Schüleraustausch für ein halbes oder ganzes Jahr bei Bedarf mit Stipendium

USA: Lehrer investieren hier mehr Zeit in die Schule und die Schüler

Ich heiße Yushan, bin 16 Jahre alt und komme aus Frankfurt am Main. Ich wurde in China geboren und bin wegen der Arbeit meines Vaters nach Deutschland gezogen, als ich fünf Jahre alt war. Ich habe ein Stipendium von 2500 Euro von AFS erhalten und verbringe nun mein Austauschjahr in den USA, Charlotte.

Wandern, Reiten, Reisen – Aktivitäten mit meiner Gastfamilie

Charlotte ist die größte Stadt in North Carolina, der Hauptsitz der Bank of America, und hat circa 2,5 Millionen Einwohner. Ich lebe in einer ruhigen Nachbarschaft mit meiner Gastfamilie, die aus fünf Leuten besteht: Meinen Gasteltern Bob und Cheryl und meinen drei Gastgeschwistern Aric, Elizabeth und Peter, die jeweils 16, zwölf und neun Jahre alt sind. Sie sind alle total nett und ich komme sehr gut mit ihnen klar. Wir unternehmen oft Sachen zusammen, wie wandern, Museen besuchen oder ins Kino gehen. Bob arbeitet für die Bank of America und geht oft auf Geschäftsreisen. Cheryl ist eine Krankenschwester und kümmert sich um die meisten Sachen im Haus. Einmal die Woche gehe ich zusammen mit Elizabeth reiten und wir haben sogar bei einer Reitershow mitgemacht.

Bis jetzt haben wir zwei Reisen unternommen, einmal an den Strand bei Hilton Head Island, als meine Gastmutter Cheryl Geburtstag hatte, und einmal in den Winterferien nach Alabama, um andere Familienmitglieder zu besuchen. Wir planen in den Frühlingsferien nach Kentucky zu fahren, um das Kentucky Derby zu sehen.

Ich habe keine Geschwister in Deutschland und genieße es, dass in meiner Gastfamilie so viele Leute sind, denn es passiert immer etwas Interessantes. Aric hat eine leichte geistige Behinderung und zuerst wusste ich nicht, wie ich damit umgehen sollte. Aber als ich ihn besser kennen gelernt habe, habe ich gemerkt, dass er total nett ist und wir sind gute Freunde geworden.

Alles im Riesenformat

Als ich vor fast fünf Monaten in den USA ankam, war mein erster Eindruck, dass viele Sachen im Riesenformat hergestellt werden. Ich sah im Flughafen übergroße Muffins und Pizzastücke und überall standen die Kalorien drauf, da die meisten Amerikaner gut darauf achten, nicht zu viel Fetthaltiges zu essen. Auch trinken die meisten Menschen hier Diät-Getränke, was dem Vorurteil widerspricht, dass Amerikaner nur Fast Food essen und dick sind. Aber Tatsache ist, dass es hier, verglichen mit Deutschland, mehr verschiedene Fast Food Restaurants gibt.

Charlotte ist Frankfurt ziemlich ähnlich: es hat eine ähnliche Struktur, eine Skyline und ungefähr gleich viele Einwohner. Aber das Straßenbahn- und Untergrundbahnsystem ist nicht so weit entwickelt und nur in der Stadtmitte vorhanden. Wenn man einen Ort aufsuchen will, muss man das Auto nehmen. Manchmal ist es für mich unpraktisch, irgendwohin zu gehen, weil ich immer eine Person haben muss, die mich hinfahren kann. Man sieht selten Menschen zu anderen Plätzen laufen, so dass es nur begrenzt viele Bürgersteige gibt, und wenn man doch einen Platz zu Fuß aufsucht, wird man komisch angestarrt. Auch Fahrräder werden nicht so oft benutzt.

Charlotte ist ein eher warmes Gebiet und alle Getränke werden mit Eiswürfeln serviert, woran ich mich jetzt langsam gewöhnt habe. Im Flugzeug hatte man mir ein gekühltes Getränk und dazu noch ein Glas mit Eiswürfeln gegeben, und ich hatte mich sehr gewundert. Im Sommer war es draußen heiß und in den Gebäuden wegen der starken Klimaanlage kalt und ich konnte nie ohne Jacke rausgehen.

Die amerikanische High School

Ich gehe auf eine große, öffentliche High School mit mehr als 2200 Schülern. Es ist eine neue Schule und es gibt eine Menge moderne Einrichtungen, wie zum Beispiel Smartboards, Beamer und einen Fernseher. Ich stehe jeden Tag um 5.30 Uhr morgens auf, weil der Unterricht schon um 7.15 Uhr anfängt. Die meisten Schüler, auch ich, fahren mit einem Schulbus zur Schule. Jeden Morgen sagen wir den „Pledge on Allegiance“ und hören die Schulansagen, die von Schülern und Lehrern vorgetragen werden.

Eine Schulstunde ist 90 Minuten lang und damit doppelt so lang wie die Stunden in meiner deutschen Schule. Wir haben immer nur sechs Minuten Pause, um in einen anderen Klassenraum zu gehen. Manchmal kann es schön knapp werden, da die Schule groß ist und viele Schüler auf den Gängen herumlaufen. In einer Klasse sind meistens zwischen 30 und 40 Schüler. Der Stundenplan bleibt für ein Semester jeden Tag gleich und ich habe acht verschiedene Fächer: Biomedical Technology, Pre-calculus Honors (Mathe), French III Honors, English III, US-History, Psychology, Chemistry Honors und Computer Applications I. Psychology macht mir am meisten Spaß, weil wir jede Stunde verschiedene Aktivitäten machen, spannende Videos anschauen und interessante Gespräche führen.

