AFS-Erfahrungsbericht Schüleraustausch Bosnien und Herzegowina

Ein Jahr in einem neuen Land

Charlotte, Bosnien und Herzegowina, 2012, Schuljahr im Ausland mit Baden-Württemberg-Stipendium
AFSerin Charlotte mit einem AFS-Freund auf dem Midstay-Camp
Charlotte mit einem AFS-Freund auf dem Midstay-Camp

Zuerst möchte ich mich gerne bei meinem Stipendiengeber, der Baden-Württemberg-Stiftung, sehr herzlich bedanken, da mir die Stiftung ein unglaubliches Jahr ermöglicht hat. Ich hätte all die tollen Erlebnisse und Erfahrungen nicht machen können, ebenso hätte ich alle meine bosnischen Freunde nicht kennenlernen können. Auch möchte ich mich gerne bei meiner Familie, meinen Freunden und meiner Gastfamilie, für die Unterstützung und Ermöglichung dieses Jahres bedanken. Ein großer Dank geht an meine Eltern die bereits seit meiner Auswahl hinter mir standen.

Mein erster Abend in Sarajevo

Eine der Fragen um die es in diesem Bericht geht, war die, welche Szenen ich anderen beschreiben würde, wenn ich keinen Fotoapparat dabei gehabt hätte, ich bin unglaublich verrückt nach Bildern und habe im Durchschnitt 50 Bilder am Tag gemacht, daher ist das eine recht schwierige Frage. Aber was mir dabei doch recht schnell eingefallen ist, war der erste Abend in Sarajevo. Einige Freiwillige von AFS hatten ein Begrüßungscamp für uns Austauschschüler organisiert, auf dem wir uns alle kennenlernten. Abends gingen wir gemeinsam die Stadt erkunden. Uns wurde einer der eindrucksvollsten Orte der ganzen Stadt gezeigt. Eine wunderbare Aussicht über ganz Sarajevo und langsam geht die Sonne hinter den Dächern unter, in diesem Augenblick wurde mir erst richtig bewusst, was für einen großen Schritt ich von meinem beschaulichen Dorf in eine mir total unbekannte Hauptstadt getan hatte.

 

Zukünftigen AFSern, ob das welche sind, die nach Bosnien, Deutschland oder sonst irgendwo in der großen Welt gehen, kann ich nur raten, genießt euren Auslandsaufenthalt, macht ihn einmalig, denn das ist er. Auch wenn man manchmal nicht mehr will, weil das Heimweh einen übermannt, ihr werdet hundertprozentig später denken, wie gern wäre ich jetzt nochmal dort.

Meine bosnische Gastfamilie

Meine Gastfamilie ist ziemlich anders als meine richtige Familie. Das mag nur am anderen Alter meiner Gastgeschwister, an Charakterunterschieden zwischen den einzelnen Personen oder einer unterschiedlichen Vergangenheit liegen, zum Beispiel haben meine Gastgeschwister den Krieg in Bosnien miterlebt, haben in jungem Alter den Vater verloren. Natürlich haben sie sich dadurch, dass alle Geschwister deutlich älter waren, als meine, erwachsener und vernünftiger benommen. In vielen Fällen konnte ich mit ihnen reden, wenn ich mit meinen Geschwistern nicht hätte reden können, allerdings war es manchmal auch etwas schwerer ein gemeinsames Thema zu finden. Meine Gastmutter war immer ziemlich distanziert, mit der Zeit wurde der Umgang mit ihr allerdings besser. Alle Entscheidungen die getroffen werden mussten, traf sie. Ob das jetzt nur darum ging, was es zu Essen gibt, oder um eine Reiseerlaubnis.

Meine Schule in Bosnien

Der Umgang zwischen Lehrern und Schülern war in meiner bosnischen Schule auf jeden Fall distanzierter. Die Lehrer durften auf keinen Fall mit Namen angeredet werden sondern nur mit Herr Lehrer beziehungsweise Frau Lehrerin. Einige Lehrer waren ziemlich ignorant, wie ich recht schnell bemerkte, kannten nur die wenigsten der Lehrer tatsächlich die Namen ihrer Schüler, was natürlich auch dadurch bedingt sein könnte, dass die Klassen oft überfüllt sind und 40 statt 30 Schüler in einem Klassenzimmer sitzen. Es gab außerdem auch viel strengere Regeln, zum Beispiel gab es außer der obligatorischen Schuluniform, die mehr einem hemdartigen Mantel ähnelt, zusätzlich noch eine Kleiderordnung, so durften weder kurze Röcke noch Hosen angezogen werden, selbst wenn im Sommer eine Temperatur von 40° herrschte.

