Erfahrungsbericht: Freiwilligendienst in Bolivien - Tabea hat in einer Straßenschule mitgewirkt
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Tabea hat in einer Straßenschule mitgewirkt

Tabea, Bolivien, 2018, weltwärts

Tabea hat ihren Freiwilligendienst in Bolivien mit AFS und dem weltwärts-Programm gemacht. Sie hat mit den Schülerinnen und Schülern einer mobilen Schule gelernt und gespielt. Was sie dabei und darüber hinaus erlebt hat, erfährst du in ihrem Bericht.

Die Tage vor meinem Hinflug wollte ich alles, nur nicht nach Bolivien. Die Angst vor allem Negativen, was passieren könnte, war so groß, dass es mir schwer viel, nur ein bisschen Vorfreude aufzubauen. Doch jetzt, mehr als ein Jahr später, bin ich sehr froh, diesen Schritt gemacht zu haben und weiß nicht, ob ich je mehr lernen werde, als in diesem einen Jahr.

Wunderschönes Bolivien

Alpakas im Sajama Nationalpark
Alpakas im Sajama Nationalpark

Ich wusste wirklich wenig über Bolivien, als ich ankam. Doch es hat sich so gelohnt, dieses wunderschöne Land besser kennenzulernen! Alles an Bolivien ist so vielfältig und unentdeckt. Es geht vom tiefsten Dschungel bis hin zu den riesigen, schneebedeckten Bergen in La Paz und eine halbe Stunde Autofahrt reicht häufig aus, um in einer ganz anderen Welt zu landen. Ich habe viel von Bolivien gesehen, doch ich weiß, dass es noch viel mehr zu sehen gibt und mich immer noch vieles überraschen könnte.
 
Die Kultur ist sehr anders als unsere. Und auch in Bolivien gibt es so viele kulturelle Unterschiede, je nach Region und Schicht. Der Anteil der indigenen Bevölkerung ist sehr hoch. Das Christentum ist sehr wichtig und gibt viele Regeln vor, doch auch die Naturreligionen der Indigenen spielen eine sehr wichtige Rolle, genauso wie ihre Sprachen, Kleidung und Bräuche.

Tänzerinnen beim Karneval in Sucre
Karneval in Sucre - ich habe mitgetanzt!

Ich konnte einen Einblick in viele verschiedene Schichten erhaschen und durch Besuche bei anderen Freiwilligen und Verwandten auch in andere Regionen. Dabei hat es mich immer wieder fasziniert, wie unterschiedlich und facettenreich die bolivianische Kultur sein kann. Schon allein der Unterschied zwischen der Bevölkerung in den Bergregionen und in den Regenwaldregionen ist unglaublich spannend.
 
Allgemein kann ich aber sagen, dass die Bolivianer sehr spontan sind und dass Zeit eigentlich keine Rolle spielt. Man kommt an, wenn man kommt, das muss man nicht als „zu spät“ oder „zu früh“ bezeichnen. Es wird sehr viel gegessen. Die Familie ist an oberster Stelle und solange man zu Hause wohnt, gilt man als Kind, das den Regeln der Eltern zu folgen hat. Es wird sehr gern geteilt und egal wie viele Probleme einen belasten, es gibt immer einen Grund zum Feiern. Das sind nur einige der Dinge, die mir aufgefallen sind, und ich habe auch ein bisschen gebraucht, um sie zu erkennen und zu verstehen, was sie wirklich bedeuten. Als ich nach Deutschland zurückkam, sind mir viele Unterschiede noch mehr bewusst geworden.

Meine wunderschöne Stadt

Sucre, Bolivien
Sucre

Ich lebte ein Jahr in Sucre, der weißen Hauptstadt von Bolivien. Für eine Hauptstadt ist Sucre klein und alles Wichtige spielt sich im noch kleineren Zentrum rund um den Plaza ab. Ich weiß noch, wie ich im Flugzeug nach Sucre saß und auf keinen Fall ankommen wollte. Wir flogen immer tiefer und tiefer und es gab nur Berge und weit und breit keine Stadt. Tatsächlich landeten wir plötzlich mitten im Nirgendwo und als ich ausgestiegen bin, habe ich die weiten Berge gesehen und den strahlend blauen Himmel und alles war so wunderschön, dass ich all meine Sorgen vergessen konnte. Sucre liegt auf 2800 Metern Höhe und das Wetter war atemberaubend! Mit der Höhe hatte ich anfangs einige Probleme. Ich hatte sehr wenig Appetit und das Laufen in den steilen Straßen war sehr anstrengend. Nach einigen Monaten wurden die Probleme aber weniger. Da die Stadt sehr klein war, gab es auch weniger Kulturangebote, was anfangs für ein Großstadtkind wie mich ungewohnt war. Es gab aber genügend Bars, Restaurants, ein kleines Theater und ein Kino.

