Erfahrungsbericht: Freiwilligendienst in Bolivien - Eva hat Schülerinnen und Schüler unterstützt
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Eva hat Schülerinnen und Schüler unterstützt

Eva, Bolivien, 2017, IJFD

Eva hat ihren Freiwilligendienst in Bolivien mit AFS und dem Internationalen Jugendfreiwilligendienst (IJFD) gemacht. Sie im Projekt Tica mitgearbeitet und Kinder und Jugendliche bei den Hausaufgaben betreut. Was sie sonst noch so gemacht hat, erfährst du in ihrem Bericht.

Ich habe außergewöhnliche 11 Monate in einem anderen Land verbracht und lade euch herzlich zu einem Einblick in meine Erfahrungen ein.

Höhen und Tiefen von Beginn an

Nach guten Vorbereitungscamps in Deutschland durch AFS und einer tollen Gruppe, konnte ich die Aufregung und Vorfreude fast nicht mehr zurückhalten, bis ich endlich in den Lüften war. Allerdings hat der erste Dämpfer nicht lange auf sich warten lassen, denn der Flieger musste wegen technischer Probleme zurück nach Frankfurt. Die anschließende erneute Warterei war nervenaufreibend. Ich hatte mich innerlich schon von Deutschland verabschiedet und bin doch nicht weitergekommen. Und mit dieser Verzögerung wurde die Reise um einen Tag verlängert. Dementsprechend sind am Ende alle ziemlich erschöpft in La Paz angekommen.
 
Begrüßt wurden wir von einigen Freiwilligen aus dem AFS-Komitee La Paz mit einem großen Banner. Aber keine Müdigkeit hätte mir das Gefühl der Ankunft vermiesen können. Wir kamen auf 4000 Höhenmetern in Eiseskälte an. Mit einem Gefühlsrausch der Aufregung und Anspannung und einem wunderschönen Ausblick über La Paz fuhren wir in einem abenteuerlichen Taxi in unsere erste Unterkunft. Ich habe mich selbst immer wieder fragen müssen: Was wird mich wohl erwarten?
 
Nach einem kurzen Schlaf und der Gewöhnung an die Höhenverhältnisse wusste ich zumindest, was mich bis zum nächsten Morgen erwartete. Ein kleines On-Arrival Camp über ein paar Stunden und erneute Verabschiedungen von meinen liebgewonnenen Freunden. Für mich und zwei weitere Freiwillige ging es am nächsten Tag in aller Früh weiter in die kleinere Stadt Sucre und die Anderen hatten selbstverständlich ihre eigenen Ziele zu erreichen. Nur eines war mir zu diesem Zeitpunkt klar: Ich konnte mir nie sicher sein, was passieren wird oder welche Herausforderungen mich erwarten und technische Probleme blieben nicht das einzige Tief.

Meine Gastfamilie

Als ich dann in Sucre aus dem Flugzeug steigen durfte, konnte ich an den Fenstern ein Schild erkennen auf dem „Willkommen Eva“ stand und ganz schön viele Menschen, die winkten. Die Aufregung war mir anzusehen und ich wollte die Leute, die mich ein Jahr lang Teil ihrer Familie sein lassen wollen, kennenlernen.
 
Ich konnte Joaquin und Blanca meine Gasteltern nennen, ich hatte drei Gastgeschwister im Alter von 14, 15 und 17 Jahren und eine liebevolle Oma, die mich ebenfalls mit offenen Armen und offenem Herzen empfing. Es war eine tolle Begrüßung, auch wenn am Anfang sprachliche Hindernisse vorhanden waren. Durch die Schule hatte ich zwar gute Grundkenntnisse in Spanisch, doch diese waren nicht taufrisch und Müdigkeit sowie Nervosität halfen mir nicht, um mich gut auszudrücken. Es dauerte einige Tage, bis ich mich in der fremden Sprache und Umgebung einigermaßen zurechtgefunden habe.
 
Meine Gastfamilie war sehr verständnisvoll und erwartete auch nicht allzu viel von mir und unterstütze mich. Als die Kommunikation endlich besser wurde, haben wir nicht mehr damit aufgehört. Wir löcherten uns gegenseitig und besonders meine Gastschwester verbrachte viel Zeit mit mir und lernte mit mir fleißig Vokabeln, die ich mehr als notwendig hatte. Schon bald ist mein ältester Gastbruder für ein Jahr nach Italien gegangen und wir lebten zu fünft zusammen.
 
