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Ein wunderschönes Land

Daniel, Bolivien, 2008/09,

Ein wunderschönes Land

Es war komisch, zu gehen und ich habe versucht, nicht traurig zu sein. Aber das ist eigentlich gar nicht möglich, weil ich ja wusste, ein Jahr würde ich weg sein. Aber im Flugzeug – Lufthansa bis Miami – war dann alles viel zu aufregend: die Leute kennen zu lernen, die alle nach Bolivien gingen, der lange Flug, die Gespräche „Kannst du schon Spanisch? Wie wird wohl die Schule sein? Was machen wir, wenn uns die Stadt nicht gefällt? Wo kommst du hin?“ etc. haben den Flug kurz gestaltet. Von Miami ging es dann nach 10 Stunden Aufenthalt weiter bis nach Santa Cruz, wo wir schon von den Komiteemitgliedern von AFS-Santa Cruz erwartet wurden.

Santa Cruz

AFS-Austauschschüler auf einem Camp in Bolivien

In Santa Cruz war es Winter und kalt, nur 24 Grad... Meine Familie war die einzige, die an den Flughafen gekommen war, um mich zu begrüßen. Eine ziemlich seltsame und komische Situation, schließlich kannte ich diese Leute nicht wirklich und trotzdem fielen sie mir gleich um den Hals. Im Vorbereitungscamp, wo wir 3 Tage lang frische Orangen essen konnten, wurden wir nochmals auf Südamerika und Bolivien vorbereitet, bekamen noch einmal das Wichtigste auf Spanisch gesagt und erfuhren Dinge, die wir so von zuhause nicht kannten: Niemals den Vater kritisieren oder ihm widersprechen. Durch die Stadt streiften Kühe und Pferde, die Menschen waren super freundlich, total interessiert an mir und störten sich nicht an meinen Sprachfehlern. Meine Erwartungen der großen Armut bestätigten sich nicht, aber seit ich hier bin habe ich viel über den Ausdruck „Entwicklungsland“ und vor allem auch die deutsche Berichterstattung nachgedacht, die nicht immer der Wahrheit entspricht.

Daniel mit seiner Gastfamilie in Bolivien

Meine Hostfamilie zeigte mir nach und nach, was ich wissen musste. Sie hatten ein Haus auf dem Land, nur 60 km entfernt, wofür man auf den bolivianischen Schotterpisten etwa 2 Stunden braucht, inmitten von Orangenbäumen und an einem kleinen Fluss gelegen, dem Rio Pirai, in dem man auch super fischen kann. Jeden Sonntag fuhren wir, bei gutem Wetter, auf die Quinta. Im Gepäck hatte ich immer ein Netz und Behälter für Fische. Durch unsere Küche lief ein Gecko – manchmal fiel auch einer von der Decke bei mir im Zimmer – echt cool! (Fand meine Hostmutter übrigens nicht!). Meine Familie war die wohl beste, die ich hätte kriegen können. Wir hatten viele gemeinsame Hobbies und verstanden uns sehr gut. Nur so war es möglich ein perfektes Jahr zu haben, und dafür möchte ich meiner Familie danken.

Meine neue Schule

Die Schule war eine internationale Schule, in meiner Klasse waren noch ein anderer Deutscher, eine Schweizerin, ein Brasilianer und zwei Amerikaner, alle AFS Schüler. Das war ziemlich praktisch, wir aßen alle zusammen und hatten jeden Tag Sport. In Bolivien ist der Lehrer ein absolutes Idol und man darf ihn nie kritisieren. Ich bin schon einmal vor der Türe gelandet, weil ich gelacht hatte! Einige Fächer werden auf Spanisch, andere (z.B. Geschichte und Erdkunde) auf Englisch unterrichtet, hier wird sehr viel Wert auf gute Sprachkenntnisse gelegt. Zuerst habe ich gedacht, Schule sei langweilig und anspruchslos, bis ich begriffen ha-be, dass hier die Leute in den Fächern, in denen sie gut sind, viel und auf hohem Niveau arbeiten und in den anderen Fächern einem anderen Programm folgen. Zusammenfassend kann man aber sagen, dass die Schule hier sehr viel einfacher ist als in Deutschland. In manchen Fächern sind die Lehrer strenger, aber die meisten sind locker drauf. Die Unterrichtsgestaltung hängt stark vom Lehrer ab.

Nach meinem dritten Monat Bolivien liefen die Tage routinemäßig ab, es sei denn es kam wieder einmal zu spontanen Demonstrationen, die größtenteils gegen den Präsidenten Evo Morales gerichtet waren. Kritik wird hier anderes ausgedrückt – die Leute werden laut, sehr direkt und ehrlich, nehmen Dinge nicht wortlos hin. Da die Polizei durch Geld leicht zu bestechen ist, bringt sie bei gewalttätigen Auseinandersetzungen nicht sehr viel. Als Europäer, die generell als reich gelten, muss man in Bolivien sehr aufpassen. Die AFS-Leitung hatte uns beigebracht, sehr vorsichtig zu sein, nur in Gruppen weg zu gehen und immer ein Taxi zu nehmen.

