THAILAND: Ängste die ich hier überwunden habe |
| Geschrieben von: Malu, Thailand 2008/09 |
|
Also ich weiß gerade gar nicht so recht wo ich anfangen soll, am besten einfach von Vorne! Zunächst muss ich sagen, dass ich zu dem Zeitpunkt, zu dem es wirklich losging nach Thailand wirklich nicht aus Deutschland weg wollte, schließlich hatte ich diese Entscheidung für ein Auslandsjahr ein Jahr vorher getroffen und dabei noch nicht richtig realisieren können wirklich ein Jahr weg zu sein. Trotzdem kam es für mich nicht in Frage nicht zu fahren und so saß ich dann im Flugzeug, dann im Hotel in Bangkok und schließlich bei meiner Gastfamilie, die quasi nur Thai kann zuhause. Der erste Abend war einfach der Horror, ich hatte noch nie solches Heimweh, das folgende Jahr erschien mir wie in endloses schwarzes Loch und ich hätte am liebsten gleich einen Flieger nach Hause bestiegen. Allerdings habe ich mir gesagt, dass das jetzt eben der Kulturschock ist und mir vorgenommen einfach zu sehen, wie es nach der ersten Woche so aussieht. Ab dem 3. Tag wo ich dann in der Schule war wurde es von Tag zu Tag besser und nach einer Woche sah die Welt – und auch Thailand - schon viel erträglicher aus. Insgesamt war ich allerdings die ganze Zeit todmüde und erschöpft, von Zeitumstellung und Schlafmangel. Und im Nachhinein denke ich, dass es auch einfach tierisch anstrengend war, die ganzen neuen Eindrücke die pausenlos auf mich eingeprasselt sind zu verarbeiten. Und nicht zuletzt die fremde Sprache, die ich die ganze Zeit im Ohr hatte. Was die ganzen ungewohnten Dinge betrifft, so war es für mich einfach so, dass ich gar nicht so viel mit Deutschland verglichen habe und daher auch gar nicht gesagt habe: “oh man zieht hier im Klassenraum die Schuhe aus – ist ja komisch/bescheuert.” Sondern das einfach mehr nur so wahrgenommen habe. Anders wäre ich aber wahrscheinlich gar nicht klar gekommen, denn wenn ich mich über alles was anders war aufgeregt, geekelt, gewundert hätte, hätte ich dieses Land niemals lieben können – und das kann ich jetzt! Recht am Anfang hatte ich einmal Ameisen in meinem Wasser beim Frühstück, in Deutschland hätte ich dieses Wasser hundertprozentig weggeschüttet, aber ich habe einfach meine Schwester gefragt und die meinte, das wäre nicht schlimm und dann habe ich sie mit getrunken. Was sich für mich allerdings doch als sehr gewöhnungsbedürftig herausstellte, war die Art Respekt zu erweisen, besonders gegenüber Lehrern. Denn Anfangs habe ich es ein bisschen als Erniedrigung wahrgenommen, mich “unter einem Lehrer her zu ducken” wenn ich an ihm vorbei gehe. Inzwischen weiß ich, dass das Verhältnis von Lehrern und Schülern hier einfach anders ist, auf eine Weise persönlicher, was ich sehr schön finde und mittlerweile erweise ich Lehrern auch gerne den Respekt, sowie es hier üblich ist. Welcher Eindruck allerdings bis jetzt nicht verschwunden ist, ist, dass die Schüler hier in keiner Weise lernen selbstständig zu denken und Dinge in Frage zu stellen. Vielmehr wird ihnen von klein auf von Eltern und Lehrern beigebracht, sie müssten Eltern und Lehrern (blind) glauben. Gefördert wird dieses auch durch das Schulsystem hier, welches quasi nur aus Frontalunterricht und Auswendiglernen besteht und in keinster Weise zur selbstständigen Problemlösung anregt. Entsprechend gering ist auch das politische Interesse und zum Beispiel werden viele Dinge aus Europa einfach übernommen, weil Europa als fortschrittlich gilt, ohne dass die Menschen überlegen wie gut die Dinge wirklich sind. Was Veränderungen an meiner Person oder Umstellungen betrifft: ich glaube ich habe mich und meine Persönlichkeit anfangs einfach aufgegeben um eben auch so etwas wie Urteile ablegen zu können. Das kann auch viel daran gelegen haben, dass ich ein Mensch bin, der einfach viel über Sprache lebt, und dieses Ausdrucksmittel war mir quasi für die ersten 3 Monate völlig genommen. Ich war also in der ersten Zeit einfach sehr angepasst und habe nicht viele eigene Meinungen geäußert – was in Deutschland eigentlich eines meiner Hobbys war, meine Meinung zu äußern, ob gefragt oder nicht. Mit dem Erlernen der Sprache habe ich aber langsam angefangen, mich wiederzufinden und glaube ich kenne mich jetzt selbst besser als vorher. Ich habe viel angefangen mich selbst und meine Launen oder wie ich reagiere zu beobachten, denn hier kann man zum Beispiel nicht einfach ausrasten. Wenn ich also ärgerlich war, habe ich das nicht ausgedrückt sondern darüber nachgedacht was mich eigentlich ärgerlich macht und dann festgestellt, dass der Ärger ganz alleine von mir kommt und dafür gar kein anderer verantwortlich ist. Besonders in der Zeit 3./4. Monat habe ich mich viel mit mir selbst auseinander gesetzt, da ich Ferien hatte und viel zuhause war und nicht viel zu tun hatte – und damit auch sehr viel Zeit zum Nachdenken. Also in sofern