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Das Jahr wird mich mein Leben lang begleiten

Sinan, Bolivien, 2013/14, weltwärts

Von August 2013 bis Juli 2014 war ich mit AFS im Rahmen eines weltwärts-Freiwilligendienstes in Bolivien. In der Stadt Santa Cruz de la Sierra im Tiefland Boliviens arbeitete ich in einem Heim der Organisation „Alalay“. Dort lebten bis zu 20 Jungs im Alter von 6-18 Jahren. Ich habe Bolivien als ein wunderschönes Land und die Bolivianer als herzliche Menschen kennengelernt. Im Folgenden möchte ich über meine Erlebnisse in Bolivien berichten.

Warum ein Freiwilligendienst, warum weltwärts, warum Bolivien?

Nach dem Abi wollte ich nicht direkt mit dem Studium beginnen; nicht direkt mit dem Lernen im klassischen Sinne weitermachen. Ich fühlte mich zu jung und unerfahren für das Studium. Ich stellte mir vor, dass ein Freiwilligendienst mich auf ganz andere Weise lernen ließe und mich bereit fürs Studium machen würde. Ein weltwärts- Freiwilligendienst im Ausland bot eine hervorragende Möglichkeit, eine freiwillige Tätigkeit mit interkulturellem Lernen und dem Einblick in andere Lebensumstände zu kombinieren. Durch einen 11-monatigen Freiwilligendienst würde ich nicht nur eine andere Kultur „durchreisen“, sondern durch einen festen Arbeitsplatz und das Leben in einer Gastfamilie, die Menschen und die Kultur wirklich kennenlernen können.

Bolivien als meine Erstwahl bei der Länderwahl anzugeben war eine Bauchentscheidung – ich hatte vorher wenig über Bolivien gehört und wusste kaum etwas über die Menschen dort und ihre Kultur. Auf der Weltkarte im Kopf tauchten beim Gedanken an Südamerika eher Länder wie Argentinien oder Brasilien auf, nicht aber Bolivien. Umso mehr ein Grund, Bolivien als Erstwahl anzugeben.

Das Projekt

Während der elf Monate in Bolivien arbeitete ich in einem Projekt namens Alalay zusammen mit Kindern, welche aus ärmsten Verhältnissen kamen oder vorher auf der Straße gelebt hatten. Alalay bot ihnen eine Unterkunft samt Zimmer, Essen, Hausaufgabenhilfe und Sportaktivitäten. Außerdem gingen die Kinder zur Schule und konnten danach eine Ausbildung beginnen. In Santa Cruz gab es drei Einrichtungen von Alalay: in der Stadt ein Mädchenhaus für Mädchen von 6-18 Jahren („casa de niñas“) und ein Jungshaus für Jungs von 6-18 Jahren („casa de niños“), sowie außerhalb der Stadt ein Kinderdorf („aldea“). Dort wurden noch wesentlich mehr und auch jüngere Kinder betreut.

Mein Arbeitsplatz war das Jungshaus in der Stadt. Meine Aufgaben dort bestanden hauptsächlich daraus dort zu helfen wo es nötig war: in der Küche beim Kochen, bei den Hausaufgaben der Jungs oder bei der Begleitung eines Kindes zum Arzt. Ich brachte die Jungs auch täglich um 14 Uhr zur Schule. Ich war der einzige dauerhafte Freiwillige im Jungshaus von Alalay, lediglich temporär unterstützt durch bolivianische Freiwillige der Universität. Das Verhältnis von Arbeitsmöglichkeiten und Freiwilligen war im Jungshaus völlig in Ordnung, d.h. ich fühlte mich weder überfordert mit dem Arbeitsaufwand noch langweilte ich mich zwecks mangelnder Arbeit.

Außerhalb der Ferien waren meine Arbeitszeiten von 8.30 Uhr morgens bis etwa 14:00 Uhr nachmittags. Um 14 Uhr begann für alle Kinder die Schule, daher war nichts mehr zu tun. Lediglich wenn besondere Tätigkeiten bevorstanden, etwa die monatliche Lieferung von Lebensmitteln oder das Abholen von Spenden, arbeitete ich länger. Während der Ferien hingegen waren meine Arbeitszeiten ganz anders: Da alle Kinder im Heim blieben und nicht um 14 Uhr zur Schule gingen, arbeitete ich bis in den Abend hinein, meist 17-18 Uhr.