Meine Gastfamilie

AFS-Freiwillige Tabea mit ihrer Gastfamilie in einem Steakhaus in Bolivien
Mittagessen in einem Steakhaus mit meiner Gastfamilie

Meine Familie hat mich sehr herzlich empfangen. Mit meiner Gastschwester konnte ich mich anfangs zum Glück auf Englisch unterhalten, um so mit der ganzen Familie zu kommunizieren, denn ich hatte kaum Spanischkenntnisse, als ich ankam. Ich habe dann einen zweiwöchigen Sprachkurs gemacht, der mir sehr geholfen hat. Mit der Zeit wurde mein Spanisch immer besser und schon nach drei Monaten konnte ich Gespräche führen und das Meiste verstehen. Meine Familie hat ein schönes Haus mit Garten im Zentrum von Sucre und gehört zur reichen Oberschicht. Sie hat mich aufgenommen, weil meine Gastschwester (18 Jahre) ein halbes Jahr nach meiner Ankunft nach Belgien gehen wollte. Sie wollte schon immer eine Schwester haben und hat mich dadurch freudig empfangen. Mit meinem Gastbruder (11 Jahre) bin ich erst nach einem halben Jahr mehr zusammengewachsen, sobald meine Schwester weg war und mein Spanisch gut wurde.
 
Am Anfang gab es viele Kommunikationsprobleme und alles war sehr anders, als in meiner Familie. Meine Magenprobleme waren anfangs ziemlich stark und ich konnte nicht soviel essen, wie von mir erwartet wurde. Das wurde häufig als eher unhöflich aufgenommen und niemand hat so wirklich verstanden, dass ich weniger esse, weil ich mich schlecht fühle und nicht, weil es mir nicht schmeckt. Auch war es sehr ungewohnt, auf so strenge Regeln zu treffen. Jungs waren tabu, ich durfte nicht lange draußen bleiben und nicht bei Freunden übernachten. Daran hatte ich mich aber im Laufe der Zeit auch gewöhnt. Ich habe gelernt, Manches einfach zu akzeptieren und aufmerksamer zu werden, um Kommunikationsprobleme zu vermeiden. Viele Dinge kamen mir anfangs unnötig oder fies vor, doch ich habe immer mehr verstanden, dass ich mich glücklich schätzen sollte, geliebt und gehütet zu werden, als wäre ich ihr eigenes Kind. Generell musste ich akzeptieren, dass vieles einfach anders ist und nicht immer böse gemeint oder sinnlos, nur weil man es nicht versteht und es ungewohnt ist.

Meine wunderbare Arbeit

Mobile Schule in Sucre, Bolivien - die Einsatzstelle von AFSerin Tabea
Die mobile Schule

In meiner Arbeit bin ich völlig aufgegangen. Ich habe im „Cerpi“ gearbeitet und dort vorallem mit der „Escuela Movil“. Diese „mobile Schule“ ist eine Innovation aus Belgien. Es ist gibt sie in vielen verschiedenen Ländern der Erde. Sie wurde gemacht, um Kinder, die auf der Straße leben oder arbeiten und generell gar keine oder nur wenig Möglichkeiten haben, zur Schule zu gehen, in ihrer Bildung zu unterstützen. Jeder kann teilnehmen. Man kann sie sich als eine ausklappbare Tafel vorstellen, an der verschieden Lernspiele hängen. Sie wird mit einem Anhänger am Auto mitgenommen und an einem geeigneten Ort auf der Straße ausgepackt. Nun etwas zu der mobilen Schule, mit der ich in Sucre gearbeitet habe:
 
