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Es ist ein unvergessliches Erlebnis

Felix, Bolivien, 2008/09, FSJ

Es ist ein unvergessliches Erlebnis

Im Sommer 2008 bin ich Richtung Bolivien aufgebrochen, um dort ein FSJ anstelle meines Zivildienstes abzuleisten. Über Bolivien wusste ich vor der Ankunft nur, was ich mir in den unzähligen Reiseführern, die mir zu jeder Gelegenheit im Vorhinein geschenkt wurden, angelesen habe. Ein Leben dort konnte ich mir eigentlich kaum vorstellen, da ich noch nie in Südamerika war und die gängigen Vorurteile eines armen Landes gegenüber im Kopf hatte. So rieten mir meine Eltern zum Beispiel, Skiunterwäsche zu kaufen, da es ja in La Paz kalt ist und es so etwas dort bestimmt nicht zu kaufen gäbe. Genauso warnte mich eine gute Freundin vor dem Essen, da sie irgendwo gelesen haben wollte, dass das einzige Essen Körner in heißem Wasser sei. Dies hat sich zum Glück nicht bestätigt und auch meine anderen falschen Vorstellungen wurden sehr schnell relativiert und gerade gerückt.

Alles neu und aufregend

Schon bei der Ankunft in La Paz am Flughafen wurde mir sehr schnell klar, dass auf mich ein ganz anderes Leben wartet, als ich mit Umarmung und Wangenkuss von Claudia, einer damaligen AFS Mitarbeiterin, abgeholt wurde. Während der Fahrt vom Flughafen in El Alto runter in die Stadt hat sich der Eindruck nur noch verstärkt: die Straßen, Taxen, Minibusse, Häuser, Landschaft, Leute – alles war einfach anders. Und so erging es mir auch in de ersten Tagen. Überall wartete ein kleines Abenteuer auf mich, alles war so neu und aufregend, ob nun die Fahrt im Bus oder im Taxi in dem vollkommen chaotischen Verkehr von La Paz oder das Essen einer landestypischen Kleinigkeiten an einem der unzähligen Essenständen, die es einfach an jeder Straßenecke gibt.

Die ersten Tage in La Paz

Während meiner ersten Tage in La Paz ging ich mit Kai, meinem Zivikollegen, und AFS ehrenamtlichen zu allen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Für mich war es recht unwirklich, dass dies also mein neues zu Hause für ein ganzes Jahr sein soll. Obwohl ich selber als Austauschschüler in den USA war, kam mir alles doch viel mehr „anders“ vor als während meines Schüleraustausches – jedenfalls oberflächlich betrachtet. Dazu kam natürlich auch, dass meine Sprachkenntnisse sich auf ein Minimum beschränkten und ich zwar beim Lesen vieles verstand, mich aber wenn mich jemand angesprochen hat wirklich als dummer „Gringo“-Tourist gefühlt habe.

Mit der Zeit wurden aber genau diese Sachen für mich selbstverständlich. Ich fing an, die Sachen mir anzunehmen und mir zu verinnerlichen. So schubste und drängelte ich nach einiger Zeit genauso wie alle, um einen der begehrten Plätze in einem Minibus oder Colectivo zu erhalten oder bekam morgens gegen 11 hunger auf eine Salteña, die ich mir wie selbstverständlich an meiner Lieblingsbude in Büronähe bestellte. Auch Mate de Coca, der bei mir am Anfang immer eine kleine Sensation auslöste, wurde später zu einem ganz normalen Erkältungs-, Wachmach- oder Katertee.

