• Kontakt
  • Facebook
  • Twitter
  • Youtube
  • Blogger

My beloved Bangkok - Die Stadt die niemals schläft

Helen, Thailand, 2010/11,

My beloved Bangkok - Die Stadt die niemals schläft

Dritte Welt, Sextourismus und gefälschte Rolexuhren - das ist in etwa das, was so Manchem in den Kopf kommt, wenn er vom „Land des Lächelns“ hört. Leider war das auch bei mir nicht anders. Meine Länderwahl war eher zufällig. Ich wollte in kein bestimmtes Land. Mein einziger Wunsch war und ist es, die Welt in all ihrer Vielfalt zu sehen und ich kann wohl schon jetzt sagen, dass dafür mein mir zugeteiltes und mittlerweile geliebtes Bangkok eine kaum zu übertreffende Wahl war.

Als ich den Brief öffnete, der mir meine neue Heimat auf Zeit offenbaren sollte, war erstmal Ratlosigkeit angesagt. Thailand – klar, das hat man schon mal gehört. Aber wo liegt das eigentlich? Was spricht, isst, tut man dort so? Und wie ist das Klima? Schon zu diesem Zeitpunkt wurde mir bewusst, wie wenig wir doch eigentlich von unserer Erde und all ihren wundervollen Plätzen wissen und diese Tatsache galt es von da an für mich zu überwinden.

Der erste Schock: Heiß!

Beim Abschied hingen Ungewissheit, Fragen und Angst in der Luft. Aber auch Neugier und Zuversicht. Aber zum Glück war ich ja nicht alleine, sondern mit anderen AFSern, und schon wenige Zeit später überwog die Vorfreude die Ungewissheit. Erstmal angekommen, überkam uns auch schon der erste Schock: HEIß! Da wir in der schwül-heißen Regenzeit anreisten, war die Umgewöhnung an das wahnsinnige Klima für uns Kälte gewöhnten Europäer doch eine Herausforderung. Mittlerweile habe ich mich aber daran gewöhnt und…Ich liebe es!

Inzwischen sind auch schon sechs Monate vergangen. Ein halbes Jahr, in dem ich mich an noch ganz andere Dinge als nur an das Wetter gewöhnt habe. Der Geruch Thailands ist einmalig. Und der Bangkoks erst recht. Und obwohl der Verkehr furchtbar, die Luft stinkig und die Strassen dreckig sind, liebe ich diese, meine Stadt. Alles ist so anders, einzigartig, groß, laut, bunt, dunstig, stinkig und beeindruckend. Bangkok einfach!

Die Stadt lebt von Kreativität und Friedlichkeit

Mittlerweile ist es für mich zur normalsten Sache der Welt geworden, auf der Strasse Mofas, Obstwägen und Mönchen auszuweichen, am Straßenrand das leckerste Essen der Welt für nicht einmal einen Euro zu kaufen und die Stadt mitzuleben. Denn genau das tut sie: sie lebt. Nirgendwo gibt es nichts. Egal, wo du den Bus verlässt, ein paar Meter entfernt findest du etwas zu Essen, Kleidung, Kunst.

Vor allem die Kreativität und Gegensätzlichkeit Bangkoks fasziniert mich, wie sonst nichts. Die Mode, Kunst und Fingerfertigkeit der Bangkokianer lässt mich oft staunend vor den kleinsten Läden stehen. Allerdings lässt mich die Tatsache, dass die Schlucht zwischen Arm und Reich hier so gewaltig ist, oft in einem Gefühlschaos zurück. Man findet Slums, kleine Kinder spielend im Müll und dahinter Luxushotels empor ragen. Man sieht hier tagtäglich Dinge, die ich lieber niemals gesehen hätte und man wird so offensiv mit Armut, Krankheit und Verzweiflung konfrontiert, dass es manchmal weh tut.

Doch trotz diesen gigantischen und so offensichtlichen Unterschieden in der Gesellschaft staune ich so oft über die Friedlichkeit im Zusammenleben von Arm und Reich. So kauft der in Armani gekleidete Geschäftsmann einem zahnlosen Mann, der kaum mehr als seinen Getränkestand zu besitzen scheint, eine Col ab. Bettler helfen Straßenkehrern und fegen ihren eigenen Dreck selbst weg. Dieser Charakterzug der Thais hat mir schon zu Anfang am Besten gefallen. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, aber der Grossteil der Menschen hier hat verstanden, worauf es ankommt: Rücksicht, Nächstenliebe, Dankbarkeit und Achtung vor sich selbst und anderen, Respekt und Harmonie. Davon können wir uns in Deutschland wohl mehr als nur eine Scheibe abschneiden.

