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CHINA: Eine außergewöhnliche Erfahrung, die ich immer wieder so wiederholen würde

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Geschrieben von: Paul, China 2007/08   

Heute, wo China schon einen Monat und drei Tage zurückliegt, habe ich schon das Gefühl, dass da etwas zu Ende gegangen ist, was noch vor einem Jahr kein Ende zu haben schien. Damals konnte ich mir, glaube ich, einfach nicht vorstellen, einmal auf dieses Jahr als ganzes zurückzuschauen und diesen Teil auch abgeschlossen zu haben. Man hat sich einfach gesagt, man lebt in dieser Kultur, ganz selbstverständlich, in dieser Sprache, in dem Versuch, an etwas wirklich teilzunehmen, was sich vor einem aufgetan hatte. Ich habe versucht, mein Austauschjahr auf der einen Seite zu genießen und auf der anderen Seite so viel mitzunehmen wie möglich.
Damals habe ich natürlich auch immer bewertet und hinterfragt: Bin ich eigentlich „drin“ in der Kultur? Spreche ich schon so gut Chinesisch, wie ich Chinesisch sprechen sollte? Mache ich eigentlich die Erfahrungen, die ein AFS-Austauschschüler macht und nutze ich mein Jahr auch richtig?

Heute ist das, glaube ich, ein wenig anders; natürlich habe ich schon das Gefühl, dass einige Dinge nicht so gelaufen sind, wie ich mir das damals vielleicht erhofft hatte, oder dass ich mich, wenn ich zurückdenke, in einigen Situationen heute anders verhalten hätte, aber irgendwo runden solche Dinge das Gesamtbild erst so richtig ab und machen es lebendig, bunt. Ich kann mich zum Beispiel an ein Mittagessen mit meiner Klassenlehrerin, meinem Schulleiter und noch einigen anderen wichtigen Leuten erinnern, wo Klassenlehrerin Jiang (姜班主任) mich und Stefanie, eine andere AFS-Austauschschülerin, fragte, ob es denn stimme, dass wir in Deutschland gerne Steak essen würden. Und unsicher wie wir waren, sagten wir einfach mal vorsichtig ja, wir wollten die Lehrerin ja nicht verunsichern oder ärgern und eigentlich wussten wir auch gar nicht, was in dieser Situation die korrekte Antwort gewesen wäre. Da Frau Jiang eingeladen hatte, bestellte sie gleich Steak, was nachher dann auch auf den Tisch kam und uns erwartungsvoll präsentiert wurde. Da wir alle zu diesem Zeitpunkt schon eine ganze Menge gegessen hatten, blieb leider eine ganze Menge übrig von dem Steak, was die Klassenlehrerin nicht so besonders fand, auch wenn sie natürlich kein Wort sagte.

Oft habe ich noch in China an dieses Mittagessen zurückgedacht und mich gefragt, warum wir denn gar nichts gesagt oder einfach nur verlegen „manchmal essen wir das schon, vielleicht“ gestammelt hatten, so, wie wohl die meisten Chinesen reagiert hätten, um „sauber aus der Nummer rauszukommen“.
Vielleicht hatten wir damals einfach noch nicht den Abstand zu der Geschichte, um uns einfach zu sagen: „Das passiert doch wohl jedem Austauschschüler, ist doch kein Thema“. Wenn ich dagegen heute daran zurückdenke, dann sehe ich das Ganze eher als ein kleines atmosphärisches Detail, das so viel zeigt über Dinge, mit denen Europäer in Asien zurechtkommen müssen und wo die Unterschiede liegen; und von solchen Ereignissen gab es über das ganze Jahr verteilt natürlich eine ganze Menge, die einem oft aber erst im Nachhinein bewusst machen, in was für einer fremden und aufregenden Welt man sich dort eigentlich bewegt hat.

Genau wie ich glaube, dass man ein Austauschjahr nur schwer bewerten kann, glaube ich auch nicht, dass es das typische Austauschjahr gibt; in dem einen Jahr war mein bester Freund neben den anderen AFS-Austauschschülern ein Süd-Koreaner aus Seoul, der genau wie ich auf meiner chinesischen Schule Chinesisch lernte. Anstatt viel Zeit mit meinem gleich alten Gastbruder zu verbringen, der wie die meisten in seinem Alter fast ohne Unterbrechung lernen musste, nutzte ich diese Zeit eher mit meiner kleinen, 3-jährigen Gastschwester, die ich heute von allen Familienmitgliedern am meisten vermisse.
Chinesisch haben Stefanie und ich eigentlich nicht mit unseren Mitschülern, sondern jeden Tag vier Stunden erst mit einer anderen englischen Lehrerin und später mit einem kubanischen Jungen zusammen gelernt bei Lehrer Sun (孙老师), der sich das Jahr wirklich lieb um uns gekümmert hat, zum anderen bei Lehrerin Jin (金老师), einer Minderheits-Chinesin aus Nordchina, bei der ich und Stefanie mit den Koreanern an unserer Schule Unterricht hatten.