Gewöhnung an die Lebensumstände

Im Laufe der Zeit gewöhnte ich mich an alles und nahm es als normal war, wie zum Beispiel die elektrischen Oberleitungen, die sich stark verknäult durch die ganze Stadt ziehen, die unverputzten Häuser, Frauen in bolivianischen Trachten, die ihre Kinder in sogenannten Waweros auf ihrem Rücken durch die Stadt tragen, aber auch die Schattenseiten der Armut eines eigentlich so reichen Landes, die mich am Anfang schockiert hatten: Kinder, kaum älter als 6 Jahre, die als Schuhputzer oder Bushelfer ihr Geld verdienen, Frauen und Greise jeden Alters, die mit Sandalen aus alten Autoreifen bettelnd durch die Straßen ziehen oder auch die vielen Sicherheitsleute, die schwerbewaffnet sogar vor fast allen Cafés standen, um Bettlern und anderen ungebetenen Gästen den Zutritt zu verweigern.

Kontakt zu Gleichaltrigen hatte ich eigentlich von Anfang an. Erst waren es vor allem AFS Ehrenamtliche, die in La Paz im Komitee tätig waren, mit denen ich etwas unternahm, genauso wie mit anderen Freiwilligen. Allerdings wollte ich nicht unbedingt so sehr viel mit den anderen, meist deutschen, Ausländern machen, da ich wusste, dass ich mir dadurch keinen Gefallen tue weil die Sprache und die Integration darunter leidet. Allerdings muss ich sagen, dass mir Freunde zu finden im Gegensatz zu meinem Austauschjahr ungleich schwerer war, was allerdings auch an meinen Arbeitszeiten lag. Diese entsprachen den normalen Bürozeiten Boliviens - vormittags von neun bis eins und nachmittags von drei bis sieben Uhr abends. Um Gleichaltrige kennen zu lernen, fing ich an einer Uni an Basketball zu spielen. Leider durfte ich nie bei den Spielen auflaufen, da ich die dazu benötigte medizinische Untersuchung, die immer am Anfang der Saison durchgeführt wird, nicht vorweisen konnte. Deswegen verlor ich relativ schnell meine Motivation.

Faszination für Rugby

Ein Freund nahm mich am Anfang der neuen Saison mit zum Rugby, und obwohl ich es nicht gedacht hätte, hat mich der Sport total fasziniert, sodass ich bis zum Ende meines Jahres dreimal die Woche trainiert habe. Über den Rugbyverein habe ich auch wirklich viele neue Leute kennen gelernt, die am Ende zu meinen engsten Freunden wurden. Im zwischenmenschlichen Bereich ist mir aufgefallen, dass ernste Gespräche nicht oft geführt werden, was für mich stark die Kultur widerspiegelt. Man lebt in Bolivien lieber in den Tag hinein und schaut was kommt, anstatt sich wirklich viele Gedanken über die Zukunft zu machen. Außerdem sind gute Freundschaften zwischen Jungen und Mädchen nicht so häufig. Immer wenn ich mich mit einer Freundin einfach so auf einen Café getroffen habe, dachten alle, wir wären zusammen….

Meine Arbeit bei AFS

Neben dem Sport und meinen Freunden habe ich die meiste Zeit beim Arbeiten für AFS Bolivien verbracht. Da ich asistente de envío war, lag mein Hauptaufgabenbereich im Sending. Neben dem täglichen Kontakt mit den Partnerländern wegen Follow-Ups bei Problemschülern, Travel- oder Activity Waiver, Academic Commitments oder Gastfamilienwechsel musste ich viel mit Global Link arbeiten und dort die Daten unserer Schüler sowie Flugruten eintragen. Die arbeitsintesivste Phase hatte ich, als die Bewerbungen unserer Schüler digitalisiert, an die Partnerländer versand und dann archiviert werden mussten, da ich zu dieser Zeit alleine im Büro war. Meine Chefin war zu dieser Zeit im Mutterschutz. Sonstige Tätigkeiten waren das Vorbereiten von Visaunterlagen sowie die Camps sowohl für ausländische wie auch für bolivianische Gastschüler. Zum Glück hat mir meine Chefin viel Verantwortung übertragen, sodass ich fast alle „Circulares“ für die Komitees schreiben durfte und auch so recht selbstständig arbeiten konnte. Am meisten Spaß haben mir dabei immer Gespräche mit Interessenten gemacht, oder bei schwierigeren Problemen eines ATs im Ausland einen ausführlichen Bericht für Komitees und Eltern zu verfassen.

