• Kontakt
  • Facebook
  • Twitter
  • Youtube
  • Blogger

Auf den ersten Blick habe ich mich in Venezuela verliebt

Annika, Venezuela, 2010/11,

Auf den ersten Blick habe ich mich in Venezuela verliebt

Schon fast fünf Monate bin ich jetzt in Venezuela, meinem Erste-Wahl-Land. Die Zeit verging bis jetzt wie im Flug und ich kann nur eins sagen: Ich habe nichts bereut. Auf keinen Fall!

Aber zunächst möchte ich euch „MEIN“ Land etwas genauer vorstellen. Es liegt im Norden Südamerikas und ist für seine vielfältige Natur bekannt. Die Stadt, in der ich wohne, Cumaná, liegt direkt am Meer. Abseits der Innenstadt gibt es wunderschöne karibische Strände mit weißem Sand, Palmen und türkisfarbenem Wasser. Nur ein Stück weiter im Inland hat man beeindruckende Ausblicke auf die Küstenkordillere, eine Bergkette, die sich parallel zur Karibik entlang zieht. Tropischer Dschungel, der von exotischen Pflanzen und Tieren bewohnt wird, begleitet im Süden und Osten die Grenze zu Brasilien. Der Orinoco, ein sehr großer Fluss, durchfließt ein großes Gebiet mit scheinbar endlosen Savannen und Steppen. Und im Osten befindet sich das beeindruckende Tafelbergland, die Gran Sabana. Sogar ein kleines Stück Wüste gibt es hier in Venezuela: die Médanos de Coro im Nordosten.

Land und Leute − eine Liebe auf den ersten Blick

Ich weiß noch genau, wie ich vor ungefähr einem Jahr die Bestätigung von AFS für Venezuela erhalten habe und wie aufgeregt und glücklich ich damals war. Mit jedem Tag rückte die Abreise näher und jeden Tag dachte ich mehr über mein zweites Leben in Venezuela nach. Zu dieser Zeit schien mir alles noch so unwirklich und fern. Als ich dann Anfang Sommer meine Gastfamilie erhielt, steigerten sich alle Gefühle: Aufregung, Freude, Spannung, aber natürlich mischten sich auch langsam Trauer und Nervosität hinein. Aber sobald ich in Caracas, der Hauptstadt, aus dem Flugzeug stieg, waren alle Zweifel wie weggeblasen.

Auf den ersten Blick habe ich mich in Venezuela verliebt: das Klima, die Natur, die Sprache, die Menschen. Und als ich jedoch dann endlich bei meiner Gastfamilie ankam, war ich einfach nur erleichtert und glücklich. Ich fühlte mich sofort wohl bei meiner Gastmutter und meiner 20-jährigen Gastschwester, die mich so herzlich empfingen. Die andere Hälfte meiner Gastfamilie, mein Gastvater und mein 30-jähriger Gastbruder, wohnen im Strandhaus etwas abseits der Stadt.

Inzwischen hab ich alle ins Herz geschlossen und ich fühle mich nun wirklich zuhause hier. Auch wenn Cumaná eine eher ärmere Stadt ist, hat es mir sofort gefallen. Trotz Armut und Kriminalität, die einem leider öfter begegnen, fühle ich mich wohl. Mir scheint, dass die Menschen hier trotz allem glücklich sind.

Ich war noch nie in einer Stadt, in der es so viele bunt angemalte Häuser gibt, was die Stadt irgendwie lebendig macht. Und die karibischen Einflüsse machen die Stadt für mich perfekt: Die Palmen, das Meer vor Tür, das dauerwarme Wetter, die lateinamerikanische Musik, die man einfach aus jeder Ecke hört und die jedem einfach gefallen muss… Es gibt so vieles, wofür ich Venezuela liebe!

Beim Essen gibt’s viel zu entdecken

Ich möchte noch etwas über das Essen hier erzählen: Arepas, Empanadas, Cachapas, Platanos. Das alles sind typische venezolanische Gerichte. Die Arepa ist eine Teigtasche aus Maismehl, die beliebig mit Käse, Fleisch oder Ei gefüllt wird. Empandas sind frittierte Teigtaschen. Die Cachapa ist eine Art Pfannkuchen, nur dass sie aus Mais besteht und Platanos werden hier die frittierten Bananen genannt. Insgesamt wird hier sehr viel Reis gegessen und so genannte Caraotas, kleine schwarze Bohnen.

Als ich das erste Mal in eine Arepa gebissen habe, hat sie einfach nur trocken geschmeckt und ich wusste nicht wirklich, wie ich ein Jahr fast täglich so was essen sollte. Aber man gewöhnt sich an alles. Jetzt esse ich liebend gern Arepa und ich kann mir gar nicht vorstellen in Deutschland wieder Brötchen auf dem Frühstückstisch vorzufinden. Auch wird sehr viel Saft getrunken. Dazu werden einfach verschiedene Früchte mit Wasser püriert. Es gibt die verschiedensten Sorten: Ananas, Papaya, Maracuja, Melone. Mit Eiswürfeln bieten sie eine perfekte Erfrischung in der Hitze.

Familienleben und Zeitgefühl der Latinos

Die Menschen hier erscheinen mir oft viel lebenslustiger, offener und fröhlicher als in Deutschland. Sie lieben es zu miteinander zu reden, tanzen, singen, essen und noch so vieles mehr… Aufgefallen ist mir, dass die Latinos hier oft sehr große Familien haben, die sich auch oft und gerne sehen, um gemeinsam zu essen, zu erzählen und zu lachen − das übrigens sehr laut.

