• Kontakt
  • Facebook
  • Twitter
  • Youtube
  • Blogger

Lebhaft und international

Benjamin, Belgien, 2008/09, FSJ

Lebhaft und international

Ein jeder, der eine längere Zeit im Ausland verbracht hat, wird bestätigen, dass kaum etwas größere Schwierigkeiten bereitet, als sich von einem Land zu verabschieden, in dem man eine längere Zeit zugebracht hat und welches man durch intensive Erfahrungen kennen-, schätzen und vielleicht sogar lieben gelernt hat. Tatsächlich fällt mir jedoch ein Aspekt ein, der beinahe noch schwerer fällt, als der Abschied: Es ist nämlich noch komplizierter eine solch intensive Zeit in fremder Kultur und Umgebung, voller Eindrücke, Emotionen und Erlebnisse, in Worte zu fassen, zu beschreiben und einzuschätzen.

Anhand dieses Erlebnisberichtes möchte ich dennoch versuchen mein Jahr als Zivildienstleistender in Brüssel Revue passieren zu lassen und meine gewonnen Eindrücke über Land und Leute, Arbeitsplatz und Wohnort detailliert zu schildern. Als ich im Sommer 2008 damit begann meinen Zivildienst in Brüssel zu leisten, war das Gefühl die Hauptstadt Europas im nächsten Jahr mein zu Hause nennen zu dürfen unbeschreiblich.

Benjamin schildert seine Erfahrungen als AFS-Freiwilliger in Brüssel

Zugegebenermaßen hört sich meine Wunschstadt Brüssel im Vergleich zu Alternativen, wie San José, Rio oder Manila nicht wie das attraktivste Reiseziel an, denn es klingt weder nach Sonne, noch nach Strand und Meer. Allerdings würde man Brüssel Unrecht tun, es als langweilige Stadt in einem unattraktiven Land abzustempeln. Die Metropole an der Senne hat entgegen ihrem Ruf weit mehr zu bieten, als ausschließlich schlechtes Wetter oder politische Uneinigkeit. Nicht nur besticht sie durch Lebhaftigkeit in Form eines facettenreichen Kulturangebotes und politischer Betriebsamkeit, sondern besonders durch eine einzigartige Internationalität. Das Aufeinandertreffen von Menschen aus verschiedenen Ländern Europas, mit unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Hintergründen ist ein Aspekt, der Brüssel zu einer reizvollen und beeindruckenden Stadt macht und mich bis zum Schluss sehr fasziniert hat.

Ein Praktikanten-Magnet

Ein Regierungsgebäude in Brüssel

Die Internationalität betreffend, profitiert die Stadt selbstredend von ihrem Status als Zentrum der Europäischen Union, denn die Stadt ist durch die Präsenz der mächtigen, europäischen Institutionen geprägt - mit Konsequenzen für das alltägliche Leben in Brüssel: Zum einen spielt die Politik im hiesigen Alltag eine gesteigerte Rolle, was insbesondere in Wahljahren, wie diesem, deutlich wurde, da politische Aktivitäten, Debatten und sonstige Veranstaltungen an der Tagesordnung, und für interessierte Beobachter jederzeit zugänglich, sind. Zum anderen ziehen die zahlreichen europäischen Einrichtungen wie ein gigantischer Magnet Praktikanten, Mitarbeiter und Unternehmen aus allen Ecken des Kontinents an, die sich in der, mit 800.000 Einwohnern relativ kleinen Metropole, zu einer wohl einzigartig bunten Mischung vereinen. Ausdruck findet dieses Phänomen in einer toleranten Atmosphäre, die geprägt ist durch Multikulturalismus und Lebhaftigkeit.

Mit dem AFS-Freiwilligendienst in Belgien hat Benjamin die Freizeitkultur Brüssels kennengelernt

Das Freizeitangebot in Brüssel ist reichhaltig und facettenreich. Am Wochenende kann man sich, insbesondere im Sommer, oft kaum entscheiden, ob man zu einem Konzert gehen, ein Filmfestival besuchen oder doch lieber der Feier im Park beiwohnen soll. Der hohe Anteil junger Menschen sorgt dafür, dass die Bars im Sommer und Winter gut besucht und die Tanzflächen voll sind.

