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5 Monate am anderen Ende der Welt

Ronja, Argentinien, 2014, Schulhalbjahr im Ausland mit dem AFS-Stipendienfonds

Anfängliche Unsicherheit

Eine längere Zeit im Ausland; das wollte ich schon immer einmal erleben. Da meine Familie jedoch die finanziellen Möglichkeiten nicht hatte, empfingen wir zuerst eine Gastschülerin aus Mexiko für ein Jahr. Vor allem durch sie und ihre Erzählungen wurde mein Interesse an Süd- und Lateinamerika geweckt. Ich hätte jedoch nie im Leben damit gerechnet, dass ich selber nur einige Monate später die einmalige und unvergessliche Erfahrung eines Schüleraustauschs machen würde. Ich hatte zum Glück bereits vor meiner Abreise Kontakt mit meiner argentinischen Gastfamilie gehabt und sie kamen mir von Anfang an sehr sympathisch, offen, freundlich und liebevoll vor. Trotzdem hatte ich vor meinem Abflug noch reichlich Bammel und einige Bedenken, dass ich mich nicht gut und schnell einleben würde oder keine Freunde finden würde. Als ich jedoch nach einer sehr langen Reise meine Gastfamilie zum allerersten Mal sah und ich zum ersten Mal mein Haus für die nächsten 5 Monate betrat, waren alle Zweifel hinsichtlich der Gastfamilie beseitigt.

Meine Gastfamilie

Sie hießen mich sehr herzlich willkommen und behandelten mich direkt wie ein vollwertiges Familienmitglied, mit allen Rechten und Pflichten. In meiner Gastfamilie hatte ich einen Gastbruder und eine Gastschwester, was schon der erste Unterschied zu meiner Familie in Deutschland ist, wo ich nur einen großen Bruder habe. Ich hatte mir schon immer eine ältere Schwester gewünscht und kam mit meiner großen Gastschwester super klar, auch wenn ich manchmal gewisse Schwierigkeiten mit ihr und auch mit den anderen Familienmitgliedern hatte. Ich denke aber, dass das vollkommen normal ist. Meine Gastmutter ist mir in den 5 Monaten extrem ans Herz gewachsen.

Meine Schule

Mit meinen Gastgeschwistern ging ich auf die gleiche Schule, eine katholische Privatschule. Die Schule in Argentinien ist kaum mit der Deutschen zu vergleichen. Das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern ist wie eine alte Freundschaft. Jeder Lehrer kennt jeden Schüler beim Namen und meistens auch seine Stärken, Schwächen und eventuellen Probleme. Es ist auch nicht verwunderlich, geschweige denn verwerflich, wenn sich Lehrer und Schüler zur Begrüßung auf die Wange küssen oder sich umarmen. Außerdem wurde ich von Lehrern öfters als „mi vida“ (mein Leben) oder „mi amor“ (meine Liebe) bezeichnet, wobei mir in Deutschland wahrscheinlich die Augen aus dem Kopf gefallen wären. In Argentinien hat jeder Kurs außerdem eine Preceptora, so etwas wie eine Verwalterin, die die persönlichen Klassenbücher jedes Schülers einsammelt, Neuigkeiten oder Änderungen oder Tadel reinklebt oder reinschreibt. Ich finde es durchaus praktisch, jemanden zu haben, der einem bei der Erledigung der bürokratischen Aufgaben hilft. In der Schule war ich schon am ersten Tag von einer Menschentraube umgeben, die etwas von „der Deutschen“ erfahren wollte.

Meine Freunde

In Argentinien fand ich vor allem durch die Schule sehr schnell sehr viele Freunde. Jedoch kam es mir so vor, als seien meine argentinischen Freunde Personen, mit denen man zwar Spaß haben und eine schöne Zeit verbringen kann, die aber, sobald es kritisch wird, nicht mehr so verlässlich sind. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich Freunde gefunden hab, die mich mögen, weil ich ich bin und nicht, weil ich aus Europa komme. Mit diesen Freunden habe ich immer noch regen Kontakt, genauso wie mit meiner Gastfamilie. In Argentinien verbringt man mit Freunden mehr Zeit als mit der Familie und Freunde ersetzen zum Teil die Familie, da diese teilweise sehr weit entfernt wohnt und nicht immer bei einem sein kann.

Land und Leute

Außerdem werden Gefühle und Gedanken mehr oder weniger beiläufig durch Gesten ausgedrückt, die es als Europäer erst mal zu verstehen gilt. Ich musste auch erst lernen, welche Geste man vor Fremden oder Respektpersonen benutzt und welche eher nicht. Außerdem ist der Wortschatz im Allgemeinen sehr umgangssprachlich, was sich aber direkt ändert, wenn man mit einer bestimmten Personengruppe, zum Beispiel Lehrern oder Älteren redet. In Argentinien habe ich in einem halben Jahr wesentlich mehr gelernt und mehr Erfahrungen gemacht als in 2 Jahren in Deutschland.

Eine neue Perspektive

Ich finde man bekommt eine ganz andere Sicht auf die Dinge, wenn man sie mit etwas Abstand betrachtet, von dem ich ja in Argentinien mehr als genug hatte. Ich kann jetzt behaupten, in zwei Kulturen gelebt zu haben und sie auch erlebt zu haben, wodurch ich sowohl in Argentinien als auch in Deutschland bestimmte Dinge zu schätzen gelernt habe. Zum Beispiel täte es einerseits manchen Deutschen gut, mal die Dinge etwas gelassener zu sehen und nicht immer alles minutiös geplant zu haben, sondern einfach auf den Lauf der Dinge zu warten und zu vertrauen. Andererseits ist es in Argentinien am Anfang schwierig für mich gewesen, Dinge hinten anzustellen, die in Deutschland das A und O sind und zum Beispiel immer bei Treffen mindestens eine halbe Stunde Verspätung seitens meiner Freunde einzuplanen.

Zuletzt möchte ich Ihnen, dem Stipendienausschuss von AFS, nochmal ganz herzlich danken! Durch die Bezuschussung meines Auslandsabenteuers haben Sie dies erst möglich gemacht. Ich finde es sehr gut, dass es überhaupt so etwas wie einen Stipendienausschuss bei AFS gibt, der es Schülern mit begrenzten finanziellen Möglichkeiten erlaubt, ein Abenteuer zu erleben, was sie nie in ihrem Leben vergessen werden und was sie für immer prägen und verändern wird. Vielen Dank, dass Sie mir bei der Realisierung meines lang herbeigewünschten Traumes geholfen haben!