Meine thailändische Großfamilie

Mit meiner Gastfamilie habe ich ein wahnsinnig gutes Los gezogen. Ich danke Gott, Buddha, Allah und allen, die da oben noch so sind, dass ich das Glück habe, eine so liebevolle, offene und warme Familie zugeteilt bekommen zu haben. Meine Gastfamilie besteht aus insgesamt vier Personen. Wir haben noch eine Haushälterin und einen Rottweilermischling.

Meine Gasteltern Yuy und Black arbeiten beide leider sehr viel, weswegen ich selten die Möglichkeit habe, spontan etwas mit ihnen zu unternehmen. Wenn die beiden dann aber doch Zeit haben, erzählt mir vor allem mein Gastvater viel über den Buddhismus und zeigt mir viel von Thailands religiöser Seite und der Kultur. Ich bin ihm dafür unglaublich dankbar, da ich den Buddhismus für eine ganz wunderbare Möglichkeit halte, respektvollen Umgang mit Mitmenschen auf einer freundschaftlichen Basis zu erlernen und zu leben.

Mit meiner Gastmutter unternehme ich nicht so viel alleine, aber wenn wir doch einmal zu zweit unterwegs sind, reden wir viel über die Familie, da ihr meine Meinung sehr wichtig ist und sie mich oft um Rat fragt. Meine Gastschwester Ming (18), mit der ich mir auch das Zimmer teile, ist für mich hier mittlerweile zu einer Art Freundin geworden. Deswegen ist es auch gar nicht komisch, sich sogar das Bett mit einer eigentlich fremden Person zu teilen. Meine Gastfamilie spricht hervorragend Englisch, weswegen ich mich oft lange mit meiner Gastschwester unterhalte.

Zu meinem Gastbruder Mean (14) habe ich sehr wenig Kontakt, da er auf ein Internat und nun nach Singapur geht, um dort zu lernen. Zu den weiteren Verwandten in meiner Gastfamilie zählen noch zwei Onkel, eine Tante und die Grosseltern, die ich allesamt ganz wahnsinnig gerne mag. Leider arbeiten alle sehr viel, jedoch ist es dann, wenn mal Zeit ist, umso schöner. Mit meiner Tante backe ich oft und mit meiner Gastoma lerne ich ab und zu Thai-Kochen.

Exotisches Essen: ein Traum

Das Essen hier ist – man kann es leider nicht anders sagen – der Hammer. Ich mochte schon in Deutschland asiatisches und scharfes Essen. Doch muss ich sagen, dass ich in Deutschland niemals etwas gegessen habe, das annähernd so gut war, wie das, was man hier an jeder Straßenecke kaufen kann. In Deutschland kauft man Schweinefleisch süß-sauer und fühlt sich schrecklich exotisch und hier esse ich Dinge, von deren Existenz ich bis dato noch nicht einmal wusste.

Das Essen hier ist wohl der schönste Teil meines Jahres und auch der, den ich am meisten vermissen werde. Wo hat man denn schon die Möglichkeit, Sonntagabends im Schlafanzug das Haus zu verlassen um 10 Minuten später die größten Köstlichkeiten frisch und individuell zubereitet auf dem Tisch zu haben? Wo kann man – von einer plötzlichen Appetitattacke überkommen – keine zwei Minuten später auch genau das gewünschte Essen in Händen halten? Und wo findet man sonst die frischsten, feinsten und leckersten Dinge immer frisch und schnell gekocht, zu jeder Tageszeit? In Deutschland wohl nicht!

Ich habe mich mittlerweile so sehr daran gewöhnt, mit Löffel, Gabel und Stäbchen zu essen, von Plastikgeschirr, am Straßenrand, aus Töpfen, die von unten schwärzer sind als eine Teergrube. Ich ärgere mich auch oft über die dämlichen Hinweise in so genannten Reiseführern: “Und wer es wagt, der probiere eine Suppe an einem Straßenstand”. Wer es wagt? Wer das nicht tut, hat Thailand nicht gesehen, nicht geschmeckt. Ja, das Essen allein ist schon eine Reise hierher wert.