Besonders die internationale Praktikantenszene ist sehr kreativ und engagiert, was sich in der Organisation von Partys, Theaterveranstaltungen, Konzerten, Sportligen etc. ausdrückt. Diese Events werden durch sogenannte „Expat“- Gruppierungen organisiert und es steht jedem Neuankömmling frei diesen Gruppen beizutreten und sich zu engagieren. Somit ist eine Integration nicht schwierig, denn meine Erfahrungen mit den jungen, lebenslustigen Praktikanten waren durchweg positiv. Es handelt sich in den allermeisten Fällen um interessierte und angenehme Personen, die allein dadurch, dass sie fernab der Heimat in Brüssel wohnen immer etwas gemeinsam haben.

Mein Wohnheim in der Innenstadt

Die Sicht aus der WG von Benjamin in Brüssel

Nachdem ich den ersten Monat meines Aufenthaltes in Belgien bei einer Gastfamilie verbracht habe, bin ich im Oktober in eine Art Wohnheim in der Innenstadt gezogen, in dem etliche jüngere Menschen aus ganz Europa für einen zeitlich begrenzten Zeitraum in Brüssel leben. Man kann sich dieses Wohnheim als ein großes Gebäude vorstellen, in dem über vierzig jüngere Menschen aus Europa für einen zeitlich begrenzten Zeitraum in Brüssel leben und jeweils ihr eigenes Zimmer bewohnen. Diese Räumlichkeiten sind in der Regel klein und bieten gerade genug Platz für Bett, Schrank, Schreibtisch und Waschbecken.

Dieser Aspekt erfordert automatisch, dass man sich nicht im Zimmer „einschließt“, sondern die Gemeinschaft mit anderen sucht. An Kontaktmöglichkeiten hat es während des gesamten Jahres wahrlich nicht gemangelt, denn die meisten Bewohner des ICA (Institute for Cultural Affairs) bleiben nur für einen begrenzten Zeitraum. Die daraus resultierende hohe Fluktuation der Bekanntschaften ist toll, kann aber auch auf Dauer anstrengend sein. Bei den Bewohnern des ICA handelt es sich in den meisten Fällen um Studenten, welche die Chance nutzen ein Praktikum bei europäischen Parlamentariern zu absolvieren, bei der Kommission zu arbeiten oder sonstigen Tätigkeiten nachzugehen, die meist mit der EU im Zusammenhang stehen. Die im ICA gesammelten Erfahrungen unterscheiden sich natürlich grundlegend vom Leben in der Gastfamilie, doch muss ich sagen, dass ich die Unabhängigkeit, Selbstständigkeit und das Leben unter Gleichaltrigen sehr genossen habe und mir der Abschied von Freunden und dem Wohnheim nicht leicht fiel.

Südländisches Flair

In seiner Zeit als Freiwilliger in Belgien reiste Benjamin durch Belgien

Wie könnte man Brüssel in wenigen Worten charakterisieren? Um ehrlich zu sein, hätte ich, als ich hier ankam, nicht angenommen, dass Brüssel die Hauptstadt eines Landes ist, welches eine 60 km lange Küste entlang der Nordsee besitzt, sondern hätte die Stadt, vom reinen Anblick und der Atmosphäre nach zu urteilen, weiter südlich angeordnet. Nicht nur der teilweise chaotische Verkehr, der sich, gekennzeichnet durch anarchistisches Fahrverhalten und inflationären Gebrauch der Hupe, durch enge Gassen schlängelt, führt zu dieser Annahme, sondern auch die zahlreichen unbesetzten Baustellen oder die Häuser, die nach wackerem Ausharren im Brüsseler Regen, auch mal wieder eine Renovierung verdient hätten. Trotzdem läuft man aber nicht Gefahr sich ganz und gar wie in einer südlichen Großstadt zu fühlen, denn ausgerechnet durch das Wetter wird man mit Sicherheit wieder an die nördliche Realität erinnert. Eine sehr positive Eigenschaft, welche die Stadt besitzt, ist die Aktivität der Leute, welche sich vor allen Dingen in den Bars und Kneipen rund um den „Grote Markt“ zeigt.