Mein Eindruck ist, dass die Lehrer hier viel besser organisiert sind und mehr Zeit in die Schule und die Schüler investieren als die Lehrer in meiner Schule in Deutschland. Sie bieten kostenlose Nachhilfe vor und nach der Schule an und haben eine Internetseite, wo sie den Inhalt des Unterrichts, die Hausaufgaben und nützliche Arbeitsblätter hochladen.

Wir schreiben jede Woche mehrere Tests und Quizze und ich habe das Gefühl, dass ich hier in vier Monaten so viele Notizen geschrieben habe, wie in Deutschland in anderthalb Jahren. Der Inhalt ist einfach, dafür aber viel und am Anfang, als die Schule gerade begonnen hatte, habe ich jeden Tag nach der Schule bis abends nur Hausaufgaben gemacht. Trotzdem finde ich es einfacher, hier gute Noten zu bekommen, da es gerechter und objektiv ist. Sie haben keine mündlichen Noten, sondern die Note setzt sich nur aus Tests, Quizzen und Hausaufgaben zusammen.

Fast alle Schüler sind in mindestens einem Club oder Sportteam. Es ist ihnen sehr wichtig, am Schulleben teilzunehmen und sie sind in diversen Projekten engagiert. Ich bin in drei Clubs und will in der nächsten Saison dem „Track Team“ (Leichtathletik) beitreten.

Einer unter vielen Austauschschülern

Meine Klassenkameraden sind alle nett, aber viele sind nicht so interessiert, wie ich erwartet hätte. Ich hatte von anderen Austauschschülern erfahren, dass Amerikaner am Anfang total neugierig sind, ihr Interesse aber schon nach kurzer Zeit abklingt. In meiner Schule nehmen es viele kommentarlos hin, dass ich ein Austauschschüler bin und fragen mich auch nicht, aus welchem Land ich komme. Es kommt auch daher, dass es in meiner Schule relativ viele Austauschschüler gibt und die Menschen eher an ihrem eigenen Freundeskreis interessiert sind. Aber ich habe trotzdem eine Menge Leute kennen gelernt sind, die wirklich total nett sind.

Ich habe schnell Freunde aus verschiedenen Ländern wie China, Amerika, Deutschland, Frankreich, Spanien und Belgien in meiner Schule gefunden. Manchmal ist es schwer, sich zu treffen, da die meisten meiner Freunde nicht Auto fahren dürfen und es daher unpraktisch ist, wenn die Familie keine Zeit hat.

Im Allgemeinen, verhalten sich amerikanische und deutsche Jugendliche ähnlich: sie kleiden sich ähnlich, hören die gleiche Art von Musik und unternehmen auch ähnliche Sachen zusammen.

Über den Tellerrand gucken

Ich spüre schon jetzt, dass ich mich verändert habe. Ich bin offener geworden, gehe mehr auf andere Menschen zu und ich probiere neue Sachen aus, was mir viel Spaß bereitet. Ich bin unabhängiger geworden und sehe viele Sachen aus einem neuen Blickwinkel. Es gibt zwar Unterschiede in der Kultur und im Verhalten zwischen den Menschen hier, in Deutschland und in China, aber tief im Inneren sind alle Menschen gleich.

Die USA ist ein Land mit Menschen mit jeder möglicher Herkunft und Kultur und es ist für sie leichter, Personen von anderen Ländern zu akzeptieren, weil viele Amerikaner Vorfahren in zum Beispiel Europa haben. Aber Viele haben Amerika noch nie verlassen und wissen nicht so viele Fakten über andere Länder.

Fazit: „Nichts kann die wunderbaren Erfahrungen eines Austauschjahres ersetzen.“

Ich hoffe, dass möglichst viele Schüler sich trauen, für ein Jahr ihr Heimatland, ihre Eltern und ihre Freunde zu verlassen, um ein fremdes Land und seine Bewohner kennen zu lernen. Es regt das Denken an, wenn man sieht, welch anderen Lebensstil andere Leute haben und wie anders sie sich verhalten.

Es lohnt sich wirklich, denn nichts kann die wunderbaren Erfahrungen eines Austauschjahres ersetzen. Auch wenn es manchmal Probleme gibt, sollte man nicht aufgeben, sondern versuchen, sie zu bekämpfen und zu überwinden.

Ich möchte meinen Eltern danken, die mich aufgezogen und mir immer geholfen haben. Sie waren immer für mich da und haben mich in allen Situationen unterstützt. Danke an meine Freunde hier und in Deutschland, mit denen ich so viel Spaß habe und alle möglichen Sachen unternehmen kann. Auch ein großes Dankeschön an meine Gastfamilie, die das Abenteuer gewagt hat, mich, einen fremden Austauschschüler, aufzunehmen und mich wie eine Person in der Familie zu behandeln. Und zuletzt möchte ich AFS danken, die mir dieses Austauschjahr ermöglicht hat und ohne die ich nicht so schöne neue Erfahrungen sammeln könnte.