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Mein Jahr in Cochabamba

Lea, Bolivien, 2013/14, weltwärts

Mein Jahr in Cochabamba

Mein Name ist Lea und ich habe meinen Freiwilligendienst in Bolivien absolviert. Ich habe in dieser Zeit in der Stadt Cochabamba im Herzen Boliviens gelebt. Mit ihren rund 630.500 Einwohnern ist Cochabamba die viertgrößte Stadt Boliviens.

Die ersten Eindrücke

Vor meinem Auslandsjahr hatte ich keine genaue Vorstellung was sich hinter dem südamerikanischen Land verbirgt, sodass ich ohne konkrete Vorerwartung mein Auslandsjahr als deutsche Freiwillige antrat. Meinen ersten Eindruck von dem Land erhielt ich auf der Fahrt vom Flughafen in El Alto hinunter in die Stadt La Paz. La Paz liegt im Tal und ist von Bergen umgeben. Auf dem Weg ins Zentrum durchquert man viele Viertel, in denen die Wohnhäuser meist nicht fertig gebaut wurden, Dächer fehlen oder die Wandfarbe hinter Graffiti nur zu erahnen ist. Schon vor meinem Jahr in Bolivien war mir natürlich bewusst, dass Bolivien eines der ärmsten Länder Südamerikas ist und man El Alto vor allem in der Nacht meiden sollte. Trotzdem war mein erster Eindruck der inoffiziellen Hauptstadt La Paz nicht durchweg positiv. Viele Bettler auf den Straßen, Frauen mit ihren Kindern, die für ein paar Cent Kaugummis verkauften und natürlich die durchdringende Kälte auf 3500 Metern Höhe über dem Meeresspiegel.

Meine Gastfamilie

Die Stadt Cochabamba hingegen war mir von Anfang an sehr sympathisch. Meine Gastfamilie empfing mich sehr herzlich. Ich lebte mit meinen beiden Gasteltern, meinem Gastbruder, meiner Gastschwester und zeitweise mit meiner Gastgroßmutter in einem Apartment zehn Minuten vom Zentrum Cochabambas entfernt. Zu meinem Gastbruder Alejandro hatte ich von Anfang an einen sehr guten Kontakt. Mit seinen 17 Jahren war er nur ein Jahr jünger als ich, stellte mich seinen Freunden vor und zeigte mir die Umgebung. Leider ging er nur einen Monat später für ein Jahr nach Frankreich, sodass ich nur für kurze Zeit seine Gesellschaft genoss. Auch zu meinen Gasteltern hatte ich eine gute Bindung, sie haben mich sehr intensiv ins Familienleben eingeführt, mich zu Geburtstagen und anderen Veranstaltungen mitgenommen und mir die spanische Sprache beigebracht.

Meine Gastschwester Gabriela ist ein sehr schüchterner Mensch, sie ist im Gegensatz zu ihrem Bruder eher zurückgezogen und es ist ihr unangenehm mit Fremden zu sprechen. Sobald sich meine Spanischkenntnisse verbessert hatten, bin ich immer wieder auf sie zugegangen, war mit ihr im Kino und habe ihr gezeigt, wie viel mir an einer guten Beziehung zu ihr liegt. Am Ende meines Jahres war Gabriela wie eine kleine Schwester für mich, wir haben geredet, gelacht und sie hat mir ihre Probleme anvertraut. Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich während dieses Jahres Teil der Familie geworden bin. Das Einleben fiel mir nicht schwer, da meine Gastfamilie mich in alle gemeinsamen Aktivitäten einbezogen hat, mir jedoch zugleich auch meine Freiheiten ließ. Der Abschied fiel somit schwer.

Mein Projekt

Im Gegensatz zu meiner Familie, mit der ich sehr viel Glück hatte, arbeitete ich in einer Institution, die zu Beginn nur bedingt meinen Erwartungen an eine sinnvolle Beschäftigung im Rahmen meines einjährigen Freiwilligendienstes entsprach. Während meines Auslandsaufenthalts leistete ich mit zwei weiteren Deutschen freiwillige Arbeit in einer Schule, „FAPIZ“, für blinde und mental behinderte Kinder und Jugendliche. Diese Institution betreut und hilft blinden Menschen bzw. Menschen mit eingeschränktem Blickfeld und mentaler oder körperlicher Behinderung. FAPIZ setzt sich aus verschiedenen Programmen zusammen.

