LETTLAND: „Daugavpils? Nie gehört!“ |
| Geschrieben von: Anton, Lettland 2008/09 |
Während der ersten beiden Wochen war ich in einer so genannten Willkommensfamilie in Riga, den Rest meines Auslandsjahres habe ich in Daugavpils, der Hauptstadt Latgaliens, verbracht. Die Familie, in der ich den Großteil meines Aufenthalts blieb, war lettisch. Daugavpils ist eigentlich eine russische Stadt, es leben dort nur 20 Prozent Letten. Es liegt an dem breitesten Fluss, der Daugav, die auch durch Riga fließt. Dennoch hat Daugavpils nicht die Spur eines Hafens. Latgalien nenne ich das „Bayern Lettlands“ – damit Sie es sich vorstellen können: tickt nicht ganz so wie der Rest des Landes und hat einen sehr anstrengenden Dialekt. Es ist außerdem sehr religiös und traditionell orientiert. Am Ende wollte ich nicht mehr zurück. Daugavpils war mein Hamburg geworden. Lettland – Die Ruhe nach dem Sturm Mit dem zweiten Teil des Jahres war ich im Großen und Ganzen zufrieden. Natürlich gab es Höhen und Tiefen mit Freunden und Familie, aber ich würde sagen, es war konstant gut. Lettland – Zu Gast beim baltischen Tiger Dieses kleine Land wurde durch die ökonomische Krise tief in die Schulden gestürzt. Lettischer Witz: Der Premierminister des Landes ruft Putin an und fragt: „Wollen Sie Lettland haben?“ Putin sagt: „Ja, warum nicht“. Der Premierminister fragt: „Mit oder ohne Einwohner?“ Darauf überlegt Putin eine Weile und antwortet: „Lieber ohne.“ Der lettische Premier erwidert: „Ach, dann müssen Sie sich noch ein Jahr gedulden“. Kurz gesagt: dieses Land ist in der zweiten Hälfte meines Aufenthalts noch mehr heruntergekommen. In manchen Bereichen wird dem Ruin getrotzt. Letten sind und waren wohl zu allen Zeiten enthusiastische Eishockeyliebhaber. Szenenbeschreibung: Im Biologieraum sitzen mehr als vierzig Schüler und schauen auf einem winzigen Fernseher Eishockey – man fühlt trotzdem Stadionatmosphäre. Das „alte“ Problem zwischen den Letten und den lettischen Russen existiert auch noch. Trotz des lettisch-russischen Konflikts gibt es doch immer wieder Menschen, die mit Russen wir Letten können. Das sind in aller Regel sehr positive Menschen. In der jungen Generation gibt es heute Gruppen, in denen es keine Rolle mehr spielt, welche Sprache deine Familie spricht. Es sind diese Jugendlichen, die mich in ihrer Weltoffenheit sehr überrascht haben. Sie haben mir Dinge gezeigt, von denen ich vorher nicht wusste, dass sie existieren. Woher kommt das? Ganz einfach. Es resultiert aus dem Fakt, dass viele Jugendliche in Lettland keine Zukunft haben und deshalb schon jetzt vom Auswandern träumen. Milch – ich als „allergrößter Milchfan“ (Ich hatte als Kleinkind eine Milchallergie) hab mich auf die ganze Palette gänzlich unbekannter Milchprodukte eingelassen und muss sagen: ich vermisse sie hier in Deutschland schon. Genau wie andere latgalische Speisen: Soljanka, Pelemini, kalte Suppe und die Unmengen verschiedener Salate. Weitere positive Dinge: Letten kennen ziemlich viele Lieder. Wenn irgendjemand anfängt zu singen, scheint das Potential unerschöpflich zu sein. Und überhaupt Musik – dieses Volk ist so verflucht weltoffen. Mir wurde Musik gezeigt, von der ich nicht mal ahnte, dass es sie gibt. Zum Beispiel „breakcore“. Wunderschöne Landschaften -viel viel viel viel Schnee und lange kalt und dunkel. Es war interessant einmal zu sehen, wie andere Familien mit Religion umgehen. Meine letzte Familie war aus meiner Sicht besonders religiös, ich bin es gar nicht. In meinem Freundeskreis wird Gott selten erwähnt, höchstens über die Möglichkeit seiner Existenz diskutiert aber diese bedingungslose Akzeptanz von Gott hab ich selten erlebt. Lettland hat mich gezwungen, selbständiger und erwachsener zu werden. Als ich dann in einer festen Familie war, hab ich mich sehr an das Leben in einer Großfamilie gewöhnt, es gab immer jemanden zum Reden. Seit ich wieder in Deutschland bin wieder öfter mal alleine und weiß nichts mit meiner Zeit anzufangen. Lettland für zukünftige Austauschschüler Was die Sprachen angeht, war es für mich ein Nachteil, dass ich sie leider nicht richtig gelernt habe - weil ich wenig Sprachtalent habe. Vorteil in dieser Lage war für mich, dass ich einen Freundeskreis in Lettland gefunden habe, in dem die Leute sich von Sprachbarrieren nicht abschrecken ließen und wir uns dann auf Englisch verständigt haben. Entgegen der Devise aller AFS-Eingangscamps: „Die Sprache ist aller Anfang“ hab ich diese Erfahrung gemacht. Lettland ist nicht immer leicht, aber man kann etwas Großes daraus machen. Wenn man wirklich was Neues kennenlernen will, ist es sinnvoll, sich auf die Nationalfeiertage der Letten einzulassen. Ich hab es teilweise nicht gemacht - weil ich in russischen Familien war - und habe es später ein wenig bereut. Lettland ist ein armes Land und du wirst wahrscheinlich auch Freunde finden, die nicht reich sind. Man muss das wissen, braucht sich davor aber nicht zu fürchten. Ein Vorteil nach Lettland zu gehen besteht darin, dass es ein kleines Land ist, so dass es möglich ist, alle anderen AFS’er regelmäßig zu treffen. In flächenmäßig größeren Ländern kann man das nicht machen. Wir haben viel miteinander unternommen und es hat uns eigentlich allen gut getan. Zusammengefasst bin ich mit meinem Aufenthalt in Lettland sehr zufrieden und ich freue mich sehr, dass mir mein Stipendiengeber diese Chance ermöglicht hat und hoffe, dass auch andere Austauschschüler dieses Glück erfahren. Anton, Lettland 2008/09 |
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