Schüleraustausch für ein halbes oder ganzes Jahr bei Bedarf mit Stipendium

TÜRKEI: Merhaba!

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Geschrieben von: Nele, Türkei 2006/07   


Merhaba!! Wie soll man am besten anfangen vier Monate in Worte zu fassen? Ich habe so viel erlebt und gesehen, dass es schwer ist, Gefühle und Gedanken in konkrete Worte zu fassen.
Ich versuchte mit so wenig Erwartungen wie möglich in dieses Jahr hineinzugehen, hatte jedoch klare Vorstellungen von dem was ich hier erreichen möchte: Freunde machen, Türkisch lernen, Teil einer Familie werden, die Kultur kennen lernen.
Bald jedoch wurde mir klar, dass dieses Jahr mehr herausgeben wird. Man lernt nicht nur die fremde Kultur und Menschen kennen, sondern man lernt auch sich selbst, seine eigene Kultur und ihre Feinheiten in einem neuen Licht zu sehen, besser zu verstehen und ganz einfach neu kennen.

Wie kann ich meine ersten Eindrücke beschreiben? Ich weiß die neuen von den alten gar nicht mehr zu unterscheiden. Insgesamt kann ich sagen, dass die Türken ein sehr hart arbeitendes Volk sind, stets auf Erfolg fokussiert. Das kann man am besten an den Kindern sehen. Es ist sehr wichtig (vielleicht sogar zu wichtig) für die Eltern, dass die Kinder in allem herausragend sind, besser als alle anderen. Dazu muss man vielleicht erklären, dass am Ende der Highschool ein verdammt schwieriges Examen bestanden werden muss um an die Universität gehen zu können und das ist hier wichtiger als alles andere. Um dieses Examen bestehen zu können, gehen die Schüler schon Jahre vor dem Examen an Wochenenden und nach der Schule zu so genannten 'dershane' wo das in der Schule Gelernte wiederholt und vertieft wird oder Fächer, die sie in der Schule nicht haben, unterrichtet wird. Dieses System ist in meinen Augen alles andere als gesund, denn ich als Deutsche, die eine Menge Freizeit gewohnt ist, kann nicht verstehen, wie man nur an Schule und an nichts anderes denken kann.

Es gibt Freunde, die seit fünf Jahren keine Freizeit mehr hatten. Deswegen ist es sehr schwer sich mit türkischen Jugendlichen in der Freizeit zu treffen und mehr über die Jugendinteressen in diesem Land herauszufinden. Sie sind wirklich nur am Lernen.
Deswegen trifft man sich halt mit den AFS-Austausch-Kollegen, die in Istanbul dieses Jahr aus den USA und Ägypten kommen (Die Belgierin ist leider früher abgereist).

Den Menschen hier ist es sehr wichtig wie sie in den Augen anderer gesehen werden. Ob nun Nachbarn, Kollegen oder Freunde. Man versucht stets sich von der besten Seite zu zeigen und das Hab und Gut zu präsentieren. Der Nationalstolz ist hier groß vertreten, vor allem aber Atatürk, der Gründer der Türkischen Republik wird SEHR hoch angesehen. In allen Schulräumen trifft man auf ein Foto von ihm, die Nationalhymne und eine berühmte Rede die er mal gehalten hat.

Doch auch neben der Arbeit und der Schule sind Beziehungen für die Türken sehr wichtig. İn der Schule wird sich umarmt, geknuddelt und freundschaftlich auf die Wange geküsst.
Auch die Familienbande ist sehr wichtig. Viele Familien konzentrieren sich viel mehr auf sich selbst, als viel mit Freunden zu unternehmen. Man macht Familienausflüge, guckt zusammen Filme, geht zusammen einkaufen,... .

Was für mich anfangs unglaublich lästig war, dass man in Istanbul für jeden Weg den man zurücklegen möchte, mindestens zwei Busse und eine Metro nehmen muss um ans Ziel zu kommen und der Verkehr, der in Istanbul ja nun mal extrem ist, die Strecke um Stunden verlängern kann. Inzwischen habe ich mich an den Verkehr, seinen Lärm und seiner Masse und seine Trägheit gewöhnt und nehme es gelassen hin, wenn ich mal um mehrere Minuten verspäte. Man schiebt es eh immer auf den Verkehr.
Was für mich als Extremlangschläfer ein großes Problem war: sonntags für das gemeinsame Frühstück aufstehen, während mein erster Gastvater (ich habe die Familie gewechselt) gemütlich weiterschlafen durfte, bis alles fertig war. Auch jetzt in meiner zweiten Familie wird früh aufgestanden (was bedeutet um zehn) aber man gewöhnt sich dran.
Was auch ziemlich gewöhnungsbedürftig ist, ist die Schule und ihr Ablauf: der Lehrer kommt rein, die Schüler stehen auf. Es wird begrüßt und dann beginnt der Unterricht. Der Lehrer ist am Reden und Reden und Reden und die Schüler schreiben und schreiben und schreiben und langweilen sich zu Tode. Während in Deutschland ja mehr auf Beteiligung und Mitdenken geachtet wird, achtet man hier darauf, dass die Schüler soviel wie möglich auswendig lernen. Dann ist da natürlich die Schuluniform, an die man sich gewöhnen muss, was allerdings ziemlich schnell ging.

