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Ein Erlebnis, das mir keiner mehr wegnehmen kann

Verena, Argentinien, 2014, CSP

Dieses Jahr hatte ich das Glück ein halbes Jahr lang Sommer zu erleben. Mitte September ging es für mich aus dem herbstlichen Deutschland ins frühlingshafte Argentinien.

Spanisch lernen

Die Sprache sollte sich für mich als größte Hürde herausstellen, die ich überwinden musste. Ich kam mit nur wenigen Kenntnissen in Argentinien an und habe vor Ort nur durch Kommunikation mit anderen gelernt. Es gibt bei able spanish aber auch die Möglichkeit vor dem Projekt ein paar Sprachkurse zu absolvieren. Das ist vor allem wichtig, wenn man sich nicht traut mit Hand und Fuß beim Gespräch Wörter darzustellen, die man nicht übersetzen kann.

Für mich hat es aber auch ohne Sprachkurs ganz gut geklappt, weil die meisten Argentinier sehr hilfsbereit und geduldig sind und gerne bei Sprachproblemen helfen. Nur bei wenigen hatte ich das Gefühl, dass sie keine Lust gehabt hätten, etwas langsamer zu sprechen und ihre Sätze zu wiederholen. In Cordoba gibt es sehr viele Leute mit Verwandten aus Europa, darum habe ich mit ein paar Argentiniern auch auf Deutsch ein paar Worte wechseln können. Meine Chefin hatte Bekannte in Baden-Württemberg und hat mir in ein paar Situationen meine Aufgaben übersetzt. Ich selbst habe nie geglaubt in drei Monaten perfektes Spanisch zu lernen aber am Ende kann ich doch sagen, dass ich deutlich merke, dass ich Spanisch viel besser verstehen kann. Leider fehlen mir aber einfach zu viele Vokabeln, um richtige Gespräche zu führen, bei denen es nicht um meine Arbeit geht und warum ich eigentlich in Argentinien bin, denn das war bei jeder neuen Bekanntschaft immer Thema Nummer eins.

Das Projekt

Ich habe in Unquillo gearbeitet und musste daher jeden Tag mit dem Bus eine Stunde hin und zurück fahren, was ich mir am Anfang aber wesentlich anstrengender vorgestellt hatte als es im Endeffekt dann war. Die Busse sind sehr regelmäßig gefahren und nur selten musste ich mehr als 20 Minuten auf einen warten und es kam nur ein paar Mal vor, dass ich keinen Sitzplatz bekommen habe. In meiner Arbeit habe ich wirklich ausnahmslos nur nette Leute um mich herum gehabt. Ich habe in der Stadtverwaltung im Bereich Bildung Kultur mit den Zuständigen für Öffentlichkeitsarbeit zusammengearbeitet. In Argentinien wird dabei immer nur von „comunicación“ gesprochen, im Deutschen kenne ich sehr viel mehr Wörter dafür.

Meine Hauptaufgabe bestand darin alle angebotenen Workshops des „Haus der Kulturen“ zu fotografieren und daraus eine Präsentation für die Jahresabschlussfeier zu gestalten. Daneben habe ich bei verschiedenen Veranstaltungen fotografiert und teilgenommen. Ich fand es sehr schön, weil ich richtig viel von der Kulturarbeit vor Ort mitbekommen habe. Die Bandbreite der Workshops ging von Tanz zu Theater bis hin zu Malerei und kreativen Schreiben. Gleich in der ersten Woche habe ich einen festlichen Umzug der Schulen fotografiert zum Tag der Schüler, der mich sehr an Karneval erinnert hat mit vielen bunten Kostümen und Musik. Meine Arbeitszeiten konnte ich mir frei einteilen, da auch die Workshops über den ganzen Tag und die ganze Woche verteilt waren. Manchmal habe ich auch am Wochenende gearbeitet, wenn dort eine Veranstaltung war. Ich habe sehr viel erlebt, aber leider hatte meine Arbeitsstelle nicht besonders viele Aufgaben für mich. Manchmal kam ich in die Arbeit und habe darauf gewartet, dass ich etwas zu tun bekomme. Aber das muss man in Argentinien einfach auf sich nehmen: es geht alles etwas langsamer und dafür auch mal sehr kurzfristig.

Land und Leute

Im Allgemeinen würde ich die Argentinier sowieso gerne mit den Worten „mas o menos“ beschreiben, also „mehr oder weniger“, denn diesen Ausdruck habe ich wohl am öftesten gehört und selbst verwendet. Man trifft sich mehr oder weniger um halb elf zum Weggehen, der Bus braucht mehr oder weniger eine Stunde in den nächsten Ort und ein Empanada kostet mehr oder weniger 10 Peso. Es wird alles recht ungenau genommen, darum ist Zuspätkommen niemals ein Problem und spontane Planänderungen alltäglich. Denn Argentinier planen nicht, sie sehen, wie es kommt und machen dann das Beste daraus. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass alle Uhren in der Stadt eine andere Zeit anzeigen und der Bus bei Stau einfach mal die Route ändert. Das klingt vielleicht ein bisschen nach Chaos, aber zum Schluss werden trotzdem die Ziele erreicht und alles locker gesehen.

