwegischen Gastfamilie sehr zu schaffen gemacht hat, waren die Essenszeiten. Nach dem Lunch in der Schule wird nämlich bis 17 Uhr nichts richtiges mehr gegessen. Vielleicht eine Frucht oder einen Joghurt und um 17 Uhr gibt es dann Mittagessen. Ich bin hier wirklich immer hungrig, bzw. liebe es zu essen, will aber aufpassen und nicht zu viel essen, weil ich sonst sehr viel mehr wiege. In den ersten Monaten viel es mir sehr schwer, die Zeit bis zum Mittagessen rumzubringen, ohne zu Essen, da ich es gewohnt bin, um 14 Uhr von der Schule nach Hause zu kommen und mich dann direkt an den gedeckten Tisch zu setzten. Nach drei harten Monaten voller Training war ich dann aber daran gewöhnt, erst um 17 Uhr zu essen und bringe die Wartezeit nun meist mit Leichtigkeit hinter mich.

Leider habe ich hier oft zu besonderen Momenten meine Kamera nicht parat, da ich z.B. gerade von der Schule komme oder mal eben nur zu einer Freundin spaziert bin. Es ist einfach nicht vorherzusehen, was die Natur heute wieder anstellen wird. Vor allem jetzt, wo Unmengen von Schnee liegen und alles wie verzaubert aussieht, fühlt man sich, als würde man in einem Winterparadies leben. Natürlich gibt es den Nebeneffekt Kälte, doch den muss man ignorieren und sich warm anziehen lernen.
Morgens ist über alles eine Frostschicht gezogen und es glitzert. Wenn nach der Schule die Sonne scheint, ist es atemberaubend und abends kann man gegen Laternen laufen, da man den Blick nicht vom Himmel reißen kann. So einen klaren Himmel, voll mit strahlenden Sternen (und Sternschnuppen) sieht man in Deutschland selten.
Da ich an der Küste lebe, sehe ich das Meer, wenn ich aus dem Busfenster gucke, außerdem kann man immer wieder staunen, welche Verwandlungen die Sonne vollbringen kann. Es gibt einfach sehr viel Schönes, das zu wenig oder gar nicht von mir fotografiert wird.
Ich glaube, ich werde diese Naturschönheiten jemandem, der sie nicht gesehen hat, nicht mal mit den besten Worten oder den professionellsten Fotoapparaten beschreiben können. Das, was man fühlt während man sie anguckt, ist das entscheidende.

Den werdenden AFSern würde ich auf jeden Fall raten, dass sie sich bei der Entscheidung ihres Landes keine zu großen Gedanken machen sollten. Man wird so oder so Freunde aus aller Welt finden. Außerdem hat jedes Land sehr schöne Seiten, die man entdecken und erleben kann :)

Eure Daniela