Das Jungshaus von Alalay war relativ gut ausgestattet. Zwar war die eine oder andere Matratze schon sehr kaputt oder der Gasofen sehr alt und ineffizient, aber im Vergleich zu anderen Heimen stand das Jungshaus noch ziemlich gut da, vorerst auch personell. Leider änderte sich diese Situation zunehmend in der zweiten Hälfte des Jahres, weil als Folge der Eurokrise der Hauptfinanzier von Alalay, eine norwegische Organisation weniger Spenden bekam und deshalb Gelder kürzen musste. Das führte dazu, dass Alalay 40% weniger Geld zur Verfügung hatte und Erzieher, die Köchin im Heim und auch Büroangestellte lange unbezahlt blieben. Daraufhin verließen einige gezwungenermaßen Alalay und die Erzieherin musste beispielsweise in der Küche einspringen. Die Freiwilligen übernahmen währenddessen mehr ihrer Aufgaben.

Insgesamt war ich sehr zufrieden mit meinem Projekt. Meine Chefin bereitete mich immer gut auf Aufgaben vor und schuf eine angenehme Teamatmosphäre. Als weißer Freiwilliger aus einem fernen Land ist man in Bolivien zunächst unvermeidlich mit einem „gringo“ Bild behaftet – mit der Bedeutung, dass man, da man sich ja leisten kann so weit von Zuhause entfernt zu sein, automatisch reich sein müsse. Dies führte leider beispielsweise dazu, dass Erzieher mich wiederholt fragten, ob ich nicht etwas für das Heim kaufen oder ihnen Geld leihen könnte. Meine Chefin schuf aber gerade in solchen Situation eine kommunikative Atmosphäre in der Konflikte besprochen und für die Zukunft geklärt wurden. Am Ende hatte ich eine hervorragende Beziehung zu allen meinen Kollegen.

Außerdem hatte ich Spaß an der Arbeit, weil ich eine sehr gute Beziehung zu den meisten Jungs im Haus hatte. Eine positive Beziehung mit den Jungs aufzubauen ist wesentlich schwieriger und vor allem langwieriger als mit den Arbeitskollegen. Bis die Jungs mir wirklich vertrauten und mich gleichzeitig auch respektierten, vergingen viele Monate. Auch danach blieb es immer eine Herausforderung den Grat zu finden zwischen Freund sein – dem ein Kind auch Sachen erzählen kann, die es einem Erzieher nicht erzählen würde – und Erzieher sein – auf den die Kinder hören. Das klappte nach einiger Zeit aber ganz gut und die Arbeit machte mir wirklich Spaß. Niemals vergessen werde ich die Energie und Freude der Jungs, die sie jeden Tag aufs Neue zeigten.

Meine Gastfamilie

Meine Gastfamilie war eine sehr nette Familie und ich habe mich dort willkommen gefühlt. Ich verstand mich mit allen Familienangehörigen sehr gut. Ich lebte neben meinen Gasteltern zusammen mit anfangs zwei Gastgeschwistern, welche 8 und 15 Jahre alt waren. Mein 15 Jahre alter Gastbruder ging allerdings nach knapp zwei Monaten zum Schüleraustausch nach Italien, sodass ich den Großteil der Zeit mit meiner achtjährigen Gastschwester verbrachte, mit der ich mich sehr gut verstand. Außerdem lebte eine Hausangestellte mit uns, die das Haus putzte, kochte und auf meine Gastschwester aufpasste.

Jeden Tag wurde zusammen zu Abend gegessen und sich über den Tag ausgetauscht. Das half mir sehr, mein anfangs spärliches Spanisch schnell zu verbessern. Da meine Gastmutter kein Englisch konnte, war ich oft dazu „gezwungen“ das spanische Wort zu lernen und zu benutzen. Sonntag war immer Familientag. Generell ist die Familie ein sehr hohes Gut in Bolivien. Wir schliefen aus, manchmal fuhren wir in die Kirche, wir aßen zusammen Mittag und guckten uns nachmittags einen Film an.

