AFS-Erfahrungsbericht Schüleraustausch Bosnien und Herzegowina
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Die Dynamik des Lebens ist anders

Clara, Bosnien und Herzegowina, 2013, Schuljahr im Ausland mit Mittelosteuropa-Sprachstipendium

Bosnien und Herzegowina. Was für ein Land ist das eigentlich? Welche Reaktionen bekommt man wohl, wenn man Verwandten und Freunden seine Entscheidung mitteilt, ausgerechnet auf diesem Flecken Erde für gleich ein ganzes Jahr leben zu wollen?
 
Jugendliche meines Alters wissen in der Regel nicht viel über das Land, wie auch ich vor noch nicht allzu langer Zeit. Erwachsene meiner Elterngeneration haben da schon ein anderes Bild. Sie verfolgten in den 90iger-Jahren die Nachrichten, als immerzu nur vom Krieg berichtet wurde und so lautet ihre erste Frage wohl: „Bosnien, ist das denn überhaupt sicher?“. Natürlich ist es das, es ist heute ein Land wie jedes andere. Mag sein, dassw die Geschichte hier einen Einfluss nimmt, den man nicht unbedingt wünschen möchte, doch macht sie allein niemals das Land und seine Menschen aus. Da muss ich sagen, ärgert es mich sehr, wenn Leute in Deutschland Bosnien auf diese Themen reduzieren.
 
Die wirtschaftliche Situation im Lande ist, zugegebenermaßen, aus deutscher Sicht nicht besonders gut. Viele wollen ins Ausland, wo es bessere berufliche Perspektiven gibt. Wann immer ich erwähne, dass ich aus Deutschland komme, wird mir berichtet von einer Tante oder einem Cousin oder großen Bruder, die dort arbeiten oder studieren, das sind wirklich eine Menge. So sind die Bosnier auch ernsthaft der Meinung, ganz Deutschland mit Migranten übervölkert zu haben und dann fragen sie mich, ob es mir denn schon zu viele wären. Das finde ich immer sehr amüsant, weil ich das vorher nie so wahrgenommen hatte.

Nationalstolz ist hier nicht anrüchig

Auf der anderen Seite lieben die Menschen hier ihre Heimat, es gibt einen Zusammenhalt, wie ich ihn in Deutschland nie erlebt habe. Nationalstolz ist hier nicht irgendwie anrüchig, sondern wird offen zelebriert an der Kleidung, an den Wänden. In meinem Fall gilt dieser jedoch vor allem Serbien, denn ich wohne direkt an der Grenze, im serbischen Teil von Bosnien. Hier fühlt man sich zu Serbien sehr zugehörig, es gibt aber auch ein Bewusstsein als eigene Gruppe, die der bosnischen Serben.

 
Dies gehört sicherlich zu den Dingen, die man im Austauschjahr lernt: Auch wenn Ethnien eine größere Rolle zu spielen scheinen, auf menschlicher Ebene tun sie es nicht. In meinem Ort fühle ich mich sehr vertraut und irgendwie behütet, ich habe das Gefühl, die Menschen sind enger zusammen gerückt, als ich es gewohnt bin. Das liegt wohl zum einen an der Größe der Stadt, sie ist recht klein und so kennt jeder jeden. Zum anderen denke ich liegt es in den Familien.

Familie hat in Bosnien einen anderen Stellenwert

So gut wie jeder hat hier eine große Familie, ob nun Cousin ersten, zweiten oder dritten Grades, sie gehören alle dazu. Es ist auch alles andere als ungewöhnlich, nicht nur zwei Großmütter zu haben, sondern gleich fünf, die man so bezeichnet. Familie hat einen anderen Stellenwert inne als in Deutschland und vor allem älteren Familienmitgliedern wird eine ganz andere Art von Respekt entgegengebracht. Ich finde das sehr schön und etwas schade, dass uns in Deutschland oft schon etwas mehr davon verloren gegangen ist.
 