Ich fühlte mich sehr wohl und ich war wirklich wie eine weitere Tochter und konnte über alles sprechen. Und, wie sollte es anders sein, wie in jeder normalen Familie gerät man auch mal aneinander. Kleine Zankereien mit meinen Gastgeschwistern kamen auch mal vor, wie es eben manchmal so läuft unter Geschwistern. Wer darf im Auto vorne sitzen oder zuerst duschen. Und ich bin dankbar dafür, denn ich habe meine Gastgeschwister sehr liebgewonnen. Mir wurden Geheimnisse anvertraut und es wurde über sehr persönliche Themen gesprochen. In solchen intimen Momenten war ich eine sehr stolze große Schwester.

Land und Leute

Nicht nur meine Gastfamilie, sondern fast allen Menschen, denen ich begegnen durfte, habe ich als sehr lebensfroh, gastfreundlich, warmherzig und interessiert kennengelernt. Der Taxifahrer des Vertrauens meiner Gastfamilie hat mich zu sich und seiner Familie zum Essen eingeladen, damit ich auch eine andere Seite von Sucre kennenlerne. Die Gastfamilien der anderen Freiwilligen und Austauschschüler haben sich auch oft engagiert und uns Jugendliche zum Essen oder Beisammensein eingeladen. Charo, eine Freiwillige des Komitees in Sucre, hat einen gemeinnützigen Tee mit uns veranstaltet um Spenden für ein Projekt zu sammeln, oder sie hat uns an Weihnachten zum Essen eingeladen. Und das sind nur einige wenige Beispiele der Offen- und Warmherzigkeit.
 
Allerdings hat mich etwas ganz besonders bewegt. Die Leidenschaft und Liebe zur eigenen Kultur hat mich an den Bolivianern immer wieder begeistert, da ich persönlich in Deutschland, diese Begeisterung für die eigene Kultur definitiv nicht so aktiv lebe und erlebe. Musik und Tanz gehören in Bolivien auf jedes Fest. Und das nicht nur Zuhause oder in Tanzbars, sondern auch und eigentlich sogar ganz besonders auf der Straße. Nur wenige Wochen nach meiner Ankunft war die „Entrada de la Virgen“ in Sucre. So viele Farben haben überall geleuchtet und die Stadt war voller Menschen. Ich wusste gar nicht, wo ich hinschauen sollte. An so vielen Plätzen hat sich alles bewegt. Es war wunderschön und die Stimmung unter den Tänzern und den Zuschauern war überwältigend. Verschiedene Gruppen tanzten an uns vorbei, animierten zum mittanzen und klatschen. Und es gibt so viele verschiedene Tänze! Morenada, Tinku, Caporales, Saya, und viele mehr. Die Entrada ging von morgens bis spät in die Nacht und es wurde für mich nicht langweilig.
 
Den nächsten großen Tanzumzug gab es an Weihnachten. An Weihnachten wird traditionell fast ausschließlich Chuntunky getanzt. Ich selbst konnte es auch probieren, auch wenn der Purzelbaum am Ende etwas gewöhnungsbedürftig war. Als dann aber Karneval angesagt war und ich das Glück hatte, nach Oruro zu reisen, wo der größte Umzug Boliviens stattfindet, kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Und meine Liebe zu Bolivien ist noch ein bisschen größer geworden. Für mich ist Bolivien ein kunterbunter Mix aus Farben, Kulturen, Tänzen und Sprachen und jede Begegnung ist ein intensives Erlebnis.

Meine Einsatzstelle

Den wohl größten Teil meines Jahres verbrachte ich allerdings im Projekt. Tica, einem Projekt, das Kindern aus ärmeren Vierteln helfen soll. Das Konzept ist wirklich beeindruckend. Kinder kommen freiwillig in die insgesamt fünf offene Häuser am Rande von Sucre. Das Schulsystem, in dem Kinder entweder morgens oder nachmittags zur Schule gehen, ermöglicht es, dass die Kinder im Projekt auch geteilt werden und somit morgens andere Kinder kommen können, als nachmittags. In jedem Haus gibt es eine Köchin, eine Erzieherin und einen Erzieher. Ich war die helfende Hand im Haus „Atipay“, was mit „gewinnen“ aus Quechua übersetzt werden kann. Jedes Haus ist darauf ausgelegt, vormittags wie nachmittags 60 Kinder von der ersten Klasse bis zum Abitur zu betreuen und zu unterstützen. Jeden Samstag war eine Besprechung mit allen Kolleginnen und Kollegen der fünf Häuser, in der die vergangene Woche reflektiert und die neue geplant wurde.
 