Auch an die begrenzte Freiheit muss man sich gewöhnen. Zu Hause durfte ich an Wochenenden abends so lange weg wie ich wollte, was dann also auf die tiefste Nacht/den frühesten Morgen hinaus lief. Hier liegt die Grenze bei HÖCHSTENS zehn. İn meiner alten Familie bis fünf, in der neuen wohl angeblich so lange wie ich will, doch eine weitere Gewöhnungsbedürftigkeit ist, dass manche Mütter mit 'Ja' manchmal 'Nein' meinen, aber auch nur manchmal.

Ein ganz großer Gewöhnungsfaktor war auch die anfängliche Langeweile. Immerhin habe ich kein Wort von dem verstanden von dem was die Menschen um einen reden. Anfangs versucht man ja noch zuzuhören und zu lernen, was mir aber bald als aussichtslos ohne die Grundkenntnis vorkam und dann schaltete ich einfach ab was in der Schule und in Familienkreisen zu unglaublich unerträglicher Langeweile führte, was in meinem Fall unglaublich schlecht war, da ich in den ersten Wochen das erste Mal im Leben die Wucht von Heimweh kennen gelernt habe und wenn man sich langweilt, hat man zu viel Zeit zum Nachdenken und das bringt einen in einen Teufelskreis aus Heimweh und Langeweile.
Aber mit der Zeit vergeht die Langeweile und man gewöhnt sich auch daran. Man wird sogar unglaublich kreativ um dieses Gefühl loszuwerden.

Was anfangs ziemlich neu und mich zu Freudenausbrüchen gebracht hat, war, wenn ich typisch türkische Sachen sah oder machte: zum Beispiel den Bosporus, die Simitverkäufer (Simit = Sesamringe die man an jeder Ecke für 50KR=25cent kriegen kann), das Quetschen in eine völlig überfüllte Metro, die Moscheen,... Anfangs so aufregend und jetzt so normal.

Fast alle, die ein Jahr im Ausland verbracht haben, sagen dass man sich völlig verändert. Bisher kann ich das nur von meinem Denken und Empfinden bestätigen, ich habe das Gefühl, erwachsener geworden zu sein, aber ein völlig anderes Verhalten kann ich noch nicht beobachten. Ich glaube, ich bin etwas zurückhaltender geworden, während ich in Deutschland fast immer etwas zu sagen hatte und vielleicht auch einen Tick lebendiger war. Aber ich schätze, das liegt daran, dass ich die Sprache noch nicht gut verstehe, mich selbst noch nicht ausdrücken kann und weil man sich vielleicht zu sehr ans stille Beobachten gewöhnt hat. Aber sehr umstellen musste ich mich nicht. Man muss nur ein bisschen mehr aufpassen was man sagt, da der türkische Stolz schneller verletzt ist als der Deutsche der in Meinungsverschiedenheiten vielleicht etwas toleranter ist.

Es gefällt mir sehr gut in Istanbul. Anfangs hatte ich ja echt noch Zweifel: 'Was willst du hier überhaupt? Du hast nichts gemein mit diesen Menschen!', aber sobald man einwenig besser rein kommt und sich auch das Umfeld an einen selbst gewöhnt hat und offener ist, entdeckt man Gemeinsamkeiten und Freuden. Ich liebe es zum Beispiel die Türkische Sprache ein wenig zu beherrschen. Sobald ich etwas sagen kann und dann auch verstanden werde, freue ich mich riesig. Ich freue mich, wenn ich von meinen Klassenkameraden umarmt werde und als eine von ihnen behandelt werde. Ich freue mich über jede freie Zeit, in der ich Istanbul und die Kultur mal auf eigenen Fuß erkunden kann.
Was mir allerdings Schwierigkeiten macht, ist, dass ich in der Schule nichts verstehe. Obwohl meine Leistungen hier für meine deutsche Schule keine Bedeutung hat und mir meine Zensuren hier daher ziemlich egal sind, kann ich das Gefühl, dass meine Lehrer mich für dumm halten nicht leiden. Ich habe neun Stunden Mathe die Woche, unterteilt in Mathematik, Analytik und Geometrie. Ich komme mir so dumm vor, weil ich auch nach häufigen Erklärungsversuchen nichts verstehe, weil es einfach zu hoch für mich ist und wir in Deutschland in Klasse 10 einfach leichtere Dinge sehen. Ich denke meine Mathelehrerin, die mir versucht entgegen zu kommen und mich den Themen fragt, die ich in Klasse 10 gesehen habe, um für mich eine andere Arbeit zu machen, ich denke sie hält mich für dumm und faul, da ich trotz anderer Arbeit Schwierigkeiten habe. Dabei lerne ich, wirklich! Das Problem ist nur, dass wir diese Themen in Deutschland irgendwie anders gemacht haben, aber konkreter kann ich da leider nicht werden.