Gelegenheit für die Familie, zusammen zu kommen ist meist der Slava, der aus meiner Sicht wichtigste serbisch-orthodoxe Feiertag. Das besondere daran ist, dass jede Familie ihn an einem anderen Tag begeht über das Jahr verteilt, weil jede einen anderen Heiligen als Schutzpatron hat. Diesen ehrt sie, indem sämtliche Verwandte und Freunde kommen und bewirtet werden. Und wie! Bosnier lieben essen. Sie lieben Fleisch. Sie lieben es, ihr Essen im Fett zu ertränken. Oder Knoblauch pur zu essen. Sie lieben Pavlaka, eine Art Frischkäse oder Quark. Es gibt aber auch viele gebackene Spezialitäten, wie zum Beispiel das Pita, eine Art Teigtasche, die sowohl süß als auch herzhaft sein kann. Viele backen auch selbst ihr eigenes Brot und es ist überhaupt kein Vergleich zu Brot vom Bäcker, wenn man es noch so warm und frisch aus dem Ofen bekommt. Weißbrot wird grundsätzlich zu jedem Essen gereicht. Am Anfang war es ungewohnt, die Gabel in der einen Hand und das Brot in der anderen und dann beides auf einmal zu essen. Als Grundnahrungsmittel gilt hierzulande seltsamerweise auch Ketchup und es versetzt mich noch immer in Erstaunen und Erschrecken, mit anzusehen, wie sie Massen davon mit Genuss auf ihrer Pizza verteilen. Aber wie so vieles ist auch das jetzt zur Normalität geworden.

Besondere Erfahrungen als Austauschschülerin

Ich weiß noch, als ich vor rund 4 Monaten hier ankam. Wenn man als Tourist durch diesen Ort laufen würde, dann fiele einem wahrscheinlich nicht viel Besonderes auf. Außer, dass es nicht viel zu sehen gibt. Es gibt eine große Moschee und ein paar orthodoxe Kirchen, die übrigens neu gebaut werden, aber im gleichen Stil, wie auch vor ein paar hundert Jahren schon.
 
Die Erfahrung aber, in eine neue Familie aufgenommen zu werden, die kann man eben nur als Austauschschülerin machen. Ich erinnere mich, wie sie mich begrüßt haben, mit 3 Küssen, wie es hier üblich ist, und es mich total verwirrt hat. Allerdings nur, wenn man sich für eine Weile nicht gesehen hat oder zu Anlässen, sonst nur einmal für gewöhnlich. Was für mich ungewöhnlich war ist, dass auf Begrüßungen offenbar mehr Wert gelegt wird, als auf Verabschiedungen. Hallo sagen wir hier immer ganz überschwänglich, aber wenn jemand einfach geht, ohne Bescheid zu sagen, ist das kein Problem. Das ist natürlich nur mein persönliches Empfinden, wie alles von dem ich gerade schreibe.
 
Das nächste, was mich überraschte, war die Ausgehkultur. Grundsätzlich braucht man sich hier nicht zu überlegen, wohin man denn gehen will, oder was unternehmen. Es ist eh schon klar: Kaffee trinken und dann durch die Stadt bummeln. Kaffee, das ist der Volkssport. Ich muss ja gestehen, dass mir der bosnische Kaffee nach wie vor nicht so gut schmeckt, wie der in Deutschland, aber diese Entspanntheit, mit der man hier stundenlang sitzen kann, die ist einfach unschlagbar. Manche beschweren sich dann, dass es nichts anderes zu tun gäbe, aber ich glaube nicht, dass 10 Monate lang genug sind, um es mir langweilig werden zu lassen. Im Gegenteil, 10 Monate sind viel zu kurz! Außerdem gibt es durchaus noch anderes, zum Beispiel gibt es noch eine Billard- und Tischtennisgelegenheit und sogar ein kleines Kino und Theater.

Sport spielt eine große Rolle

Der Großteil der Jugendlichen trainiert zudem einen Sport. Auch ich habe mich dann dazu durchgerungen und mit Volleyball begonnen.
 
Ich hatte das nun wirklich noch nie zuvor gespielt und hatte Angst, dass es total peinlich wird und ich mich ganz doof anstelle. Das habe ich natürlich auch, aber was mich absolut positiv überraschte war, wie superlieb trotzdem alle zu mir waren und sich wirklich Mühe gegeben haben, es mir beizubringen. So hat es dann auch richtig Spaß gemacht und es fiel mir plötzlich leicht, mein bestes zu geben, um mich so schnell wie möglich zu verbessern. Der Sport spielt hier gesellschaftlich eine große Rolle, insofern, dass sich direkt im Stadtzentrum der Basketball- und der Fußballplatz befinden, die auch als Treffpunkt dienen. Im Sommer kann man am Flussufer Beachvolleyball spielen, außerdem gibt es dort einen Outdoor- Trainingspark, wo die Herren sich an Kraftsportgeräten betätigen können und die Mädchen kichernd vorbeilaufen. Es könnte natürlich auch andersherum gehen, aber mal ehrlich, vorbeigehen und kichern macht doch viel mehr Spaß.

Geschmack passt sich an

Zu Beginn fand ich ja ehrlich gesagt, dass die meisten Leute ziemlich dumm aussehen, es gefiel mir nicht, wie sie sich anzogen, sich die Haare machten, der alberne Schmuck.
 