In jedem Haus ist der Ablauf der gleiche. Vormittags beginnt der Tag mit einem Brot und einem Tee, bevor mit den Hausaufgaben begonnen wird. Die Erzieher helfen, wo sie können, bis es dann nach über zwei Stunden eine kleine Pause gibt. Anschließend werden Erst- bis Drittklässler von den anderen getrennt und erhalten von einem Erzieher verschiedene Aufgaben an der Tafel erklärt. Die älteren Kinder, die ihre Hausaufgaben fertig haben, können sich auch darüber freuen, bis es um 12.oo Uhr Zeit ist, aufzuräumen und zu gehen. Die Nachmittagsbetreuung beginnt um 14.30 Uhr mit einer Tasse Joghurt, anschließend ist Zeit für die Hausaufgaben eingeplant, eine kurze Spielpause und die Nachhilfestunden. Außerdem macht die Köchin ein gesundes Abendessen, bevor es dann um 18.30 Uhr nach Hause geht. Einmal in der Woche kommt die angestellte Ärztin in jedes Haus, hat ein Auge auf die Kinder und hält einen Vortrag, beispielsweise über Parasiten und wie man sie vermeiden kann. Das Ziel ist es, die Kinder und Jugendlichen als Individuen zu sehen, die einen Ansprechpartner für verschiedene Themen haben und sie auf ihrem schulischen Bildungsweg zu unterstützen, soweit wir können. Denn wenn Kinder Probleme in der Schule haben, dann wird oft das Arbeiten vorgezogen und die Bildung bleibt auf der Strecke. Deshalb soll mit Hilfe des Projekts, das Schulabrechen keine Lösung mehr sein.
 
Meine Aufgabe war es, die Erzieher zu unterstützen. Während des Hausaufgabenblocks war ich zuständig für die jüngeren Kinder, ich sollte ihnen helfen und für Ruhe sorgen, da alle Kinder bis zu 60 Kinder zusammen in einem Raum waren. Während den Nachhilfestunden habe ich entweder den Schülern geholfen, die noch nicht mit ihren Hausaufgaben fertig geworden sind, oder ich habe mit den Erstklässlern in einem separaten Raum spielend das Alphabet oder die Zahlen wiederholt, abhängig von der Notwendigkeit und der Anzahl der Kinder.
 
Mir hat die Arbeit mit den Kindern sehr gut gefallen, aber ich hatte Startschwierigkeiten. Ich war nicht eine Woche in Sucre, da hatte ich meinen ersten Arbeitstag und ich war noch nicht ganz vertraut mit der Sprache. Meine Kollegen empfingen mich sehr freundlich, trotzdem hatte ich großen Respekt vor meinen neuen Herausforderungen. Nach meinen ersten Arbeitstagen und teilweise auch weniger erfreulichen Kommentaren von älteren Kindern über meinen deutschen Akzent, war ich etwas eingeschüchtert und es hat seine Zeit gedauert, bis ich mich wohl im Projekt gefühlt habe. Es war nicht so leicht, sich den Respekt bei fast gleichaltrigen Jungs zu verdienen. Je mehr ich mich allerdings traute, desto besser haben die Kinder und Jugendlichen auf mich gehört und ich habe mich wiederrum mehr getraut. Irgendwann bin ich auch wirklich in Tica und in meinem Arbeitsalltag angekommen.
 
Obwohl ich gute Arbeit geleistet habe und immer seltener auf Probleme gestoßen bin, hatte ich im Projekt wahrscheinlich die tiefsten Tiefs und die höchsten Hochs. Manchmal fühlte ich mich, als würde das Projekt an seinem eigentlichen Ziel vorbeiarbeiten. Denn wenn das Haus Kapazitäten für jeweils 60 Kinder hat, dann sollen auch 60 Kinder kommen. Alle Kinder kommen aber freiwillig und sie kommen bloß wieder, wenn sie ihre Hausaufgaben gut bei uns gemacht haben. Viele Kinder brauchen aber sehr viel Unterstützung und bei nur drei Erziehern kann man nicht jedem Kind die Unterstützung bieten, die es braucht. Also wird hier und da etwas „zu viel“ geholfen, damit das Kind mit gut gemachten Hausaufgaben nach Hause geht, ohne dabei wirklich etwas zu lernen, damit das Kind wiederkommt. Aber ist dem Kind damit langfristig geholfen? Mir kamen Zweifel an dem, was ich und meine Kollegen im Haus leisteten. Der Druck von den Chefs war hoch und der Druck von uns selbst auch. Mir hat es geholfen, einfach so weiterzumachen. Und irgendwann habe ich bei Kindern mit großem Unterstützungsbedarf Fortschritte gesehen. Zwar kleine Fortschritte, aber Fortschritte sind Fortschritte und da merkte ich, dass ich nicht zu Unrecht, aber dennoch zu große Zweifel hegte. Es ist besser, dass die Kinder jeden Tag kommen und mit gut gemachten Hausaufgaben gehen, denn dadurch verbessert sich durch die Regelmäßigkeit etwas und das Kind verliert nicht das Vertrauen zu sich selbst und macht mit der schulischen Bildung weiter.
 