habe ich mich zum Beispiel auch sehr verändert, in Deutschland war ich ein Mensch, der immer auf Achse war, Zeit zum Ausruhen war für mich einfach langweilig. Nun, hier hatte ich plötzlich sooo viel Zeit, aber irgendwann war mir nicht mehr langweilig wenn ich nichts zu tun hatte. Ein krasses Erlebnis war für mich, als ich aus meinem Zimmer kam und vor mir plötzlich eine riesige Spinne saß – also was heißt riesig (mittlerweile ist das ja normal) aber in Deutschland hatte ich nie eine Spinne mit 7 cm Durchmesser gesehen und sogar Angst vor kleinen Weberknechten gehabt. Nun saß dieses Tier dort und lief nicht weiter und ich musste schließlich darüber springen um zur Treppe zu kommen, die ich runter gehen wollte. Mittlerweile habe ich noch einige Male mehr solche Tiere hier in der Wohnung angetroffen, allerdings bekomme ich davon keinen Herzstillstand mehr, näher als einen Meter heran schaffe ich es trotzdem nicht, aber kleinere Tiere sind mir mittlerweile fast schon sympathisch. Ängste die ich hier überwunden habe. Ansonsten einfach so zu meinen Aktivitäten hier, in der Schule habe ich Thaiunterricht, Schlagzeug, Thaiboxen, Kunst, Mathe, Englisch, seit kurzem Chinesisch, Thaimusik, Kochen, Schneidern, wenn ich Zeit habe bringt mir eine Lehrerin noch stricken bei. Anfangs hatte ich auch noch Thaitanzen, das mochte ich allerdings nicht so besonders und musste es daher auch nicht weiter machen. Größtenteils ist das Einzelunterricht, was manchmal sehr angenehm aber auch ein bisschen langweilig sein kann. Aber wenn ich Freistunden habe, gehe ich einfach bei Freunden in den Unterricht und das ist meist ganz lustig, zumal ich mittlerweile auch schon viel verstehe. Ansonsten passiert hier nachmittags und am Wochenende nicht viel, denn wenn man hier mal was erreichen will, muss man wirklich viel für die Schule tun. Das heißt jeden Tag “Extraclass” nach der Schule und am Wochenende auch lernen. Es gibt natürlich auch Schüler, die das ganz anders handhaben, allerdings werden die hier ganz nach dem thailändisch typischen Schwarz-weiß denken als “schlechte Schüler” bezeichnet und als Austauschschüler hat man es in jeder Hinsicht leichter nicht selbst einer davon zu sein, weil man sich dadurch nicht gerade die Zuneigung der Gastfamilie und der Lehrer einholt. Und auch so habe ich Spaß hier in meinem Thaileben. Ich habe das beste Verhältnis zu meiner Gastfamilie, welches auch auf Vertrauen basiert, meine Gastmutter ist wirklich wie eine Mutter für mich und meine Gastschwester eine gute Freundin geworden und ich weiß noch gar nicht was ich in Deutschland ohne Schwester mache! Ansonsten amüsiere ich mich ganz gerne über die Trends der Thais, zum Beispiel mögen die Mädchen hier in meinem Alter – ach eigentlich egal in welchem Alter – immernoch Kuscheltiere und im allgemeinen alles was rosa und niedlich ist und oft sehe ich Leute, die T-Shirts mit Aufdruck tragen, den sie aber selbst gar nicht verstehen. Genauso ist das zum Beispiel mit Punks. Ja es gibt hier Punks, aber eigentlich nur, weil das aus Europa kopiert wird, dass die Mode Punk eigentlich aus einer politischen Einstellung resultiert weiß hier keiner. Teilweise finde ich das allerdings sehr schade, da dies einfach wieder ein Zeichen von blindem übernehmen europäischer Kultur ist. Hm… worüber reden Thais? Über Essen! Die Lieblingsfrage hier ist “hast du schon gegessen?” oder “hast du Hunger?” Hier wird einfach leidenschaftlich gerne gegessen und auch immer geteilt (bei mir hat das dazu geführt, dass ich 13 Kilo zugenommen habe, also man sollte schon etwas aufpassen wenn man das verhindern möchte ;). Ansonsten ist “Miss Uniworld” oder internationaler Fußball auch ein Gesprächsthema. Außerdem haben die Thais eine ganz andere Art von Ehrlichkeit. Ich bekam hier zum Beispiel, als ich gerade zugenommen hatte, täglich gesagt ich sei fett. Anfangs fand ich das sehr verletzend!! Die Thais meinen das allerdings überhaupt nicht verletzend, sondern sprechen damit einfach nur die Tatsachen aus. Manchmal ist das nicht einfach, damit umzugehen. Allerdings haben die Thais auch eine meiner Anschauung nach fragwürdige Einschätzung einer normalen Figur! Zukünftigen Austauschschülern würde ich einfach auf den Weg geben: seid offen und interessiert an Neuem, passt euch zunächst an, bis ihr die Kultur soweit versteht, dass ihr einschätzen könnt, welches Verhalten angemessen ist und versucht, alles urteilen abzulegen. Denn wenn man die Dinge als schrecklich befindet, geht es einem schlecht, aber man kann das vermeiden. (Noch ein Beispiel, ich habe Ameisen in meinem Bett, wenn ich mich jede Nacht darüber aufregen oder ekeln würde, dann wäre ich echt unzufrieden. Jetzt stören sie mich gar nicht und es geht mir super ). Es ist zu Teilen einfach an Euch ob ihr glücklich werden könnt während eures Auslandsjahres oder nicht! Malu, Thailand 2008/09 |
|
|