Jeden Monat gab es einen Feiertag, welche in Argentinien immer auf einen Montag gelegt werden. An langen Wochenenden kann man sehr schöne Ausflüge machen und sich zum Beispiel im Norden Salta und Jujuy ansehen, oder nach Mendoza fahren und Rafting und Kletterausflüge machen. Ich habe viele Landschaften gesehen und tolle Erfahrungen gemacht, es ist einfach ein wunderschönes Land!

Mein Alltag

Gewohnt habe ich in einem Doppelzimmer in einer Gastfamilie. Leider bin ich mit völlig anderen Erwartungen nach Argentinien gekommen und wurde daher sehr enttäuscht. Erst in Argentinien ist mir aufgefallen, dass unsere Gastfamilie nur aus einer älteren Frau besteht, wodurch sich meine Geschenke für Gastgeschwister als unwichtig herausstellten. Aber sie war eine sehr nette Frau, sie hat uns geholfen, wenn wir Fragen hatten und sie hat sehr gut für uns gekocht und fast wöchentlich das Zimmer geputzt. Aber es kam mir dadurch auch eher wie ein Hotel vor, als eine Gastfamilie. Unternommen haben wir nichts zusammen und viel erfahren habe ich über sie nicht, viel gefragt hat sie mich auch nicht. Das kann auch daran liegen, dass wir uns nur auf Spanisch unterhalten konnten und ich sie nicht immer verstanden habe. Abendessen gibt es in Argentinien in der Regel erst sehr spät, wir haben um halb neun gegessen. Am Anfang ist das natürlich komisch, aber man gewöhnt sich sehr schnell daran. Denn vor 10 Uhr kann man in der Stadt auch noch fast nichts unternehmen, vor allem am Wochenende.

Es war schön, typische argentinische Gerichte zu essen, denn von vielen anderen Freiwilligen, die sich selbst versorgten, habe ich gehört, dass sie sich meist dasselbe kochten, wie auch in Deutschland. Leider konnten wir bei uns das typischste aller argentinischen Abendessen nicht zubereiten: Assado. Wir hatten keinen Grill und der wäre das zentrale Element gewesen. Aber ein paar Mal war ich bei einem typischen Assado mit viel Fleisch eingeladen. Die fangen natürlich auch sehr spät erst an, man trifft sich um neun und bis der Grill mal läuft ist schon wieder eine Stunde vergangen.

Am schönsten fand ich in Argentinien, dass alles miteinander geteilt wird. Sitzt man zum Beispiel in einer Kneipe, dann wird eine Flasche Bier (kann schon mal zwei Liter groß sein) für den ganzen Tisch bestellt, Pizza wird auch geteilt und jeder probiert bei jedem. Das spart nebenbei auch noch eine Menge Geld, wobei es ja sowieso meist günstiger ist, als man es von zu Hause gewohnt ist. Auch beim Assado bringt jeder etwas mit und es wird von allem genommen. Hierfür steht auch das typischste Getränk Südamerikas: Mate. Überall kann man Gefäße aus Holz, Kürbis und anderen Materialien kaufen und dazu einen passenden Strohhalm, die Bombilla. Der bittere Tee wird mit heißem Wasser aufgegossen und jeder darf mal einen Becher davon trinken. Darum tragen auch viele Argentinier immer eine Thermoskanne mit sich herum. Einer bereitet den Mate zu und gibt dann abwechselnd allen Mittrinkenden das Mategefäß. Um den bitteren Geschmack zu schwächen werden immer wieder mehrere Löffel Zucker hinzugefügt. Zucker ist sowieso die liebste Zutat bei allen Gerichten. Jeder, der süße Sachen gerne mag, wird sich in Argentinien wohl fühlen, denn kein Getränk wird ohne Zucker serviert: Kaffee, Tee, Saft… Im Sommer habe ich dann ein paar Mal Terere getrunken, das ist die kalte Version von Mate mit Eiswürfeln und Saft aufgegossen.

Für mich war es sehr schön, dass ich so vor allem in der Arbeit mit meinen Kollegen ins Gespräch gekommen bin, denn bei einer gemeinsamen Mate-Pause konnte ich von meinen Ausflügen erzählen und von allem, was ich noch so vor hatte. Ich freue mich sehr diese ganzen Erfahrungen mitgenommen zu haben und hoffe selbst nun auch etwas entspannter und mit einer südamerikanischen Gelassenheit zu nehmen, damit ich mich selbst nicht mehr unter Druck setze und die Dinge gelassener sehe. Es war ein Erlebnis, das mir keiner mehr wegnehmen kann und ich bin froh, dass ich so viel gesehen habe.