Doch wie das so ist, zuerst gewöhnt man sich daran und dann wird man selbst ein Teil davon. Es ist tatsächlich erstaunlich, wie schnell sich mein Geschmack angepasst hat. Jetzt höre ich auf die Styletipps meiner Gastschwester und sie darf mir sogar die Haare glätten (und das will was heißen). Vor allem auch die gängige Musik empfand ich zu Anfang als Zumutung. Hier ist Volksmusik äußerst beliebt, teils auch bei Jugendlichen. In vielen Haushalten dudelt sie den ganzen Tag, so auch in meiner Familie. Inzwischen höre ich es gar nicht mehr. Die Musik, die Jugendliche hier hören, Popmusik, oder Pop-Rock mit Balkan- Touch gefiel mir ebenfalls überhaupt nicht, aber jetzt liebe ich sie. Das hat den Vorteil, dass ich mich mit meiner Gastschwester nicht mehr darum streiten muss, den Nachteil, dass meine Freunde in Deutschland ganz schön entsetzt sein werden, wenn ich wieder komme. Aber daran möchte ich noch gar nicht denken.

Meine echte 2. Familie

Tatsächlich schreibe ich hier von meiner „Gastschwester“. So habe ich sie zu Beginn auch immer bezeichnet, aber irgendwann wurde das zu umständlich und ich verzichtete auf den Zusatz: „Gast-“.
Das fühlt sich jetzt so richtig an. Wenn man mit Menschen so eng zusammenlebt, wie mit seiner echten Familie, dann entwickeln sich auch schnell wahre Beziehungen. Jede Familie ist ganz verschieden und hat ihre eigenen Spielregeln. Es ist ein wunderbares Gefühl, in einer 2. Familie einen Platz zu finden, an ihren Ritualen und ihrem Alltag teilzuhaben. Im Allgemeinen sind die Menschen hier wirklich sehr offen. In der Schule habe ich mich sehr schnell willkommen gefühlt, denn meine Klasse ist unglaublich liebenswürdig und sie haben mich sofort gut aufgenommen. Auch außerhalb der Klasse haben natürlich viele Interesse gezeigt, denn einen Austauschschüler hatten sie hier vorher noch nie.  

Das Temperament der Bosnier ist ganz anders, als das der Deutschen, so erschienen sie mir am Anfang recht laut und ich fragte mich, warum sie sich immerzu anschreien. Gelacht wird immer viel und ich würde sagen, Humor ist der beste Weg hier Freunde zu finden. Der bosnische Humor ist natürlich auch etwas anders als der deutsche, aber das kann ich nun wirklich schwer beschreiben. Ein bisschen schwärzer würde ich sagen, ein bisschen härter. Ich liebe jedenfalls die Mentalität hier. Es hat immer etwas von in den Tag hineinleben. Zeitplanung ist eher ein Fremdwort. In Deutschland haben ja viele Teenager einen Terminkalender, hier haben nicht mal Erwachsene einen. Das ist schwer zu erklären, doch die Zeit vergeht tatsächlich anders. Die Dynamik des Lebens ist anders. Dinge passieren wie überall, aber in der falschen Reihenfolge, nicht nach dem gewohnten Muster. In Bosnien muss man sich immer darauf gefasst machen, dass nichts so geschieht, wie man es erwartet, und genau deshalb macht es auch keinen Sinn, alles durchzuplanen. Vielleicht ist das nur mein persönliches Empfinden als Austauschschülerin, aber ich liebe dieses Gefühl der Ungewissheit, das Gefühl zu schweben, das Gefühl von Freiheit. Auch wenn ich ganz sicher keine durchweg fantastische Zeit hier hatte, bereue ich doch nichts und bin unglaublich dankbar, diese Erfahrung machen zu können.

Ich hoffe, es reisen mehr Austauschschüler nach Bosnien

An dieser Stelle möchte ich mich natürlich auch bei denen bedanken, die das erst möglich gemacht haben. Nämlich meinem Stipendiengeber, der Dieter-Schwartz-Stiftung.

Ein Stipendium zu haben gibt mir in gewisser Weise ein Bewusstsein dafür, wie mein Aufenthalt nicht nur für mich persönlich, sondern auch für andere wichtig sein kann. Schüleraustausch dient der Völkerverständigung und ist bereichernd für alle Beteiligten.

So werde ich mein Bestes geben, auch weiterhin so viel wie möglich aus diesem Jahr herauszuholen. Ich freue mich auf weitere 6 Monate in diesem wunderbaren Land und hoffe, dass in Zukunft noch mehr Menschen Interesse daran nehmen werden und noch mehr Austauschschüler die Reise nach Bosnien antreten werden. Bereuen wird es sicher keiner von ihnen.