Natürlich war ich nicht das ganze Jahr über ausgelastet. AFS Bolivien ist von seinen Kapazitäten her recht klein, und wirklich stressig wurde es nur zu den Stoßzeiten. Überfordert habe ich mich nie gefühlt, auch wenn am Anfang mit meinen wenigen Spanischkentnissen manches ungleich schwieriger war und vor allem auch länger gedauert hat. Am Wochenende musste ich nur während der Camps arbeiten oder falls Abflüge oder Ankünfte auf das Wochenende fielen. Bei solchen Gelegenheiten habe ich mich allerdings immer mit meiner Chefin abgewechselt, so dass meine Wochenendsarbeitstage an zwei Händen abzuzählen sind.

Mein neues Zuhause

Meine Unterbringung in einer Gastfamilie hat leider etwas holperig begonnen, ist aber letztendlich für mich perfekt gelaufen. Bis zu meinem Abreisetag hatte ich keine Familie. Da ich dies aber schon von meinen Jahren im AFS kannte, hab ich mir nicht wirklich viele Sorgen gemacht. Bei Ankunft wurde mir allerdings mitgeteilt, dass ich aufgrund des Fehlens einer Gastfamilie nach Santa Cruz gehen würde, um so im größten Komitee des Landes auszuhelfen. An meinem ersten Tag im Lande, als ich eigentlich losfahren sollte, wurde dann aber noch mal alles umentschieden, sodass eine Mitarbeiterin des Büros mich bei sich zu Hause aufnahm.

Dies war eigentlich nur als Übergangslösig angedacht, da sie zwei kleine Söhne hat (zu der Zeit sechs und ein Jahr alt) und sie dachte, dass noch jemand fremdes im Haus zu haben zu viel wird. Allerdings habe ich mich von Anfang an so wohl in der Familie gefühlt, dass schnell klar war, dass ich nicht noch mal wechseln werde. Das Einleben ist mir nicht so schwer gefallen, weil sich meine Gasteltern und –großeltern rührend um mich gekümmert haben. Zudem hat es mir sehr geholfen, bei jemandem aus dem Büro zu wohnen, da sie mir natürlich auch erklären konnte, wie AFS Bolivien aufgebaut ist und funktioniert. Obwohl ich meine Gastmama den ganzen Tag gesehen habe, sind wir uns das ganze Jahr eigentlich nie auf den Geist gegangen.

Schwerer Abschied

Das schwierigste war schließlich mein Abschied. Wie so oft in Lateinamerika war für meine Familie „die Familie“ das wichtigste, so dass wir regelmäßig mit allen Onkeln und Tanten zusammen aßen oder einen gemütlichen Abend verbrachten. Aus Deutschland bin ich diese sehr enge Bindung nicht gewohnt, und da mir gerade das besonders gefiel war der Abschied von allen doppelt schwer.

Die Betreuung durch AFS war in meinem Fall fast nicht gegeben, was vor allem an meiner Arbeit lag. Im Büro wurde ich nie als Teilnehmer, sondern immer als Mitarbeiter gesehen. Alleine durch die Natur der Arbeit in diesem Programm ist eine Betreuung durchaus schwierig. Einen Betreuer vom Komitee kann man nichts erzählen, wenn es sich um AFS Interna oder Probleme bei der Arbeit handelt, da bei AFS Bolivien jeder jeden kennt. Mit jemandem aus dem Büro konnte man natürlich auch schlecht über Kollegen reden, ohne dass es als Lästern wahrgenommen wurde. Ich hatte das Glück, dass meine Mama nicht nur Kollegin sondern auch meine Gastmama war, so dass ich bei Problemen immer mit ihr sprechen konnte. Außerdem kannte sie die anderen Mitarbeiter größtenteils schon seit Jahren, sodass sie mir immer weiterhelfen konnte. Allerdings muss ich dazu sagen, dass ich nie wirklich das Bedürfnis hatte, einen Betreuer zu haben und mir somit nichts gefehlt hat. Über das Jahr gesehen hatte ich aber auch nur sehr selten irgendwelche Probleme.