Freundschaft Bosnien vs. Deutschland

AFSerin Charlotte mit einer Freundin in Zenica
Charlotte mit einer Freundin in Zenica

Freundschaft, auch ein interessantes Thema. In Deutschland ist oft der Umgang miteinander zuerst nicht so offen, und auch wenn viele meiner Klassenkameraden oder auch Teamkameraden im Volleyball gleich zu Anfang sehr nett und offen zu mir waren, hätte ich sie nicht sofort als Freunde bezeichnet, einfach weil für mich Freundschaft mehr ist, als ein kurzes Gespräch am Vormittag. Doch tatsächlich wurde ich gleich an meinem zweiten Tag in der Schule nach einem Freundschaftsgeschenk aus Deutschland gefragt und um Unterstützung gebeten, um in Deutsch für eine gute Note zu sorgen. Als ich abends nachhause kam, wurde ich von meiner Gastschwester gefragt, ob ich schon Freunde gefunden hätte. Also in Deutschland ist Freundschaft auf jeden Fall ein längerer Prozess des Kennenlernens und in Bosnien eher einer weniger Minuten.

Rollenverhalten von bosnischen Frauen und Männern

Auch wenn in Bosnien Frauen ebenso wie in Deutschland gleichberechtigt sind wie Männer, merkt man doch Ungleichheiten. Frauen werden eindeutig eher als das schöne Geschlecht beachtet, verhalten sich aber auch dementsprechend, und Männern wird eher die Rolle des Ernährers zugeteilt, auch wenn in Bosnien sehr häufig beide Eltern arbeiten, ist doch immer die Frau zuhause auch nach der Arbeit noch für den Haushalt zuständig während der Mann fernsieht.

Konfliktverläufe sind von der Situation abhängig

Konfliktsituationen habe ich nicht besonders häufig erlebt, da in meiner Gastfamilie kaum Konflikte ausgetragen wurden. Streit gab es dort nicht. Als allerdings einmal eine Freundin von mir sauer war, hat sie sich einfach zu jemand anderem gesetzt und den Streit ignoriert. Während einer Straßenbahnfahrt musste ich aber feststellen, dass das nicht immer so ist. Als der Fahrer schlecht anfuhr und einige Leute stolperten oder geschubst wurden, gab es lautes Gekeife und übellaunige Leute, die sich gegenseitig oder auch den Fahrer anschrien. Das Verhalten in Konfliktsituationen ist also eigentlich, wie in Deutschland auch, immer von der Person und den Umständen abhängig.

Neue Erfahrungen und Herausforderungen in meinem Auslandsjahr

AFSerin Charlotte mit zwei AFS-Freiwilligen in Sarajevo
Charlotte mit zwei AFS-Freiwilligen in Sarajevo

In meinem Gastland ist es mir um einiges einfacher gefallen, auf fremde Leute zuzugehen, selbst als ich die Sprache nicht sprach, musste ich mich zurechtfinden und Freunde finden. Recht schnell wurde mir bewusst, solange ich selbstsicher auftrete, werden die Leute mich ernst nehmen trotz der Sprachbarrieren.

 

Das mag seltsam klingen, doch haben die Bosnier mir Vaterlandstolz gezeigt. Nie würden sie ein schlechtes Wort über ihr Land aussprechen, selbst wenn es in der Meinung Vieler nicht das beste Land der Welt ist. Sie sind sich der politischen Lage bewusst, wollen aber nicht eingestehen, dass etwas schief läuft. Mir ist in Bosnien erst richtig bewusst geworden, wie Stolz ich auf mein Heimatland sein kann. Deutschland hat eine der besten wirtschaftlichen Lagen der EU und wird von vielen Leuten als ihre große Chance angesehen.

 

Eine große Herausforderung während meines Austauschjahres war für mich, dass die Menschen in Bosnien viel offener sind. Was auf jeden Fall eine gute Seite hat, hat leider eben auch eine schlechte. Privatsphäre ist praktisch ein Fremdwort. Ob es eine Frage nach dem Gehalt oder dem Sexualleben ist, diese Fragen werden von quasi Fremden gestellt und als normal erachtet.