Mein wichtigstes Erlebnis in diesen vier Monaten war unter anderem, dass ich meine Familie gewechselt habe. Es war ein wichtiger Schritt, aber einer der mir schwer gefallen ist. Aber ich hatte einfach nicht das Gefühl zu Hause zu sein. Außerdem hatten wir verschiedene Absichten von diesem Jahr. Meine Gastmutter hat auf Nachfrage wirklich bestätigt, dass ich nur in die Familie genommen wurde, um meinem kleinen Bruder Englisch beizubringen. Ich sollte mit ihm nur Englisch reden und ich hatte das Gefühl mit einem Au-pair-Mädchen verwechselt zu werden, da sich mein Alltag und meine Ausgehzeiten extrem nach meinem kleinen Bruder richteten. Es hat nicht funktioniert, aber wir werden natürlich weiterhin Kontakt behalten.

Welchen Tag ich bestimmt nie vergessen werde, ist mein erster Schultag. Vom stellvertretenden Direktor wurde ich buchstäblich vor die Klasse geschupst und auf Türkisch vorgestellt. Hälse wurden geregt um mich besser sehen zu können, es wurde getuschelt. In der Pause kamen dann Scharen von Schülern aus Parallelklassen und addierten mich mit Fragen auf englisch: ' Warum bist du in die Türkei gekommen? Gefällt es dir hier? Welche Musik hörst du? Ist deine Familie auch hier? Hast du Geschwister? Wo wohnst du in Istanbul?...'. Dieses Bild wie sie in einem Kreis um mich standen werde ich nie vergessen. Alle haben in den ersten Wochen versucht mir überall so gut es ging zu helfen. Haben in der Kantine mein Essen bestellt, mich zu Gesprächsgruppen in den Pausen zugewunken. Inzwischen bestelle ich mein essen selbst und geselle mich von selbst zu Gesprächen.

Jeden Morgen nehme ich den Servicebus, der mich morgens von zu Hause abholt und mich abends nach Hause bringt (sehr praktisch). Seit ich in meine neue Familie umgezogen bin, kommt der Servicebus um zehn nach sieben, was bedeutet ich erlebe in der Winterzeit den Sonnenaufgang über Istanbul mit. Wunderschön, wie sich das goldene Licht auf den vielen dichtbebauten Hügeln spiegelt.

Ein großes Hobby der Türken ist Fernsehen gucken. Ausschließlich türkische Serien, die unglaublich überdramatisiert sind. Aber eine Serie ist anders. Sie heisst 'Avrupa Yakasi' und wird von alt und jung geliebt. Es ist eine Art Theater, mit eingespieltem Lachen im Hintergrund. In der Schule werden die Charakteren imitiert und Zitate in den Unterricht geworfen. Auch ich, obwohl ich kaum was verstehe finde die Sendung super.

Was ich zukünftigen AFSern auf den Weg geben kann ist, dass es sich auf jedenfall lohnt.
Man lernt eine Menge, über sich selbst und über andere.
Außerdem sollte man sich ruhig trauen, Dinge, die einem wirklich widerstreben zu ändern, vielleicht Kompromisse zu finden. Dies ist EUER Jahr und ihr seit auch dafür verantwortlich, dass es ein gutes Jahr wird. Aber natürlich muss man unterscheiden zwischen eine neue Kultur und ein neues Leben annehmen und seine eigenen Bedürfnisse durchsetzen. es muss schließlich auch Veränderungen geben, sonst würde sich dieses Jahr nur halb so viel lohnen. Seit also bereit euch zu verändern, Dinge durchzusetzen und eure Weltanschauung zu verändern.
Ich kann euch AFS Türkei nur ans Herz legen. Die Betreuer und verantwortlichen Freiwilligen sind super nett und ihr werdet eine menge Spaß und Freude an diesem Jahr haben.
Man findet viele Freunde, türkische wie internationale AFSer. Meine Gruppe dieses Jahr ist super und wir verstehen uns alle wunderbar. Wir können die nächsten AFS-Camps wo alle 15 Austauschschüler aus der ganzen Türkei zusammenkommen gar nicht abwarten.
Am Ende des Jahres werde ich Freunde auf der ganzen Welt haben und das ist für mich der Sinn von AFS.

Nele, Türkei 2006/07
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