An AFS Deutschland hatte ich keine größeren Erwartungen, da sie auf mein Jahr in Bolivien ja recht wenig Einfluss hatten. Mein Gehalt habe ich immer pünktlich bekommen, und bei Fragen habe ich normalerweise immer recht schnell eine Antwort bekommen, so dass ich im Großen und Ganzen mit meiner Betreuung durch AFS Deutschland zufrieden bin. Etwas eigenartig fand ich nur, dass ich nach etwa einem halben Jahr eine Email bekam, in der ich dazu aufgefordert worden bin, einen ausführlichen Bericht alle drei Monate einzusenden. Dies wurde mir vorher nie gesagt, und nach dem ersten Bericht habe ich auch nie mehr etwas davon gehört.

Im Gastland war ich in die AFS Arbeit stark eingebunden. Bei der Planung und Durchführung sämtlicher Camps, die auf nationaler Ebene ablaufen (Vorbereitung Hopees, Midstay, Arrival Camp, etc.) war ich eingeplant, allerdings auch immer als Teamer und nie als Teilnehmer. Ein oder zwei Mal bin ich auch zu lokalen Komitees mitgefahren, um bei dem Vortrag über Freiwilligenentwicklung mitzuhelfen.

Große Fortschritte beim Lernen der Sprache

Am Anfang gab es natürlich auch hin und wieder sprachlich bedingte Probleme. Vor Ankunft in Bolivien hatte ich während meiner Schulzeit ein Jahr Spanischunterricht, so dass mir die Grundlagen der Sprache zumindest bekannt waren. Diese waren am Anfang ausreichend, um Unterhaltungen zu folgen und mich aufs Nötigste zu verständigen, aber oft verstand ich einfach nur Bahnhof. Am Anfang hat meine Chefin Pamela mir zwar noch alles auf Englisch erklärt, aber ich habe sie schon nach ein paar Tagen darum gebeten, mit mir nur Spanisch zu sprechen und ich nur auf Englisch nachfrage, wenn ich etwas nicht verstehe. Anfangs haben mich meine mangelnden Sprachkenntnisse oft frustriert, weswegen ich dazu übergegangen bin, jeden Tag abends eine halbe Stunde bis Stunde vor dem Schlafengehen Vokabeln zu lernen. Das und das Lesen von spanischen Zeitungen und Büchern hat dazu beigetragen, dass ich schnell die Sprache beherrschte.

Meine Entwicklung schätze ich als sehr gut ein. Am Telefon hat man zum Ende hin kaum gehört, dass ich Ausländer bin, und in Geschäften und auf der Straße haben sich die Leute immer gewundert, wo ich herkomme, da ich für sie aussah wie ein „Gringo“ aber sprach wie ein „kolla“. Leider habe ich in Bolivien nie einen Sprachkurs besucht. Das lag vor allem daran, dass AFS diesen nicht bezahlen wollte, was ich unglücklich fand, da die FSJler die einzigen sind, denen ein Sprachkurs nicht zusteht. Dabei sollten diese allerdings möglichst schnell die Sprache gut beherrschen, damit die Arbeitsabläufe reibungslos funktionieren und es zu keinen Missverständnissen kommt. Ohne die Sprache kann man sich außerdem nur schlecht in die Arbeit integrieren, da die Kommunikation mit Eltern, Komitees und Behörden immer auf Spanisch abläuft.

Ich hatte in Bolivien eine wirklich unglaubliche Zeit. Bei mir hat eigentlich alles gepasst, weswegen ich die wenigen unschönen Sachen unerwähnt lassen möchte, da sie zurückblickend auch wirklich kaum der Rede wert sind. Allen, die sich überlegen, ein FSJ zu machen kann ich dies nur wärmstens empfehlen. Es ist ein unvergessliches Erlebnis!