Ein Hoch hatte ich, als an meinem Drittklässlertisch das Divisionsfieber ausgebrochen ist. Ich habe es einem Kind erklärt und er hat es verstanden und auf einmal wollten alle nur noch dividieren. Es war wie eine kleine Lerngruppe, die alles aufgesaugt hat. Es war herrlich, so viel Begeisterung für ein sonst so verhasstes Thema zu sehen.
Das schönste und zugleich traurigste war wohl die Verabschiedung von den Kindern. Ich habe ein Freundebuch gebastelt und alle konnten sich eintragen, dadurch wurde den Kindern bewusst, dass meine letzte Arbeitswoche begonnen hatte. Ich wurde übersät von Karten, Abschiedsgrüßen, Gemälden, Briefen und am letzten Tag sogar mit einer tollen Show, in der für mich getanzt und gesungen wurde. Ich war selten so bewegt, wie an diesem Tag, und ich musste mich zusammenreißen, um nicht vor den Kindern zu weinen. Ich war stolz, dass so viele Kinder in diesem Jahr eine positive Entwicklung gemacht haben. Oder besser gesagt, wir uns gegenseitig positiv beeinflusst haben, denn ich habe auch viel lernen können und bin über mich hinausgewachsen.

Sprache und Kommunikation

Trotz anfänglichen Schwierigkeiten, bin ich für meine Verhältnisse sehr schnell in der neuen Sprache angekommen. Ich hatte zwar manchmal das Gefühl, mich nicht richtig ausdrücken zu können, aber es war kein Gefühl der Hilflosigkeit. Es war lediglich nicht angenehm, nicht in der Lage zu sein, zu sagen was ich will. Daraus entstand allerdings das Ziel, dass so etwas nicht mehr vorkommt.
 
Ich verbesserte meine Smalltalk Fähigkeiten durch Unterhaltungen mit Taxifahrern und gewann an Sicherheit durch das Lob. Das hat sehr geholfen. Mit meiner Gastfamilie musste ich wohl oder übel schon bald schwerere Zusammenhänge kommunizieren, die mich an meine Grenzen brachten. Vor allem, wenn ich keinen Satz zu Ende sprechen konnte, weil mein Gastbruder mich so oft verbessern musste. Sie hatten sehr große Geduld mit mir, wenn ich etwas nicht gleich verstand und erklärten mir alles nochmal. Ich machte keinen zusätzlichen Sprachkurs, was ich meiner Gastfamilie zu verdanken habe. Irgendwann war ich sogar soweit, dass es mir schwer viel, englisch zu sprechen. Mein Gehirn wechselte ständig zurück auf Spanisch, ohne dass es mir bewusst war. Es war ein tolles Gefühl so sicher in einer anderen Sprache zu sprechen, wenn auch nicht fehlerfrei. Aber ich habe verstanden, ich lerne am besten in der Praxis.

Ein wichtiges Jahr

Ich hatte ein für mich sehr außergewöhnliches Jahr verbracht, mit neuen Begegnungen und Herausforderungen, die ich so nicht kannte. Das Jahr war geprägt von Hochs und Tiefs, Gefühlscocktails und persönlichen Entwicklungen. Ich konnte mich selbst besser kennenlernen, in dem ich ein Land und seine Leute besser kennenlernte. Durch die Vorbereitungscamps, den Kontakt zwischen den Freiwilligen und die Betreuung durch AFS, konnte ich viel über verschiedene Themenschwerpunkte lernen und erfahren. Das Wissen, dass ich erlangen konnte bleibt, aber mir war von Beginn an klar, dass auch diese Erfahrung endet und ich Abschied nehmen muss. Aber ich konnte nicht voraussehen, dass mich der Abschied so hart trifft und es war wahrscheinlich das bisher schwierigste für mich, Abschied zu nehmen von einem Land und seinen Leuten, dass mich so tief berührt und bewegt hat.