Viel Fleiß und Disziplin in der Schule

Ich habe leider auch fast nur Einzelstunden, weswegen ich so gut wie niemanden in der Schule näher kenne. Allerdings sind die Einzelstunden sehr interessant und lehrreich, denn wer bekommt schon 10-mal die Woche Thai-Intensivkurs? Und Obstschnitzen macht natürlich auch Spaß.

Allerdings würde ich mir wünschen, dass ich mehr mit anderen Klassen zusammen bin. Aber das scheint aus irgendeinem Grund nicht möglich zu sein. Schade ist es auch, dass die Thai-Schüler so wenig Zeit haben, da sie so unglaublich viel lernen. Deswegen verbringe ich viel Zeit alleine oder mit anderen AFSern. Ich hätte gerne Thai-Freunde, nur ist das – zumindest in meiner Schule – kaum möglich, da alle so beschäftigt sind.

Im Allgemeinen würde ich die Thai-Jugendlichen als sehr ausdauernd und diszipliniert beschreiben. So gut wie jeder nimmt zusätzlich zum ohnehin schon straffen Stundenplan noch das ganze Wochenende lang Nachhilfe. Das liegt daran, dass es hier sehr wichtig ist, einen guten Schulabschluss und so einen Platz an einer guten Universität zu bekommen. Ich finde diese Disziplin einerseits wirklich beeindruckend. Andererseits ist es aber auch schade, dass mit der Schule die Freizeit auf der Strecke bleibt. Was mir in der Kultur der Thais und im Schulalltag gar nicht gefällt, ist die Strenge. Angefangen bei der einheitlichen Schuluniform bis hin zur morgendlichen Zeremonie mit Nationalhymne, Königshymne und Flagge.

Ich bin in Thailand gereift

Mittlerweile weiß ich so vieles an Deutschland zu schätzen, was mir vor meiner Reise hierher noch nicht einmal bewusst war. Ich weiß nun, wie gut es tut, die eigene Meinung sagen zu dürfen, offen über Missstände in der Regierung zu reden oder auch einfach mal “Nein” sagen zu können. So kleine Dinge wie mal eine Jeans zur Schule anzuziehen oder eine warme Dusche zu haben, weiß ich nun mehr denn je zu schätzen, auch wenn sie mir nur begrenzt fehlen. Vermutlich, weil ich mich schon so an all das hier gewöhnt habe.

Meine sechs Monate hier haben mir viel geholfen, selbst zu reifen. Ich bin selbstsicherer und selbstbewusster geworden, denn hier bleibt einem nichts Anderes übrig als auf die Menschen zuzugehen. Ich bin auch vielen Dingen offener eingestellt und weniger voreingenommen. Was für mich trotz allem wohl noch fremd bleiben wird, ist die unglaubliche Vernarrtheit der Thais in “Farangs”, also Weiße. Ich verstehe nicht, warum die Menschen hier so fasziniert von uns sind. Ich finde es unangenehm, angestarrt oder fotografiert zu werden, weil ich nicht verstehe, was die Menschen hier dazu bewegt. Aber vielleicht komme ich ja noch dahinter.

Anfangs dachte ich, ich wäre im Paradies gelandet, doch nach meinen sechs Monaten hier kann ich sagen: Ich bin es nicht. Allerdings denke ich, dass man hier in manchen Dingen einem Paradies näher ist, als bei uns in Deutschland. Ich denke, man sollte von überall das mitnehmen, was man für sich selbst am Besten hält und sich daraus sein eigenes Paradies schaffen. Ich kann wohl schon jetzt sagen, dass ich diesem Ziel Dank meiner Reise hierher um Einiges näher gekommen bin.

Ich weiß, dass es vielen nicht möglich ist, eine solche Erfahrung zu machen und danke deswegen umso mehr allen, die das hier für mich möglich gemacht haben, vor allem aber meinen Eltern, die mich von Anfang an unterstützt und mich gefördert haben, mir helfen, mich aber auch machen lassen und zusehen, wie ich Dinge erlebe, die sie selbst vielleicht noch nicht erlebt haben. Ich danke auch meinem Stipendiengeber, der meiner Familie und mir diese Reise möglich gemacht hat.