Und nicht zu vergessen ist, dass die Menschen hier ein ganz anderes Zeitgefühl haben und alles viel gelassener angehen. Deshalb ist es eigentlich normal überall mit ein bis zwei Stunden Verspätung aufzutauchen. Auch Stromausfälle sind hier keine Sensation. Selbst wenn ein bis zwei Mal die Woche der Strom ausfällt, wie ich es schon Mal erlebt habe. Man sagt einfach „Ay, no, se fue la luz.“ („Oh nein, das Licht ist gegangen.“), holt Kerzen heraus und freut sich, wenn der Strom wieder da ist.

Die Nachmittags-Schule

Ein großer Teil meines Austauschjahres ist natürlich die Schule. Ich wurde im „quinto año“ eingeschrieben, also in die Abschlussklasse. Vor meinem ersten Schultag war ich so aufgeregt, aber mir wurde mit sehr viel Interesse und Offenheit begegnet. Da ich auf einer sehr kleinen Schule bin, war ich schon nach einer Woche bei fast allen Schülern bekannt und jeder wusste, dass ich „Die Deutsche“ bin.

Der erste große Unterschied gegenüber Deutschland ist die Schuluniform. Sie besteht aus einer dunkelblauen Hose, einem beigen Hemd und schwarzen Schuhen. Das ist eine ziemliche Gewöhnungssache und ich finde sie auch nicht wirklich schön, aber da alle sie tragen, ist es nicht wirklich schlimm.

Da ich nur nachmittags Unterricht habe, nutze ich die Vormittage zum Hausaufgabenmachen oder Lesen. Von 12.30 Uhr bis 18.00 Uhr habe ich dann Unterricht. Der besteht größtenteils daraus, dass der Lehrer erklärt oder an die Tafel schreibt und die Schüler zuhören und abschreiben müssen, es gibt aber auch öfter mal Gruppenarbeit. Sogar viele Klassenarbeiten werden in Partner- oder Gruppenarbeit geschrieben. Was mir sonst noch aufgefallen ist, ist, dass es viel weniger Unterrichtsmaterialien gibt, in den meisten Fächern haben wir noch nicht mal ein Buch.

Feste, Feste, Feste

Was hier auch ganz anders ist als in Deutschland, sind 15. Geburtstage, zumindest die der Mädchen. Die werden hier nämlich riesig groß gefeiert, weil der 15. Geburtstag eine der wichtigsten Feiern im Leben eines Mädchens ist. Reichere Familien mieten oft einen Saal für die Feier, die ganze Verwandtschaft und alle Freunde kommen, es gibt ein sehr aufwändiges Buffet, eine Band oder einen DJ, und das Geburtstagskind trägt meistens ein sehr auffälliges, besonderes Kleid.

Nun habe ich auch schon Weihnachten und Sylvester hier verbracht. Allerdings kann ich nicht sagen, dass ich unglaublich in Weihnachtsstimmung gekommen bin. Bei Hitze, Sonne, blauem Himmel und riesigen kitschigen Plastikweihnachtsbäumen kann bei einem Deutschen doch auch nicht so richtig Weihnachtsstimmung aufkommen. Nichtsdestotrotz bin ich froh, Weihnachten einmal anders verbracht zu haben. Zum Beispiel mit den so genannten „Hallacas“, das wohl typischste Weihnachtsessen hier. Das sind Maismehltaschen, die mit Fleisch, Rosinen, Zwiebeln und Oliven gefüllt werden. Ein anderes Weihnachtsgericht ist das „Pan de Jamon“, ein Brot mit Schinkenfüllung. Außerdem hört man ab Oktober aus jeder Ecke die „Gaitas“, also venezolanische Weihnachtslieder. An Weihnachten gibt es in den meisten Familien ein großes Familienessen mit Geschenken. Allerdings gehen auch viele Leute in die Disko.

Reges Interesse und lustige Deutschland-Fragen

Mir ist aufgefallen, dass viele Leute hier sehr viel über Deutschland wissen. Wenn ich sage, dass ich aus Deutschland komme, erzählen mir viele, dass sie schon mal da waren. Ab und zu werde ich dann sogar mit einem „Gutten Tack“ begrüßt. Ich kann zwar immer nur mit viel Mühe die Städtenamen verstehen, aber insgesamt scheint mir das Interesse an Deutschland doch sehr groß. Auch habe ich schon die ein oder andere lustige Frage über Deutschland gehört, zum Beispiel ob es dort, wo ich wohne, Polarbären gibt.

Fazit: „Ich bin froh, mich für diesen Austausch entschieden zu haben.“

Jetzt habe ich wirklich schon fast die Hälfte meines Austauschjahres rum und im Moment möchte ich gar nicht, dass die Zeit so schnell vergeht. Deutschland und mein Leben dort kommen mir so unglaublich weit weg vor und ich kann mir gar nicht vorstellen, wieder dort zu sein. Schon jetzt habe ich so viel Neues erfahren und gelernt und ich bin wirklich froh, mich für diesen Austausch entschieden zu haben.

Und ich möchte mich bei AFS, dem AFS-Stipendienfonds und allen Menschen bedanken, die mir dieses tolle Erlebnis ermöglicht haben.