Obwohl ich ein ganzes Jahr in Belgien gelebt habe, fällt es mir schwer die Belgier zu charakterisieren – zu verschieden ist das kleine Land mit seinen vier Verwaltungszonen und den großen Unterschieden zwischen Stadt und Land. Da ich nur kurz in einer belgischen Gastfamilie gewohnt habe, hatte ich wenig Kontakt zu Belgiern. Neben all den einzigartigen Erlebnissen, die ich in Belgien erleben durfte, erinnere ich mich sehr gerne an all die Ereignisse, die ich während meiner zahlreichen Reisen sammeln durfte.

Das Leuchten des Eiffelturms und die New Yorker Skyline

Würde man mich bitten das Jahr in wenigen Worten zusammenfassen, würde ich folgende Erinnerungsfragmente nennen, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind und die mich besonders begeistert haben: Der Eiffelturm hell erleuchtet in der Pariser Nacht; die beeindruckende New Yorker Skyline, die sich am Horizont abzeichnet, eine Reise 2000 Kilometer entlang der amerikanischen Ostküste; mit dem Auto die Grenze zwischen Ungarn und Kroatien zu überqueren; die Amsterdamer Grachten in der Sonne glitzern zu sehen; die Ardennen mit dem Fahrrad zu durchfahren; nur einen Katzensprung von den pittoresken, flämischen Städten entfernt zu sein…

Es ist schon paradox, dass ich Erlebnisse aus dem Ausland in den Sinn kommen, wenn ich an meinen Zivildienst in Brüssel denke, doch das Reisen war ein ganz wesentlicher Aspekt, der das Jahr für mich unvergesslich werden ließ.. Dies soll allerdings nicht die Schönheiten schmälern, die man auch durchaus in Belgien finden kann. Fakt ist, dass es nicht von Nöten ist aufregende Städte oder Naturschönheiten im Ausland zu suchen, denn dem kleinen Nachbarland würde Unrecht getan es als langweilig oder unattraktiv abzustempeln. Simplifiziert lassen sich die Angebote des Landes auf eine einfache Gleichung reduzieren. Der flämische Norden des Landes ist mit schönen Städten gespickt, hat landschaftlich allerdings nicht ähnlich viel zu bieten, wie der wallonische Süden.

Ein idyllisches Haus während Benjamins Ausflüge in Belgien

Städte, wie Brügge, Antwerpen, Gent oder Löwen sind nicht nur wunderschön, lebhaft, wohlhabend, sondern auch historisch von herausragender Bedeutung, haben ein großes kulturelles Angebot und sind durch die großen Universitäten studentisch und lebhaft. Wallonien besticht durch Naturschönheiten, malerische Dörfer, die Ardennen oder einfach generell durch das französische „Savoir Vivre“.

Die Welt des "Voluntarism"

Besonders dankbar bin ich darüber, dass ich während meiner einjährigen Tätigkeit bei EFIL die Möglichkeit bekommen habe in eine völlig neue Welt einzutauchen, nämlich die Welt des „Voluntarism“ oder ehrenamtlichen Dienstes. EFIL hat es sich auf seine Fahnen geschrieben, die Volunteers des AFS Netzwerkes auf europäischer Ebene zu unterstützen, zu motivieren oder zusammenzubringen. Dies geschieht nicht nur durch zahlreiche Trainings oder Seminaren zu den verschiedensten Themen, sondern auch durch ambitionierte Projekte und andere Aktivitäten, wie die alljährliche EFIL Summer Summit. Die Arbeit hat mir viel Spaß gemacht, denn die Arbeitsatmosphäre im EFIL Büro ist entspannt, freundschaftlich und angenehm. Es herrscht keine übertriebene, unnahbare Hierarchie und Lachen ist eher die Regel, als die Ausnahme.