Wie sind ingesamt in acht verschiedene Stadtteile gefahren, von denen die meisten außerhalb der Stadt liegen. Jeden Wochentag war ein anderer Stadtteil dran. Vormittags von 8:30 Uhr bis 12:30 Uhr einer und nachmittags von 14:30 Uhr bis 18:30 ein anderer. Von den Kindern, mit denen wir gearbeitet haben, gehen fast alle zur Schule, jedoch nicht jeden Tag, da sie schon ab acht Jahren arbeiten. Die meisten Kinder waschen Minibusse oder putzen Schuhe im Zentrum. Dazu kommt, dass sie viel im Haushalt oder bei der Betreuung der jüngeren Geschwister mithelfen müssen. Die Familien haben teilweise über zehn Kinder und die Eltern haben keine Zeit, sich um ihre Kinder zu kümmern oder sie bei den Hausaufgaben zu unterstützen. Deshalb müssen die Kinder schon sehr früh sehr viel Verantwortung für sich selbst und ihre Geschwister übernehmen. Eine Kindheit ist praktisch nicht vorhanden. Viele werden geschlagen, wenn sie nicht arbeiten, und bekommen generell wenig Zuneigung und Aufmerksamkeit von ihren Eltern. Mit unserer Arbeit haben wir versucht, ihnen einmal pro Woche die Möglichkeit zu geben, Kind zu sein, denn dazu bleibt häufig keine Zeit. Es gab neben der mobilen Schule sehr viele Puzzle, Gemeinschaftsspiele und Knobelspiele, die verschiedene Kompetenzen fördern sollen. Die Kinder waren alle sehr motiviert, zu lernen. Sie haben sich immer über die Matheaufgaben an der mobilen Schule gefreut, über Bücher, die wir mitgebracht haben und mit denen sie lesen üben konnten, über die Weltkarte an der mobilen Schule, mit der sie das erste Mal verstehen, wie groß diese Welt eigentlich ist und darüber, wenn wir ihnen ein paar Worte Deutsch beigebracht haben. Sie haben auch häufig ihre Hausaufgaben mitgebracht. Generell haben sie sich immer über jegliche Art von Aufmerksamkeit gefreut, die man ihren Talenten, Fortschritten und auch Schwächen entgegengebracht hat und waren motiviert, weiter zu lernen. Sie konnten auch einfach nur spielen, neue Dinge ausprobieren und ihre Verantwortung einen kurzen Moment abgeben. Manchmal wollten sie auch einfach nur ein bisschen kuscheln und jemanden, der ihnen zuhört, wenn sie von ihrem Hund, ihrer Puppe oder der Streiterei mit den Freundinnen erzählt haben.
 
Es gab auch besondere Events. Zum Beispiel ein bisschen was zu essen oder wir haben einen Wettkampf veranstaltet und dreimal pro Jahr gab es eine Projektwoche zu wichtigen Themen. Mich selbst hat diese Arbeit unheimlich glücklich gemacht, bewegt und ich habe sehr viel gelernt.
 
Seit 15 Jahren schon fährt die Schule in Sucre aus. Ich vermisse es sehr, wie 50 Kinder darauf warten, dass unser Auto ankommt und dich alle mit einem Mal umrennen. Anfangs fiel es mir schwer, wirklich mitzumachen und eine Bindung zu den Kindern aufzubauen, aber das wurde mit zunehmenden Spanischkenntnissen immer besser. Auch wurde ich eher „hineingeworfen“, ohne viel Erklärung von bolivianischer Seite, aber meine Mitfreiwilligen haben mich gut aufgefangen.

Mein Alltag

AFS-Freiwillige Tabea mit ihrer Gastfamilie im bolivianischen Dschungel bei Villa Tunari
Ausflug in den Dschungel mit meiner Gastfamilie

Mein Alltag in Bolivien hat mir sehr gut gefallen. Ich musste um halb acht aufstehen, bis mittags arbeiten, dann bin ich nach Hause gegangen, um mit meiner Familie zu Mittag zu essen. Anschließend gab es einen kleinen Mittagsschlaf. Dann bin ich wieder zur Arbeit gegangen und habe nach der Arbeit häufig noch etwas unternommen, mit meinen Freunden oder mit meiner Familie. Am Wochenende habe ich manchmal Ausflüge gemacht oder andere Sachen in Sucre unternommen. Samstagabend war´fast immer eine Party und Sonntag Familientag.
 
Mit der Familie habe ich viel unternommen. Häufig waren wir einfach irgendwo essen oder bei Verwandten eingeladen. Manchmal haben wir kleinere Reisen unternommen oder Ausflüge gemacht. Meine Freunde bestanden hauptsächlich aus anderen Freiwilligen von AFS oder meiner Arbeit. Ich habe aber auch einige sehr gute bolivianische Freunde gefunden, die mir noch einmal einen anderen Einblick in das bolivianische Leben liefern konnten. Mit meiner Gastschwester war ich häufig auf Partys und hab so viele von ihren Freunden kennengelernt.