Was mich in diesem Jahr aber jedoch am meisten begeistert und fasziniert hat, ist China, Shanghai, die Sprache mit ihren tausenden von Schriftzeichen und dieses Flair von Fremde und Exotik, weswegen ich es gar nicht erwarten kann, zurückzufahren. Ob nun wegen der kleinen, billigen und nicht immer ganz sauberen Straßenrestaurants an jeder Ecke oder wegen der Skyline von Pudong(浦东), ob wegen Städten, die ich in der Zeit dort mit anderen AFSern besucht habe, wie Peking(北京), Nanjing(南京), Suzhou(苏州), Hangzhou (杭州)oder auch die Insel Hainan(海南) im Südchinesischen-Meer . Allein schon am Tag durch die alten Gassen zu laufen, von denen auch in Shanghai noch einige erhalten sind, gibt einem das Gefühl, sich in einer anderen Welt zu befinden. Durch einen der zahlreichen Parks und Gärten zu laufen, ist für einen Europäer etwas ganz besonderes: zwischen Bäumen und weiten Wiesen sitzen alte Männer mit weißem Bart auf Holzbänken, lesen Zeitung, unterhalten sich oder spielen Karten, Ma-Jong(麻将) oder Schach. Im Hintergrund streben schon die modernen, futuristischen Wolkenkratzer in den Himmel, und obwohl man sich vorstellen kann, dass es dort laut, heiß und stickig ist, ist man unter den Bäumen irgendwie in einem ganz anderen China, das man durch das Eingangtor wieder verlässt.
Das genaue Gegenteil findet man in der U-Bahn: Endlose, unterirdische Gänge erstrecken sich unter der Erde, tausende von Chinesen strömen um einen herum, die einen verstohlen von der Seite mustern und schon wieder im Menschenstrom verschwinden – irgendwie unheimlich anonym, und doch habe ich schon vor dem Jahr China und Asien immer mit vollen U-Bahnen in Verbindung gebracht.

Anders als vielleicht Peking war und ist Shanghai für mich immer eine Stadt der Atmosphäre, die man einfach erleben muss, durch die Strassen laufen, in überfüllten Bussen stehend, in einer Hand den Touristenführer, in der anderen einen Milchtee und neben mir am besten noch einen Chinesen, der mich euphorisch auf die Dinge hinweist, die Shanghai in China zu etwas ganz besonderem machen.

Und genauso habe ich jetzt, wenn ich an meine Schule und meine Gastfamilie zurückdenke, mehr noch als damals das Gefühl, dass erst die Atmosphäre der Zeit so einen Zauber gegeben hat. Morgens auf dem Sportplatz zu stehen und euphorisch die chinesische Flagge zu besingen, war am Anfang natürlich seltsam, und ich habe mich schon gefragt, ob das eigentlich „richtig“ ist, aber seltsamerweise ist mir erst jetzt bewusst, was für tiefe Eindrücke mir solche Momente gegeben haben. Und wenn ich dann abends mit meiner Gastmutter, meiner kleinen Schwester und meinem Bruder am Esstisch gesessen habe und wir hungrig den Reis in uns hinein-“gelöffelt“ haben, weil das Schulessen wieder nicht so gut geschmeckt hat, wenn meine Gastmutter vielleicht auch ein bisschen genervt war, weil die Kleine lieber fernsehen wollte, damals war mir das immer fremd und ich habe mich gefragt, ob ich eigentlich auch schon ein bisschen Teil dieser Familie war. Heute vermisse ich das, und ich glaube, dass diese Erinnerungen für mich immer zu China gehören werden.

Genau dasselbe ist es mit den langen Nachmittagen und Abenden, an denen wir mit vier oder fünf anderen Austauschschülern im Teehaus gesessen haben, und Doppelkopf spielend Liter an Tee in uns hineingeschüttet haben – dies sind immer Momente, die mir zuerst einfallen, wenn ich an die Zeit zurückdenke.

War ich vorher noch ein wenig ängstlich oder unsicher, ob es wirklich eine gute Entscheidung war, für ein Jahr nach China zu fahren, bin ich mir heute sicher, dass das eine außergewöhnliche Erfahrung war, die ich immer wieder so wiederholen würde!


Paul, China 2007/08
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