Durch mein Mitwirken an Projektbewerbungen habe viel über die Arbeit auf europäischer Ebene und mit den europäischen Institutionen gelernt. Die Auseinandersetzung mit der Arbeit der EU war generell sehr präsent, da ich vierteljährig eine Presseschau zusammenstellen musste, die relevante Themen für das Netzwerk zusammenfasste und ich mich dazu mit über die Vorgänge innerhalb der EU informieren musste. Ein weiterer wesentlicher Bestandteil war die Arbeit an unseren PR Tools, wie der Website, dem Newsletter oder dem, zweijährig zur General Assembly erscheinenden, Biennial Report, der über EFILs Arbeit der vergangenen Jahre aufklärt. Spaß hat es mir auch bereitet Reports zu gestalten, welche die Ergebnisse unserer mehrtägigen Seminare zusammengefasst haben und die innerhalb des Netzwerkes und, in kürzerer Version, an unseren Sponsor die EU weitergeleitet wurden. All diese Dinge haben mich im meist ausgelastet, doch kann es durchaus auch Perioden geben, in denen man sich unterfordert fühlt. Kopieren und simple Copy/Paste-Aufgaben muss man genau wie jeder andere im Büro überstehen. Wichtig, dass man sich immer den Sinn und Nützlichkeit der Arbeit erklären lässt, um nicht den Eindruck zu bekommen pure Beschäftigungstherapien zu vollführen. Neben meinen alltäglichen Aufgaben hat es mir besonders gut gefallen zwei Seminaren beizuwohnen und bei deren Umsetzung und Vor-bzw. Nachbereitung mitzuwirken.

Weniger für Französischlernen geeignet

Alles in allem bin ich nach diesem Jahr mehr denn je der Meinung, dass ein Freiwilliges Soziales Jahr keine verschenkte Zeit, sondern sehr wertvoll ist, da man nach 13 Jahren Schule einer anderen Tätigkeit widmen kann und gleichzeitig eine andere Perspektive auf das Leben bekommt. Meine wöchentlichen 35-40 Stunden im EFIL Büro haben mir nicht nur nützliche Einblicke in den Büroalltag verschafft, sondern mir verdeutlicht, wie wichtig Teamwork, kommunikative Fähigkeiten und Spaß an der Arbeit sind. In Anbetracht des eingangs beschriebenen multinationalen Charakters Brüssels und des international geprägten Alltags, musste ich natürlich mit Bedauern feststellen, dass meine ursprünglichen Erwartungen in diese Stadt zu kommen, um mein Französisch zu verbessern reichlich naiv waren. Obwohl ich durch langjähriges Schulfranzösisch schon auf einem passablen Niveau war, konnte ich mich nicht in dem Maße verbessern, wie ich es erhofft hatte.

Solange man nicht in einer frankophonen Gastfamilie unterkommt oder in Wallonien wohnt, bedarf es viel Geduld und Engagement, um in Brüssel Französisch zu sprechen. Im Nachhinein würde ich mich vielleicht doch für einen der zahlreichen Sprachkurse entscheiden, die ich zu Beginn meines Jahres nach vielen Jahren des Schulbankdrückens ausgeschlossen habe. Fakt ist, dass in einem internationalen Umfeld der kleinste gemeinsame Nenner in Sachen Sprachen eindeutig Englisch ist und man deswegen hauptsächlich in dieser Sprache kommuniziert. Auch im Büro sind gute englische Sprachkenntnisse sehr wichtig, denn man kommuniziert und verfasst alle Texte für die europäischen Partner in Englisch. Man sieht also einmal mehr: Internationalität ist unvermeidbar in Brüssel.

Danke an AFS

Letztlich möchte ich noch einmal unterstreichen, dass ich AFS Deutschland, mit deren Arbeit ich zufrieden war, und meinen Spendern sehr dankbar, bin die Möglichkeit bekommen zu haben, all die erwähnten Dinge innerhalb meines Jahres als Zivildienstleistender zu erleben. Meine Nachfolger kann ich zu ihrer Entscheidung nach Brüssel zu gehen nur beglückwünschen, denn jeden engagierten, interessierten, weltoffenen jungen Menschen sei das Leben in Belgiens Hauptstadt und die Arbeit bei EFIL wärmstens empfohlen. Das durch die Arbeit vermittelte und im Alltag gelebte, interkulturelle Lernen hat meinen Horizont erweitert und ich bin mir sicher, dass es euch auch so ergehen wird. Ich verlasse die Stadt mit dem guten Gefühl, eine wunderbare Zeit verbracht zu haben und ich werde sicher gerne und oft wiederkehren. Viel Spaß in BXL!!!