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Abenteuer Deutschland

Anna, Italien, 2009/10,

„tu tu tu tu tu tu tu… wir erreichen jetzt den Bahnhof Stralsund - bitte steigen Sie in Fahrrichtung links aus!“ …und mein Herz fängt an, sehr unruhig zu sein, mein Bauch knurrt und ich bin sehr aufgeregt; aber dafür hätte ich mich nicht aufregen müssen, weil meine Gastfamilie schon da am Gleis stand mit einem großen Schild (HALLO ANNA!), bereit mich abzuholen. „Tja“ habe ich gedacht, als meine Gastmutter und Geschwister mich umarmt haben „Wer hat gesagt, dass die Deutschen eiskalt sind?!“.

Aber das war nur der Anfang! Die Deutschen sind wirklich ein bisschen kalte und zurückgezogene Leute; das habe ich in den ersten Wochen in der Schule gemerkt: In Italien, wenn eine Person aus dem Ausland zur Schule kommt, sind alle sehr aufgeregt und neugierig, etwas über sie und über ihr Land zu erfahren! Das ist mit mir gar nicht passiert. Doch, ein paar Leute haben mir Fragen gestellt, aber nicht besonders viele. Das war aber nicht so schlimm, ich habe mich fast daran gewöhnt, und ich finde es manchmal auch gut, dass die Leute dir nicht so viele Fragen über dich stellen: Nicht alle müssen alles wissen über mich! Ich hatte aber nie daran gedacht, dass es auch ein Vorteil sein kann, dass die Leute nicht viel über dich wissen: Es ist ein bisschen so wie in einer Familie zu sein, und das war hier in Deutschland natürlich nicht! Ich war so wie ein neues Buch, das noch niemand gelesen hatte, weil es neu war, und ich glaube, ich bin ein ziemlich spannend und „freundliches“ Buch, weil ich schon nach ein paar Monaten ganz viele Leute kannte. Ich hatte noch nie so viele Leute in so einer kurzen Zeit kennen gelernt, und irgendwie war es schwer für meinem Kopf, die Namen mit den richtigen Personen zu verbinden! Endlich nach einem Monat habe ich es geschafft, mir die Namen zu merken, und ohne Kopfschmerzen am Abend ins Bett zu gehen, und jeden Tag, wenn ich aufstehe, kann ich mich freuen über den Tag, der gerade anfängt und den mit meinen Freunden verbringen werde.

In der Schule sehe ich meine Freunde

Als ich noch in Italien war, hatte ich mir nie gedacht, dass die Schule auch viel Spaß machen kann, aber hier ist die größte Möglichkeit, meine Freunde zu sehen. Ich wohne nämlich in einem kleinen Dorf und es ist nicht so einfach, in die Stadt zu kommen, wenn man es will. Die Zeit, die man hier in Deutschland am Tag in der Schule verbringt, ist sehr lange: Ich habe in meinem Heimatland nie Unterricht nach 13:00! Aber es ist auch wahr, dass ich am Samstag zur Schule muss, und es wird sehr schwer für mich sein, an den Samstagen wieder in einem Klassenraum zu sein, anstatt in meinem schönen warmen Bett unter der dicken Decke. So wie ich schon geschrieben habe, die Schule ist wirklich besser als in Italien, und macht mehr Spaß: Wir haben meistens „Frontal Unterricht“, in dem ein Lehrer spricht und alle das schreiben müssen, was er sagt, während man hier viel mehr „selbständig arbeiten“ muss oder in kleinen Gruppen über Blätter und Quellen arbeiten und danach viel darüber zusammen diskutieren. Die Schüler in Deutschland nehmen mehr am Unterricht teil. Einmal hat meine Deutschlehrerin eine Frage gestellt über ein Stück von Goethe, und ich war total schockiert, als ich gesehen habe, dass viele Leute ihre Hände gehoben haben, um zu antworten. Es ist ganz anders in meiner Schule: Wenn ein Lehrer eine Frage stellt, alle finden plötzlich den Boden extrem attraktiv und gucken ihn an, damit der Lehrer ihren Blick nicht trifft, damit sie nicht auf die Frage antworten müssen! Deswegen ist es für mich nicht immer so leicht, in der Schule am Unterricht aktiv teilzunehmen. Eine andere Schwierigkeit in der Schule ist natürlich die Sprache: Am ersten Tag fand ich es so lustig, dass die Lehrer die ganze Zeit so eine komische Sprache gesprochen haben, die ich nur zum Teil verstehen konnte, und überall fand ich es lustig, dass sie gedacht haben, dass ich sie gut verstehen konnte.. Wahnssinn!

Ich glaube, nicht alle Lehrer verstehen wie schwer es für mich ist, in ein neues Land zu kommen und plötzlich eine neue Sprache zu hören, und zu versuchen dem Unterricht auf dieser anderen neue Sprache zu folgen. Langsam kann ich aber den Unterricht gut verstehen, mitarbeiten und die Klausuren mitschreiben. Die Klausuren habe ich immer mitgeschrieben (was hätte ich sonst in dieser Zeit machen können?! Ich hätte mich sicherlich gelangweilt!), aber jetzt fangen sie an, mich strenger zu bewerten. Ich habe in der Schule eine neue Fähigkeit von mir entdeckt: Ich kann Spanisch verstehen, obwohl ich es nie gelernt habe!!! Das liegt wahrscheinlich an meiner Muttersprache, und zwar Italienisch, die sehr ähnlich zum Spanischen ist! Aber nicht nur die Liebe für Spanisch habe ich hier entdeckt, ich habe angefangen Volleyball zu spielen, und ich habe die Leidenschaft für die italienische Küche wieder entdeckt. Es ist wahr „Si apprezza veramente ció che si ha, solo nel momento in cui la si perde“ ( Das bedeutet ungefähr, dass man das, was man hat, nur schätzt, wenn es weit weg ist!).

Pünktlichkeit

Hier ist ein anderes Beispiel, das zu dem Satz da oben passt.. „Driiiiin“ Oh, nein, da ist schon der Wecker, der klingelt, aber wie spät ist es denn jetzt?! Viertel vor sechs! Waaaas?! So früh?! Mein italienischer Wecker hat zu dieser Zeit noch nicht daran gedacht, dass er mich aufwecken muss, und schläft eine Stunde länger. Aber es kommt nicht in Frage, dass ich noch ein bisschen im Bett bleibe: Wir sind in Deutschland, und hier habe ich gelernt, dass eine Sache vor allem kommt: PÜNKTLICHKEIT! Na ja, eigentlich nicht soo schwer, sich daran zu gewöhnen! Eine von den besten Sachen, die mir passiert ist, ist es, dass ich die anderen Leute aus den anderen Ländern getroffen haben, und mit ihnen zusammen zwei wunderschöne Camps erlebt haben. Die AFS-MV Leute sind die besten, die ich getroffen habe. Wir haben alles zusammen gemacht: wir haben gelacht, geredet, über unsere Erlebnissen gesprochen und uns Tipps für unsere Probleme gegeben. Ich habe in ihnen eine dritte Familie gefunden und es war jedes mal traurig, wenn wir uns wieder getrennt haben, um zu unseren zweiten Familien zu fahren.

Meine Familie hier ist so schön, das ich überhaupt kein Bedürfnis habe, Heimweh zu haben! =) Ich weiß, es ist nicht schön zu sagen, dass ich meine „Mamma“ nicht vermisse, aber es ist wirklich so, bis jetzt! Ich fühle mich jetzt endlich so wie ein deutsches Kind!

Anna, AFS-Gastschülerin aus Italien 2009/10