Fußballschauen

Um das Fußballländerspiel Deutschland gegen Wales live im Internet-Café sehen, wollte ich aus der Schule weg, die jedoch durch Zäune, Wachen usw. abgesichert war. Also ging ich zur Sekretärin und habe ihr erklärt, mir sei furchtbar übel und ich müsse sofort nach Hause. Womit ich nicht gerechnet hatte – sie hat ein Taxi gerufen und es zum Krankenhaus geschickt. Dort musste mich mein Hostfather dann abholen, der vor Lachen fast zusammengebrochen ist, als ich gebeichtet habe, dass ich nicht krank, sondern nur Fußball interessiert sei. Er hat mich dann im Internet schauen lassen.

AFS-Austauschschüler Daniel mit seinen Freunden in der Natur in Bolivien

Auf unseren Reisen merkte man jedes Mal die Verbesserung der Luft, denn ganz Bolivien ist von einer Humowolke bedeckt, seit die Menschen hier auf die Idee gekommen sind, den Wald für Ackerland niederzubrennen. Ich fand es erstaunlich doch irgendwo auch verständlich, dass den Menschen ihr eigenes Weiterkommen im Moment wichtiger ist als das, was wir Ökologie nennen. Dann stand eines Tages nach einem riesigen Regen halb Santa Cruz unter Wasser, doch von den Einheimischen sprach am nächsten Tag keiner mehr darüber, wohingegen es für uns sehr aufregend war.

Weihnachten und Silvester

Weihnachten war in Bolivien ganz anders: Als wir am 20. Dezember nach langer Suche immer noch keine Tanne gefunden hatten, entschied sich mein Vater dazu, eine Zypresse für 60 Dollar zu kaufen. Zuhause mussten meine Schwester und ich dann das Bäumchen schmücken. Der 24. oder besser der 25. kam dann schnell. Die Bolivianer feiern in der Nacht vom einen auf den anderen. Punkt null Uhr. Das einzige Mal im Jahr gibt es an Weihnachten Ente (und da wir in Bolivien sind: mit Reis). Der Rest ähnelt sehr dem bekannten Ablauf in Deutschland: Geschenke auspacken, freuen, Schokolade essen und ab ins Bett. Ich habe von meinen Hosteltern mehrere Santa Cruz T-Shirts bekommen und meine Geschwister haben mir die beste, bolivianische Schokolade geschenkt. Über die Silvestertage wollten wir nach Tarija fahren, das liegt 15 Stunden entfernt ganz im Süden des Landes, nur 2 Stunden von Argentinien entfernt. Manchmal gab es am Straßenrand höllentiefe Abgründe, die einen wirklich zum Nachdenken brachten. An einem dieser Abgründe hatte ein Erdrutsch die Passstrasse verstopft und nichts – aber wirklich nichts – ging mehr. Hola! Estamos en Bolivia! Der Busfahrer spannte eine Plane am Bus entlang, denn da es immer wieder regnete, hatten wir so Wasser zum Waschen. Und Essen? Hatte irgendwie jeder dabei. In Bolivien haben die Menschen Zeit, also konnten wir die Gegend erkunden, kletterten die Schlucht hinab zu einem Fluss, schliefen im Bus, fingen Schlangen (Mama, bleib ruhig!) und amüsierten uns gut. Trotzdem kamen wir letzten Endes gut an.

Auslandsjahr in Bolivien mit AFS: Daniel und seine Freunde in der Wüste

Schlussfolgernd kann ich sagen, dass dieses Auslandsjahr mit Sicherheit die größte Erfahrung meines noch so kurzen Lebens ist und ich in diesem Jahr unglaublich viel gelernt habe. Ich habe eine neue Familie gewonnen und viele, viele Freunde auf der ganzen Welt von Grönland bis nach Neuseeland. Ich bin wirklich überglücklich, dass ich mich zu diesem Jahr entschlossen habe. Nicht nur Bolivien habe ich kennen gelernt, sondern auch andere Länder, indem ich mich mit deren Austauschschülern unterhalten habe. Bolivien ist ein wunderschönes Land, das viel zu sehr unterschätzt wird. Es ist sehr interessant, hat so viel zu bieten und die Menschen sind supernett. Es wird bestimmt nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich in Bolivien gewesen bin. Natürlich hat mir das Erlernen einer komplett neuen Sprache auch viel gebracht, auch in schulischer Hinsicht. Das, was ich dazu gelernt habe, was nicht „in Noten messbar“ ist, ist aber sicher für mein ganzes Leben messbar: Erfahrungen mit Menschen, Selbstsicherheit, Selbstständigkeit, Verantwortung für mich und andere zu übernehmen. Die persönliche Entwicklung, die ich in diesem Jahr gemacht habe, lässt mich viele Dinge zuhause ganz anders sehen. Ich bin AFS und den Stipendium-Gebern sehr dankbar, dass sie zusammen mit meinen Eltern diese Erfahrung möglich gemacht haben.