Zum einen gibt es die Schule, die sich im oberen Bereich des Gebäudes befindet. Hier wird bei den Hausaufgaben unterstützt und die Kinder bzw. Jugendlichen werden betreut und ihnen werden einfache Aufgaben (z.B. Perlen auf eine Kette aufziehen, malen, etc.) näher gebracht. Das erste halbe Jahr war ich leider etwas unterfordert in meinem Arbeitsbereich, da ich hauptsächlich vor dem Computer saß und Daten eingegeben habe. Das zweite halbe Jahr gestaltete sich hingegen als sehr interessant. Im Laufe der Zeit verbesserten sich meine Spanischkenntnisse enorm und ich durfte aufgrund der Entlassung zweier Arbeitskolleginnen den Bereich wechseln. Von Januar bis Juni arbeitete ich im Programm AVD. Dort konnte ich mich intensiv mit den Kindern beschäftigen und habe sie bei den täglichen Aktivitäten unterstützt. Hierzu gehörten sowohl die körperliche Hygiene, als auch Kochen, Waschen und Putzen. Diese Arbeit hat mir sehr gefallen, ich habe Bindungen zu den Kindern aufgebaut und konnte meine Arbeitskollegin in diesem Programm sichtbar unterstützen.

Resümierend gab es sowohl positive, als auch negative Erlebnisse während meiner Arbeitszeit. Ich habe es sehr genossen mit den Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, jedoch war das Verhältnis von Freiwilligem und Arbeitskollegen leider etwas kühl und distanziert.

Die Sprache

Ich persönlich habe fast ohne spanische Vorkenntnisse mein Auslandsjahr angetreten. Als Vorbereitung habe ich lediglich eine Woche einen Spanisch-Intensivkurs für Anfänger besucht und konnte mich zu Beginn nur mit ein paar spanischen Wörtern verständigen. Während der ersten drei Wochen haben alle Freiwilligen und Austauschschüler jedoch einen Sprachkurs besucht, der mir die Grammatik und auch das Vokabular näher brachte. Auch meine Gastfamilie hat sehr viel Wert darauf gelegt mit mir spanisch zu sprechen, sodass ich mich schon nach kurzer Zeit an die Sprache gewöhnt habe und diese am Ende meines Aufenthalts nahezu fließend sprechen konnte.

In meinem Arbeitszusammenhang erwiesen sich die fehlenden Sprachkenntnisse am Anfang jedoch als schwierig, da die Kommunikation mit blinden Kindern weder durch Hände und Füße, noch durch Gesten kompensiert werden konnte. Ich habe versucht, mich mit einzelnen Wörtern zu verständigen, da auch meine Arbeitskollegen lediglich auf Spanisch miteinander kommuniziert haben. Nach einiger Zeit habe ich mich in die Sprache hineingefunden, sodass keine Missverständnisse oder Konfliktsituationen mehr auftraten. Aus meinen persönlichen Erfahrungen würde ich empfehlen, sich vorher auf jeden Fall spanische Grundkenntnisse zuzulegen, da es den Einstieg und die Eingewöhnung ins fremde Land durchaus erleichtert.

Mein Fazit

Während meines Freiwilligendienstes in Bolivien habe ich gelernt, Entwicklungszusammenarbeit von zwei Seiten zu erfahren. Zum einen ist es nach wie vor etwas Gutes, ins Ausland zu gehen und in einem Projekt zu arbeiten, wo sichtbar Hilfe benötigt wird. Im FAPIZ wurde beispielsweise nur sehr wenig Englisch gesprochen, sodass wir den Kindern bei ihren Hausaufgaben im Fach Englisch sehr gut helfen konnten. Als Freiwilliger selbst kann man jedoch nicht erwarten, innerhalb eines Jahres die Lebensverhältnisse der Menschen dort von Grund auf zu verbessern. Man darf sein Auslandsjahr nicht mit der Erwartung antreten, die Strukturen vor Ort grundlegend verändern zu können.

Zum anderen jedoch steht ein Freiwilligenjahr auch sehr im Zusammenhang mit der eigenen Entwicklung. Durch das Sammeln von Erfahrungen und der Arbeit in einem Entwicklungsland lernt man sehr viel über sich selbst. Durch die Arbeit vor Ort und das Leben in einer südamerikanischen Familie erhält man einen tiefen Einblick in die gesellschaftliche Realität eines fremden Landes. Damit entwickelt man nicht nur eine eigene Lebenseinstellung, sondern mich persönlich hat dieses Jahr weltoffener gemacht. Mein Verständnis für die Lebensverhältnisse in einem Land, das so verschieden ist von unserem Leben hier in Mitteleuropa, wurde geschärft. Ich hoffe, dass ich diese Erfahrung in mein zukünftiges Leben einbauen und positiv weiter entwickeln kann. In Deutschland habe ich geplant, mich weiterhin bei AFS freiwillig zu engagieren und anderen Freunden und Bekannten von meinen Erfahrungen und Erlebnissen positiv zu berichten.