Mein zweites halbes Jahr

In meinem ersten halben Jahr lief, abgesehen von ein paar kleinen Problemen, fast alles perfekt. In meinem zweiten halben Jahr wurde ich zum ersten Mal richtig auf die Probe gestellt. Im August fing eine kleine Wunde an meiner Ohrmuschel an, sich zu entzünden. Diese Entzündung breitete sich im Laufe der nächsten Monate immer weiter aus und ich war bei vielen, verschiedenen Ärzten, von denen mir keiner so wirklich helfen konnte. Ich habe verschiedene Therapien ausprobiert, doch leider haben diese nur kurzzeitig helfen können. Dadurch war mein Körper immer geschwächter und es fiel mir von Tag zu Tag schwerer, genügend Energie zu finden, um zu arbeiten und meine Zeit in Bolivien zu genießen. Deshalb bin ich einige Wochen früher nach Hause gekommen, als geplant.
 
Diese Entzündung war sehr schmerzhaft und ich habe immer versucht, meiner Familie und den Ärzten zu beschreiben, wie es sich anfühlt und wie es mir wirklich damit geht, aber ich habe mich selten ernst genommen gefühlt. Auch in dieser Zeit habe ich wieder viele kulturelle Unterschiede festgestellt und musste versuchen, das Verhalten der anderen nicht persönlich zu nehmen oder die Menschen dafür zu verurteilen. Denn in Bolivien ist es einfach weniger üblich, sich seinem Leiden hinzugeben, sich bemitleiden zu lassen und sich auszuruhen, wenn man krank ist. Mir wurde nie Bettruhe oder ähnliches verschrieben, sondern, wenn überhaupt, ein paar Schmerztabletten gegeben, damit ich zur Arbeit gehen konnte. Wenn ich mich bei meiner Familie beschwert habe, dass ich Schmerzen habe, dann meinten sie meistens, dass es nicht so schlimm wäre und ich mich nicht so haben solle. Das hat mich häufig sehr heruntergezogen, aber ich habe immer mehr erkannt, dass es sehr andere Umstände sind in Bolivien und ich nicht davon ausgehen sollte, so mit Samthandschuhen angefasst zu werden, wie von meiner Mutter zu Hause.
 
Ich habe viel gelernt in dieser Zeit. Auf der einen Seite, mich nicht zu sehr hineinzulegen in mein Leiden und es auch mal zu ertragen in einigen Situationen. Auf der anderen Seite habe ich gelernt, wie wichtig es ist, auf sich selbst zu hören. Ich konnte nicht darauf bauen, dass meine Mutter bei mir ist und mir sagt, wann ich auf mich achten muss. Es ist einfach eine andere Kultur und die Menschen konnten nicht so auf mich achten, wie ich es gewohnt bin, weil sie vieles nicht verstehen können, was für mich normal ist. Im Nachhinein wäre ich gerne viel früher zurückgekommen aber es wäre nicht fair, die Ärzte und meine Gastfamilie dafür verantwortlich zu machen, mich nicht ernst genommen zu haben, denn ich bin dafür verantwortlich, meine Bedürfnisse zu bewerten und zu entscheiden, wie ernst sie sind.

Zwischen zwei Welten

AFS-Freiwillige Tabea beim Spielen mit einem Kind in der Straßenschule
Beim Spielen mit einem Kind in meiner Einsatzstelle

Zwischen meiner Arbeit und meiner Familie lagen Welten. Ich bin morgens aufgestanden aus meinem großen Bett, habe eine heiße Dusche genommen, meinen Cafe getrunken und mein Müsli gegessen. Dann bin ich zur Arbeit gegangen, in einen Randbezirk von Sucre gefahren und habe mit Kindern gearbeitet, die sich im Abwasser gebadet haben und noch kein Frühstück bekommen hatten.
 
Diese riesen Kluft zwischen Arm und Reich war am Anfang sehr verwirrend und es fiel mir schwer, diese ganzen Eindrücke einzuordnen. Manchmal hat es mich ziemlich mitgenommen und ich musste versuchen, mich emotional davon zu distanzieren. Häufig habe ich einfach nicht verstehen können, wie meine Gastfamilie in ihrem Wohlstand einfach an der schrecklichen Armut vorbeileben kann, und mich schlecht gefühlt, nichts Ausschlaggebendes unternehmen zu können. Ich habe versucht, zu verstehen, warum die Kluft in diesem Land so groß ist, und immer wieder feststellen müssen, wie unfassbar komplex die Problematik eigentlich ist, und dass ich deshalb als Außenstehende nie vorschnell urteilen oder bewerten sollte. Es gibt so viele Facetten von Ursachen und Auswirkungen, die ich kennen müsste, um wirklich zu verstehen und dann zu verändern.
 
Ich fange nun an, soziale Arbeit zu studieren und bin motiviert, weiter zu lernen.