Kontraste

Vom ersten Tag an wurde mir vor Augen geführt, in welch heftigem Kontrast zwischen der reichen Oberschicht und den ärmeren Schichten in Bolivien gelebt wird. Auf der einen Seite Häuser in Gated Communities, abgeschottet durch eine große Mauer und bewacht von Sicherheitsleuten. Auf der anderen Seite, nur wenige Minuten entfernt, Viertel mit Schotterstraßen und nicht verputzten, kleinen Hütten. Wie es war, in einer solchen durch Kontraste geprägte Welt zu leben, konnte ich während meiner Zeit in Bolivien erleben. Als Gastsohn in einer wohlhabenden Familie und gleichzeitig als Freiwilliger in einem Projekt mit Straßenkindern erfuhr ich beide Welten täglich hautnah.

Auch wenn man sich langsam an solche Kontraste gewöhnte, blieb es während des gesamten Jahres eine Herausforderung damit umzugehen. Zum Beispiel erlebte ich auf der einen Seite meine Gastschwester, die sich ein gefühlt vierzigstes Paar Schuhe und ein Tablet wünscht und bekommt und auf der anderen Seite die Jungs im Heim, die sich über ihr tägliches Essen freuen und glücklich sind mit dem was sie haben. Natürlich kann ich deshalb nichts meiner Gastschwester vorwerfen, da sie so aufgewachsen ist und das normal für sie ist. Aber es zeigt die Schwierigkeit, an jedem Tag stets die Unterschiede präsentiert zu bekommen und sich nicht darüber aufzuregen.

Natürlich versucht man als Freiwilliger anstatt etwas von vorneherein abzulehnen, sich zu bemühen, etwas Positives darin zu erkennen. Je mehr man in das Land eintauchte, wirklich dort ankam und die „alles ist so neu und toll“-Brille ablegte, begann ich stärker Dinge zu hinterfragen.

Freiwilligendienst ist nicht Entwicklungshilfe

Der weltwärts-Freiwilligendienst ist ein „entwicklungspolitischer“ Freiwilligendienst – aber war meine Tätigkeit bei Alalay wirklich Entwicklungsarbeit? Während ich auf dem Vorbereitungsseminar noch das Programm mit all seinen theoretischen Zielen befürwortet habe, sehe ich es nun kritischer. Mein Freiwilligendienst hat Bolivien nicht direkt bei seiner Entwicklung geholfen. Jede der Arbeiten der Freiwilligen könnte genauso gut von einem Einheimischen durchgeführt werden. Mir nutzte der Freiwilligendienst sehr viel selber, es waren neue Erfahrungen, die ich machte und ich war es, der dazulernte. Außerdem hätte ein qualifizierter Freiwilliger zum Beispiel in Alalay wesentlich mehr leisten können. Nichtsdestotrotz habe ich keinen Zweifel, dass weltwärts ein gutes, hilfreiches und wichtiges Programm ist. Nicht nur für deutsche Freiwillige, sondern auch für Länder wie Bolivien.

Der wichtigste Grund dafür: Armut und Probleme weniger wohlhabender Länder sind in den Köpfen vieler westlicher Bürger oft ganz weit weg. Man sieht Armut kurz im Fernsehen oder liest davon im Internet, doch sie bleibt in sicherer Distanz. Mit jedem Freiwilligen, der über das weltwärts-Programm in ein Entwicklungsland reist, um dort zu arbeiten, lernt ein Mensch mehr die ganze Realität kennen, in der wir leben. Das wird er sein Leben lang nicht vergessen. Er wird anderen darüber berichten, anders entscheiden, den Wohlstand bewusster genießen, anders leben, sich engagieren. Je mehr Menschen so einen Freiwilligendienst machen, desto mehr Bewusstsein für die Probleme des globalen Südens wächst in der Gesellschaft.

Mein Fazit

Meine elf Monate in Bolivien waren eine wunderbare, erfahrungsreiche Zeit. Ich durfte die bolivianische Kultur kennenlernen und bei der Arbeit im Projekt Erfahrungen sammeln, welche ich niemals vergessen werde. Außerdem konnte ich auf Reisen durch Bolivien und einige umliegende Länder die atemberaubende Natur dort erleben. Am wichtigsten jedoch bleiben die neuen Freundschaften, die ich während des Jahres mit anderen AFS-Freiwilligen schließen konnte. Diese werden mich, wie so viele Dinge aus Bolivien, mein Leben lang begleiten.